China und die ROK setzen neue Ziele fest
 
Der ROK-Präsident Roh Moo Hyun besuchte China mit dem Ziel, die bilateralen Verbindugnen zu verbessern, und der Hoffnung, dass Beijing mehr Einfluss auf die Entspannung der USA-DPRK-Auseinandersetzung ausüben möge. Ist dies ein neues Zeichen der engeren Beziehung zwischen den neuen Staatsführern der beiden Länder?

Von Zan Jifang

Nachdem er im Mai die USA und Japan besucht hatte, kam Roh Moo Hyung, Präsident der Republik Korea (ROK), am 7. Juli nach China – Rohs erste Reise zu seinem großen Nachbarn.

Der Hauptzweck Rohs Reise, so Beobachter, sei, China aufzurufen, mehr Einfluss auf die Regelung der Nuklearproblematik der Demokratischen Volksrepublik Korea (DPRK) auszuüben.

In den Gesprächen zwischen Roh und dem chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao am ersten Tag von Rohs viertägigem Besuch versprachen die beiden Staatsführer, daran zu arbeiten, Pjöngjang zur früh möglichsten Gelegenheit in multilaterale Gespräche zu bringen und die vor sich hin kochende Nuklearkrise auf der Koreanischen Halbinsel in Schranken zu halten.

Beide, Hu und Roh, stimmten darin überein, dass die Nuklearproblematik der DPRK friedlich durch Gespräche beigelegt und die Koreanische Halbinsel zu einer nuklearfreien Zone erklärt werden sollte.

Roh äußerte, dass er Chinas konstruktive Rolle für die Beilegung der Angelegenheit schätze, und Hu sagte, China sei bereit, seine Bemühungen „den effektivsten Weg zu finden, um die Pattsituation zu beenden und zu verhüten, dass die Situation sich verschlimmert“, fortzusetzen.

Analytiker sagten, dass Hu und Roh die gleiche Ansicht über die Nuklearproblematik der DPRK teilen würden. China tritt dafür ein, der Dialogführung Priorität einzuräumen, was im Gegensatz zu dem Standpunkt der USA und Japans, die beabsichtigen, Druck auf die DPRK auszuüben, damit diese ihre Forderungen erfüllt, steht.

Die internationale Gemeinschaft hat Chinas Rolle im Rahmen der Lösung der DPRK-Nuklearkrise große Bedeutung beigemessen. Im April hielten China, die DPRK und die USA Gespräche in Beijing ab, um die Krise, die bis dahin bereits seit neun Monaten angehalten hatte, zu mildern. Beijing hat zudem hochrangige Gesandte nach Washington und Moskau geschickt und die Kontakte mit Pjöngjang verstärkt. Jüngst hat es angeboten, als Gastgeber weiterer Gespräche über die Angelegenheit zu fungieren.

„China ist der Ansicht, dass die Sicherheitsinteressen der DPRK berücksichtigt werden müssen“, sagte Hu nach einem zweistündigen Gespräch mit Roh, das beide als „zufriedenstellend“ und „fruchtbar“ beschrieben.

Die nukleare Auseinandersetzung loderte im Oktober 2002 auf, als US-Beamte sagten, Pjöngjang habe zugegeben, ein geheimes Nuklearwaffenprogramm zu haben, was, wie die US-Seite behauptete, gegen das Abkommen mit Washington von 1994 verstoßen habe.

Den Handel ausweiten

Hu und Roh diskutierten auch andere Themen während des Gipfels, darunter die Ausweitung der bilateralen Wirtschafts- und Handelskooperation.

Seit der Normalisierung der Beziehungen im Jahre 1992 haben China und die ROK gesehen, wie der bilaterale Handel von 5 Mrd. US$ in jenem Jahr auf mehr als 44 Mrd. US$ im Jahr 2002 angestiegen ist.

China hat Japan ersetzt und ist das drittgrößte Exportziel der ROK geworden, während die ROK der fünftgrößte Exportmarkt Chinas ist. China ist zudem nach den USA und Japan der drittgrößte Handelspartner der ROK geworden.

Die Freundschaft zwischen den Völkern beider Länder wird ebenfalls enger. Etwa 40 000 chinesische Bürger besuchten die ROK 1992, ein Jahrzehnt später erreichte die Anzahl ein Rekordhoch von 1,72 Mio.

Gao Haikuan, Forschungsrat des Chinesischen Zentrums für Friedens- und Entwicklungsstudien, sagte, die gesunde Entwicklung der Wirtschafts- und Handelsverbindungen habe die Kooperation in anderen Bereichen angekurbelt.

„Es gibt kein politisches Hindernis zwischen China und der ROK, was den beiden Ländern ermöglicht, die bilateralen Verbindungen zu entwickeln und dabei ideologische Differenzen zu überwinden“, sagte Gao zu Beijing Rundschau. „Die ROK kann China unabhängiger behandeln“, setzte er hinzu. Gao sagte voraus, dass Rohs Chinabesuch, der das erste Treffen auf Spitzenebene mit sich brachte, seit die neuen Staatsführer beider Länder ihre Ämter antraten, eine neue Phase der bilateralen Beziehungen initiieren würde.

