Diplomatische Spiele um Öl
 
Die Entscheidung einer Pipeline-Verlegung, um Russlands Öl zu exportieren, hat viele Elemente jenseits wirtschaftlicher Anliegen involviert.

Von Pang Changwei & Zhou Xinhua

(Pang Changwei ist außerordentlicher Professor an der Beijing Oil University.)

Der russische Premierminister Mikhail Kasyanow machte auf seiner jüngsten Reise nach Beijing, von der erwartet wurde, dass sie das Schicksal der langerwarteten Öl-Pipeline von Russlands Angarsk nach Daqing in Nordostchina offen legen würde, keine Andeutungen in dieser Sache. Der Premierminister bestätigte die Verpflichtung der russischen Regierung gegenüber dem bilateralen Öl-Pipeline-Projekt, setzte jedoch hinzu, dass die genaue Strecke noch im Diskussionsprozess sei.

Einige Beobachter in Beijing gaben zu verstehen, dass Kasyanows Ausdrucksweise die Entschlossenheit der russischen Seite zeige, eine enge Energiekooperation mit China aufrechtzuerhalten. Allerdings implizierte sie auch, dass Russland nach wie vor zwischen der Angarsk-Daqing-Strecke und der von Japan vorgeschlagenen Strecke, die China umgehen und sich bis zu dem Hafen Russlands Fernen Ostens Nakhodka erstrecken würde. Um die bilateralen strategischen Beziehungen aufrechtzuerhalten und zu verbessern, möchte Russland die Energiekooperation mit China beibehalten. Gleichzeitig kann es das Angebot seines wirtschaftlich und technologisch mächtigen Nachbarn Japans und die Gelegenheit, Kooperation mit den USA auszuführen, nicht übersehen.

In der Tat kann dies als Signal einer zunehmend intensivierten Öl-Diplomatie in Nordostasien gesehen werden, wobei China, Russland, Japan und die USA involviert sind. Öl bedeutet für diese Länder unterschiedliche Dinge. Für Russland, das noch nicht aus dem Schatten der „Schocktherapie“, die Anfang der 1990er praktiziert wurde, herausgetreten ist, könnten seine reichen Ölreserven genutzt werden, um Kapital zu erhalten, was es jetzt dringend braucht, und auch um seinen strategischen Status zu verbessern. China hat seinen an Öl reichen strategischen Partner als seine Hoffnung betrachtet, um seine Energiesicherheit zu gewährleisten. Japan, das stets Durst nach Energie hat, wird niemals eine Chance, Öl zu erwerben, vorbeigehen lassen, selbst wenn es nur eine geringfügige ist. Und für die USA ist Öl etwas, was sie ständig kontrollieren möchten, um die Lebenslinie der Weltwirtschaft zu beherrschen.

Russland: Öl für Geld

Auch wenn Russlands Wirtschaft sich seit letztem Jahr zum Besseren gewandt hat und die russische Regierung davon ausgeht, dass ihre Wirtschaftswachstumsrate 2003 4,6% erreichen wird, ist Russlands Wirtschaft immer noch nicht wieder auf die Beine gekommen. Der Waffen- und Energieexport des Landes trägt zu einem großen Anteil zum Wirtschaftswachstum bei.

Belastet mit schweren Auslandsschulden und einem Mangel an genügenden Geldern, um das Militär und die Wirtschaft zu stärken, versucht das Land, Energie für harte Währung zu exportieren. In der Lage zu sein, Öl zu exportieren, ist genauso wichtig wie es zunächst einmal zu besitzen. Der Öltransport wird jedoch von verschiedenen Faktoren, darunter Politik, Krieg und Terroristenaktivitäten beeinflusst. Russlands Öl-Pipeline durch die Ukraine unterliegt hohen Gebühren und erleidet von Zeit zu Zeit Unfälle. Die Strecke durch das Baltikum, um Öl zu exportieren, ist die idealste für Russland, dessen geografischer Standort und Exportmenge entsprechen jedoch nicht Russlands Exportexpansionsstrategie. Daher sind die Exporte in den Fernen Osten seine erste Wahl geworden. Diese Strategie hat das Interesse der nordostasiatischen Länder, darunter China, das aufgrund seiner rapiden Wirtschaftsentwicklung und seines anschwellenden Automarktes eine steigende Nachfrage nach Öl hat, und Japan, auf sich gezogen.

