Jenseits der Drei Schluchten
 
Von Sarah Tang & Geoff Murray

Seit Jahrhunderten haben Künstler versucht, die wilden, in Nebel gehüllten Herrlichkeiten des Jangtse, der sich durch die drei Schluchten, die berühmten Sanxia, seinen Weg bahnt, einzufangen. In der Tat dachten einige im Westen anfangs, dass sie die atemberaubende Wirkung übertrieben hätten.

In jüngerer Zeit haben Touristen auf den Decks von Schiffen, die sich durch die rapide Strömung schlugen, gestanden, um in Ehrfurcht auf das Meisterwerk der Natur, das sich über ihnen aufbaute, zu starren.

Als vor fast 10 Jahren die Arbeit am Drei Schluchten-Damm begann, der den Wasserstand hinter ihm über 100 m hinaufsetzte, waren einige in Sorge darum, dass die visuellen Auswirkungen der abfallenden Klippen und gezackten Gipfel verloren gehen könnten.

Da die Touristen jedoch weiter in Scharen in die Schluchten strömen, werden die traditionellen hängenden Särge (1000 Jahre alte Särge, die von der alten Ba-Minderheit in die Klippen eingekeilt wurden) und die alten Überführungen an den Klippen noch immer da sein -- Seite an Seite mit einem neuen landschaftlichen Wunder: dem hochragenden Damm und Wasser, das sich in künstlichen Wasserfällen, die von den fünf Schiffschleusen, die die weitere Schifffahrt auf diesem Abschnitt Chinas längsten Flusses ermöglichen, geschaffen wurden, ergießt.

Chinesische Experten halten daran fest, dass der Schaden für die visuelle Schönheit der Drei Schluchten nicht so groß sein werde. Von April bis Oktober, in der goldenen Reisezeit, wird das Wasser in dem Reservoir aufgrund der Notwendigkeit der Hochwasserkontrolle auf einem niedrigen Level gehalten werden.

Darüber hinaus erreichen die Berggipfel auf beiden Seiten der Schluchten 1000 bis 1500 m an Höhe, daher wird der geplante Anstieg des Wasserstandes in Höhe von 30-80 m in dieser Saison wenig Auswirkung auf die mächtige und abgeschiedene Szenerie, die seit Jahrhunderten bildlich festgehalten wurde, haben.

Reiseleiter der Jangtse-Schifffahrten, die Boottouren durch die Drei Schluchten anbieten, sagten, einige historischen Plätze und Relikte würden unter Wasser gehen (es sind jedoch auch Bemühungen unternommen worden, historische Schätze an andere Örtlichkeiten außerhalb der Flussreichweite zu verlegen), es wird jedoch weiter noch eine Menge zu sehen geben.

Tourismus ist lediglich einer der Sektoren, die von dem Mammutprojekt beeinträchtigt werden.

Vor einem Jahrhundert war menschliche Kraft vonnöten, um Passagier- und Frachtboote limitierter Tonnage gegen die heftige Strömung zu ziehen.

Jetzt, sagen Ingenieure, bedeute die Schaffung des Reservoirs, dass eine 10 000 Tonnen schwere Ozeanfrachtflotte in der Lage sein werde, sechs Monate pro Jahr direkt in das Innere des Landes zu segeln, wodurch eine Region geöffnet werde, die mit landwirtschaftlichen und hergestellten Produkten floriert.

In der Tat wird die Kombination einer besseren Flussnavigation und des Netzwerks an neuen Straßen und Schienensträngen, das jetzt gebaut wird, einen weiten Landstrich des entlegenen Südwestens des Landes nicht nur für den Tourismus, sondern auch für viele neue Industriebranchen öffnen.

Insbesondere sollte es einen Boom für Chongqing, eine regierungsunmittelbare Stadt mit mehr als 30 Mio. Einwohnern und etwa 1500 Meilen landeinwärts, bedeuten.

Beamte hoffen, dass die Kombination von günstiger Elektrizität und billigem Flusstransport die Region für das internationale Investment weiter öffnen wird, wodurch aus Chongqing ein großes Geschäftszentrum und ein wichtiges Gegengewicht zu Shanghai an der Mündung des Jangtse, der oft als Drachen mit den beiden Städten als Kopf bzw. als Schwanz dargestellt wird, gemacht werden könnte.

Der zweite Stromerzeuger am Dammstandort wurde Mitte Juli offiziell an das landesweite Netz angeschlossen. Von dem französischen Alstom gebaut und mit einer Erzeugerkapazität von 700 MW war geplant, dass er Anfang August kommerziell in Betrieb gehen sollte.

