Hoch mit der Roten Laterne und hoch mit den Einkünften
 
Das Chinesische Staatsballett ist mithilfe des berühmten Filmregisseurs Zhang Yimou auf einer gewinneinbringenden Tournee unterwegs.

Von Tang Yuankai & Zhang Jinqin

Er ist der Alexander der Große des chinesischen Showbusiness. Zhang Yimou tut es wieder: eine neue Bühne in einer neuen Kunstrichtung erobern – nachdem er unter der ersten Generation von Filmmachern, die Chinas ersten internationalen Auszeichnungen in der Reformzeit nach Mao in den Händen hielten, gewesen ist, die Welt mit dem Glanz der Aufführung von Turandoz in der Verbotenen Stadt verzaubert hat, wo er als künstlerischer Leiter fungiert hat, und junge patriotische Sportfans für den Film, den er für Beijings Bewerbung um die Austragung der Olympischen Spiele 2008 gedreht hat, begeistert hat – fasziniert er nun das heimische Publikum, indem er Regie bei dem Ballettstück „Die rote Laterne“ führt.

Jetzt nimmt er seine Truppe hingebungsvoller Darsteller, das Chinesische Staatsballett, auf eine wagemutige Expedition mit – er möchte die Theaterliebhaber in Westeuropa, wo die Wiege des klassischen Balletts ist, erobern.

In Vorbereitung auf diese Expedition haben Zhang und seine Kollegen ihr Kunstwerk in einer derartig hohen Geschwindigkeit entworfen, produziert, erneut entworfen und erneut produziert, dass sie fast wie eine IT-Firma erschienen, die eine neue Software-Edition am Fließband herstellt.

Schließlich kann man sagen, wie es so schön heißt, dass die Schlagkraft bereit ist. Es ist „Die rote Laterne, Version 2.0“ – eine drastisch überarbeitete Version eines Stückes über eine chinesische Geschichte, die von Zhang bereits früher in einem seiner Filmmeisterwerke erzählt wurde.

Es heißt, dass 90% des Ballettstückes abgeändert worden seien, und im Vergleich zur Entschlossenheit des Chinesischen Staatsballettensembles, seine ersten europäischen „Gefangenen“ zu machen, hat Zhang einen noch größeren Ehrgeiz, nämlich die chinesische Balletttruppe finanziell unabhängig zu machen.

Ballettensembles sind, was den finanziellen Status anbelangt, das hässliche Entchen unter den chinesischen Kunstensembles, die kontinuierlich, wenn auch zögerlich weitaus nicht ausreichende Gelder von der Regierung fordern.

Diesmal, so sagten die Manager des Ensembles, hofften sie, indem 20 Vorstellungen in Europa anberaumt worden seien, darunter sieben für die chinesische Regierung während der Chinesisch-Französischen Kulturwoche, und der Rest in Großbritannien und Italien, dass sie zumindest, oder annähernd, keine Verluste machen würden.

An der Heimatfront trägt Zhang Yimous Name allerdings bereits dazu bei, dass die neue Version der „Roten Laterne“ auf ihrer Tournee durch China im Vorfeld ihrer Europa-Expedition ein Riesengeschäft machen wird.

Dies ist das erste Mal, dass die Balletttänzer der Chinesischen Staatstruppe, die jahrelang unterbezahlt waren und lediglich von ihrer persönlichen Hingabe getrieben wurden, so viel Geld zu Gesicht bekommen haben. In der Tat, wie einige chinesische Kunstkritiker sagen, könnte die „Rote Laterne“ das erste Zeichen sein, dass das hässliche Entchen endlich zu einem lebensfähigen Business herangewachsen sei, was der oft brutal konkurrenzbetonten grauen Marktwirtschaft etwas wertvolle Farbe hinzufügen würde.

Eine neue Kunst, ein neues Territorium (und Applaus von einem neuen Publikum) und neue Gewinne, Zhang der Große verfolgt all dies auf einmal. Und diesmal könnte er all dies erreichen.

Satz I: Veränderung

Ballett, eine westliche Kunstform, kam als erstes vor 50 Jahren nach China. Aber abgesehen von einigen wenigen äußerst politischen „Revolutions“-Ballettstücken in der Mao-Ära haben chinesische Ensembles auf der internationale Ballettbühne nicht wirklich viel Aufmerksamkeit errungen. Aber ein oder zwei Bravos aus Europa zu verdienen, ist ein unermüdlicher Traum vieler chinesischer Künstler gewesen.

