Wanderarbeiter gegen Stadtbewohner?
 

Beschäftigungsmöglichkeiten in den Städten sind nicht nur für Stadtbewohner, sondern auch für Wanderarbeiter.

Von Feng Jianhua

Der ehemalige Ministerpräsident Zhu Rongji sagte in seinem Tätigkeitsbericht der Regierung auf der 1. Tagung des X. Nationalen Volkskongresses, dass eine unentbehrliche Maßnahme für die Steigerung des Einkommens der Bauern sei, die überschüssigen ländlichen Arbeitskräfte zu ermutigen, geordnet in Städte abzuwandern, um so den Urbanisierungsprozess zu beschleunigen.

Statistiken der Staatlichen Kommission für Entwicklung und Planung (jetzt die Staatliche Kommission für Entwicklung und Reform) zufolge sind von den 470 Mio. ländlichen Arbeitskräften 150 Mio. überschüssig.

Hu Angang, Direktor des Forschungszentrums für China-Studien an der Chinesischen Akademie der Wissenschaften, äußerte, dass es den überschüssigen ländlichen Arbeitskräften nicht gelungen sei, in Regionen bzw. Branchen mit höherer Produktivität abzuwandern, habe zur schleppenden Steigerung des Einkommens der Bauern und zu einer großen Einkommenskluft zwischen der Stadt- und der Landbevölkerung geführt. Dies habe ebenfalls die Entwicklung der gesellschaftlichen Produktivkräfte behindert, so Hu.

Die chinesischen Ökonomenkreise teilen Hus Meinung. Die riesige ländliche Bevölkerung ist der Hauptgrund für das schleppende Wachstum des Einkommens der Bauern, daher ist der Transfer der überschüssigen ländlichen Arbeitskräfte für die Reduzierung der Landbevölkerung notwendig und trägt dazu bei, dass die Bauern zum Wohlstand gelangen.

Statistiken des Ministeriums für Arbeit und Sozialabsicherung zufolge haben mehr als 80 Mio. überschüssige ländliche Arbeitskräfte in den vergangenen fünf Jahren in den Städten Arbeitsplätze gefunden.

Mittlerweile ist die Arbeitslosenrate in den Städten gestiegen. Angesichts dieser Situation sind einige lokale Regierungsbeamte der Ansicht, dass die ursprünglich angespannte Beschäftigungssituation noch schlechter geworden sei, da die Bauern den Stadtbewohnern Arbeitsplätze geraubt hätten. Einige städtische Behörden haben sogar Beschränkungen für Wanderarbeiter eingeführt, um so die Interessen der lokalen Einwohner zu schützen.

Wegschnappen von Arbeitsplätzen: Das Recht der Bauern

Professor Chen Naixing, Forschungsrat an der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, widerspricht der Ansicht, dass Bauern lokalen Einwohnern Arbeitsplätze wegschnappen würden. Seiner Meinung nach sind die Beschäftigungsmöglichkeiten in den Städten nicht nur für die lokalen Einwohner bestimmt. Das Recht auf Arbeit gelte ebenfalls für die Bauern, und die Anschuldigung über den „Raub von Arbeitsplätzen“ zeige nur Vorurteile gegen die Bauern. Hindernisse, um Bauern davon abzuhalten, in den Städten zu arbeiten, entziehen den Bauern in der Tat ihre Rechte.

Beschränkungen für Bauern, in den Städten nach Arbeitsplätzen zu suchen, würden die Situation nur verschlechtern, äußerte Professor Wang Cheng vom Wirtschaftsinstitut der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften. Wang sagte, dass jede dynamische Stadt für alle geöffnet sein solle. In einer Marktwirtschaft werde eine nicht ausreichende Fluktuation von Arbeitskräften und anderen Produktionsfaktoren zu höheren Produktionskosten führen. Mit höheren Produktionskosten würden Produkte keine Konkurrenzfähigkeit haben. Als Folge würden Unternehmen es schwierig finden, zu überleben, und könnten nur wenige Arbeitsplätze zur Verfügung stellen.

„Beschränkungen für die Beschäftigung der Bauern in den Städten können nur zur Verschlechterung der Situation führen“, fügte Wang hinzu.

Aufgrund dieser Beschränkungen wollten einige Betriebe keinen Arbeitsvertrag mit Wanderarbeitern unterzeichnen. Wenn es zu Streitigkeiten komme, könnten Wanderarbeiter zu Vergeltungsmaßnahmen Zuflucht nehmen, ja sogar zynisch gegenüber der ganzen Gesellschaft werden. „Daher ist es für uns dringend notwendig, diese städtische protektionistische Beschäftigungspolitik zu korrigieren“, sagte Cai Fang, Direktor des Instituts für Bevölkerungsstudie der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften.

