Gebildet, aber arbeitslos?
 

Die Hälfte aller Hochschulabsolventen hat noch einen Arbeitsplatz zu finden. Viele von ihnen sagen jedoch, dass sie das Gefühl haben, sich zu verirren. Wohin werden die Studienabgänger mit einem Diplom in der Hand, aber ohne zukünftige Orientierung gehen?

Von Feng Jianhua

Vor nicht allzu langer Zeit war es in China noch so, dass, wenn man es einmal geschafft hatte, von einer Hochschule aufgenommen zu werden, die Prüfungen bestanden und seinen Abschluss gemacht hatte, der harte Teil vorüber war. Ein Arbeitsplatz war einem sozusagen garantiert. Jetzt hingegen, so Experten, habe sich eine Seifenblase gebildet – zu viele Absolventen und nicht genug Arbeitsplätze.

Berichten zufolge hatten Ende Mai nur 50% der 2,12 Mio. Hochschulabsolventen einen Anstellungsvertrag unterzeichnet. Ist dies ein weiteres Problem, wofür wir das Akute Atemwegssyndrom (SARS) verantwortlich machen können, oder wird uns hier ein tieferliegendes Problem signalisiert?

„Die Schwierigkeiten bei der Anstellung von Hochschulstudenten stehen in Zusammenhang mit dem weiteren makro-ökonomischen Bild“, sagte Wang Dewen, Forschungsrat am Institut für Bevölkerung und Arbeitskräftewirtschaft der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, zu Beijing Rundschau. „Es ist nicht nur einfach eine Angelegenheit eines übergroßen Angebots an Hochschulabsolventen, es ist ein Zeichen des intensivierten Wettbewerbs.“

Seit 1998 ist die Anzahl der Arbeitslosen mit der Beschleunigung der wirtschaftlichen Restrukturierung und der institutionellen Regierungsreform des Landes im Anstieg begriffen gewesen. Unterdessen sind fast 150 Mio. überschüssige ländliche Arbeitskräfte auf der Suche nach einer Arbeit in die städtischen Gebiete geströmt, jährlich sind dies fast 8-10 Mio. Menschen gewesen. Die Anzahl der neu hinzugekommenen Arbeitskräfte geht über die Anzahl der neu geschaffenen Jobs hinaus. Um es noch schlimmer zu machen, begann im Jahr 2002 die erste Gruppe von Hochschulabsolventen, die von der staatlichen Richtlinie der angehobenen Hochschulaufnahmequote profitierten, in den Job-Markt einzutreten. Mit mehr Wettbewerb auf allen Seiten ist es für Hochschulabgänger schwieriger geworden, eine Arbeit zu finden.

Wang sagte jedoch, dass Chinas BIP-Wachstum es seit 1998 gemanagt habe, mit einer durchschnittlichen Rate von 3% neue Jobs in den städtischen Gebieten zu schaffen. Das Wirtschaftswachstum kann jedes Jahr 8-10 Mio. Menschen in die Lage versetzen, beschäftigt zu werden. Daher sollten die 2,12 Mio. Hochschulabsolventen pro Jahr, die zweifelsohne die meisten Stärken haben würden, kein Problem haben, eine Arbeit zu finden, sagte er.

Die fünfte nationale Volkszählung im Jahr 2000 zeigte, dass 3% Chinas Bevölkerung einen Bildungsstand einer Fachhochschule oder darüber haben, ein Anteil, der sehr viel geringer als der in entwickelten Ländern ist. Es gibt auch Daten, die zeigen, dass 18% aller beschäftigten Menschen im Jahr 2000 ein Bildungsniveau auf der Ebene der Mittelschule der Oberstufe oder darüber hatten, wohingegen der diesbezüglich internationale Durchschnitt bei 80% liegt. Aus dieser Perspektive sollte es eine große Nachfrage für Hochschulabsolventen geben.

„Im Allgemeinen ist der Überschuss an Hochschulabsolventen nicht im marktwirtschaftlichen Sinne, d.h. das Angebot ist größer als die Nachfrage, zu verstehen. Daher ist der Überschuss relativ“, sagte Wang.

Abgesehen von Faktoren in der Makroökonomie seien Hochschulabsolventen einfach auch zu wählerisch bei der Arbeitsplatzwahl, so Analytiker.

Liu Huiping, ein Absolvent der Beijinger Hochschule für Informatik, hat bisher bereits fünf Arbeitsplatzangebote gehabt. Allerdings war er nicht vollständig zufrieden mit den Angeboten, und zwar aus ganz unterschiedlichen Gründen – Gehalt, Örtlichkeit oder Position – daher hat er bisher noch keinen Vertrag unterzeichnet.

