Heißes Geld
 
Internationale „heiße Gelder“ oder kurzfristige spekulative Fonds strömen nach China und setzen auf eine mögliche krasse Aufwertung der chinesischen Währung, des RMB. Der Präsident der Chinesischen Volksbank Zhou Xiaochuan sagte, Chinas Finanzbehörden seien in der Lage, die aufgeblähte Geldversorgung, die durch den Zustrom von heißen Geldern verursacht wurde, unter Kontrolle zu halten. Jegliche Spekulation in diesem Bereich werde höchst wahrscheinlich zum Scheitern verurteilt sein, warnte er.

Von Feng Jianhua

Statistiken des Staatlichen Statistikamtes (SSA) zeigen, dass Chinas Devisenreserve Ende Juni ein Rekordhoch von 346,4 Mrd. US$ erreichte, nachdem sie in den letzten sechs Monaten um 60,1 Mrd. US$ gewaltig angestiegen war, wodurch China in diesem Bereich weltweit nach Japan auf Platz zwei vorrückte.

Da China seinen Kapitalmarkt noch nicht geöffnet hat und der RMB nicht frei konvertibel ist, strömen die Devisen hauptsächlich durch Handelsüberschüsse und ausländisches Direktinvestment (ADI) nach China. Dem SSA zufolge stand Chinas Handelsüberschuss in der ersten Hälfte dieses Jahres bei 4,5 Mrd. US$ und das ADI bei 30,3 Mrd. US$.

„Unter normalen Umständen hätte Chinas Devisenreserve eine Zunahme um etwa 35 Mrd. US$ verbucht“, sagte Wang Jian, leitender Forschungsmitarbeiter der Chinesischen Gesellschaft für Makroökonomie zu Beijing Rundschau. Das tatsächliche Wachstum übertrifft diese Zahl jedoch bei weitem. „Dies ist bisher beispiellos“, sagte er.

„Die Diskrepanz von 25 Mrd. US$ ist möglicherweise ein Resultat der spekulativen Fonds (bzw. heißen Gelder), die durch verschiedene Kanäle nach China strömen und auf eine Aufwertung des RMB (auch als Yuan bekannt) setzen“, analysierte Wang. Diese Diskrepanzsumme entspricht in etwa 50% des Gesamtvolumens an Auslandskapital, welches China letztes Jahr nutzte, nämlich 52,7 Mrd. US$.

„Das heiße Geld in Höhe von 25 Mrd. US$ ist allerdings nur eine Schätzung, die auf Analysen von öffentlich bekannt gegeben Statistiken basieren“, so Chen Mingxin, leitender Wirtschaftsexperte des Staatlichen Informationszentrums, zu Beijing Rundschau. „Meiner Einschätzung nach steht der Betrag an heißem Geld in China vielleicht bei 35-40 Mrd. US$, wenn man das indirekte „heiße Geld“, das genutzt worden ist, um Fluchtkapital abzuschreiben, mitberücksichtigt“, sagte Chen.

„Vielleicht kann niemand genau sagen, wieviel heißes Geld China momentan hat“, argumentierte Qu Fenjie, Forschungsassistent am Außenwirtschaftsforschungsinstitut der Staatlichen Entwicklungs- und Reformkommission, „weil es international gegenwärtig schwierig ist, zu definieren, welche Fonds im Licht der endgültigen Nutzung heiße Gelder sind.“

Er sagte zu Beijing Rundschau, man solle zugeben, dass ein beträchtlicher Betrag an heißem Geld in China existiere. „Persönlich glaube ich jedoch nicht, dass dessen Umfang so groß ist, wie Outsider vermuten, da China sich strikt an das Devisenkontrollsystem hält“, so Qu.

Einfluss von möglicher RMB-Aufwertung

Heißes Geld, auch als globaler Kapitalstrom bekannt, bezieht sich auf kurzfristiges Kapital, welches sich mit dem Ziel, hohe Erträge zu erhalten, schnell auf dem internationalen oder lokalen Finanzmarkt bewegt. Chen Mingxing sagte, dass nach dem Ausbruch der asiatischen Finanzkrise im Jahr 1997 die Vermutung einer Abwertung Chinas Währung auf dem internationalen Markt vorgeherrscht habe. Folglich sei einheimisches Kapital jahrelang aus China geflohen, und die Devisenbehörden des Landes hätten ihre Arbeit darauf konzentriert, die Kapitalflucht abzuwehren und zu bekämpfen.

