Interview mit Jiang Xiaosong
 

Als er am 10. Oktober in einen der Konferenzräume im Beijing-Hotel eintrat, lächelte er über das ganze Gesicht und hatte viele Entschuldigungen bereit. Er sagte, es täte ihm leid, dass er für unser geplantes Interview zu spät gekommen sei. Hätten wir seinen Hintergrund nicht im Vorfeld studiert, hätten wir ihn nicht als einen bedeutenden Künstler und Diplomaten wahrgenommen, sondern eher als einen liebenswürdigen Mittelschullehrer auf dem Weg zum Unterricht. Er war leger gekleidet, ein weißes Jackett und ein paar schwarze traditionelle chinesische Stoffschuhe. In seiner ganzen Erscheinung konnten wir nicht einen Funken der Arroganz, die so typisch für Fernseh- und Filmregisseure oder Diplomaten ist, ausmachen.

Der 52jährige Jiang Xiaosong ist jetzt der Vizevorsitzende des Boao-Asienforums, das nach Boao auf der Insel Hainan benannt wurde. Einige chinesische Medien nennen ihn wegen seines Beitrags zum Boao-Forum, der ersten nichtregierungszugehörigen Organisation, die Wirtschaftsangelegenheiten ganz Asiens diskutiert, den „Vater von Boao“. Im Jahr 1984 gewann er beim „New York International Film and TV Festival“ für seine Fernsehsendung „Little Cottage“ den Preis für den besten Regisseur. Dies war, noch bevor jeder chinesischer Regisseur, einschließlich Zhang Yimou, jemals eine internationale Auszeichnung erhalten hatte.

Jetzt ist er ganz auf das Boao-Asienforum konzentriert. Und er möchte es in etwas wie die asiatische Version der Europäischen Union verwandeln. Wird er Erfolg haben? Was für eine Person ist er? Unser folgendes Interview wird Ihnen Einblicke verschaffen.

Von Wang Yong und Chen Wan

Beijing Rundschau: Einige sagen, Sie seien der „Vater von Boao“. Mögen Sie diesen Titel?

Jiang: Ich würde mich eher den Sohn nennen. Aber ich war sicher unentbehrlich für die Schaffung des Städtchens Boao und des Forums Boao. Es gab kein Manna, das vom Himmel fiel.

BR: Als der australische Premierminister Bob Hawk einen Brief an Jiang Zemin, der damals chinesischer Staatspräsident war, schrieb, in dem er zur Entstehung des Boao-Asienforums aufrief, wussten Sie davon?

J: Eigentlich schrieben wir den Brief zusammen. Viele denken, dass das Boao-Forum über Nacht entstanden ist, aber die erste Idee dazu kam 1996, als der ehemalige japanische Ministerpräsident Morihiro Hosokawa meine Villa in Japan besuchte und über die Schaffung eines Forums für ganz Asien sprach.

BR: Wann kamen Sie zum ersten Mal nach Boao, um Bauvorhaben zu tätigen?

J: Im Jahr 1992. Damals plante ich, einen erstklassigen Ferienort aufzubauen. Ich war davon überzeugt, dass es keinen besseren Ort für einen von Wasser umgebenen Urlaubsort in ganz Asien gab. Bali ist kein Vergleich dazu. Das Meer, Flüsse und Seen laufen alle in Boao, einem unberührten Dorf, zusammen. Soweit ich weiß, haben nur Florida, Cancun und Australien ähnliche Landschaftsbedingungen.

BR: Dann im Jahr 1996 wussten Sie, dass Sie eine neue Mission für Boao hatten?

J: Darauf können Sie wetten.

BR: Einige sagen, dass Sie Boao als Austragungsort für ein Forum für Asien vorgeschlagen hätten, nur um dort den Verkauf Ihrer Immobilienprojekte zu fördern. Stimmt dies?