Lin Chuxue, Vizepräsident der China Yangtze Three Gorges Project Development Corporation (CTGPC), eines staatlichen Flaggschiff-Unternehmens, das für die Entwicklung und den Betrieb des laufenden Drei Schluchten-Projektes zuständig ist, bemerkte, dass das Projekt bisher vertragliches Auslandskapital in Höhe von etwa 1,3 Mrd. US$ genutzt habe.

Chen Hongbin, Vizedirektor der CTGPC-Abteilung für Internationale Kooperation, zufolge hat das Projekt zudem Chinas Herstellungs- und Design-Kapazität des Wasserkrafterzeugungsequipments vorwärts getrieben. Verträge für die erste Gruppe der 14 Stromerzeuger erfordern einen Technologietransfer an inländische Partner und eine gemeinsame Produktion von mindestens einem Drittel aller Produkte.“

Eine weitere Ausschreibungsrunde würde zu gegebener Zeit für die ersten vier Einheiten der verbleibenden 12 Stromerzeuger abgehalten werden, setzte er hinzu.

Lin sagte zudem, dass vier Erzeuger und möglicherweise sechs, wenn alles gut laufen sollte, noch in diesem Jahr kommerziell in Betrieb gehen würden. Letztendlich würde es 26 Generatoren geben, jeder mit einer Erzeugungskapazität von 700 MW.

Das Projekt solle dieses Jahr etwa 7 Mrd. kWh für ein Dutzend Chinas stromärmster Provinzen produzieren, sagte er.

Feng Fei vom Entwicklungsforschungszentrum des Staatsrates sagte, diese Entwicklung sei zu einem wesentlichen Moment geschehen und von großer Bedeutung für die Reform der Elektrizitätsindustrie.

Dies liegt daran, dass das Projekt autorisiert ist, durch regionale Grenzen zu brechen, um Elektrizität nach Ost- und Südchina zu schicken. Die Zentralregierung hat für eine große Anzahl der Provinzen arrangiert, Beförderungssysteme zu bauen, um die Elektrizität, die vom Damm erzeugt wird, zu übermitteln.

Sobald alle 26 Generatoren der Drei Schluchten in Betrieb sind, werden sie insgesamt eine Elektrizitätserzeugungskapazität von 18,2 MW pro Jahr haben. In der fernen Zukunft werden mehr Wasserkraftstationen entlang des Oberlaufs des Jangtse gebaut werden, um eine Gesamtkapazität von 40 MW zu produzieren, was schätzungsweise ein Zehntel des landesweiten Gesamtbetrags ausmachen wird.

Zunehmende Umweltschutzbedenken haben China dahin gebracht, verschiedene Maßnahmen zu ergreifen, um die Nutzung von sauberer hydroelektrischer Kraft zu fördern und dadurch die gegenwärtige kohleorientierte Energiestruktur zu ersetzen, die in vielen Regionen zu ernster Umweltverschmutzung geführt hat.

Zu gegebener Zeit würde das Projekt mehr als seine ersten Kosten zurückzahlen, aber gegenwärtig muss mehr Geld für seine Fertigstellung aufgebracht werden.

Die China Yangtze Electric Power Corp., eine Tochtergesellschaft der CTGPC, erhielt vor kurzem eine behördliche Zustimmung, ein erstes öffentliches Angebot (initial public offering, IPO) von A-Aktien an heimischen Aktienmärkten später im Jahr zu starten.

Die wirtschaftlichen Nutzen des Drei-Schluchten-Projektes sind bereits in der umliegenden Region zu spüren gewesen und ein Anzeichen für die helle Zukunft vieler Sektoren in den kommenden Jahren.

Vor 11 Jahren war die Fuling-Fabrik für Traditionelle Chinesische Medizin eine kleine Firma mit nur drei Werkstätten aus Schlammsteinen und sieben Produktionsbottichen. Inzwischen ist sie jedoch Chinas größter Gigant der traditionellen Medizin – die Taiji-Gruppe mit drei börsennotierten Firmen und 54 Tochtergesellschaften und einem Jahresbruttoabsatz von 5,5 Mrd. Yuan (662 Mio. US$) im Jahr 2002 -- geworden.

„Als die Fabrik in den 1980ern fast vor dem Bankrott stand, führte der Vorstandsvorsitzende Bai Lixi alle Arbeiter an, hausgemachte Getränke mit traditioneller Medizin auf der Straße zu verkaufen“, erinnerte sich Wang Xiaojun, stellvertretender geschäftsführender Generalmanager der Gruppe.

