Neue ostasiatische Industriestruktur taucht auf
 
Gemeinsame Aufgaben der industriellen Restrukturierung verlangen von den Ländern in der Region die Vertiefung der Kooperation.

Von Zhang Yuncheng

(Der Autor ist Forschungsrat am Chinesischen Institut für Zeitgenössische Internationale Beziehungen.)

Das 3. Internationale Asiatische Seminar Fukuoka brachte ein Thema gemeinsamen Interesses auf den Tisch – die ostasiatische Industriepolitik und industrielle Wettbewerbsfähigkeit. Das Thema legte nahe, dass die Länder in der Region den Druck spüren, die Industriestruktur zu adjustieren und die industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern.

Das Seminar zog Wirtschaftsexperten und Gelehrte aus 13 ostasiatischen Ländern sowie den USA und Europa nach Fukuoka, wo sie Herausforderungen und Gelegenheiten, welche die regionalen Industriebranchen konfrontieren, und Wege, die industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu verbessern, diskutierten. Der Einfluss Chinas rapiden Wachstums auf die regionale industrielle Struktur wurde ein besonderer Fokus des Treffens.

Mit dem Aufstieg und Fall der Wirtschaftsstärke asiatischer Länder trifft die regionale industrielle Struktur auf neue Herausforderungen. Japan ist lange die „Leitgans“ im Muster „fliegende Gänse“ der ostasiatischen Industrieentwicklung gewesen. Heute, wo Japan in einer Krise der inländischen industriellen Aushöhlung steckt, zeichnet China mit seiner anschwellenden Herstellungsindustrie und seiner florierenden Hightech-Industrie die Industriekarte Ostasiens neu. Sein Aufstieg ist jedoch von schweren historischen Bürden aufgehalten worden. Gemeinsame Aufgaben der industriellen Restrukturierung verlangen von ostasiatischen Ländern, die regionale Industriekooperation zu verstärken.

Japan: Unter zweifachem Druck

Japan ist gegenwärtig mit Druck vonseiten der Modernisierung Chinas Herstellungstechnologien und dessen Verlangen, die USA im Bereich der High-Tech-Industrien zu überholen, konfrontiert. Japan erlebt seit über 10 Jahren eine Wirtschaftsrezession, markiert durch abnehmende inländische Herstellungsbetriebe und eine sich verschlechternde Arbeitslosenlage. Darüber haben sich seine Auto- und seine elektromechanische Industrie, die einst der Hauptmotor für sein Wirtschaftswachstum waren, konstant ins Ausland verlagert. Der Aufstieg Chinas Herstellungsindustrie, wobei dessen Arbeitskräftekosten nur ein Zwanzigstel bis ein Dreißigstel des der Japans sind, heizt das Thema der „inländischen industriellen Aushöhlung“ in Japan besonders auf.

Inländische industrielle Aushöhlung bedeutet normalerweise den Transfer von Produktionsbasen ins Ausland. Seit Japan das Plaza-Abkommen 1985 unterzeichnete, um den Yen aufzuwerten, ist der Produktionsanteil der ausländischen Herstellung aufgrund der kontinuierlichen Verlagerung der verschiedenen Herstellungsindustrie des Landes ins Ausland zur Aufrechterhaltung der industriellen Wettbewerbsfähigkeit, angeschwollen. Japans Ministerium für den Internationalen Handel und Industrie zufolge stieg der Anteil seiner im Ausland ansässigen Herstellung von 6% Anfang der 1990er auf 14,5% im Jahr 2000. Japans Auto- und elektromechanische Industrie, deren Produktion in vielfältige Verbindungen unterteilt werden könnte, habe eine steigende im Ausland basierende Produktion und eine zurückgehende inländische Produktion gesehen.

Auf der anderen Seite sind Japans Importe aus China kontinuierlich gestiegen, was Japans inländische industrielle Entwicklung zunehmend beeinträchtigte. Die kontinuierliche Reduzierung der Produktionsstützpunkte in Japan hat zu steigender Arbeitslosigkeit im Herstellungssektor geführt. Unterdessen haben Chinas billige Arbeitskräfte große Summen an ausländischem Investment, darunter japanisches Kapital, in seine Herstellungsindustrie angezogen.