„Um die Wahrheit zu sagen, es ist nicht so, dass es keine Jobs für mich gibt. Das Problem ist, dass für die Jobs, die mich interessieren, zu viel Konkurrenz existiert, während die Jobs, die zur Verfügung stehen, mich nicht wirklich zufrieden stellen können“, sagte Liu, der immer noch eifrig auf Jobsuche ist.

Eine relativ große Anzahl von Hochschulabsolventen sagte, sie befänden sich in demselben Dilemma wie Liu. Einer jüngsten Umfrage der Sichuan-Universität zufolge zählten etwa 94% der Absolventen „wirtschaftlichen Nutzen“ als Top-Priorität für die Wahl eines Jobs auf, während 90% „den Standort in einer entwickelten großen oder mittelgroßen Stadt“ als weitere Top-Priorität nannten. Fast 69% der Hochschulabsolventen erwarteten, dass ihr Monatseinkommen über 2000 Yuan liegt, höher als das durchschnittliche Monatsgehalt in den meisten chinesischen Städten.

Einem Bericht der Outlook Weekly zufolge haben Hochschulabgänger in den letzten Jahren 80,8% der gesamten Beschäftigung in den großen und mittelgroßen Städten ausgemacht, aber nur 19,2% der Jobs in kleinen Städten und ländlichen Gebieten. Von den Absolventen, die aus Kleinstädten oder vom Land kommen, wählten 70%, in großen und mittelgroßen Städten zu arbeiten.

Unrealistische Forderungen seien der Hauptgrund, warum Abgänger Probleme hätten, einen Arbeitsplatz zu finden, sagte Fang Zhengbang, Forschungsrat am Institut für Organisation und Personal der Chinesischen Volksuniversität. Fang äußerte, dass einer Studie seiner Uni zufolge die zu hohen Erwartungen der Hochschulabsolventen im Elite-Denken der chinesischen Institutionen der höheren Bildung verwurzelt seien. Da die Hochschulbildung nur einer kleinen Anzahl von Menschen zur Verfügung stehe, entwickle sich ganz selbstverständlich ein Sinn der „Überlegenheit“ unter den Absolventen, so Feng.

Ein weiterer Grund für die hohe Arbeitslosigkeit ist, dass die Regierung entscheidet, wie viele Studenten sich auf ein Fachgebiet spezialisieren dürfen, was es für die Universitäten schwierig macht, sich dem verändernden Markt anzupassen.

Beispielsweise sind Abgänger des Faches „menschliche Ressourcen“ in den letzten Jahren auf dem Markt sehr gefragt gewesen. Jedes Jahr kann die Chinesische Volksuniversität in Übereinstimmung mit der von den Regierungsbehörden festgelegten Quote allerdings nur 20 Studenten für dieses Studienfach aufnehmen. Gleichzeitig nehmen einige Fakultäten konventioneller Fächer wie Philosophie und Geschichte entsprechend der Planquote weiter eine große Anzahl von Studenten auf, was es für die Absolventen schwer macht, einen Job zu finden.

„Der verhältnismäßige Überschuss im Rahmen der Beschäftigung von Hochschulabsolventen ist ein Phänomen, das in der wirtschaftlichen Restrukturierung und der Reform des Systems der höheren Bildung Beachtung finden sollte. Dieses Phänomen wird uns noch für eine lange Zeit begleiten“, so Wang Dewen.

Die zunehmend schwierige Beschäftigungssituation für die Hochschulabsolventen hat viele Menschen in Zweifel über deren steigende Anzahl geraten lassen. Wang zufolge steht die Anhebung der Hochschulaufnahmequote allerdings im Einklang mit dem Trend der gesellschaftlichen Entwicklung, und die Gesellschaft ist fähig, mit den Konsequenzen fertig zu werden.

„Die Anhebung sollte sich nicht nur quantitativ niederschlagen, sondern viel wichtiger auch in qualitativer Hinsicht“, so Wang. Wenn die Quantität und Qualität nicht in einem Gleichgewicht gehalten werden können, wird die zunehmende Anzahl der Absolventen lediglich die Widersprüche in der Beschäftigung schärfen und den „Überschuss“ steigern.

Bezüglich der Frage, wie China den „Überschuss“ an Hochschulabsolventen absorbieren könne, sagte Wang, dass dies von vielen Faktoren abhängig sei, in erster Linie von der Wachstumsrate der Volkswirtschaft, der marktorientierten Reform des Bildungssystems und dem Tempo der Reform des Arbeitskräftemarktes.