Interview mit Long Yongtu
 

Wer wäre besser dafür geeignet, das Boao-Asienforum zu managen, als Long Yongtu, der die Weltwirtschaft und die Wirtschaftsexperten so gut kennt? In einem Interview mit Beijing Rundschau am 14. Oktober teilte Long seine Vision darüber mit, wie das Forum, das in dem malerischen Städtchen Boao im südlichen Zipfel Chinas seinen Austragungsort hat, das facettenreiche Asien unter einen Hut bringen könnte.

Von Wang Yong

Beijing Rundschau: Es gibt viele verschiedene Foren im heutigen China. Was unterscheidet das Boao-Forum von den anderen Foren?

Long: Ob ein Forum eine Zukunft hat oder nicht, hängt davon ab, ob es nachfrage-orientiert ist. Ich habe an vielen internationalen Foren teilgenommen. Nicht alle von ihnen waren gut, und nicht alle von ihnen haben überlebt. Das ist normal. Hat das Boao-Forum eine Zukunft? Dies hängt davon ab, ob Asien und China es brauchen. Ich bin davon überzeugt, dass es eine Nachfrage in dieser Hinsicht gibt, nämlich die Integration der asiatischen Wirtschaften.

Ich glaube auch aus einem weiteren Grund an die Zukunft des Boao-Forums. Asien befindet sich im Zentrum der Aufmerksamkeit der ganzen Welt. Es kann zweifellos gesagt werden, dass Asien die Lokomotive der globalen Wirtschaft im 21. Jahrhundert werden wird. Einige Statistiken zeigen, dass asiatische Exporte ein Viertel der gesamten Exporte der Welt ausmachen; dass Asien das meiste des internationalen Kapitals absorbiert; dass Japan und China zusammen die Hälfte der Devisenreserven der Welt haben; und dass die Anzahl der armen Menschen in Asien abgenommen hat.

Und dennoch hat Asien nicht sein eigenes Forum, außer den sub-regionalen Organisationen wie die ASEAN (Vereinigung Südostasiatischer Nationen). Mit anderen Worten fehlt es Asien an einem institutionellen Rahmen, ähnlich dem in Nordamerika, Europa und Afrika.

BR: Wie stark ist die Nachfrage nach dem Boao-Forum?

L: Wie ich sagte, gibt es bisher noch kein Asien umfassendes Forum. Wir haben einige sub-regionale Organisationen, wie die für Südostasien, Südasien und Zentralasien, sie stehen jedoch in keinerlei Verbindung zueinander. Es ist offensichtlich, dass Zentral- und Südasien stark hoffen, sich der erfolgversprechenden Sache des schnell wachsenden Ostasien anzuschließen. Die Dinge sehen ähnlich für Australien aus. Über 60% der australischen Exporte gehen nach Asien. Genau hierbei handelt es sich, wie ich sagte, um eine starke Nachfrage für ein Forum für ganz Asien.

BR: Was können wir vom Boao-Forum erwarten? Ist alles nur leeres Gerede oder fördert es die wesentliche Integration der Wirtschaften?

L: Ein gutes Forum hilft Regierungen, informierte politische Maßnahmen zu machen. Ich würde unser Forum mit einer Küche vergleichen, wo Gemüse gewaschen und vorbereitet wird. Wir machen nicht die Endgerichte. Dies ist die Arbeit der Regierung. Wir machen keine politischen Maßnahmen. Wir helfen anderen, politische Maßnahmen zu machen.

BR: Wie sieht Ihre Vision für Boao aus?

L: Es ist ein Forum für Asien, nicht Asiens. Dies ist der Grund, warum die Hälfte unserer Gastsprecher von außerhalb Asiens kommt. Darüber hinaus sehe ich Boao nicht als eine Plattform oder einen Brutkasten für regionale Freihandelsarrangements in Asien. In gewisser Weise gehen regionale Freihandelsbereiche gegen den Geist der Welthandelsorganisation. Jetzt, wo Nordamerika einen hat, schadet es Asien auch nicht, einen zu haben. Mein Punkt ist jedoch, dass Freihandelsarrangements nicht alles ausmachen, was regionale Kooperation bedeutet. Wichtiger für die Integration der asiatischen Wirtschaften ist die regionale Kooperation in den Finanzen, im Kapital, in der Infrastruktur und in den menschlichen Ressourcen.

BR: Warum ist die Stimme des Boao-Forums nicht stark genug?

L: Die USA und Europa kontrollieren nach wie vor die Meinungen der Welt. Es wird wahrscheinlich weitere 20 oder 30 Jahre dauern, bis Asien und China in dieser Hinsicht aufgeholt haben werden. Je entwickelter die Wirtschaft ist, desto lauter ist die Stimme. Es ist unrealistisch, von Boao zu verlangen, in einer so kurzen Zeit so stark wie das Weltwirtschaftsforum von Davos zu sein. Angesichts der riesigen Vielfalt der Wirtschaften und Religionen in Asien ist es schwierig, eine einzige Stimme Asiens zu schaffen, es sei denn, es gibt eine ausreichende Kommunikation.

BR: Was haben Sie seit ihrem Amtsantritt Anfang des Jahres getan?

L: In den letzten paar Monaten bin ich in fast jede Ecke der Welt gereist, um das Konzept von Boao zu verkaufen und die weltweit besten Experten in Sachen Asien einzuladen. Meine Hauptaufgabe im ersten Jahr meiner Arbeit ist es, die richtigen Leute aus aller Welt zu bekommen. Dies ist mein persönlicher Reichtum: Ich lernte diese talentierten Menschen kennen, als ich im Handelsministerium arbeitete.

BR: Wie wichtig ist ihre persönliche Rolle im Boao-Forum?

L: Dies ist keine Angelegenheit von einer oder zwei Personen. Ein guter Geschäftsführer ist allerdings sicher wichtig für eine Firma.

BR: Wie sehen die finanziellen Bedingungen des Boao-Forums aus?

L: Unsere Finanzen sind in guter Form. Ich habe die Finanzpolitik geändert. Ich bin kein Freund der Unternehmensförderung, da mir diese zu kommerziell ist. Ich ziehe Mitgliedschaft vor. Bisher sind alle unsere Mitglieder erstklassige Firmen, hauptsächlich multinationale.

BR: Sind sie gut im Geldbeschaffen?

L: Ich glaube nicht, ich erhalte dennoch leicht Geld, und zwar aufgrund meiner guten Glaubwürdigkeit. Man unterstützt mich, da man überzeugt ist, dass ich zuverlässig bin. Manchmal tätige ich nur einige Telefonate, und das Geld kommt. Solange ich im Amt bin, würde ich nicht nach Geldern vom Staat fragen.

BR: Einige sagten, dass Boao zu der asiatischen Version der EU entwickelt werden könnte.

L: Nun, vielleicht befinden wir uns jetzt noch im embryonalen Stadium (der asiatischen Version der EU).