Stabilität, nicht Geschwindigkeit ist das Ausschlaggebende
 
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Profil von Wang Jian

Wang Jian, am 28. November 1954 in Beijing geboren, schloss sein Studium im Jahr 1982 am Zentralchinesischen Institut für Finanzen und Bankwesen ab und wurde in das Wirtschaftsforschungsinstitut der Staatlichen Planungskommission (jetzt als die Staatliche Planungs- und Reformkommission bekannt) versetzt.

Im Jahr 1993 gewährte ihm der Staatsrat den Titel des Experten auf Staatsebene mit besonderen Verdiensten. Seit 1995 fungiert er als stellvertretender geschäftsführender Generalsekretär der Chinesischen Gesellschaft für Makrowirtschaft. Einst mit dem Preis für Chinas erste außerordentliche Mitarbeiter der Wirtschaftsreform ausgezeichnet, wurde er 1988 auch als eine von Chinas Spitzenkräften der Jugend des Jahres geehrt. Er hat zudem viele Preise für wissenschaftliche Fortschritte von verschiedenen Ministerien unter dem Staatsrat gewonnen.

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Kocht Chinas Wirtschaft über oder kühlt sie sich ab? Statistiken, die im Juni herausgegeben wurden, scheinen beides zu bestätigen. Von den Wachstumsraten der Wirtschaft und der Währung aus beurteilt, ist Chinas Wirtschaft in Richtung „Überhitzung“ unterwegs, während vom Markt, von den Preisen und der Beschäftigung aus betrachtet der Trend in Richtung „Abkühlung“ geht.

Wang Jian von der Chinesischen Gesellschaft für Makrowirtschaft teilte seine Meinungen über diese Debatte mit Beijing Rundschau. Wang sagte, die Hauptgefahr für Chinas Wirtschaft sei weder heiß noch kalt, sondern, worüber die Wirtschaftsexperten sich Sorgen machen sollten, seien die mittel- und langfristigen Auswirkungen der schwachen Verbrauchernachfrage und deren Ursachen auf das Wachstum. Im Folgenden sind einige Auszüge seiner Ansichten abgedruckt:

Bremsen nicht notwendig

Beginnend im Jahr 1994 fiel Chinas Wirtschaftswachstumsrate für acht aufeinanderfolgende Jahre, wobei die Preissituation sich von der Inflation in die Deflation begab.

Dieses Jahr sieht ein stärkeres Wachstum in der Wirtschaft und ein aufgestocktes Investment in vielen Industriebranchen. Das Wachstum erinnert jedoch an frühere Überhitzungen, zu denen es 1984-85, 1987-88 und 1992-93 kam. Ist es notwendig, dass wir die Bremsen für unsere davon laufende Wirtschaft anziehen?

Gegenwärtig hält China eine günstige Zahlungsbilanz und eine beträchtliche Devisenreserve aufrecht. Daher ist der Einsatz der „Bremsen“ nicht notwendig.

In der Tat ist das, worum wir uns Sorgen machen sollten, die schwache Verbrauchernachfrage und deren mittel- und langfristiger Einfluss.

Einige Leute werden Fragen wie folgt stellen: Ist die Verbrauchernachfrage schwach? Warum hat Chinas Wirtschaft ein schnelles Wachstum verzeichnet? Können einige wenige reiche Leute das ganze Land mit sich ziehen? In der Tat ist genau dies jedoch die Situation im heutigen China. Statistiken zeigen, dass Leute mit einem durchschnittlichen Jahreseinkommen von mehr als 3000 US$ jetzt ein Zehntel Chinas gesamter Bevölkerung ausmachen. Dies bedeutet, dass China 130 Mio. Menschen oder etwa 40 Mio. Familien hat, die von einem Einkommen leben, das in etwa dem Niveau der entwickelten Länder entspricht. Diese Familienvermögen und Jahreseinkommen haben es ihnen ermöglicht, Häuser und Autos zu kaufen und Chinas moderne Verbraucher zu werden.

