Shanghai: Der Kugel ausweichen
 

• Frühe Alarmbereitschaft der Regierung

• Umfassende Mobilisierung aller Industriebranchen

• Krankheitsüberwachung auf Kommunalebene

Von Ren Xiaofeng

Guangzhou, Beijing und Shanghai sind die drei größten Städte auf dem chinesischen Festland. Nachdem Guangzhou und Beijing vor dem Akuten Atemwegsyndrom (SARS) kapitulierten, spitzten die Bewohner Shanghais ihre Ohren und fragten sich, ob das Pendel weiter ausschlagen und die gefürchtete Krankheit ihren Weg in ihre Häuser finden würde. Bis zum 12. Mai hatte es allerdings nur sieben bestätigte Fälle in der Stadt gegeben, und die Lokalbewohner hoffen, dass sie der Kugel ausgewichen sind.

Dem Seufzer der Erleichterung folgte jedoch eine verblüffte Stille. Wie konnten sie so viel Glück gehabt haben? Shanghai hat eine Bevölkerung von 16 Mio. Einwohnern und ist Chinas größte Industrie- und Handelsstadt. Jeden Tag kommen und gehen Hunderttausende in diese bzw. aus dieser Metropole, entweder zu Land, zu Wasser oder per Flugzeug. Wie managt Shanghai es, SARS keinen Eintritt zu gewähren?

Hoher Grad an Wachsamkeit

Seit Mitte Februar sind unzählige Planungstreffen über die Verhütung und Behandlung der Krankheit, sowohl unter Spezialisten als auch Regierungsbeamten, abgehalten worden. Die Verantwortlichen griffen SARS, bevor die Krankheit sie angreifen konnte, an und verabschiedeten früh Vorschriften, um eine gesetzliche Basis für die Vorbeugungsarbeit zu haben.

Bevor jegliche Fälle in der Stadt gemeldet worden waren, orientierte Shanghai sich bereits an den Erfahrungen von Orten wie Guangdong. Die Stadt erklärte eine Notsituation der öffentlichen Gesundheit und drängte auf eine „frühe Entdeckung, frühe Meldung, frühe Quarantäne und frühe Behandlung“.

Shanghai stellte ein Vorkehrungsprogramm für die Verhütung und Kontrolle unidentifizierter ansteckender Atemwegserkrankungen, Richtlinien für die Arbeit der Verhütung und Behandlung von SARS und andere Dokumente zusammen und implementierte diese. Pläne wurden für spezielle gesellschaftliche Gruppen wie Studenten auf dem Campus, Besucher von außerhalb der Stadt und ausländische Staatsangehörige in Shanghai ausgearbeitet. Ein Beratungskomitee, das sich aus Spezialisten zusammensetzte, wurde gegründet, um die Behandlung und Forschung anzuleiten.

Auf dem Shanghaier Krankheitsvorbeugungs- und -kontrollzentrum und dem dreischichtigen Netzwerk für den medizinischen Schutz basierend, etablierte Shanghai ein Krankheitsaufsichtsnetzwerk und einen rapiden Reaktionsmechanismus. Die Anzahl der SARS-Aufsichtsstellen stieg von 110 auf mehr als 400 in kaum einem Monat. Jedes Mal, wenn ein Patient unter dem Verdacht einer SARS-Infektion stand, wurde er zur Beobachtung von den anderen Patienten isoliert, dies in Übereinstimmung mit den relevanten Regierungsdokumenten. Die Gesundheitsservicezentren auf Gemeindeebene behielten diejenigen, die engen Kontakt mit SARS-Patienten gehabt hatten, für mindestens 10 Tage unter Beobachtung, um die Verbreitung der Krankheit zu verhüten.

Die erste Feuerwand

Um etwa 8.00 Uhr am 21. April wurde ein Kind im Kindergarten „Neues Jahrhundert“ mit Symptomen von SARS entdeckt und damit zu einem „Verdachtsfall“. Die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Kindergarten, in der Nachbarschaft, im Bezirkserziehungsbüro und in der Polizeistation. Dreißig Minuten später kamen Funktionäre von Abteilungen des Xuhui-Bezirks vor Ort an und begannen, die Telefonnummern und Wohnadressen der 126 Kinder und der mehr als 30köpfigen Belegschaft des Kindergartens zu ermitteln. Dann traf die Meldung der Erkrankung eines weiteren Kindes mit SARS-Symptomen ein. Die Bezirksregierung entschied, den ganzen Kindergarten für fünf Tage unter eine „medizinische Beobachtung“ zu stellen. Relevante Abteilungen schickten täglich speziell Beauftragte zu dem Kindergarten, um die Temperatur der Betroffenen zu messen, das Gebiet zu desinfizieren und Vorbeugemedizin auszugeben.