Internationale spekulative Fonds hätten in der zweiten Hälfte letzten Jahres begonnen, in China zu strömen, so Chen. „Das ist hauptsächlich durch die Erwartung einer RMB-Aufwertung verursacht worden. Darüber hinaus hat der Druck von Ländern wie den USA und Japan bezüglich eines stärkeren Yuan und die Übertreibung der Angelegenheiten vonseiten der Medien diese Erwartung weiter intensiviert, womit die Geschwindigkeit des Zustroms von spekulativen Fonds weiter angekurbelt wurde“, analysierte Chen.

Das Wall Street Journal berichtete, dass aufgrund einer starken Erwartung der Aufwertung des RMB viele lokale Einzelinvestoren in den USA Guthabenkonten, berechnet in RMB, eröffnet hätten. Ein Bericht des 21st Century Business Herald besagte, dass der Wert der H-Aktien in Hong Kong in den letzten sechs Monaten über 50% gestiegen sei. Insider sind davon überzeugt, dass die Markterwartung, dass der RMB in den kommenden 15-20 Monaten um 20% aufgewertete werde, eine Hauptursache sei.

„Außer den internationalen spekulativen Fonds ist zurückkehrendes Fluchtkapital eine Hauptkomponente des heißen Geldes, das sich seinen Weg nach China bahnt“, sagte Chen.

Die umgedrehte Differenz zwischen den Zinssätzen des RMB und des US-Dollar sei ein weiterer wichtiger Grund für den Zustrom von heißem Geld, so Chen. Vor 2002 war der Zinssatz des RMB lange niedriger als der des US-Dollar. Seit letztem Jahr ist der Zinssatz des Dollar stetig gefallen, wodurch der Zinssatz des RMB den des Dollar um eine große Spannweite übertroffen hat. Auf größere Gewinne aus den unterschiedlichen Zinssätzen bedacht, begannen Investoren, RMB zu kaufen.

Chen sagte jedoch, dass es schwierig zu erklären sei, wo das heiße Geld herkomme und wohin es gehe, da eine gründliche Untersuchung der Quelle und des Ziels der spekulativen Fonds eine Menge Lücken im gegenwärtigen Devisenkontrollsystems Chinas offen legen würde. Auf der anderen Seite, sagte er, könne auch ein ziemlich perfektes Devisenkontrollsystem die Einschleichung von heißem Geld durch verschiedene Mittel nicht vollständig verhüten.

Chen zufolge werde das heiße Geld jetzt hauptsächlich durch illegale Bankhäuser, den Aktienmarkt und den Wechselmarkt oder durch betrügerisches Investment und Joint Venture nach China eingeschleust.

Druck für eine RMB-Aufwertung

Gegenwärtig führt China eine RMB/Dollar-Fixwechselkurspolitik und ein System der Pflichtbegleichung in Devisen und des Pflichteinkaufs von Devisen durch. In einem solchen System müssen Unternehmen ihre Devisenreserven an die Zentralbank verkaufen, und Importunternehmen und die einzelnen Bewohner müssen die Devisen, die sie brauchen, bei den dazu bestimmten Banken erwerben. Im Falle einer exzessiven Devisenversorgung muss die Zentralbank den ganzen Überschuss kaufen, um einen stabilen Devisenwechselkurs basierend auf dem Fixkurs des RMB/Dollar aufrechtzuerhalten.

Devisen zu kaufen ist eines der Hauptziele für die Basisgeld-Versorgung der Zentralbank. Der massive Zustrom von heißem Geld hat zu einer konstanten Zunahme der Versorgung des Basisgeldes von der Zentralbank geführt. SSA-Statistiekn zeigen, dass die Broad Money-Versorgung (M2) – eine wesentliche Maßnahme der Geldversorgung, darunter Bargeldzirkulation und Einlagen – Ende Juli auf 20,62 Billionen Yuan (2,49 Billionen US$) angestiegen war, was ein Anstieg um 20,7% gegenüber dem vorhergehenden Jahr war, das höchste Wachstum seit 1998. Von dieser Gesamtsumme war der Anteil des Einkaufs von Devisen gegenüber der Broad Money-Versorgung scharf angestiegen. Wang Jian zufolge war dieser Anteil, der 2001 bei 38% lag, 2002 auf 50% angestiegen. Von der Situation in den ersten Monaten ausgehend, werde diese Zahl wahrscheinlich bis Ende des Jahres auf 63% ansteigen, sagte Wang voraus.