Zweifelsohne sind die sich am schnellsten entwickelnden Industriebranchen eng mit der Konsumption dieser einkommensstarken Familien und auch mit dem Anstieg der Nachfrage nach Häusern und Autos verknüpft, was wiederum das Investment in derartige Branchen wie Eisen und Stahl, Maschinenbau, Elektronik, Chemikalien und Baumaterialien gefördert hat. Daher kann China bis 2010 ohne weiteres eine Jahreswirtschaftswachstumsrate von 9% aufrechterhalten, da das Wachstum der einkommensstarken Bevölkerung und das Wirtschaftswachstum wie ein Tandem funktionieren. Bis 2010 wird China vielleicht weitere 110 Mio. reiche Leute und 36 Mio. reiche Familien haben.

Können 10% der Bevölkerung (die reichsten) das rapide Wirtschaftswachstum für fast 10 Jahre vorantreiben? Die Antwort lautet ja. Ein derartiger Anstieg kann jedoch die Gesamtsituation, dass das Angebot die Nachfrage überschreiten würde, nach wie vor nicht ändern, da 90% der Bevölkerung noch nicht diese Verbraucherkraft erworben haben.

Dieses Jahr soll Chinas Wirtschaftswachstum 8,5% bzw. fast 9% erreichen. Wie sieht es jedoch nächstes Jahr aus?

Zunächst einmal wird das Investment nicht zurückgehen. Wohnungen und Autoprodukte zeichnen sich durch lange Industrieketten aus, die das Investment für eine lange Zeit stimulieren werden. Das Investment in China wird zumindest in den nächsten fünf Jahren eine hohe Wachstumsrate aufrechterhalten. Dieses Jahr begann das nichtstaatliche Investment einen hohen Wachstumsschwung zu verzeichnen, was aufgrund der Marktnachfrage nicht aufhören wird.

Das Wachstum der Exporte ist dieses Jahr ebenfalls relativ schnell, und die Wachstumsrate nächsten Jahres könnte über 20% liegen. Die Zunahme des Verbrauches wird nächstes Jahr stabil bleiben. Wenn dies so sein sollte, wird die Wirtschaftswachstumsrate 2004 9% erreichen, was höher als die dieses Jahres sein würde.

Ein Auge auf die Stabilität werfen

Wenn Chinas Unternehmen sich stabil entwickeln und der Renminbi sich nicht dem auswärtigen Druck betreffs einer Neubewertung ergeben wird, ist das, was wir in den Fokus unserer Aufmerksamkeit rücken sollten, die soziale Stabilität. Seit 1998 ist die Arbeitslosenquote offiziellen Statistiken gemäß gestiegen und hat in der ersten Hälfte dieses Jahres 4,1% erreicht. Was unser Interesse verdient, ist, dass, während die Wirtschaft wächst, die Arbeitslosigkeit ebenfalls zunimmt.

Von 1996 bis 2001 stieg Chinas gesamtes Arbeitskräftekontingent um 50,78 Mio. Menschen. Unterdessen fiel die Anzahl der Menschen, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind, um 450 000 und die der Menschen in der Industrie um 20,61 Mio. Diese Menschen zusammen mit den 50 Mio. neu hinzugekommenen Arbeitskräften strömten in den fast sechs Jahren alle ins Bauwesen und in die Dienstleistungsbranchen.

Seit 1996 ist die Beschäftigung im Bauwesen um 3,5 Mio. Menschen angestiegen, während die des Dienstleistungssektors, darunter das Bankwesen, Immobilien, Telekommunikation und Bildung, nicht offensichtlich angestiegen ist. Die gestiegene Beschäftigung konzentrierte sich hauptsächlich in den Sektoren Handel, Gastronomie und soziale Dienstleistungen, und deren Outputwert ist nicht angestiegen, sondern ist in der Tat kleiner geworden. In den letzten sechs Jahren belief sich die zugenommene Menge von Arbeitskräften, die von der Landwirtschaft und der Industrie und den neu hinzugekommenen Arbeitskräften auf dem Arbeitsmarkt in den Markt strömten, über 70 Mio. Diese Menschen sind in einige wenige Sektoren geströmt, die weniger als 20% zu Chinas BIP beitragen.