Der Kindergarten blieb fünf Tage lang geschlossen und wurde am 25. April wieder eröffnet, nachdem das Krankenhaus um 15.00 Uhr bekannt gegeben hatte, dass die kranken Kinder SARS-frei waren. Yin Bingxing, Leiter des Kindergartens, konnte beginnen, seine angespannten Nerven zu entspannen – er hatte mehrere Nächte in seinem vor dem Kindergarten geparkten Auto verbracht.

Am Abend des 4. Mai erhielt das Epidemiologische Aufsichtskommandozentrum unter dem Shanghaier Krankheitsvorbeugungs- und -kontrollzentrum einen Telefonanruf vom Shanghaier Krankenhaus für Infektionskrankheiten: Ein Touristenpaar aus Nordchina war in der Stadt als SARS-Patienten bestätigt worden.

Personal des Zentrums raste zu besagtem Krankenhaus und kam dort 20 Minuten später an. Allerdings konnten das Paar und seine Kinder nicht exakt erzählen, wo sie überall gewesen und mit wem sie zusammengetroffen waren. Ihre Aussagen widersprachen sich sogar. Das Aufsichtsteam hatte sie getrennt zu befragen und dann ihre Antworten zu analysieren, um zu versuchen, die Details jeder Minute zu verifizieren. Nach vielen Bemühungen bestätigte das Team sieben Örtlichkeiten, wo das Paar gewesen war. Noteinsatzteams schwärmten aus und starteten an besagten Orten umfassende Desinfektionsprozeduren. Das Zentrum erlegte eine Beobachtungsanordnung über 168 Personen, die in direktem oder indirektem körperlichen Kontakt mit dem Paar getreten waren, auf. Da das Paar auch in den Provinzen Jiangsu und Zhejiang gewesen war, verlor das Zentrum keine Zeit, die jeweiligen Provinzbehörden zu informieren, so dass diese SARS-Verhütungs- und -kontrollmaßnahmen einleiten konnten.

Die Gesundheitsfunktionäre hielten den Atem an. War dies nur der Anfang? Hatte die Invasion begonnen? Die schnelle Reaktion zahlte sich jedoch aus. Es wurden nur acht Stunden nach der Entdeckung der Fälle gebraucht, um all die Menschen, die mit dem Paar in Kontakt getreten waren, zu identifizieren. Als im Laufe der Zeit keine neuen Meldungen eingingen, begannen die Funktionäre allmählich aufzuatmen.

Regierungsdekrete

Am 23. April gab die Shanghaier Stadtregierung acht Maßnahmen zur Stärkung der öffentlichen Gesundheit bekannt. Die Bemühungen der SARS-Beobachtung, -Vorbeugung und -Behandlung wurden in den Hotels, Erholungsstätten, Schulen und Wohngemeinden sowie an den Flughäfen, Bahn- und Busbahnhöfen und im Hafen der Stadt intensiviert.

Alle Hotels in Shanghai führten Gesundheitsüberprüfungen durch, und alle Gäste hatten ein Gesundheitserklärungsformular auszufüllen und ihre Temperatur zu messen. Allen Besuchern aus SARS-betroffenen Gebieten wurden Zimmer auf vorgesehenen Fluren und in von den anderen Komplexen getrennten Gebäuden gegeben.

Das Internationale Handelszentrum, ein chinesisch-japanisches Joint Venture, ist eines der ersten Luxus-Bürogebäude in Shanghai gewesen, und mehr als 300 Firmen aus über 10 Ländern und Regionen sind dort ansässig. Beginnend mit Ende April wurde eine relativ große Anzahl von Maßnahmen ergriffen, um die Durchlüftung in den Gebäuden zu verbessern.

Jeden Tag gilt es, die Ankunft und die Abfahrt von 200 Flügen und von über 60 Handelsschiffen in Shanghai zu bewältigen, wobei insgesamt 20 000 Passagiere involviert sind. Der tägliche Verkehr an Shanghais Bahnhöfen umfasst schätzungsweise 200 000 Menschen. Die Flughäfen, Bahnhöfe und Hafendocks sind die erste Verteidigungslinie Shanghais gegen SARS geworden.

Mit Ende April verlangte die Shanghaier Stadtregierung, dass alle Passagiere bei der Ankunft und bei der Abfahrt ihre Körpertemperatur melden und ein Gesundheitserklärungsformular ausfüllen.