China ist ein strategischer Partner Russland, daher ist die Kooperation zwischen den beiden logisch. Angesichts Japans verlockendem Angebot von Fonds und Technologien zögert Russland jedoch hinsichtlich der Angarsk-Daqing-Pipeline, die es China versprochen hat. Dann begannen die USA eine Rolle in dem Spiel um Öl zu übernehmen und mit einem Mal sah Russland die große Popularität seines Öls.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion verlor Russland fast alle Ressourcen, die zu einer Weltsupermacht gehören, die einzige Ausnahme waren seine reichen Reserven an Öl und Erdgas, die jetzt zu einer Trumpfkarte für die Verjüngung des Landes werden.

Es hat angeboten drei Pipelines in den Fernen Osten zu bauen – die Angarsk-Daqing-Pipeline, die Angarsk-Nakhodka-Pipeline und eine Pipeline nach Murmansk, die Öl für nordamerikanische Länder liefern soll. Die bisher verifizierten Ölreserven Russlands können jedoch nur für eine Pipeline reichen. Wer als erstes den Vertrag zugesagt bekommen wird, ist zu einem delikaten Diplomatie-Spiel für die involvierten Länder geworden.

China: Öl für Entwicklung

Seit 1993 ist China ein Reinölimporteur. Im Jahr 2002 erreichte sein Reinölimport 71,84 Mio. Tonnen, was 30% seines Ölverbrauchs ausmachte. Da Chinas alte Ölfelder in seinen zentralen und östlichen Gebieten anfangen auszutrocknen, wird die Gewährleistung einer stabilen Produktion immer schwieriger und die Kosten sind gestiegen. Die Kluft zwischen Angebot und Nachfrage weitet sich im Zuge der Entwicklung. Statistiken zufolge würde Chinas Ölnachfrage 350 Mio.-400 Mio. Tonnen pro Jahr betragen, während seine Ölproduktion höchstens 200 Mio. Tonnen (gegenwärtig liegt sie bei 169 Mio. Tonnen) sein würde. Dies zwingt China, verstärkt ausländisches Öl und feste verlässliche Quellen ausfindig zu machen, um die Energiesicherheit zu gewährleisten.

China, das sich Russlands reicher Ölreserven und dessen Strategie der Expansion der Ölexporte bewusst ist, hat große Hoffnung auf seinen nördlichen Nachbarn gesetzt. Die vorgeschlagene Angarsk-Daqing-Pipeline prüft jetzt die strategische kooperative Beziehung zwischen China und Russland. Beide Länder können es sich nicht leisten, in Sachen Energie keine Übereinstimmung zu finden.

Darüber hinaus hat China eine Strategie der Diversifizierung seiner ausländischen Öl- und Erdgaslieferanten verfolgt. Während es die Energiekooperation mit Russland stärkt, hat es Kooperation mit zentralasiatischen Ländern angestrebt. Gegenwärtig entwickelt sich Chinas Kooperation mit Kasachstan rapide. Das größte Kooperationsprojekt zwischen den beiden Ländern ist die Erschließung eines Ölfeldes von der China National Petroleum Corp. in Aktobe im Westen Kasachstans. Anfang Juni, als der chinesische Staatspräsident Hu Jintao Kasachstan besuchte, ergriff der kasachische Präsident Nursultan Nazarbayew die Initiative und schlug eine Westkasachstan-China-Pipeline vor. Während Hus Besuchs unterzeichneten beide Länder ein Protokoll über das gemeinsame Studium und den stufenweisen Bau der Kasachstan-China-Öl-Pipeline und ein Abkommen über die weitere Expansion des chinesischen Investments in Kasachstans Öl- und Erdgasfelder.

Japan: Öl für Leben

Die Länder am Persischen Golf tragen jetzt zu 88% zu Japans Ölimporten bei. Japans reguläre Reserve beträgt 315 Mio. Barrel (etwa 50 Mio. Tonnen). Nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 wandte Japan seinen Blick auf Russland, den zweitgrößten Ölproduzenten der Welt, um seine Energieimportdiversifizierungsstrategie zu fördern. Um Russlands Gunst zu gewinnen, hat die japanische Regierung den Streit über die vier nördlichen Inseln beiseite geschoben und die Energie- und Wirtschaftskooperation unterstrichen.

