Den Krieg analysieren
 
Inmitten der zunehmend stärker werdenden Luftschläge vonseiten der Koalitionsstreitkräfte im Irak wird die Welt mit Live-Kriegsberichterstattung, -analysen und -vorhersagen bombardiert. Einige Chinas hochrangiger Militäranalytiker teilten vor kurzem mit der Beijing Rundschau ihre Ansichten über die Geschehnisse, erwartete oder unerwartete, an der Wüstenfront.

Von Wang Yanjuan

Der Irak-Krieg ist in seine dritte Woche eingetreten. Die irakische Regierung steht noch, während die US-geführten Koalitionsstreitkräfte fortfahren, gen Bagdad vorzurücken. Die Zeit übt Druck aus. Während die meisten Menschen davon überzeugt sind, dass die US-Streitkräfte zweifelsohne den letztendlichen Sieg auf dem Schlachtfeld erringen werden, gestaltet sich der Krieg komplizierter als zuvor erwartet.

Der Krieg begann auf unkonventionelle Weise, mit begrenzten Luftangriffen und einer frühen Kampagne vonseiten der Bodentruppen, kurz darauf begannen die Koalitionsstreitkräfte, die ersten Opfer zu verzeichnen. Die steigende Opferzahl hat viele dazu gebracht, zu denken, dass die USA ihre Fähigkeit, eine schnelle, fast unblutige Invasion durchzuführen, überschätzt hätten, und in den Sumpf eines langwierigen Krieges versinken würden.

Während sie im allgemeinen damit übereinstimmen, dass der Krieg nicht so kurz und leicht sein wird, wie die USA anscheinend gehofft haben, sagen Militäranalytiker in Beijing, dass sie dennoch nicht sehen, dass der Irak in Kürze ein zweites Vietnam werden würde.

Eine relativ schnelle Invasion – Oberst Li

Der Irak habe gewisses Durchhaltevermögen gezeigt, die Schläge der fortschrittlichsten Feuerkraft der Welt in der ersten Phase des Angriffs der Koalitionsstreitkräfte in gewissem Ausmaß zu verzögern, so ein chinesischer Oberst namens Li, der nicht mit ganzem Namen genannt werden möchte. In einigen Gebieten habe der Irak sogar einige Initiativen ergriffen, um die US-Hoffnung auf einen schnellen Sieg auf dem Schlachtfeld zu frustrieren.

Nichtsdestotrotz, so Li, gingen die Operationen der US-Streitkräfte im Irak „weiter reibungslos wie geplant ab – im Großen und Ganzen“ und zeigten ein beschleunigtes Tempo, das im Vergleich mit früheren Militäraktionen relativ schnell sei.

Im 2. Weltkrieg, bemerkte er, rückten die Truppen gewöhnlich in ihren Offensiven täglich 20-30 km vor, ein Tempo, dass in den Schlachten nach dem Kalten Krieg auf 50-60 km pro Tag angestiegen sei. Diesmal schafften die US-Truppen es, in den ersten fünf Tagen etwa 400 km in den Irak vorzustoßen, an einigen Tagen rückten sie über 80 km vor. „Und sie haben die Initiativpositionen in der Gesamtsituation inne“, sagte Li.

Die US-geführten Koalitionsstreitkräfte würden nun mit dem Heranrücken an Bagdad ihren strategischen Einsatz zu adjustieren haben, so Li. Sie würden versuchen, die irakische Hauptstadt von allen Seiten einzukreisen, sagte er voraus, um Saddam zu fangen oder zu töten. „Sie werden ihm keinen Ausweg lassen; sonst würde er zu einem weiteren Bin Laden werden, der die USA fortan quälen würde.“

Um die Opferzahl allerdings unter Kontrolle zu halten, würden die US-Truppen versuchen, nicht in großangelegte Straßenschlachten verwickelt zu werden, sagte Li, auch wenn einige Straßenkämpfe unvermeidbar sein würden. Dies werde eine weitere Herausforderung für die USA sein, während sie all ihre Kriegsziele – Saddam zu fangen oder zu töten, eine neue Regierung zu etablieren, die irakischen Ölfelder zu sichern und die Opferzahl niedrig zu halten – verfolgten.

