Erzählung aus dem Untergrund
 
Von Katie Brenner
(Die Autorin, Journalistin aus den USA, lebt in Beijing.)

„Nun ganz gleich, ob wir unseren Weg dorthin finden oder nicht, dies ist ein Abenteuer, und ich habe eine großartige Zeit.“

Wenn man bei einem eigentlich angenehmen Morgenausflug als Reiseleiter fungiert, bedeuten diese Worte, dass nicht alles so reibungslos verläuft, ungeachtet aller guten Absichten. Und wenn Ihr Ausflug ebenfalls umfasst, in einer Reihe von hutongs (Gassen) südlich vom Qianmen hoffnungslos verloren zu gehen... in einem Regenguss... nachdem Sie eine Stunde zu spät gekommen waren, um Ihre Schützlinge zu treffen, können Sie nur hoffen, der Boden wird Sie alle verschlucken und Ihrer spontanen Erforschung Beijings größter Schlammpfützen ein Ende bereiten.

„Falls der Boden sich geöffnet und euch alle verschluckt hätte, hättet ihr nicht so lange gebraucht, um die Untergrundstadt zu finden“, sagte meine Mutter, womit sie alle Reiseleiterträume, die ich je gehabt haben mag, zunichte machte.

Ich würde lieber verhungern, als dass mein Gehalt davon abhängig sein würde, Leute von einem Ort zum anderen in Beijing zu bringen – wie durch meinen fürchterlichen Orientierungssinn demonstriert worden ist – aber die Schlingen des Schicksals hatten das Unmögliche (oder schlecht Beratene) zu einer Realität gemacht. Unsere Gruppe umfasste vier Frauen im Alter von 25 bis 55 Jahren und einen jungen Mann, den ich für die Tour mitgeschleppt hatte. Ich wollte, dass er mich schützte, falls die Dinge schief laufen würden und unsere anderen Gruppenmitglieder mich mit ihren (gefälschten Designer-) Handtaschen verprügeln würden. Unsere Mission war es, Beijings Untergrundstadt zu finden, eine noch relativ unerforschte Touristenattraktion, ein im Souterrain angelegtes Testament dafür, wie aus Paranoia ein riesiges geheimes Bauprojekt wurde. Es handelt sich um die Überreste eines Schutzbunkerbaus aus den frühen 1960ern für Beijings Elite, im Falle, dass ein Krieg mit der ehemaligen Sowjetunion ausgebrochen wäre. So sagte es unser Rundgangführer, eine Armee von Arbeitern brauchte 10 Jahre, um die Zickzack-Tunnel, die unter der Hauptstadt liegen, die zum Bahnhof und zu den Westbergen führten, zu bauen. Das Bauwerk umfasste einst Hotels, Schönheitssalons und Restaurants.

Nur weil chinesische Studenten zur Universität in Australien gehen wollten, war all dies passiert. Zwei Tage pro Woche benotet eine Gruppe von Ausländern, meistens Frauen, Englischsprachkenntnistests, die festlegen, ob jemand qualifiziert ist, im Ausland zu studieren oder nicht. Dies ist, wie ich an diese Sache geriet, eine Aufgabe, deren pedantische, detailorientierte Arbeit mich wünschen ließ, mir Bleistifte in meine Pupillen zu stoßen. Aber ein stetiges Einkommen macht die freiberufliche Arbeit durchführbar, und daher begab ich mich daran; und an einem Tag, als ich Unterlagen bearbeitete, entschied jemand, dass ich die Gruppe in den Untergrund führen sollte.

Sicher war ich über die anstehende Situation nervös, nicht nur, weil ich für andere Leute verantwortlich sein würde, sondern auch, weil die Damen so ganz anders als ich waren. Sie leben in Häusern mit Parkplätzen. Meine Wohnung bietet praktischerweise Lagerplätze für Kohl und Porree in der Diele. Ich denke, sie können es sich leisten, ein Taxi zu nehmen. Ich bin dafür bekannt, mir die Busfahrkarte zusammenzuschnorren. Sie gehen gerne für Schnäppchen einkaufen. Ich gehe gerne Bourbon kaufen. Darüber hinaus haben alle diese Frauen einen Ehemann, und einige haben Kinder, Dinge, die in meinem Leben als potentielle Fehler oder Bestrafungen existieren. Sicher kamen wir im Raum der Notengebung miteinander aus, aber worüber könnten wir wohl in der Welt draußen oder sogar in der Untergrundwelt miteinander zu reden haben?

Als wir an der Untergrundstadt ankamen, sahen wir Gruppen trockener, gut ausgeruhter Touristen aus Hong Kong, die von einem augenfälligen Hinweisschild an der großen Straße herkamen, anstatt fröstelnd, kalt und feucht von einer langen, sich windenden hutong. Wir stellten jedoch schnell fest, dass unser Gang wahrscheinlich der beste Teil der Tour war, da wir durch die Tunnel hetzten und zwar so schnell, wie die Stadtplaner es sich wohl gewünscht hätten, dass die Bevölkerung im Untergrund verschwinden möge.

Ich hatte den alten Luftangriffschutzbunker vor zwei Jahren besichtigt, damals, als die Bewohner der hutong nicht sicher waren, ob es sich dabei nicht nur um ein Gerücht handele. Jetzt ist er gut gekennzeichnet, und die Anwohner sind an buntgemischte Menschenhaufen gewohnt, die in der Gasse nach dem Eingang suchen. Während man vorher den für die Öffentlichkeit zugänglichen Teil mit Taschenlampen durchstreifen konnte, hat das städtische Tourismusbüro das Abenteuer jetzt auf eine 20minütige Führung, einschließlich vorgeschriebener Witze und einer kurzen Geschichte über den Bruch der sino-sowjetischen Beziehungen in den 1960ern, reduziert. Man kann noch die spärlichen Ventilationsschächte, die potentielle Katastrophen und alte Bilder bezeugen, und alte Bilder von Marx, Lenin und Mao sehen; aber der Bunker ist dabei, wie so vieles in Beijing, verschönert und gesäubert zu werden.

Und dennoch war unser Ausflug zu dieser Stätte alles andere als sauber, auch wenn die Gässchen im Regen schön waren. Wenn ich an uns alle denke, durchnässt, unseren Weg durch Unrat suchend und in Courtyards spähend, war dies wohl der Höhepunkt. Dies war die Chance, nicht über die Platzierung von Apostrophen zu debattieren, sondern Menschen zu sein, die dreckig geworden und nach wie vor in der Lage sind, gut gelaunt zu sein, Fotos zu machen, albern zu sein und sich nicht aufzuregen. Wir taten dies alles nüchtern – auch wenn unsere vielen Fehlschritte Beobachter zu dem Schluss geführt haben mögen, dass ich high gewesen sein muss – und am Ende hatten wir mehr Abenteuer, als wir vorher ausgehandelt hatten. Als die Damen mir sagten, die besten Schnäppchen könnten in Beijing beim Einkaufen gemacht werden, hatte ich keine Vorstellung, wie recht sie gehabt haben.