Darüber hinaus sieht Japan äußerst ungern, dass China Öl in Nordostasien kontrolliert. Japan ist davon überzeugt, dass Chinas wachsender Einfluss im Fernen Osten direkt seine wirtschaften Interessen in der Region bedrohen wird. Die Bemühung um Öl des Fernen Ostens ist ein Hauptvorgehen Japans geworden, um seinen Status in Asien zu sichern.

Japans „Beharrlichkeit“ hat sich in seiner Einflussnahme auf die Angarsk-Nakhodka-Pipeline gezeigt. Es wird sie bis zum letzten Moment nicht aufgeben. Japans Premierminister, Außenministerin und Energieminister haben vor kurzem einer nach dem anderen Russland besucht, um die Angarsk-Nakhodak anzupreisen. Gleichzeitig hat Japan Russland einen großangelegten wirtschaftlichen und technologischen Kooperationsplan angeboten. Es versprach sogar 7,5 Mrd. US$ für Russlands Entwicklung neuer Ölfelder in Sibirien, um die russische Regierung zu ermutigen, das Angarsk-Daqing-Programm, welches es mit China abgemacht hatte, zu ändern. Darüber hinaus stockte Japan auch seine Finanzhilfe für russische Regionen, durch welche die Angarsk-Nakhodka-Pipeline gehen würde, auf, womit es Unterstützung für den Plan von lokalen Regierungen sammelte.

Die USA: Öl für mich

Nach den Terroranschlägen vom 11. September haben die USA die Kontrolle der globalen Ölressourcen verstärkt, um ihre Ölimportdiversifizierungsstrategie zu fördern. Während sie mit Russland über die Energiekooperation sprachen, schlossen die USA Russland von einem Anteil am irakischen Öl aus. Gleichzeitig versuchten sie, die Ölexportrichtung von Nordeuropa, Nordrussland und Sibirien sowie der Kaspischen Region zu verändern. All dies zielte auf die Gewinnung der maximalen geopolitischen und wirtschaftlichen Interessen und die Gewährleistung ihrer Energiesicherheit ab.

Am 24. Mai 2002 unterzeichneten Russland und die USA eine gemeinsame Erklärung über die neue russisch-amerikanische strategische Beziehung, die Stärkung der bilateralen Kooperation in den Feldern der Öl- und Gaserforschung und der Entwicklung. Darüber hinaus unterzeichneten die beiden Länder auch eine gemeinsame Erklärung betreffs des neuen russisch-amerikanischen Energiedialogs.

Am 1. Juni 2003 hielten der russische Präsident Wladimir Putin und US-Präsident George W. Bush ihr siebtes Treffen seit Juni 2001 in St. Petersburg ab. Nach dem Treffen sagte Bush, dass die USA und Russland die Kooperation in Wirtschaft und Energie stärken würden. Das Treffen zeigte, dass die beiden Länder den Zwist über die Irak-Krise beendet hatten.

Bisher ist ein Memorandum über den Bau der Sibirien-Murmansk-Pipeline zwischen Russland und den USA unterzeichnet worden, das Russlands Ölexport nach Nordamerika vorschreibt.

Vom 17.-23. Juli kam ein US-Delegierter nach Russland, um den Murmansk-Hafen zu untersuchen, wobei er ausdrückte, dass die fortschrittliche Infrastruktur vor Ort äußerst beeindruckend sei. Einige amerikanische Firmen haben ebenfalls ihr Interesse am Bau der Pipeline, für die fünf große russische Unternehmen versprochen haben, Öl zu liefern, ausgedrückt.

Das Ölspiel bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass einer gewinnen wird und die anderen verlieren werden. Auf dem Treffen des Internationalen Energie-Institutes, das Ende April in Paris stattfand, schlug Japan vor, eine gemeinsame asiatische Reserve und einen ostasiatischen Sicherheitsgarantiemechanismus zu etablieren, der Länder in der Region und die USA involvieren könnte.

China hat ebenfalls nach Energiekooperation innerhalb der Shanghaier Kooperationsorganisation, die aus China, Russland, Kasachstan, Kirgistan, Tadschikistan und Usbekistan besteht, gestrebt. Angesichts des instabilen internationalen Ölmarktes sollten die nordostasiatischen Länder, worunter die meisten eine große Ölnachfrage haben, einen Weg erforschen, eine gemeinsame Ölsicherheit zu verwirklichen.