Der Shanghaier Hauptbahnhof stellte sein Klimaanlagensystem aus und öffnete stattdessen alle Fenster der Wartehallen, die häufig desinfiziert wurden. An den Eingängen war der Boden mit Desinfektionsmittel durchtränkt. Es gab drei medizinische Informationsstellen und fünf Testzentren im Bahnhof. Die SARS-Informationsstellen lieferten 24 Stunden lang Beratungsservice und Temperaturüberprüfungen für die Passagiere, während zudem SARS-Broschüren ausgegeben wurden.

Die Bahnhofsbehörde teilte unter der Belegschaft Gesichtsmasken aus und informierte das Personal darüber, wie Symptome von SARS zu entdecken sind. Die ankommenden und ausfahrenden Züge wurden alle desinfiziert, und diejenigen aus den betroffenen Gebieten wurden zu besonderen Zielen der Beobachtung. Zwei Stunden vor der Ankunft wurde von jedem Passagier verlangt, ein Gesundheitserklärungsformular auszufüllen, das die Personalausweisnummer, den ständigen Wohnort, das Fahrtziel und den Sitzplatz im Zug des Passagiers enthielt, damit jeder Passagier benachrichtigt werden könnte, falls unter ihnen ein SARS-Patient oder ein Verdachtsfall entdeckt werden würde.

Die Flughäfen Hongqiao und Pudong installierten drei Infrarotgeräte zur Temperaturmessung und nahmen diese in Betrieb, so dass ankommende Passagiere vor Ort schnell gescannt werden konnten, um zu gewährleisten, dass deren Temperatur nicht höher als 37,8 Grad Celsius war. Das Shanghaier Fährenunternehmen desinfizierte seine mehr als 20 Wartezonen sowie alle seine Schiffe. An Knotenpunkten der Autobahnen nach Nanjing und Hangzhou waren Polizisten, Epidemie-Vorbeugungsarbeiter und Personal der Shanghaier Landtransportbehörde 24 Stunden pro Tag im Einsatz. Sie verteilten Broschüren über die Verhütung von SARS an die vorbeifahrenden Fahrzeuge und zeichneten auf, ob die Insassen in von SARS betroffenen Gebieten gewesen waren. Fahrzeuge aus stark betroffenen Gebieten standen im Fokus der Inspektion.

Die Böden in den U-Bahn-Stationen und die Schienen der Bahn wurden zweimal am Tag mit verdünntem Azetat-Peroxyd besprüht und geschrubbt. Die Magnetfahrkarten für die U-Bahn wurden täglich Stück für Stück desinfiziert. Alle 8000 Busse der Stadt wurden zweimal pro Tag desinfiziert. Für die 50 000 Taxen wurden die Matten und Sitzbezüge regelmäßig ausgewechselt, und Teile wie die Türgriffe wurden täglich desinfiziert.

In den letzten Jahren sind die einwöchigen 1. Mai-Ferien eine „goldene Woche für den Tourismus“ geworden. Letztes Jahr empfing Shanghai in dieser Zeit 3,6 Mio. Besucher, was für die Reiseagenturen viel Geld einbrachte. Vor den Ferien dieses Jahres verlangte die Shanghaier Städtische Tourismuskommission, dass alle Reiseagenturen in Shanghai mit der Organisation von provinz/stadtüberschreitenden Reisen einhalten sollten, und riet Reisebüros außerhalb Shanghais dringend ab, Reisen nach Shanghai zu organisieren. Hotels mit Sternenauszeichnung und tourismusorientierte Empfangseinheiten wurden instruiert, Buchungen für Hochzeitsbankette oder andere großangelegte Abendpartys zu stornieren. Trotz der Gewinnverluste brachten Shanghais Reiseagenturen diese Opfer, stornierten ihre Programme und erstatteten den Kunden deren Geld zurück.

Am 24. April ging die 10. Shanghaier Internationale Autoindustrie-Ausstellung vorfristig zu Ende. In Übereinstimmung mit der Forderung des Ausstellungsorganisationskomitees bauten die Teilnehmer ihre Stände schnell ab und machten sich so zügig wie möglich auf ihre Heimreise. Diejenigen, die Tickets gekauft hatten, aber keine Chance mehr hatten, die Ausstellung zu sehen, wurde das Geld zurückerstattet.

Pläne und Lebensgewohnheiten ändern

Ein freundschaftliches Händeschütteln oder eine Umarmung waren einst die bevorzugte Begrüßungsgewohnheit unter Freunden in Shanghai. Heute scheinen ein Nicken oder eine traditionelle Handgeste vor der Brust auszureichen. Niemand fühlt sich gekränkt. In der Tat sagen alle, dass sie dies bevorzugen. Es zeigt nicht nur Respekt vor der anderen Person, sondern auch ein Bewusstsein für die öffentliche Gesundheit.

