Ein neuer Kampf gegen die Fluten
 

Von Lan Xinzhen

Seit über hundert Jahren kämpft China mit geringem Erfolg gegen die Überschwemmungen durch den Huaihe-Fluss. Experten schlagen vor, dass die Jahrzehnte alten Vorbeugungsmaßnahmen und Hochwasserbekämpfungstechniken fallen gelassen werden müssen, wenn man den Fluss wirklich bezähmen will.

Überschwemmungen plagten die Region am Huaihe-Fluss seit Ende Juni, seit 14. Juli beginnt der Wasserpegel wieder zu fallen, 3,9 Mio. Hektar Ackerland waren betroffen, 798 000 Hektar sind verwüstet, 650 000 Häuser wurden beschädigt oder zerstört, 16 Menschen getötet und 47,5 Mio. Menschen in Mitleidenschaft gezogen. Der unmittelbare wirtschaftliche Verlust wird auf 18,2 Mrd. Yuan (2,2 Mrd. US$) geschätzt.

In der Region am Huaihe-Fluss sind Katastrophen keine Seltenheit – immer wieder gibt es Überschwemmungen. Die Bewohner am Fluss sagen: „Große Katastrophen in Zeiten des wolkenbruchartigen Regens, kleine Katastrophen in Zeiten geringeren Niederschlags und Dürre, wenn es gar nicht regnet.“ 1950 begann die chinesische Regierung mit der Ausbaggerung des Flusses und anderen Flut-Vorbeugemaßnahmen. Aber 50 Jahre später und trotz der Investition von mehr als 10 Mrd. Yuan (1,2 Mrd. US$) sind diese Maßnahmen gescheitert, so dass die Fluten immer noch nicht gestoppt werden können.

Schwer zum Ausbaggern

Im Tongbai-Gebirge in der zentralchinesischen Provinz Henan entspringend, fließt der Huaihe durch die Provinzen Henan, Anhui und Jiangsu ca. 1000 km, bis er bei Yangzhou, Provinz Jiangsu, in den Jangtse mündet. Hydrologische Daten zeigen, dass seit Anfang des 20. Jahrhunderts der Fluss 17mal mit verheerender Wirkung über die Ufer trat, über 70 000 Menschen in den Tod riss und zu gewaltigen wirtschaftlichen Schäden beitrug.

Xiao You, stellvertretender Vorsitzender des Komitees für Wasserbau am Huaihe, sagte dazu: „Seine vielen Nebenarme, gewundenen Wasserläufe und großen Wassergefällen machen es sehr schwer, den Fluss unter Kontrolle zu bekommen.“

Der Huaihe hat acht große Nebenarme, die von Juni bis August jeden Jahres die gewaltigen Wassermassen der sintflutartigen Regenfälle in den Huaihe schwemmen. Der Wasserweg des mittleren Flussabschnittes ist gewunden und schmal, und viele Nebenarme treffen hier zusammen, so dass plötzlich viel Wasser in diesen Teil stürzt, das im Flussbecken nicht mehr abfließen kann. Das Wasser brandet in den Hongze-See, der im tiefer gelegenen Gebiet des Flusses liegt, wo sich die Überschwemmungen konzentrieren.

Während manche Experten meinen, dass das natürliche Terrain des Flusses der Grund für die Überschwemmungen sei, gibt es auch andere Meinungen. Hu Tinghong, früherer stellvertretender Direktor des Amtes für Wasserwirtschaft der Provinz Anhui, sagte: „Der Hauptgrund für die Überschwemmungen entlang dem Huaihe sind die fehlgeschlagenen Maßnahmen zur Flutbekämpfung.“

Nach Hu sind die entsprechenden Projekte daran gescheitert, dass sie vom Wasserstand, wie er in den 1950er Jahren gemessen wurde, der relativ niedrig lag, ausgingen und die Möglichkeiten größerer Wassermassen nicht in Betracht zogen. Der Entwurf der Projekte orientierte sich eher an Bewässerungskanälen als an Überschwemmung, sagte er. „Wenn die Flut kommt, dann funktionieren die Einrichtungen nicht. Tatsächlich hemmen sie nur die Wassermassen (während Kanäle sie in ungefährliche Bahnen lenken). Am 6. Juli zum Beispiel musste ein Deich im Tangduo-See, der im mittleren Verlauf des Flusses liegt, gesprengt werden, damit das Flutwasser abfließen konnte.“