Keine übermäßigen Bürden für die Städte

Wanderarbeiter üben einen gewissen Druck auf die Beschäftigungssituation der Stadtbewohner aus. Nichtsdestotrotz wird dies nicht unbedingt zu einem Anstieg der Arbeitslosenrate führen. Anstatt einander zu ersetzen, ergänzen die Stadtbewohner und Wanderarbeiter einander. Wanderarbeiter leisten in der Regel schmutzige, ermüdende und Billiglohn-Arbeit, die die Stadtbewohner ungern verrichten.

Wang Cheng gab zu, dass, als die Bauern begannen, in die Städte zu strömen, viele Leute, darunter er selbst, dies als ein drohendes Unheil, das die städtische Entwicklung beeinträchtigen würde, betrachtet hätten. Allerdings zeige die gegenwärtige Situation, dass die Wanderarbeiter den Städten keine übermäßigen Bürden aufgeladen hätten, sagte Wang.

Eine Studie von Cai Fang ergab, dass eine große Anzahl von Wanderarbeitern nicht zur Steigerung der Arbeitslosenrate in den Städten führen wird. Da Wanderarbeiter normalerweise mithilfe von Freunden und Verwandten Arbeitsplätze finden, anstatt durch den Arbeitskräftemarkt, bilden sie keine Bedrohung für ihre städtischen Gegner.

Zudem kann die Konkurrenz, die von den Wanderarbeitern mitgebracht worden ist, zur städtischen Entwicklung beitragen. Cai Fang zufolge kann der Zufluss von Wanderarbeitern in die Städte die zu schnelle Steigerung des städtischen Lohnniveaus verhindern. Wettbewerb führt zur billigmöglichsten Arbeitskraft, was ein großer Vorteil für die städtische Entwicklung ist.

Angemessene Lösung notwendig

Die Konflikte zwischen Wanderarbeitern und Stadtbewohnern haben verschiedene Formen angenommen. Die Lösung dieses Problems hängt von der Verbesserung der Beschäftigungssituation ab, was in absehbarer Zeit schwer verwirklicht werden kann. Langfristige Maßnahmen müssen berücksichtigt werden, um die Reibungen zwischen Wanderarbeitern und Stadtbewohnern zu mildern.

Gegenwärtig sind ungenügende Fonds und der Mangel an technischem Können die beiden wichtigsten Faktoren, die Wanderarbeiter daran hindern, Arbeitsplätze in den Städten zu finden. Chen Naixing zufolge kann die Reform des Bodensystems wie die Veräußerung des Rechts auf die vertragliche Bewirtschaftung des Bodens die Wanderarbeiter teilweise finanzieren, in den Städten Wohnungen zu erwerben oder Geschäfte abzuwickeln. Es besteht jedoch immer die Möglichkeit, dass Wanderarbeiter alle Lebensunterhaltsmittel verlieren werden, falls sie, wenn sie ihr vertraglich bewirtschaftetes Land bereits veräußert haben, in den Städten keinen Job finden können. Chen sagte, dass dies eine Verbesserung des Sozialabsicherungssystems erfordere.

Die chinesische Regierung teilt prinzipiell Chens Ansicht. Im Bericht des XVI. Parteitags der KP Chinas hieß es, dass „in den Gebieten, wo die Bedingungen es erlauben, man nach dem Prinzip der Gesetzmäßigkeit, Freiwilligkeit und Entgeltung das Recht auf die vertragliche Übernahme der Bodenbewirtschaftung übertragen kann, um die Bewirtschaftung in größerem Umfang schrittweise zu entwickeln.“ Zur Zeit arbeitet die Provinz Guangdong an einem Entwurf über spezielle politische Maßnahme in diesem Bereich.

Die Lokalregierungen sollten zudem die legitimen Rechte und Interessen der Wanderarbeiter schützen, verschiedene Beschränkungen für deren Beschäftigung in den Städten abschaffen und mehr Chancen für die Beratung und Ausbildung schaffen. Dies wird die Wanderarbeiter anleiten, sich so schnell wie möglich den Forderungen für städtische Arbeitskräfte anzupassen. Die Lokalregierungen können den Wanderarbeitern einige kommunale Hochschulen zugänglich machen oder Berufsschulen, die auf Wanderarbeiter ausgerichtet sind, gründen.

Das A und O ist, mehr Beschäftigungsmöglichkeiten zu schaffen. Solange es ausreichende Beschäftigungsmöglichkeiten gibt, werden die Stadtbewohner zweifelsohne friedlich mit den Wanderarbeitern zusammenleben. Ansonst werden Zusammenstöße unvermeidlich sein. Unter den gegenwärtigen Umständen ist es der wichtigste Kanal zur Vergrößerung der Beschäftigungsmöglichkeiten, die Entwicklung kleiner und mittlerer Unternehmen, insbesondere von Privatunternehmen, sowie der Dienstleistungsbranche zu fördern.