J: Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein. Ich war richtig von der Idee der Schaffung eines Forums für Asien abhängig. Je länger Sie mit mir zu tun haben werden, desto besser werden Sie mich kennen. Ich bin kein guter Unternehmer. Ich lese noch nicht einmal die Bilanzseiten. Ich mache keine Geschäfte mit Banken. Boao ist mein eigenes Kunstprodukt. Es muss ein Signal Asiens sein.

BR: Was für eine Art von Signal?

J: Das Signal eines neutralen dritten Ortes. Wenn China und Japan Handelsauseinandersetzung hätten, könnten sie sich in Boao zusammensetzen und darüber sprechen. Dieser Ort ist weit weg von Beijing, dem Zentrum Chinas Politik, daher herrscht dort eine Atmosphäre der Distanziertheit.

BR: Es gibt sicherlich auch ein schönes Städtchen in Japan, das weit von Tokio entfernt ist. Warum kann es nicht das Signal eines dritten Ortes sein?

J: Es ist die Wahl der Geschichte. Boao wurde aufgrund Chinas Einflusses und des Bedarfs der asiatischen Wirtschaften nach Integration der Austragungsort.

BR: Boao ist jetzt erfolgreich, und das Magazin New Fortune listet Sie als eine Chinas reichster Personen mit einem Vermögen von 300 Mio. Yuan auf. Stimmt das?

J: Das ist nicht wahr. Sie leiteten die Zahlen aus meinen Anteilen in der Boao Holdings Company ab. Aber lassen Sie mich noch einmal sagen: Ich bin kein Unternehmer. Meine Sparguthaben betragen weniger als Ihre. Glauben Sie mir. Worum geht es im Leben? Sie wissen es, wenn Sie einmal den Friedhof Babaoshan in Beijing besucht haben.

BR: Sie sagen, Sie seien kein Unternehmer. Nun was sind Sie dann?

J: Ein Autor. Ich meine ein Kunstschaffender. Ich war einst ein Regisseur und ein Bauträger. Jetzt organisiere ich dieses Forum. Ich werde vielleicht wieder ein Regisseur werden, aber nicht jetzt. Es ist schwer zu sagen, wann.

BR: Woran glauben Sie?

J: An den Himmel. Ich bin kein Christ oder ein anderer religiöser Bekenner, aber ich habe Ehrfurcht vor dem Himmel.

BR: Was ist Ihre größte Misere gewesen?

J: Die ereignete sich um 1972, als ich als „Rechter“ eingestuft wurde und auf dem Land arbeiten musste. Ich wusste nicht, wann es wieder bergauf gehen würde.

BR: Wovor haben Sie am meisten Angst?

J: Vor meiner 13jährigen Tochter.

BR: Sie haben keine Angst vor Ihrer Frau?

J: Nun, meine Tochter ist meine Chefin, ich bin der Chef meiner Frau und meine Frau ist die Chefin meiner Tochter.

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Profil von Jiang Xiaosong

Geboren im November 1951 in Shanghai, Sohn des berühmten Filmregisseurs Jiang Junchao und der berühmten Filmschauspielerin Bai Yang.

Lebte und arbeitete von 1969 bis 1977 in einer Produktionsbrigade auf dem Land im Kreis Laian in der Provinz Anhui.

Von 1978 bis 1980 unterrichtete er in der Shanghaier Universität Jiaotong.

Von 1980 bis 1983 engagierte er sich in der Forschung und fortschrittlichen Studien über Film und Fernsehen in Japan.

Von 1983 bis 1990 arbeitete er als freier Produzent. Er führte Regie und war Produzent von Log Cabin, das auf dem 28. Internationalen Film- und Fernsehfestival New Yorks den Preis für Fernsehregie erhielt, und von dem langen Dokumentarfilm China, The Forbidden City, etc. für das japanische NHKTV.

Im Jahr 1992 gründete er die Xiaoao Real Estate Development Co. Ltd. in der Provinz Hainan und begann, Boao zu entwickeln.

Im August 1999 gründete er die Hainan Boao Investment Holding Co.

Im Februar 2001 ermöglichte er die Etablierung des Boao-Asienforums.

Im April 2002 wurde er zum Vizevorsitzenden des Boao-Asienforums gewählt.