Die Tatsache, dass der Fluss nur sporadisch große Wassermassen mit sich führt, ist ein weiterer Grund, warum er schwer kontrollierbar ist. Nach der Flut von 1991 bestimmte der Staatsrat 19 Schlüsselprojekte, um den Huaihe-Fluss auszubaggern, und stellte dafür 7,43 Mrd. Yuan (895,2 Mio. US$) bereit. Aber in den folgenden Jahren gab es nur wenig Niederschläge, die zu einer Dürreperiode führten. Die Leute verloren ihre Wachsamkeit, und 12 Jahre später sind erst zwei der geplanten 19 Projekte vollendet.

Nach den Fluten im Jahre 1950 baute das zuständige Ministerium Flutwasserspeicherungs- bzw. Flutwasserumleitungsareale; jetzt gibt es über 100 davon. Die Menschen in diesen Gebieten wurden nicht umgesiedelt, und so werden sie bei jeder Flut aufs Neue ihr Opfer.

Laut dem Ministerium für Wasserwirtschaft sollte es in Flut- und Überschwemmungsgebieten natürliche oder von Menschen gemachte Hochebenen geben, damit die Bewohner dieser Gebiete darauf siedeln können und nicht im Zweifelsfalle evakuiert werden müssen. Aber dafür reichen die vorhandenen Hochebenen mit einer Kapazität von 378 900 Menschen nicht aus. Dieses Jahr werden 47,5 Millionen Menschen von Überschwemmungen betroffen.

Die Kontrolle der Überschwemmungen und die Regulierung des Huaihe waren immer das wichtigste Ziel der chinesischen Wasser-Politik. 1950 begann die Regierung, das Flutwasser des Huaihe durch Befestigung der Deiche und Vertiefung der Flussläufe am Ober- und Mittellauf des Flusses zu kontrollieren, aber inzwischen sind 50 Jahre vergangen und das Hochwasser ist immer noch nicht unter Kontrolle.

„Chinas Wirtschaft ist noch nicht weit genug, um wirklich das Hochwasser erfolgreich zu bekämpfen“, sagte Jiao Yong, Leiter der Plankommission im Ministerium. „Das Schlüsselproblem ist, herauszufinden, wie man Verluste minimiert und alte Auffassungen über die Hochwasserverhütung korrigiert.“

Die Art, wie bzw. ob der Fluss auszubaggern ist, sollte vollständig revidiert werden. Er sagte, Flutwasser sollte das ganze Jahr vollständig abfließen können, nicht nur, wenn die Region mit einem Hochwasser zu kämpfen hat, und die Menschen müssen in Flutprävention und Katastrophenhilfe einbezogen werden.

Er fügte hinzu, Hochwasservorsorge und Katastrophenschutz sollten auch in Rechnung stellen, dass das abgelenkte Regenwasser besser genutzt wird, da die Fluten des Huaihe nicht das einzige Problem seien. In Zeiten geringer Niederschläge gibt es am Ober- und Mittellauf des Flusses Dürreperioden. In den 1990ern waren die Verluste durch Hochwasser mit nur 1% des regionalen BIP geringer als die durch Wassermangel mit 1,7%. Alte Ideen betreffen die Hochwasserprävention und die Arbeiten am Flussbett, anstatt Flussmanagement zu betreiben und die Wasserressourcen auszunutzen. Als Folge davon fließen große Mengen wertvolles Regenwasser in den See, um später die Dürre zu bekämpfen.

„Wir machen große Anstrengungen, um ein neues System der Hochwasser- und Katastrophenvorbeugung zu entwickeln und das Flutwasser entsprechend ausnutzen zu können“, sagte Jiao.

Der frühere Chefingenieur des Komitees für Wasserbau am Huaihe, Wu Benrui, sagte, dass einer der leichtesten Pläne für das neue Umgehen mit dem Fluss sei, „das Land dem Fluss zurückzugeben“. Das heißt, China sollte die Bewohner gefährdeter Gebiete umsiedeln, und alle Staubecken und Wasserumleitungsprojekte dem Fluss zurückgeben als permanente natürliche Wasserspeicher. Wu Benrui hat an den Flussarbeiten seit 1951 teilgenommen und ist in die Forschungen seit 50 Jahren involviert; so wird er jetzt als respektable Autorität auf diesem Gebiet angesehen.