Der ehemalige Minister für auswärtige Angelegenheiten und Handel der ROK sagte in einem Interview mit japanischen Medien, dass die Freundschaft, die die ROK-Gemeinschaft für China fühle, rapide zunehmen würde. Er sagte, dass die kooperative Beziehung der beiden Länder in Sachen Nuklearkrise den Zugang der ROK zu China beschleunigen könne. Die beiden Länder könnten sich gegenseitig mit wirtschaftlichem und Personalaustausch ergänzen. Nach dem Gipfel am 7. Juli versprachen Hu und Roh, den bilateralen Handel in fünf Jahren auf 100 Mrd. US$ pro Jahr zu steigern. Konservativen Prognosen von chinesischen Experten zufolge wird das China-ROK-Handelsvolumen wahrscheinlich im Jahr 2004 über 50 Mrd. US$ hinausgehen.

Im Mai hatten die ROK-Exporte nach China 12,39 Mrd. US$ erreicht, ein 48,3%iger Anstieg gegenüber der gleichen Periode letzten Jahres, dies trotz der Auswirkungen des Akuten Atemwegssyndroms (SARS). Nachdem die Weltgesundheitsorganisation ihre Reisewarnung nach Beijing am 24. Juni wieder aufgehoben hatte, war die erste internationale Reisegruppe, die von der chinesischen Hauptstadt empfangen wurde, aus Pusan in der ROK.

In den letzten Jahren ist es in China zu einer „ROK-Flut“ und in der ROK zu einem „China-Fieber“ gekommen. ROK-Filme und -Pop-Musik haben unzählige Fans in China, während viele ROK-Studenten bestrebt sind, Chinesisch zu lernen.

Über 22 000 ROK-Studenten studieren in verschiedenen chinesischen Universitäten, während 3000 junge Chinesen an Hochschulen in der ROK studieren.

Gao Haikuan sagte, dass China und die ROK ähnliche Kulturen, Konventionen und Konzepte hätten, was für die Menschen beider Länder hilfreich sei, den jeweilig anderen zu verstehen und zu akzeptieren. „Es ist eine Seltenheit, dass in einer Spanne von 10 Jahren die Beziehungen zwischen zwei Ländern sich so schnell, tief und weitreichend entwickeln können“, sagte Präsident Roh in einem Interview mit chinesischen Medien im Vorfeld seiner Chinareise.

Um den Austausch mit China zu verbessern, entschied die ROK-Regierung vor kurzem, mehr als 20 000 Experten für China-Studien auszubilden.

Der Bildungsminister der ROK sagte, dass das gegenwärtige Bildungssystem für China-Studien den tatsächlichen Bedarf nicht decken könne. In den meisten Universitäten, die Hauptfächer in Bezug auf China anbieten würden, würden 80% der Lehrprogramme sich auf den Sprachunterricht beschränken. Im Vergleich zu der Anzahl der Spezialisten über US-Angelegenheiten in der ROK sei die Anzahl von Chinaexperten zudem weitaus geringer.

Das große Interesse der ROK an China kann auch viel mit ihrer Einschätzung zu tun haben, dass China bis zum Jahr 2020 die USA, was die Wirtschaftsstärke anbelangt, überholt haben wird und zu einer Wirtschaftssupermacht in der Welt geworden sein wird. Viele ROK-Geschäftsleute haben ausgedrückt, dass, um Geld von China zu verdienen, sie das Land erst einmal kennen lernen müssten.

Investment ist der Hauptmotor für das steigende Wachstum des bilateralen Handels. ROK-Unternehmen haben großes Interesse an Chinas riesigem Markt gezeigt, der das größte Ziel des ROK-Investments gewesen ist. Im ersten Quartal von 2003 setzten ROK-Unternehmen 310 Mio. US$ in den chinesischen Markt ein, ein Plus von 66% gegenüber dem vorhergehenden Jahr. Bis zum Mai dieses Jahres hatte das Investment von ROK-Unternehmen in China 30,31 Mrd. US$ erreicht und die ROK war Chinas sechstgrößte Auslandskapitalquelle geworden, so Statistiken der Abteilung für Asiatische Angelegenheiten des chinesischen Handelsministeriums.

In Weihai in der chinesischen Provinz Shandong machen die Angestellten der Unternehmen mit ROK-Kapital 30% aller Einwohner der Stadt aus. Es heißt, dass über 800 ROK-Unternehmen in der Stadt sind.

Das gegenwärtige ROK-Investment in China konzentriert sich in der Nähe des Bohai-Meeres. Investment in einem intensiveren Rahmen wird allerdings erwartet. ROK-Unternehmen setzen jetzt Ziele für ihr Investment in Chinas Binnengebieten, insbesondere in den westlichen Gebieten des Landes, fest.