Das Chinesische Staatsballett, das 1959 gegründet wurde, war wie jede vom Staat unterhaltende Institution in China und die Reform seiner Finanzstruktur ist langsam gewesen. In den 1980er und 1990ern, als die Staatsgelder dahinschwanden und viele Künstler verzweifelt gingen, wurde kaum Fortschritt gemacht.

Es war erst vor ein paar Jahren, als das Staatsensemble endlich begriff, dass die guten alten Tage, als das Unternehmen bequem von den Staatszuschüssen leben und dann und wann einige klassische Stücke auf die Bühne bringen konnte, für immer vorbei waren. Das ist der Grund, warum Zhang Yimou aufgesucht wurde – wegen seines Namens, seines Ruhmes, seiner geschickten Hand beim Filmemachen und seines anscheinend unbegrenzten Potentials der künstlerischen Leitung.

Satz II: Kontroverse

Die Geschichte der „Roten Laterne“, die zuvor in einem Spielfilm von Zhang Yimou verarbeitet wurde, wurde als gutes Material für die Wiedergabe einiger chinesischer Kunstkonzepte und den Kontrast zwischen der inneren Welt chinesischer Frauen und der realen Welt gesehen.

Die Geschichte spielt in den 1920ern. Sich in einer großen Hofanlage einer altmodischen patriarchalischen Familie abspielend entfaltet sich die Geschichte im Rahmen der Liebe und des Hasses zwischen dem Herrn des Hauses und seinen drei Ehefrauen (oder Konkubinen), wobei die Liebesaffäre zwischen der dritten Frau und einem Peking-Oper-Darsteller der Hauptfaden des Stückes bildet – mitten unter vielen chinesischen Dingen: Peking-Oper, Terrakotta-Soldaten (wie man sie in dem Mausoleum von Qinshihuang in Xi’an sehen kann), Laternen, Mahjong-Spiele, holzgeschnitzte Fensterrahmen und seidene Qipaos (traditionelle hochgeschlitzte Kleider).

Weil er eine derartige Geschichte auf die Bühne bringen sollte, d.h. eine, die die düstere Seite Chinas in seiner vorrevolutionären Zeit zeigt und zwar mit all der Technik, die er so meisterhaft von verschiedenen Kunstformen benutzt, fand Zhang sich vom ersten Tag an, als seine Produktion auf die Bühne kommen sollte, von einer ganzen Flut von Kontroversen umgeben.

Glücklicherweise hat die Kunst in China nicht länger sorgfältig wegen einer angeblichen politischen Bedeutung analysiert zu werden. Und für das Staatsballett war dessen Wahl von Zhang, so verzweifelt sie auch war, letztendlich eine äußerst lohnende Investition. In zwei Jahren wurde das Ballett in Zhangs Originalversion 57mal aufgeführt, wobei das Staatsensemble fast 10 Mio. Yuan (1,09 Mio. US$) einnahm.

Satz III: Mehr Veränderungen

Diesen Sommer haben Massen von jungen Leuten die Theater „überfallen“, dies in Schlangen anstehend, um die begehrteste Vorstellung dieser Saison zu sehen. Es handelte sich jedoch nicht um einen Canton-Popsänger aus Taiwan oder Hong Kong, der mitten unter violetten Laserstrahlen und grünem Feuerwerk auf der Bühne landete.

Das begehrte Ticket gilt momentan für ein Ballett. Zumindest in Shenzhen und Wuhan – und in Beijing, wo das Ballettensemble herkommt. Das Beijinger Tianqiao-Theater, wo das Chinesische Staatsballett seine Tournee der diesigen Saison startete (bis nach Europa), war der Höchstpreis 800 Yuan (etwa 100 US$).

Sogar die günstigsten Tickets kosteten 100 Yuan das Stück, mehr als das Tageseinkommen eines Beijinger Taxi-Fahrers.

„Dennoch würde es sich lohnen“, sagte Zhao Ruheng, Präsidentin des Chinesischen Staatsballetts.