„Dem Land erlauben, wieder Teil des Flusses zu werden, erlaubt dem Hochwasser, ohne ernstlichen Schaden der Menschen abzufließen. Dies wird uns ebenfalls erlauben, wichtige Gebiete zu schützen und Wasserressourcen zu bilden, um unser Grundwasser wieder aufzufüllen.“

Das meiste tiefer gelegene Land entlang dem Huaihe-Fluss war einst ein natürlicher Wasserspeicher. Menschen kultivierten Getreide in diesem Gebiet und bauten Dörfer. Jetzt hat die lokale Amtsgewalt bewusst damit begonnen, die Siedlung in den Überlaufgebieten zu reduzieren, und in einigen Gebieten wurden die Anwohner umgesiedelt.

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Hochwasser entlang dem Huaihe-Fluss: 1950-2003

1950: Die Flut traf den oberen und mittleren Verlauf des Flusses. Betroffen waren die Gebiete im Osten der Provinz Henan und im Norden der Provinz Anhui mit 3,1 Mio. Hektar verheertem Ackerland und beinahe 1000 Toten.

1954: Sechs Stürme mit sturzflutartigem Regen trafen das Einzugsgebiet des Huaihe. Dämme im Gebiet des nördlichen und mittleren Flusslaufs brachen zusammen, weite Teile der nördlichen Flussebene wurden unter Wasser gesetzt. Insgesamt wurden 4,1 Mio. Hektar Ackerland beschädigt und 1930 Menschen starben in den Provinzen Anhui und Jiangsu.

1956: Zu viele Niederschläge hoben den Wasserpegel im Gebiet des oberen Flusslaufs und des Hongze-Sees über die gefährliche Marke und erfassten die mittleren und tieferen Gebiete. Im ganzen Huaihe-Einzugsgebiet wurden 4,2 Mio. Hektar Ackerland verwüstet, 1,08 Mio. Häuser zerstört und 1200 Menschen getötet.

1957: Flutwellen im Huaihe-Einzugsgebiet beschädigten 3,9 Mio. Hektar Ackerland und 2,6 Mio. Häuser. 1070 Menschen wurden Opfer der Fluten.

1968: Fluten kamen am Ober- und Mittellauf des Huaihe vor. Die Abflussbecken von Bengbu wurden genutzt; die Kreisstadt Huaibin wurde überflutet. 507 000 Hektar Ackerland wurden beschädigt, 374 Menschen starben.

1974: Die Fluten trafen Huaiyin im Flusstal, zerstörten 1,3 Mio. Hektar Ackerland und 880 000 Häuser. Insgesamt kamen 262 Menschen in den Fluten um.

1975: Nebenflüsse am Oberlauf des Huaihe brachten Hochwasser, zwei Abflussbecken in Banqiao und Shimantan brachen. Über 5,6 Mio. Häuser brachen zusammen und 26 000 Menschen starben.

1991: Die schwerste Überschwemmung seit 1950, drei Staubecken und 14 Abflussbecken wurden genutzt. In den am schwersten betroffenen Provinzen Anhui und Jiangsu wurden 9,7 Mio. Hektar Ackerland verwüstet, 3,5 Mio. Häuser stürzten ein, 1163 Menschen wurden getötet. Der unmittelbare wirtschaftliche Verlust betrug 48,5 Mrd. Yuan (5,8 Mrd. US$)

2003: Sintflutartige Regenfälle trafen das Huaihe-Einzugsgebiet im Juni. Bis zum 14. Juli wurden 3,9 Mio. Hektar Ackerland beschädigt, 798 000 Hektar wurden völlig zerstört. 650 000 Häuser wurden beschädigt oder zerstört. 47,5 Mio. Einwohner waren betroffen, 16 Menschen starben. Bis dahin wurde der unmittelbare wirtschaftliche Verlust auf 18,2 Mrd. Yuan (2,2 Mrd. US$) beziffert.