Li Guanghui, ein Beamter des Institutes für Internationalen Handel und Wirtschaftskooperation des chinesischen Handelsministeriums, sagte, dass China und die ROK einander in Sachen Ressourcen, Arbeitskräfte, Industriestruktur, Märkte, Kapital, Technologie, Unternehmen, Management und vielen anderen Feldern, ergänzen würden, was notwendige Bedingungen für die weitere Wirtschaftskooperation liefern würde und ebenfalls eine solide Grundlage für langfristigen gegenseitigen Nutzen habe.

Diplomaten und Experten beider Länder äußerten jedoch auch, dass die bilaterale Beziehung auf Regierungsebene noch hinter den Beziehungen auf nichtstaatlicher Ebene hinterherhinken würde.

„Eine reifere diplomatische Beziehung in Übereinstimmung mit den wirtschaftlichen Verbindungen muss etabliert werden“, sagte Shi Yongming, außerordentlicher Forschungsrat des Chinesischen Institutes für Internationale Studien, in einem Telefoninterview mit Beijing Rundschau.

Eine gemeinsame Erklärung Chinas und der ROK, am 8. Juli unterzeichnet, zeigte die Bereitschaft der beiden Länder, die bilateralen Beziehungen umfassend zu verbessern. In der Erklärung gaben die beiden Länder den Konsens bekannt, eine allumfassende Partnerschaft der Kooperation zu schließen.

Der Erklärung zufolge würden die beiden Seiten die gegenseitigen Besuche und Treffen zwischen Spitzenführern verstärken und die Kanäle erweitern und den Kooperations- und Dialogmechanismus verbessern. Die beiden Seiten kamen überein, aktive Maßnahmen für eine gesunde und reibungslose Entwicklung des bilateralen Handels zu ergreifen, wobei sich an das Prinzip der Anstrebung eines Handelsgleichgewichts gehalten wird.

Der Erklärung zufolge stimmten die beiden Seiten ebenfalls überein, die gemeinsame Forschung und Kooperation in der Telekommunikation, Bioprojekten und neuen Materialien zu verbessern und den Austausch und die Kooperation im Infrastrukturaufbau, darunter Logistik, Naturressourcen, Energie und Transport zu stärken.

„Es ist ein neuer Anfangspunkt für die Staatsführer beider Länder, die Richtung der bilateralen Verbindungen neu festzulegen“, sagte Gao Haikuan. Der Gipfel sollte die Früchte des bilateralen Handels, die in den letzten 10 Jahren um das Achtfache vermehrt wurden, weiter konsolidieren, setzte er hinzu. Die engeren bilateralen Verbindungen dienten den gemeinsamen Interessen der beiden Länder und folgten dem regionalen politischen und wirtschaftlichen Trend, sagten chinesische Analytiker.

Die gegenwärtige ROK-Regierung hat das Ziel, Frieden und Prosperität in Nordostasien zu entwickeln, während die Stabilität auf der Koreanischen Halbinsel aufrechterhalten werden soll. Mit der Entwicklung der wirtschaftlichen Globalisierung und der regionalen Integrität sind die nordostasiatischen Länder sich über die Notwendigkeit der Stärkung der Kooperation bewusst geworden.

Es gebe ein riesiges Potential der Kooperation für China, Japan und die ROK, besonders aufgrund der geopolitischen und der gegenseitigen Verbindungen zwischen ihnen und ihren gegenseitig ergänzenden Charakteristika, so Analytiker.

Nordostasien mit einem BIP, das 20% des globalen Gesamt-BIPs ausmacht, und einer Bevölkerung, die das Vierfache der Bevölkerung der EU ist, ist der größte wachsende Markt in der Welt. Wenn regionale Länder aus diesen Bedingungen Vorteile ziehen könnten und die Kooperation im Handel, Investment, in den Finanzen, der Kommunikation und anderen Bereichen intensivieren könnten, würde die Region sich in ein wirtschaftliches Kraftwerk ähnlich wie Nordamerika und Europa entwickeln, so Experten.

Während seines Besuches hielt Präsident Roh eine Rede an der Tsinghua-Universität, eine der führenden Universitäten Chinas und die Alam mater des chinesischen Staatspräsidenten Hu Jintao. Er besuchte auch das Beijinger Werk der Hynduai Motor Co., des erfolgreichsten Autoherstellers der ROK, und Chinas Geschäftszentrum Shanghai. Nach seiner Russlandreise im Anschluss an seinen Aufenthalt in China werde Roh wahrscheinlich die neue Innen- und Außenpolitik festsetzen, sagten chinesische Experten voraus.

Qi Baoliang, außerordentlicher Forschungsmitarbeiter des Chinesischen Institutes für Zeitgenössische Internationale Beziehungen, sagte, dass Roh dem grundlegenden Muster der umfassenden Kooperation zwischen China und der ROK folge, da die Entwicklung einer Partnerschaft der Kooperation mit China den grundlegenden Interessen der ROK entsprechen würde. Zudem, so sagte er, habe der ehemalige ROK-Präsident Kim Dae Jung eine Grundlage für die zukünftige Entwicklung der chinesisch-südkoreanischen Beziehungen gelegt und als dessen Nachfolger werde Roh nicht zu sehr von Kim abweichen, wenn er seine Chinapolitik festlege.