Unterdessen nahmen die Darlehen der Finanzinstitutionen mit dem rapiden Wachstum der Geldversorgung ebenfalls zu. SSA-Statistiken zeigen, dass Darlehen in verschiedenen Formen von Finanzinstitutionen sich Ende Juli auf 16 Billionen Yuan (1,93 Billionen US$) beliefen, ein Plus von 23,2% gegenüber dem vorhergehenden Jahr, die höchste Wachstumsquote seit August 1996. Von Januar bis Juli erreichten die neuen Darlehen in RMB 1,89 Billionen Yuan (228,26 Mrd. US$), womit die gesamten Darlehenszunahmen im ganzen letzten Jahr um 39,7 Mrd. Yuan (4,79 Mrd. US$) übertroffen wurde.

„In einigen lukrativen Sektoren wie Immobilien und Autos herrscht ein hohes Investmentfieber vor“, bemerkte Chen Mingxing. „Oberflächlich betrachtet“, sagte er, „scheint es eng mit der außer Kontrolle geratenen Kreditvergabe in Zusammenhang zu stehen, die tieferen Gründe liegen jedoch bei dem Antrieb durch heißes Geld.“

Außer einer wirtschaftlichen Überhitzung als Resultat, denkt Chen, dass die größte Auswirkung des heißen Geldes der sich verstärkende Druck für die Aufwertung des Yuan sei. Er analysierte, es sei von einer mittel- und langfristigen Perspektive vorhersehbar, dass der RMB-Wert langsam aber stetig steigen werde, solange keine großen sozialen und finanziellen Probleme in China auftauchen würden. „Diese Möglichkeit könne im Laufe der Zeit stärker werden, und unter diesen Umständen kann die absolute Eindämmung des Zustromes von heißem Geld nur ein einseitiger Wunsch sein“, sagte Chen. Aufgrund des Zustroms von heißem Geld sind die riesigen heimischen Devisenreserven dazu bestimmt, eine Herausforderung für den RMB zu bilden, womit dieser zur Aufwertung gezwungen werde, setzte er hinzu.

Yi Xianrong, Forschungsrat vom Finanzinstitut der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, denkt jedoch nicht, dass heißes Geld ernste Auswirkungen auf die chinesische Wirtschaft und den Wechselkurs des RMB haben werde. Er äußerte: „Der Umfang des heißen Geldes, das gegenwärtig in China ist, und dessen zunehmender Schwung sind völlig unter Kontrolle. Solange die chinesische Regierung darauf besteht, einen stabilen RMB-Wechselkurs aufrechtzuerhalten, wird das heiße Geld sich automatisch, sobald die Möglichkeit für die Aufwertung des Yuan verschwindet, wieder zurückziehen.“

Yi hat ebenfalls eine andere Meinung bezüglich der rapiden Expansion der Geldversorgung und des Kreditumfangs, die durch das heiße Geld verursacht wurden. Er bemerkte, dass viele Banken neue Kredite mit dem Ziel, die Erträge zu steigern und den Anteil der schlechten Außenstände (NPL) zu reduzieren, herausgeben würden. Seine Untersuchung hat allerdings festgestellt, dass ein beträchtlicher Teil diese neuen Kredite genutzt worden sei, um die alten Schulden zu decken, und der eingetragene Anteil der NPL konnte durch gewisse verfahrenstechnische Mittel gekürzt werden. „Dies ist der Hauptfaktor, der den exzessiven Anstieg in der Geldversorgung und dem Darlehensumfang verursacht hat“, lautete seine Schlussfolgerung.

Heißes Geld abwehren

Tan Yanling, leitender Forschungsmitarbeiter am Internationalen Finanzforschungsinstitut der Bank of China, ist der Ansicht, dass es eine große Herausforderung ist, mit der die chinesischen Währungsbehörden konfrontiert sind, dass zunehmende heiße Gelder, die auf die Währungsaufwertung innerhalb einer kurzen Zeit setzen, unter Kontrolle zu behalten.