Gleichzeitig müssen die USA mit dem Ziel, den Irak zu besetzen, ebenfalls den Wiederaufbau des Landes nach dem Krieg berücksichtigen. Bisher scheine es, dass sie es geschafft hätten, ihre Luftschläge auf ausgewählte Ziele zu konzentrieren, so der Oberst, um gewisse öffentliche Einrichtungen für die zukünftige Besetzungsperiode zu erhalten.

Ein chaotischer städtischer Kriegsschauplatz – Chen Xuehui

Der Irak habe offensichtlich eine andere durchführbarere Taktik als im letzten Golf-Krieg angewandt, so Chen Xuehui, ein Militäranalytiker von der Akademie für Militärwissenschaften der Chinesischen Volksbefreiungsarmee. Sein Verteidigungssystem habe die Schläge der US-Operation „shock and awe“ in der ersten Phase des Krieges überlebt, und sein Militärkommando- und Geheimdienstsystem würden anscheinend noch arbeiten.

Im ersten Golf-Krieg sei das irakische Verteidigungssystem einfach ineffektiv gewesen, so Chen. Der Irak habe eine Verteidigungslinie entlang der Grenze zwischen Kuwait und Saudi-Arabien gebaut, in der Annahme, dass die US-Truppen von dort aus ihren Angriff starten würden. Allerdings machten die US-Truppen einen erfolgreichen Umweg, um einen Frontalzusammenstoß zu vermeiden, und stießen schnell in den Irak vor.

Diesmal habe der Irak Abstand davon genommen, sich in Feld- und mobile Operationen zu engagieren, was die Stärken der gut ausgerüsteten US-Truppen sei, sagte er. Seine Überlegenheit in der städtischen Kriegsführung hochspielend, unterteilte der Irak das Land früh in vier Verteidigungszonen und zog Elitetruppen in Schlüsselpunkten von strategischer Wichtigkeit zusammen.

Der Irak hat ebenfalls eine Taktik der Kombinierung von statischer Verteidigung mit Gegenangriffen des ständigen Beschusses angewandt. Jüngste Berichte zeigen, dass die irakischen Guerillaangriffe Opfer unter den Koalitionskräften verursacht haben, auch wenn, so Chen, diese Angriffe eher von spontaner Natur als Teil einer gut organisierten Verteidigungskampagne seien.

Was würde der alte Meister zu sagen haben? – Professor Huang Pumin

Sun Zi, Autor des alten chinesischen Klassikers „Die Kunst des Krieges“ im fünften Jahrhundert vor Christus, hätte die Operation der US-Streitkräfte im Irak bisher nicht als einen taktischen Erfolg bezeichnet, so Huang Pumin, ein Professor für Geschichte an der Chinesischen Volksuniversität und namhafter Experte in chinesischer Literatur in Sachen alter Kriegstheorie.

„Die Kunst des Krieges“ ist der am höchsten geschätzte chinesische Militärklassiker, der sogar in einigen der besten US-Militärakademien zum Curriculum gehört.

Die USA begannen den zweiten Irak-Krieg auf eine andere neue Weise, nämlich nicht auf ihre traditionelle Weise der heftigen Bombardierung. Ihre Operationen würden anscheinend mit Sun Zis allgemeiner Richtlinie „es gibt keine feste Taktik im Krieg, wie es keinen konstanten Kurs im Fluss des Wassers gibt“ übereinstimmen, so Huang.

Der Professor zitierte den alten Meisterstrategen ebenfalls, indem er sagte, dass ein Kommandeur wissen solle: „Es gibt Armeen, die er nicht angreifen soll, ummauerte Städte, die er nicht attackieren soll, und Territorien, um die er nicht ringen soll“, als er die US-Taktik „leap-frog“ (Bocksprung) beschrieb. Einige gut bewachte irakische Städte links liegen zu lassen, erlaubt den US-Streitkräften, ein relativ schnelles Vorrücktempo beizubehalten und schwere Opferfälle zu vermeiden.