„Unterhalb des 135 m hohen Wasserstandes liegend, war unsere Fabrik für einen Standortwechsel aufgelistet, und wir hatten auszuziehen“, sagte Wang. „Es war die finanzielle Unterstützung der Regierung, die uns rettete.“ Von 1992 bis letztes Jahr hat die Taiji-Gruppe Beihilfen für den Umzug in Höhe von über 15 Mio. Yuan (1,8 Mio. US$) erhalten. All das Geld wurde für den Standortwechsel genutzt.

„Dieses Geld bedeutet wenig für das heutige Taiji, aber in der damaligen schwierigen Zeit war es wirklich hilfreich“, sagte der Manager. Mit der finanziellen Hilfe machte die Gruppe eine Reihe von technischen Erneuerungen.

1994 baute sie Asiens größte Sirupproduktionsbasis, und bis 2003 hatte sie ein nationales Zentrum, zwei Provinzzentren, vier Forschungsinstitutionen und 13 Ärztearbeitsstätten für die traditionelle Medizin gegründet.

„Wir erwarten einen Durchbruch von 10 Mrd. Yuan (1,2 Mrd. US$) bis zum Jahr 2007“, sagte Wang hinzusetzend. „Die Gruppe wird von den Drei Schluchten auf die Weltbühne treten.“

Bisher sind 1043 Unternehmen in den Drei Schluchten verlegt worden, 820 darunter waren unter dem Wasserstand in Höhe von 135 m. Wie die Taiji-Gruppe stammen viele kleine Unternehmen im Drei- Schluchten-Gebiet von den Bergen entlang des Jangtse. Sie haben erfolgreich die Gelegenheit ergriffen und sind neue Geschäftsgrößen in der Region geworden.

--------------------------------------------------------------------------------------------

Bau in drei Schritten

Nach Fertigstellung wird das Drei-Schluchten-Dammprojekt der größte Mehrzweck-Hydrokomplex in der Welt sein. Es wird sich fast 1,6 km weit und 185 m in die Höhe über den drittlängsten Fluss der Welt erstrecken, wobei sein Reservoir über 600 km flussaufwärts reichen wird. Der Bau begann im Jahr 1994 und soll 17 Jahren dauern und über 22 Mrd. US$ kosten.

Erste Phase, 1993-1997: Projektvorbereitung und erste Bauphase, die in der Eindämmung des Jangtse im November 1997 gipfelte. Das Wasser des Jangtse wurde durch einen Umleitungskanal umgeleitet, folglich stieg der Wasserstand im Drei-Schluchten-Gebiet um 10 m.

Zweite Phase, 1998-2003: Installation der ersten Generatoren auf der nördlichen Seite, die begonnen haben, Strom zu erzeugen, die fünfstufige permanente Schiffsschleuse am Südufer hat ebenfalls begonnen, in Betrieb zu gehen. Das Reservoir wurde zwischen dem 1. und dem 15. Juni 2003 gefüllt, als der Wasserstand in den Drei Schluchten von 66 m auf 135 m über dem Meeresspiegel anstieg.

Dritte Phase, 2004-2009: Der Damm wird auf 185 m aufgestockt werden, und 12 weitere Turbinen werden am Südufer installiert werden. Der Wasserstand soll im September 2006 auf 156 m angehoben werden. Bei Fertigstellung des Projektes im Jahr 2009 soll der Wasserstand 175 m erreichen, worauf sich mit „normaler Staubeckenstand“ bezogen wird. Dann soll das Projekt eine Jahreserzeugungskapazität von 85 Mrd. kWh haben.

Der Damm ist im Ausland oft Gegenstand der Kritik gewesen, insbesondere unter denjenigen, die Befürchtungen über seine Sicherheit aufkommen ließen und ihn als eine Umweltgefahr sahen, was die chinesische Regierung stets als unbegründet zurückwies. Die Entdeckung von einigen geringfügigen Rissen im Beton des Damms Anfang dieses Jahres verursachte einige Bedenken, eine Expertengruppe von der Zentralregierung kam den Erbauern schnell zur Hilfe, die ihr Bestes taten, um die Sicherheit des weltgrößten Damms zu gewährleisten.

Eine Gruppe von inspizierenden Experten, gesendet vom Staatsrat, fand am 20. Mai Risse im Beton. „Die Risse zeigen, dass es nach wie vor Raum für Verbesserungen in unseren Bauarbeiten gibt, sie zeigen jedoch nicht, dass der Bau des Damms nicht den Ansprüchen der Architekten genügt“, sagte Chi Wenjiang, Sprecher des Baukomitees für Drei-Schluchten-Projekt des Staatrates.