Die meisten Menschen tragen Gesichtsmasken in der U-Bahn oder wenn sie einkaufen gehen, und das Personal in allen Restaurants, einschließlich McDonald’s, muss Gesichtsmasken und Handschuhe tragen. Kunden in den Restaurants teilen das Essen in einzelne Portionen wie Westler. In Horten, Kindergärten, Grund- und Mittelschulen wird den Kindern und Schülern regelmäßig die Temperatur gemessen und die Werte den Gesundheitsbehörden gemeldet. Angestellte, die von Geschäftsreisen zurückkehren, müssen erst ein paar Tage zur Beobachtung zu Hause bleiben.

Vorbeugeaktionen sind in vielen Wohnbezirken in der Stadt in vollem Gange. Im Huangpu-Bezirk in der Innenstadt von Shanghai wurden 100 000 Broschüren über die SARS-Verhütung von den Nachbarschaftsleitern unter den Bewohnern verteilt. Im Nachbarschaftsviertel Daning im Zhabei-Bezirk, wo mehr als die Hälfte der Bewohner Wanderarbeiter sind, ging das Nachbarschaftskomitee von Tür zu Tür, um Informationen und Anleitungen über die SARS-Verhütung zu verteilen.

Das Bewusstsein für die SARS-Verhütung wird gemeinsam mit den Bemühungen der Stadt, die Epidemie zu bekämpfen, gefördert. Familie Wang, wohnhaft in der Fuxin Zhonglu, hatte vor kurzem ihre Schwiegertochter und Enkelin von außerhalb Shanghais zu Besuch. Sie ergriff die Initiative und meldete dies beim Nachbarschaftskomitee. Die ganze Familie überprüfte täglich ihre Temperatur. Den Leitern einiger Kindergärten zufolge sind Eltern jetzt verantwortlicher, da sie ihre Kinder, falls diese Anzeichen einer Erkältung zeigten, zu Hause lassen würden.

Gesichtsmasken und selbst auferlegte Isolation seien keine Zeichen der Panik, so lokale Funktionäre. Xu Genshun, ein Manager des New Jinjiang-Hotels, äußerte, dass diese Aktionen nichts weiter als Vorbeugemaßnahmen seien. Bewohner schienen sich bewusst zu sein, dass die Krankheit keine unverzügliche Todesstrafe sei und dass die Erhaltung einer allgemeinen guten Gesundheit eine Infektion verhüten könnte, so Xu.

In der Desinfektionsstation des Nachbarschaftsviertels Jing’ansi verdünnten Yang Baosheng und seine Mitarbeiter, ausgerüstet mit grünem Augenschutz, Emulsionshandschuhen, langen weißen Kitteln und Gesichtsmasken, das gelbliche Azetat-Peroxyd mit Wasser, und zwar in einem Verhältnis 1:100. Als Yang seine Handschuhe auszog, konnte man einige Verbrennungen an seiner rechten Hand von der starken Chemikalie sehen.

Am Morgen des 4. Mai desinfizierten Yang und seine Mitarbeiter ein altes Fabrikgebäude, den Ziguang-Plaza und den nahegelegenen Grüngürtel Yanjiazhai. Das fünfstöckige alte Fabrikgebäude war geräumig und relativ leicht für sie zu bearbeiten, da sie elektrische Sprühgeräte benutzen konnten. Kleinere Räume in dem kommerziellen Gebäude waren schwieriger für die Arbeiter, da sie diese von Hand zu desinfizieren hatten, insbesondere Plätze wie Toiletten, Aufzüge, Zimmerecken und Topfpflanzen. Was den Grüngürtel anbelangte, waren die Hauptziele die Fitnessgeräte. Chen Ronggen, 77, der gerade ein paar Übungen dort machte, sagte: „Diese Arbeiter arbeiten äußerst hart, und wir sind ihnen sehr dankbar.“

Die Desinfizierungsstation mit 10 Angestellten liegt in einer kleinen Gasse, die von der Urumqi-Straße abgeht. Anfang April, als der Anti-SARS-Kampf begann, wurde die Station äußerst geschäftig. Xu Peifang, Leiter der Station, sagte: „Momentan haben wir keine freie Minute. Wir arbeiten 12 Stunden pro Tag, und oft beginnen wir schon um 5.30 Uhr morgens und hören erst abends um 23.00 Uhr auf zu arbeiten. Wir verbrauchen 500 kg an Desinfektionsmittel pro Tag.“

Einer Quelle des Shanghaier Büros für Arbeit und Sozialabsicherung zufolge haben mehr als 170 Nachbarschaftsviertel in der Stadt Gesundheits- und Hygieneservicezentren etabliert, und jedes der über 3500 Nachbarschaftskomitees hat vier bis sechs Personen, die in der Desinfektion spezialisiert sind.