Shanghai reduziert die Geschäftskosten
 
Das größte Geschäftszentrum des Landes muss die Investoren überzeugen, dass es höhere Betriebsausgaben verdient.

Von Ren Xiaofeng

„Ich verdiente 450 Yuan pro Monat, als ich zu Ogilvy & Mather kam“, sagte Yu Haimin, der unter den ersten Festlandsangestellten der Hong Konger Werbeagentur war, die ihren Betrieb in Shanghai 1993 begann. Yus Anfangsgehalt vor 10 Jahren, als 1 US$ noch 5,7 Yuan waren, war 80 US$.

Song Zhiming, Vorstandsvorsitzender von Ogilvy & Mather Greater China, zufolge kostet ein neuer Angestellter seine Shanghaier Firma bis zu 3000 Yuan (etwa 360 US$) pro Monat, was, wie er sagte, einen beträchtlichen Anstieg in den Businesskosten der Stadt zeige.

Ende letzten Jahres hatte Shanghai ein zweistelliges BIP-Wachstum für 11 aufeinanderfolgende Jahre aufrechterhalten, wobei die Arbeits- und Grundstückkosten schnell stiegen. Eine Erhebung zeigte, dass die Businesskosten in Shanghai landesweit nach Beijing an zweiter Stelle standen. Die Shanghaier Stadtregierung hat gewarnt, dass die steigenden Businesskosten den Fluss von externem Kapital reduzieren und dazu führen könnten, dass noch mehr Multis ihre Hauptniederlassungen oder regionalen Niederlassungen nicht nach Shanghai verlegen würden.

Zunehmende Konkurrenz

Mit der Unterstützung der Shanghaier Stadtregierung hat der High-Tech-Park Zhangjiang der Stadt anfangs eine Schneise für die mikroelektronische Industrie geschlagen und ist jetzt das Zuhause von mehr als 100 integrierten Schaltkreisprojekten mit einem kombinierten Investment von über 6 Mrd. US$. Industriegiganten, darunter die Semiconductor Manufacturing International (Shanghai) Corp., die Grace Semicondutor Manufacturing Corp., die ACE Semiconductor (Shanghai) Co. Ltd. und die Shanghai Belling Co. Ltd., haben sich dort niedergelassen, und viele Unternehmen sind ihnen in den Park gefolgt. Diesen März zogen die Huahong Group, das inländische Flaggschiff der Halbleiterbranche, und die Tokyo Electron Ltd., der größte Halbleiter-Schaltkreis- und LCD-Produzent in der Welt, in den Park, womit der Wunsch des Parks, Chinas „Silicon Valley“ zu werden, weiter beflügelt wurde.

Shanghai unterschätzte allerdings die Anziehungskraft des nahegelegenen Suzhou. Zuvor als „Shanghais Hinterhof“ bekannt gewesen, ist Suzhou eine aufsteigende High-Tech-Herstellungsbasis im Jangtse-Delta geworden. Sein vertragliches Auslandsinvestment übertraf das Shanghais im Jahr 2001, und der Suzhouer China-Singapur-Industriepark, das größte kooperative Projekt zwischen den beiden Ländern, liegt nur 80 km von Shanghai entfernt. Viele bekannte transnationale Firmen sind bereits dort, und der Park zieht Unternehmen wie Infineon Technologies, das weltweit sechste Halbleiterherstellungsunternehmen, an. Infineon unterzeichnete diesen Mai einen Vertrag mit dem Park, eine Herstellungsbasis im Wert von 1 Mrd. Euro zu bauen.

Obwohl die deutsche Firma ebenfalls verkündete, Millionen von Dollar in die Forschung und Entwicklung und ein Investmentzentrum in Zhangjiang zu investieren, sagten Branchenkenner, dies sei nur ein Trostpreis.

Suzhou ist, was sowohl Grundstück- und Arbeitskräftekosten als auch Steuerbegünstigungen anbelangt, attraktiver als Shanghai. Einem Bericht der Beijinger Zeitung „China Business“ zufolge beträgt der Bezugsgrundstückpreis des Zhangjianger Parks 90 US$ pro Quadratmeter. Der höchste Rabatt, der gegeben werden kann, beläuft sich auf 50%, die Differenz könnte von staatlichen Zuschüssen gedeckt werden. Der Suzhouer China-Singapur-Industriepark gibt an, Grundstücke an Projekte mit riesigem Investment für 20 US$ pro Quadratmeter transferiert zu haben. Die Ausgaben für die Grundstückserwerbung können im Allgemeinen 50% des Gesamtinvestments eines Projektes ausmachen. Daher bilden niedrigere Grundstückspreise eine unwiderstehliche Anziehungskraft.

Suzhou und einige andere Städte im Jangtse-Delta sind, was Investmentprojekte anbelangt, eine Herausforderung für Shanghai. Das Delta, das wirtschaftlich dynamischste Gebiet in China, erzeugt mit nur 1 Prozent der gesamten Landmasse und 6 Prozent der Gesamtbevölkerung des Landes ein Fünftel des BIP des Landes. Shanghai, das traditionelle Zentrum des Gebietes, nahm es einst als selbstverständlich hin, dass Suzhou und andere Nachbarstädte sich auf arbeitsintensive und kleine Investmentprojekte konzentrierten, während große High-Tech-Projekte von europäischen und US-amerikanischen Multis, von den 500 Spitzenunternehmen der Welt im Besonderen, sein Monopol sein würden. Der Umzug von Infineon nach Suzhou hat den Leuten die Macht der Geschäftskosten bewusst gemacht.

Wie hoch ist hoch?

