Dringende Verbesserung der Hygiene gefordert
 
Die Hygienebedingungen in den ländlichen Gebieten erfordern eine dringende Verbesserung, ein Thema, das im Mai in den Brennpunkt des allgemeinen Interesses rückte, als SARS-Fälle auch in den ländlichen Gebieten gemeldet wurden, und Beamte befürchteten, dass die Ausbreitung der Epidemie in den ländlich Gebieten, wo sich Abwasser und Abfälle auf den Straßen finden und mehr als die Hälfte der Familien kein Leitungswasser hat, mit keiner Methode gestoppt werden könnte.

Von Lan Xinzhen

Einige Künstler und Schriftsteller der Provinz Shanxi können sich heute noch gut an ihre Erlebnisse im Juli 2002, als sie entschieden, sich im Dorf Sanjiao im Kreis Linxian mit dem dortigen wirklichen Leben vertraut zu machen, erinnern. Nach nur einem Tag waren alle ihre Ideale über ein frisches Leben auf dem Lande zerstört.

Wenn sie durstig waren, hatten sie Wasser von einem kleinen Graben am Fuß eines Berges, der 1,5 km vom Dorf entfernt lag, zu holen. Dieser Graben war gleichzeitig auch die Wasserquelle für die örtlichen Haustiere. Auf die Toilette zu gehen erwies sich als ein Kampf gegen den Brechreiz. Es gab in jedem Wohnhof eine nicht überdachte Toilette, die bis zum Himmel stank und überall mit Fliegenmaden gepflastert war.

Experten sagten, dass sich die Dörfer, insbesondere die in Armut, landesweit in einem ähnlichen Zustand befänden. Die gegenwärtig wichtigsten Probleme der öffentlichen Gesundheit in den ländlichen Gebieten spiegeln sich in den folgenden vier Aspekten wider: die schlechte Qualität des Trinkwassers, keine Abwassersanierung, das Zusammenleben von Mensch und Vieh in einem Hof und die Anhäufung von willkürlich abgeladenen Abfällen.

Liu Aixiang, eine Beamtin des Verwaltungszentrums für Städtische und Ländliche Planung beim Aufbauministerium, sagte, dass zur Zeit nahezu 880 Mio. Menschen in den ländlichen Gebieten lebten. Im Vergleich zu den Städten hätten ländliche Bewohner noch einen weiten Weg vor sich, bis sie von einem modernen Leben profitieren könnten, so Liu. Etwa 60% von ihnen hätten kein Leitungswasser, sondern seien auf seichte Brunnen, natürliche Quellen und Flüsse angewiesen ¾ einige Gebiete verließen sich sogar auf aufgestautes Regenwasser, sagte sie weiter.

Die meisten Toiletten in den ländlichen Gebieten seien nicht überdacht, und im Durchschnitt habe jeder Haushalt eine derartige Toilette, sagte Liu. Es gebe momentan in China 240 Mio. derartige Toiletten, die im Sommer Schwärme krankheitsübertragender Fliegen anzögen und in denen Abwasser nach einem Regenfall abfließe, fügte Liu hinzu.

Viele Bauern teilen ihren Hof mit Vieh und Geflügel wie Hühnern, Schweinen, Pferden und Rindern, da sie sich den Bau eines abgesonderten Viehstalls nicht leisten können. Die nationalen Minderheiten in den Berggebieten in Südwestchina leben traditionell in Bambushäusern: Die Menschen leben im oberen Stockwerk und die Tiere direkt darunter. Allerdings, sagte Liu, sei das Leben in engem Kontakt mit Tieren und deren Exkrementen ein leichter Weg, sich eine Krankheit zuzuziehen.

Organisierte Abfallsammlung und -entsorgung sind selten in den ländlichen Gebieten. Die meisten Familien kippten ihre Abfälle in der Nähe ihrer Toilette und dann in Gräben, Flüsse, ja sogar entlang der Straßen aus, sagte Liu.

Im Sommer 1996 griff aufgrund der schlechten hygienischen Bedingungen in einigen ländlichen Gebieten der Provinz Shanxi eine Ruhr um sich. Der Mangel an Abwasserklärungseinrichtungen führte zur Ausbreitung des Virus durch Mücken und Fliegen.