Am 12. August startete das Staatliche Devisenkontrollamt (SAFE) eine landesweite Sonderinspektion über Devisenannahme- und -begleichungsvorgänge der dazu bestimmten Banken. Das Vorgehen zielte auf die rechtzeitige Aufsicht über den Zustrom von Auslandskapital und die Veränderungen der internationalen Zahlungen, die Bekämpfung des illegalen grenzüberschreitenden Kapitalflusses und die weitere Korrektur und Regulierung der Ordnung des Devisenmarktes ab. Insider sind davon überzeugt, dass dieses ein klares Signal der SAFE sei, die Kontrolle über die Bewegungen des heißen Geldes zu straffen.

In der Tat hat die chinesische Regierung bereits viele direkte und indirekte Maßnahmen zur Milderung des Drucks vonseiten des heißen Gelds ergriffen. Von April bis August gab die Chinesischen Volksbank bei zwei Gelegenheiten Wechsel in Höhe von insgesamt 285 Mrd. Yuan (34,42 Mrd. US$) aus, um zu versuchen, Bargeld aus dem Geldkreislauf abzuziehen, wodurch die grundlegende Geldversorgung, die aufgrund des riesigen Zuflusses von heißem Geld rapide gewachsen war, reduziert wurde. Am 23. August gab die Zentralbank bekannt, dass das Verhältnis der Einlagen, welche die Kommerzbanken bei der Zentralbank platzieren müssen, von 6% auf 7% angehoben werden würde. Dieses Vorgehen wird etwa Basisgeld in Höhe von 150 Mrd. Yuan (18,12 Mrd. US$) abziehen, wenn man von Einlagen in Höhe von 15 Billionen Yuan (1,81 Billionen US$) in diesem Jahr ausgeht.

Unterdessen hat die SAFE ebenfalls entschieden, ab dem 1. Oktober die Obergrenze für den Devisenkauf durch chinesische Bewohner, wenn diese ins Ausland fahren, bedeutend anzuheben, die Reichweite der Devisenversorgung für Einzelpersonen zu erweitern und die Politik für den Devisenkauf im Rahmen eines Girokontos von Einzelpersonen zu lockern. Das Vorgehen wird dazu beitragen, die Nutzungsrate der nationalen Devisenreserve zu heben, während der Druck der ansteigenden Reserven gemildert wird.

Zhang Shuguang, leitender Forschungsmitarbeiter am Beijinger Wirtschaftsforschungsinstitut Tianze, schlug zwei Maßnahmen vor, um sich gegen drastische Wirtschaftsschwankungen, die durch schnelle Bewegungen von heißem Geld verursacht werden, zu wappnen. Erstens sollten mögliche Maßnahmen ergriffen werden, das Bargeld in RMB, das von ausländischen Währungen gewechselt wurde, in Projekte mittels „leichter Eintritt von Investment, aber schwieriger Abzug von Kapital“ zu kanalisieren. Zweitens sollten mehr Absatzmärkte für Devisen gefunden werden, um zu verhüten, dass sie untätig herumliegen.

„Die Maßnahmen, die gegenwärtig ergriffen worden sind, können nur den momentanen Druck mildern“, sagte Chen Mingxing. „Ich persönlich bin davon überzeugt, dass der Schlüssel für eine gründliche Lösung des Problems des heißen Geldes in der Reform des existierenden Wechselkurssystems liegt“, sagte er zu Beijing Rundschau.

Das gegenwärtige Dollar-Fixwechselkurssystem sei ein Sonderprodukte einer speziellen Zeitperiode, sagte er. Nach den Veränderungen der Struktur der Weltwirtschaft tauchten Nachteile auf. Das einzelne Dollar-Fixwechselkurssystem solle allmählich in ein System, das an einen Korb von Währungen gebunden sei, transformiert werden. Auf diese Weise könne der RMB-Wechselkurs in einer breiteren und kontrollierbaren Sphäre floaten.

„Ob der RMB-Wechselkurs gegen den US-Dollar oder gegen einen Korb von Währungen gebildet wird, ist eine politische Maßnahmenangelegenheit für weitere Diskussionen“, sagte der Zentralbankpräsident Zhou Xiaochuan in einem Interview mit der Financial Times.

Um die Spekulation mit heißem Geld zu entmutigen, „sollten wir die Stabilität des RMB-Wechselkurses unterstreichen“, sagte Zhou. Allerdings wird der Markt eine größere Rolle und im Endeffekt eine entscheidendere Rolle spielen. „Bis dahin wird China ein größeres Floating des Wechselkurses seiner Währung erlauben“, sagte er.