Im Jahr 2002 stieg Chinas Arbeitskräftepotential um 7,15 Mio. Menschen, und zur gleichen Zeit ging die Anzahl der Menschen, die in der Landwirtschaft beschäftig waren, um 4,87 Mio. zurück. Die Industrie nahm 2,24 Mio. Menschen dank ihres rapiden Wachstums des Produktionswertes auf. Die restlichen 9,78 Mio. neu hinzugekommenen Arbeitskräfte und Wanderarbeiter gingen in die Bau- und die Dienstleistungsbranchen. Allerdings fiel der Anteil dieser beiden Sektoren am BIP um 0,1%.

Für acht aufeinanderfolgende Jahre nahm dieser begrenzte Industrie-Sektor, nämlich die Baubranche und der traditionelle Dienstleistungshandel, die nur 20% des gesamten Outputwertes des Landes ausmachen, die Mehrheit der neuen Arbeitskräfte und die, die von der Landwirtschaft und der Industrie hinausbefördert worden waren, auf. Warum konnten nur 20% der Industrie-Abteilungen Arbeitskräfte absorbieren? Weil Chinas Sektoren hohen Wachstums sich auf die Exporte und die Befriedigung der Bedürfnisse der 10% reichen Familien konzentrieren. Diese kapital- und technologieintensiven Industrien wie die Elektronik, Maschinenbau, Metallurgie und Chemikalien absorbieren weniger Arbeitskräfte. Daher ist das gegenwärtige Beschäftigungsungleichgewicht abnormal.

Im Bereich der nicht-landwirtschaftlichen Wirtschaft kann ein Fünftel der Arbeitskräfte nicht an Chinas wirtschaftlichen Errungenschaften teilhaben. Im landwirtschaftlichen Sektor könnte diese Quote über 50% gehen. Ein derartiges Ungleichgewicht wird, wenn es fortbestehen sollte, soziale Unruhen verursachen, und ein hohes Wirtschaftswachstum wird keinen Sinn machen, wenn das Wachstum der Einkommen für über die Hälfte der Anzahl der Arbeiter fortfährt, hinter dem gesamten sozialwirtschaftlichen Wachstum zurückzubleiben, und sogar eine Nettoabnahme zu sehen bekommen wird.

Die gegenwärtige Situation unterscheidet sich von der Lage der ersten Hälfte der 1980er und der 1990er, als die Beschäftigung so lange gewährleistet werden konnte, wie ein gewisser Level der Wirtschaftswachstumsrate aufrechterhalten wurde. Daher schlug man vor, das Problem zu lösen, indem ein komplettes Sozialabsicherungssystem etabliert würde. Der Schlüssel liegt jedoch nicht in der sozialen Sicherheit, sondern darin, einen Weg zu finden, das Problem, dass nur industrielle Sektoren die Mehrheit der neu hinzugekommenen Arbeiter und der Arbeitslosen aufnehmen können, zu lösen.

Daher ist die potentielle Ursache Chinas sozialer Instabilität nicht ein unvollständiges Sozialabsicherungssystem, sondern, ob die Beschäftigung umfassend realisiert werden kann. Der Schlüssel für die vollständige Beschäftigung liegt in der Urbanisierung.

In der ersten Hälfte dieses Jahres fiel der Anteil der Landwirtschaft am gesamten Produktionswert des primären, des sekundären und des tertiären Sektors auf 9%, der Anteil der landwirtschaftlichen Arbeitskraft machte nach wie vor 50% des gesamten Landesbetrages aus. Der gegenwärtige Widerspruch zwischen dem Warenangebot und der Warennachfrage, der von der begrenzten Nachfrage der riesigen ländlichen Bevölkerung stammt, ist die Wurzel für die Ursache der langfristigen Deflationsgefahr in China.

Wenn 300 Mio. Landbewohner in die Stadt ziehen könnten, würde Chinas Urbanisierungsrate über 50% gehen, und die Produktion von Verbraucherwaren des Landes hätte sich zu verdoppeln. Dies würde sowohl ein Markt- als auch ein Wirtschaftswachstum mit sich bringen.

Gegenwärtig entwickelt sich Chinas Wirtschaft gesund, ist aber noch immer mit vielen Problemen konfrontiert. Die Lösung dieser Probleme ruft nach strategischen Maßnahmen, insbesondere nach solchen, die den Urbanisierungsprozess beschleunigen.