„Mit ausdrucksstärkerem Tanzen, einer Menge reiferen Details und Geschichtssträngen und bereicherten Rollenbildern wird die neue Version den ästhetischen Geschmack des Publikums besser treffen“, sagte sie in einer Werbekampagne des Ensembles vor der Vorstellung.

Offensichtlich erhielt die Aufführung große Aufmerksamkeit. Nach der ersten Vorstellung berichtete Beijings Show-Business-Presse, dass der Applaus für fast 10 Minuten anhielt. „In der ganzen Vorstellung spürt man immer wieder, dass Zhang Yimou versucht, etwas Zauber heraufzubeschwören. Damit kann man seinem Gedankengang folgen und man schätzt die glänzenden Verknüpfungen in dem Stück“, so hieß es in einem Kommentar der Beijing Youth News.

Feststellend, dass die neue Version des Balletts verfeinert wurde, nannte die Chinese Merchants News die „Rote Laterne“ „ein sehr chinesisches Ballett“.

Ou Jianping, einem landesweit bekannten Choreografen und Ballettkommentator, zufolge sei die „Rote Laterne“ nicht unbedingt ein Meisterwerk. „Aber das Stück ist okay. Es hat bereits Bedeutung, da es in der Öffentlichkeit so viel Aufmerksamkeit für das chinesische Ballett errang.“

Ou bemerkte, dass niemals in den letzten beiden Jahrzehnten eine Ballettvorstellung so viele chinesische Bilder und Konzepte integriert und so große Massen angezogen habe.

Satz IV: Mehr Kontroversen

Die Manager und Darsteller des Chinesischen Staatsballetts waren in der Tat überrascht über ihre eigenen Errungenschaften. Von den ersten drei Vorstellungen in Beijing ernteten sie 600 000 Yuan (72 000 US$) an den Abendkassen, was das Dreifache der Einnahmen ist, die das Tianqiao-Theater sonst durchschnittlich für eine Show macht. Darüber hinaus gab es eine weitere halbe Million Yuan (60 000 US$) von einem Unternehmenssponsoren.

Geld ist jedoch der einzige Aspekt, wo sich alle einig sind, dass die „Rote Laterne“ ein Erfolg ist. In der Tat hat Zhang Yimou niemals einen Mangel an Leuten, die seine Arbeit nicht mögen. Auch wenn er großes Talent für Kunstproduktionen hat, ist er dennoch ein Outsider in der Welt des Balletts.

Alles was er auf der Bühne gemacht habe, so Liu Jing, einem Kommentator für die Guangming Daily, zufolge, sei das Einzige, worin er gut sei, nämlich visuelle Effekte zu nutzen, um die Banalität in seiner Darstellung der Rollen und deren innerer Welt zu kaschieren – trotz der Tatsache, dass die Geschichte eigentlich weit aus mehr Spielraum für eine derartige Darstellung habe.

Die Musik sei nichts Besonderes, schrieb Liu. Die ganze Show sei in abgebrochene, fragmentarische Musikstücke eingewickelt, abgesehen von dem vollbeladenen Titelstück.

Shen Minhua, Herausgeber eines nationalen Magazins über die Tanzkunst, habe die „Rote Laterne“ noch an ihrer Choreografie zu arbeiten. Auch wenn sie gegenüber ihrer ersten Version einige Verbesserungen hat, gibt es keine Tänze, die stark genug sind, um einen unvergesslichen Eindruck beim Publikum zu hinterlassen.

Einige Presseberichte zitierten Publikumsaussagen, die die Vorstellung mit „das Beste der Bühnenkunst“, „beste Musik“, aber nur „etwas über dem Durchschnitt“, was die Choreografie anbelangt, bewerteten.

Wird Zhang Yimou, der sich vor zwei Jahren nur „einen Studenten“ in Choreografie nannte, in der Lage sein, mit einer Lösung aufzuwarten? Er hat bereits eine neue Version des Balletts in Arbeit und hofft, der Bühnenvorstellung der „Roten Laterne“ mehr Leben und mehr Anreiz zu verleihen.

Wird das europäische Publikum seiner Produktion einen warmen Empfang bereiten?

Werden die Darsteller des Chinesischen Staatsballetts letztendlich lernen, ohne Zhangs Regie zu leben und ihre Leistung auf den Punkt der Perfektion zu bringen?

Wie viele Reformen in China wird auch diese vielleicht nur zu mehr Fragen führen.