Liu sagte, dass sich schädliche Bakterien derzeit im Sommer in den ländlichen Gebieten kräftig vermehren würden und die lokalen Gesundheitsbedingungen weit unter dem Standard blieben.

Mehr staatliche Hilfe für Bedürftige vonnöten

Die Regierungen aller Ebenen haben große Anstrengungen unternommen, um die ländlichen Bedingungen zu verbessern. „Das Resultat läßt jedoch zu wünschen übrig“, sagte Bai Chonghai, ein Beamter der Epidemieschutzstation des Kreises Linxian der Provinz Shanxi.

Seit den 1980ern hat die chinesische Regierung Kapital zur Verbesserung der Trinkwasserqualität in den ländlichen Gebieten eingesetzt und ein spezielles technologisches Zentrum für die Entwicklung eines ländlichen Wasserklärungssystems gegründet. Bisher sind Kredite der Weltbank in Höhe von mehr als 400 Mio. US$ in diesem Bereich genutzt worden. Aufgrund der ausgedehnten Weite, der riesigen Bevölkerung und der schlechten natürlichen Bedingungen haben bisher allerdings nur 40% der ländlichen Bewohner Leitungswasser.

China begann in den 1990ern mit seinem Projekt für das Abwasserklärungssystem. Mittlerweile sind mehr als ein Jahrzehnt vergangen, jedoch haben nur einige wenige Bauern in den Provinzen Jiangxi, Jilin und Shanxi adäquate Toiletten.

Seit Beginn der Durchführung der ländlichen Reformen sind 20 Jahre vergangen. Warum sind die Resultate so minimal? Professor Lu Changchun der Soziologieabteilung der Chinesischen Volksuniversität sagte, dass die gegenwärtige Situation auf die folgenden Gründe zurückzuführen sei: ländliche Traditionen, die Akzeptierung schlechter Bedingungen, die rückständige Wirtschaft und der Mangel an Regierungsinvestment.

Der Umbau von Toiletten sei ein Problem geworden, da die ländlichen Bewohner meinten, dass dies unnötig sei, da sie an derartige Toiletten gewöhnt seien, sagte Professor Lu. Zudem müssten die Bauern selbst alle Kosten für den Bau neuer Toiletten tragen, daher täten sie dies nicht gerne. Arme Bauern, die sich kaum Nahrung und Bekleidung leisten können, haben kein Geld für Extraausgaben übrig. Die Lokalregierungen könnten die Bauern andererseits auch nicht zwingen, die Situation zu verändern, da sie nicht in der Lage seien, finanzielle Unterstützung zu gewähren, so Lu.

Han Jun, Direktor der Abteilung für Ländliche Gebiete des Forschungszentrums für Entwicklung beim Staatsrat, sagte, dass das Regierungsinvestment in das Gesundheitswesen der ländlichen Gebiete bis zum Jahr 2000 um 48,5% gegenüber 1990 gesteigen sei, was eine jährliche durchschnittliche Zunahme um 4,49% bedeute. Dieser Anteil liege jedoch bei weitem unter der jährlichen Wachstumsrate der Kosten für die öffentliche Gesundheit im ganzen Land (13,1%) und der Kosten für die öffentliche Gesundheit in den ländlichen Gebieten (12,8%) im gleichen Zeitraum, so Han. Andererseits seien die Ausgaben des Regierungsbudgets für das Gesundheitswesen in Stadt und Land äußerst ungleichmäßig verteilt, das Pro-Kopf-Investment für das Gesundheitswesen in den ländlichen Gebieten entspreche nur 27,5% des in den Städten, so Han.

Zunehmende Dringlichkeit

Die Situation der schlechten öffentlichen Gesundheit in den ländlichen Gebieten hätte wahrscheinlich noch lange keine Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit erregt, SARS änderte dies jedoch. Mit der Ausbreitung der Epidemie ist es für alle Menschen immer wichtiger geworden, die Gesundheitsstandards zu heben und jeder potentiell tödlichen Krankheit vorzubeugen.