Einige argumentieren, dass, auch wenn Shanghais Arbeitskräfte- und Grundstückspreise beträchtlich gestiegen seien, seien die Geschäftskosten der Stadt für die meisten Investoren nicht zu hoch, um toleriert werden zu können. Sie sagen, die Stadt befinde sich noch auf einer Ebene mit anderen internationalen Geschäftszentren und führe die meisten chinesischen Städte nach wie vor in Sachen Gewinnquote.

Andere sagen, dass angemessen angehobene Geschäftskosten als eine Schwelle zur Verhütung des Zustroms von wirtschaftlich und technologisch unbedeutenden Projekten dienen könnten. Dies könnte ebenfalls den lokalen Herstellungssektor veranlassen, von arbeitsintensiven zu kapital- und technologieintensiven Branchen, die durch Wertsteigerung und niedrige Grundstücks- und Arbeitskräftekosten gekennzeichnet seien, überzugehen. Gegenwärtig kostet ein Programmierer einer Shanghaier Software-Firma durchschnittlich 1000 Yuan mehr pro Jahr als deren Gegenstücke im südchinesischen Shenzhen. High-Tech-Unternehmen tauchen jedoch jedes Jahr in hohen Zahlen in der ostchinesischen Metropole auf.

Li Wuwei, Vizevorsitzender des Ständigen Ausschusses des Volkskongresses der Stadt Shanghai und Direktor des Wirtschaftsinstitutes, das der Shanghaier Akademie der Sozialwissenschaften angegliedert ist, wies darauf hin, dass die Menschen gewöhnlich die Unternehmenseffizienz vernachlässigen würden, wenn sie den Geschäftskosten große Aufmerksamkeit schenkten. In Regionen mit einem entwickelten Dienstleistungssystem, sagte er, könnten die Transaktions- und sozialen Kosten fallen, was wiederum die Unternehmenseffizienz steigern würde.

„Da die Gehaltskosten nur einen kleinen Teil der ganzen Produktionskosten ausmachen, hat ein relativ hoher Gehaltslevel wenig Einfluss auf Shanghais Investmentumfeld“, war Lis Schlussfolgerung. Er fügte hinzu, dass ein gesundes Wirtschaftswachstum ganz natürlich zu einer Steigerung der Arbeitskräfte- und Grundstückspreise führen würde, und es sei sinnlos, die Geschäftskosten durch Gehalts- und Grundstückspreiskontrolle zu reduzieren.

Experten teilen die Geschäftskosten normalerweise in zwei Teile. Der erste Teil, oder die harten Kosten, umfassen die Ausgaben für das Grundstück, die Einstellungen und die Wasser-, Strom- und Energieversorgung. Der zweite Teil, auch als weiche Kosten oder Marktkosten bekannt, bezieht sich auf Angelegenheiten in Bezug auf das Investmentumfeld wie Gesetze, politische Richtlinien, die administrative Effizienz, den geographischen Standort, Verkehrsbedingungen, die Effizienz der Zollabfertigung und Finanzierungskanäle. Experten sagen, es müsse eine umfassende Lösung anstatt nur eine Reduzierung der harten Kosten vorhanden sein.

Veränderungen in Shanghais Wachstumsmodus sollten durch adjustierte wettbewerbsfähige Strategien unterstützt werden, sagte Zhu Ronglin, ein Forscher des Forschungszentrums für Entwicklung des Staatsrates.

Zhu erklärte, dass der Beitrag der Produktionsfaktoren zum Wirtschaftswachstum sich verändert habe, nämlich dass die Einflüsse der Grundstücks- und Arbeitskräfteressourcen abnehmen und die des Umfeldes, der Dienstleistungen und des rechtlichen Klimas zunehmen würden. „Dementsprechend sollte Shanghai den Brennpunkt seiner wettbewerbsfähigen Strategie von den politischen Richtlinien auf Dienstleistungen und von den Kosten von Ressourcen für die Produktion auf Kosten von Ressourcen für die Distribution verlagern“, sagte er.

Das Institut für Globale Wirtschaftsstudien, das der Shanghaier Akademie der Sozialwissenschaften angegliedert ist, führte vor kurzem eine Erhebung unter Geschäftsleuten im In- und Ausland durch, diese bittend, Faktoren, die ihre Wahl des Investmentstandortes beeinflussen würden, einzuordnen. Das Ergebnis zeigte, dass die Kontinuität der politischen Richtlinien und Vorschriften von vorrangigem Interesse war, gefolgt von Marktgröße, Vorzugsbehandlung, Geschäftskosten, Arbeitskräftequalität und Versorgung mit herausragendem Personal, Marktordnung, administrativer Effizienz, grundlegender Infrastruktur und ökologischem Umfeld.

Das heißt, dass ausländische Investoren, insbesondere Multis, ein gesundes Investmentumfeld niedrigen Geschäftskosten vorziehen würden, bemerkte Fu Junwen, Leiter der Erhebung.

Eine Studie, die diesen Juni vom Hauptbüro der Shanghaier Stadtregierung herausgegeben wurde, wiederholte Fus Bemerkungen. Sie zeigte, dass Investoren aus dem Ausland mit Shanghais Investmentumfeld im Großen und Ganzen zufrieden sind und zustimmen, dass die Stadt ein erstklassiges transparentes Rechtsumfeld hat. Die Befragten nannten jedoch auch Raum für Verbesserungen, darunter die unkoordinierte marktorientierte Entwicklung verschiedener Sektoren, einige diskriminierende staatliche Richtlinien und eine ungenügende Informationsbekanntgabe.