Allerdings machten die USA auf der strategischen Ebene einen großen Fehler, so Huang, nämlich in erster Linie den Start des Krieges an sich. Sun Zi sah einen Krieg niemals als eine rein militärische Aktion, sondern stattdessen als eine Kombination vieler Faktoren – politischer, wirtschaftlicher und diplomatischer. Die Legitimität des laufenden Krieges sei an sich fragwürdig, da er weder das Mandat der UNO noch das des Weltsicherheitsrates habe, so Huang.

Ein weiterer US-Fehler sei, dass Bush den Krieg gestartet habe, indem er Vorteile aus der in der amerikanischen Öffentlichkeit herrschenden Angst vor Terrorismus seit den Anschlägen vom 11. September gezogen habe, so Huang. In „Die Kunst des Krieges“ heißt es, dass ein weiser Herrscher keinen Krieg aus einer Laune heraus starten solle und stets Szenarien, die möglich und die unmöglich sind, ruhig und vollständig in Betracht ziehen soll. „Leider scheint Bush seine Hausaufgaben nicht gut genug erledigt zu haben“, sagte Huang.

Ein Krieg, dem es an Legitimität fehlt, wird negative Konsequenzen haben. Wie US-Senator Rober Byrd gewarnt hat: „Sich in einem Krieg zu engagieren, heißt immer, einen Joker zu ziehen.“ Chinesische Militäranalytiker stimmen zu, dass ein Krieg dem Irak niemals Frieden, dem Nahen Osten keine Stabilität und den USA selber keine Sicherheit bringen werden kann.

Wieviel kann Technologie entscheiden? – Alle Analytiker

Die irakischen Truppen sind eine kleine Nummer im Vergleich mit den US-Truppen, die voll mechanisiert und mit Hitech-Waffen ausgerüstet sind. Vor dem Krieg gingen einige Menschen davon aus, dass die irakischen Truppen in ein paar Tagen, wenn nicht Stunden, geschlagen sein würden, die Realität sieht jedoch anders aus, „der Tag danach“ rückt weder schnell noch leicht näher.

Seit dem ersten Golf-Krieg haben die USA ihre bewaffneten Streitkräfte in eine Hitech-, IT-bewaffnete Kampfmaschine verwandelt. Bisher seien 50% der US-Bodentruppen und 70% ihrer Marine und ihrer Luftwaffe mit IT ausgerüstet, so Oberst Li.

Der Theorie der militärischen Revolution zufolge wird die Informationstechnologie ein Schlachtfeld völlig transparent machen, und in einem Krieg wird eine Division eine Echtzeit-Kontrolle und präzises Wissen über ein 100 000 qkm großes Schlachtfeld haben können.

„Allerdings scheint die gegenwärtige Kriegslage zu zeigen, dass es unmöglich ist, so ultrapräzise zu sein, wie einige US-Offiziere es geplant haben“, sagte Li. „Gut ausgerüstet wie sie sind, wissen die US-Streitkräfte manchmal dennoch nicht, wo der Feind ist.“

Hitech sei keineswegs der einzige ausschlaggebende Faktor in einem spezifischen Kriegsumfeld, so Analytiker. Intelligente Waffen würden nicht immer entscheiden, wer auf dem Schlachtfeld die Oberhand gewinnen werde, sagte Chen Xuehui. „Es sind die Menschen, die menschlichen Gehirne und die Bodentruppen, die ausschlaggebend sind.“

Chen zitierte den Fall eines russischen Angriffs auf Grozny, die Hauptstadt von Tschetschenien, um zu argumentieren, dass ohne kluge Bodentruppen die bewaffneten Streitkräfte alleine nicht funktionieren können. Ebenso werden die Bodentruppen im gegenwärtigen Irak-Krieg ebenfalls die entscheidende Kraft sein.

„Vom Blickwinkel eines Militäranalytikers aus gesehen, sind es, ganz gleich, welche Seite den Krieg gewinnt – die USA oder der Irak – die Bodentruppen, die der Sieger sein werden“, schlussfolgerte Chen.