Am 14. Mai sendete das Aufbauministerium ein dringendes Rundschreiben, in dem dazu aufgefordert wurde, alle mögliche Maßnahmen zu ergreifen, um die öffentliche Gesundheit in Dörfern und Gemeinden zu gewährleisten und die Ausbreitung der SARS-Epidemie zu verhüten und zu kontrollieren.

Im Rundschreiben hieß es, dass die Bauabteilungen der Regierungen aller Ebenen, insbesondere in Dörfern und Gemeinden, großes Gewicht auf den Bau von infrastrukturellen Einrichtungen legen sollten, um so SARS in den ländlichen Gebieten zu verhüten und unter Kontrolle zu bringen. Größere Anstrengungen sollten unternommen werden, um die Epidemieschutz- und die Sicherheitsverwaltung für Trinkwasser zu verstärken und das Sammlungs- und Entsorgungssystem von Abfällen und Abwasser in Dörfern und Gemeinden so gut wie möglich zu verbessern. Gebiete, die Leitungswasser haben, sollten die Kontrolle über die Wasserquellen forcieren, und Wasserlieferanten sollten Epidemie-Verhütungsmaßnahmen ausarbeiten, um so die Trinkwasserqualität eines jeden Kettengliedes zu garantieren. Für Gebiete, die immer noch kein Leitungswasser haben, sollten die Wasserversorgungsbedingungen weiter verbessert und den Bauern Kenntnisse über die Krankheitsverhütung vermittelt werden. Das Aufbauministerium forderte zudem die zuständigen Abteilungen auf, Wasserquellen für Mensch und Tier zu trennen und Fischerei-, Tier- und Geflügelfarmen außer Reichweite von Trinkwasserquellen zu verlegen, um so Wasserverunreinigungen zu vermeiden.

Im Rundschreiben hieß es, dass größere Anstrengungen unternommen werden sollten, um die Abwasserklärungsarbeit in den ländlichen Gebieten zu intensivieren. Die Lokalregierungen sollten die Bauern mobilisieren, ihre Toiletten zu desinfizieren und ihre Abfälle in Entsorgungsstellen zu vergraben.

Gao Qiang, stellvertretender Minister für Gesundheitswesen, sagte, dass die SARS-Epidemie im Ausklingen begriffen sei. Eine dringende Ausgabe, mit der das Land jetzt konfrontiert sei, sei den Aufbau der öffentlichen Gesundheit und der Krankheitsverhütung und -kontrolle zu verstärken. „In der Zukunft sollten wir jährlich zusätzliche Finanzausgaben für das Gesundheitswesen nutzen, um so die Gesundheitsbedingungen in den ländlichen Gebieten zu verbessern“, sagte Gao.

Am 18. Mai wies die chinesische Regierung ihren ersten Sonderfonds für die Unterstützung der SARS-Verhütung und -Behandlung und für die Verstärkung der Kontrollarbeit im Gesundheitswesen in den ländlichen Gebieten zu.

In Taiyuan, der Hauptstadt der Provinz Shanxi, tragen die Kreis- und Gemeinderegierungen und Bauern in Übereinstimmung mit der Resolution der Stadtregierung gemeinsam die Kosten für den Umbau von nicht überdachten Toiletten. Die Renovierung aller Toiletten in den ländlichen Gebieten soll in der nächsten Hälfte dieses Jahres fertiggestellt werden.

In der Provinz Jilin haben die Verwaltungsabteilungen, die für den lokalen Aufbau verantwortlich sind, keine Mühe gescheut, öffentliche Einrichtungen, Hauptstraßen und öffentliche Toiletten in den ländlichen Gebieten gründlich zu desinfizieren.

Allerdings könnten die rückständigen Gesundheitsbedingungen nicht über Nacht gründlich geändert werden, sagte Liu Aixiang. Sie betonte, dass die Verbesserung der ländlichen infrastrukturellen Gesundheitseinrichtungen und die Erhöhung der Gesundheitsstandards der Bauern eine langfristige und harte Aufgabe seien.