Um eine inländische industrielle Aushöhlung zu vermeiden, sollte der Transfer von Produktionsstützpunkten nach Übersee nicht die inländische Beschäftigung und die Handelsbilanz beeinträchtigen. Dass heißt, dass Länder neue Industrien mit internationaler Wettbewerbsfähigkeit heranziehen müssen, während traditionelle Industrien ins Ausland transferiert werden. In den frühen 1980ern wurde die Anzahl von Arbeitsplätzen in den USA, die durch die Verlagerung der Herstellungsindustrien ins Ausland gestrichen wurden, zu einem großen Teil vom Dienstleistungssektor absorbiert, während sich die praktische Herstellungsproduktivität der USA verbesserte. Die rapide Entwicklung der Hightech-Industrien und die Neupositionierung ihrer Entwicklungspriorität auf den Dienstleistungssektor gingen nicht auf Kosten der Herstellungsindustrie der Supermacht. Das Ergebnis war, dass die USA durch die 1990er hindurch eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate von 3% aufrechterhielten, ihre Arbeitslosenquote und die Inflationsquote fielen beide und ihr Technologiehandel expandierte weiter. Im Schatten der inländischen industriellen Aushöhlung waren die USA erfolgreich bei der Vollendung ihrer industriellen Restrukturierung, was Bewunderung von Japan auf sich zog und dessen Gefühl der Krise intensivierte.

ASEAN: Eine Wirtschaft von Ausmaß anstreben

Japanische Unternehmen haben die zentrale Position in der Industriestruktur der ASEAN eingenommen. Seit den 1960ern hat Japan eine große Investmentsumme in die ASEAN (Vereinigung Südostasiatischer Nationen)-Mitglieder gesteckt, was die regionale Industrieentwicklung und das sogenannte „ostasiatische Modell“ in großem Ausmaß gefördert hat. Dem japanischen Ministerium für internationalen Handel und Industrie zufolge belief sich das in den Jahren von 1951 bis zur ersten Hälfte des Jahres 2002 angesammelte Volumen Japans Direktinvestments in China auf 22,9 Mrd. US$ und das in die fünf ASEAN-Gründungsmitglieder erreichte 72,6 Mrd. US$. Der letztgenannte Betrag ist das Dreifache des Erstgenannten, Japans formales Direktinvestment in China begann jedoch erst in den 1990ern.

Da jetzt mehr Auslandsinvestment nach China fließt, sind die Bedenken angestiegen, dass die industrielle Wettbewerbsfähigkeit der ASEAN reduziert und der Wettbewerb um Auslandsinvestment zwischen den südostasiatischen Nationen und China sich erhitzen wird.

In der Tat haben ASEAN-Länder einen Weg gefunden, ihre industrielle Wettbewerbsfähigkeit zu verstärken: die regionale Wirtschaftsintegration. Die Gruppe hat eine Freihandelszone etabliert, allmählich Tarife innerhalb der Region reduziert und das Investmentumfeld verbessert. Diese Bemühung wurde von der südostasiatischen Finanzkrise 1997 beeinträchtigt und der regionale Wettbewerbsvorteil wurde gravierend beschränkt. Dies stoppte jedoch nicht den Schritt der Länder in Richtung Integration durch die Fusion von Splittermärkten in der Region.

China: Aufstieg mit historischen Bürden

China entwickelt sich mit einem erstaunlichen Tempo zu einer Herstellungsmacht. Mit seinem nachhaltigen Wirtschaftswachstum kam es zu einem Zustrom von transnationalen Unternehmen, die das Land zu einer globalen Produktionsbasis und einem Zentrum für die technologische Forschung und Entwicklung und den internationalen Einkauf aufbauten. Zweifelsohne kann gesagt werden, dass Chinas industrieller Aufstieg die Industriekarte Asiens neu zeichnet.

Yu Yongding, Direktor des Forschungsinstitutes für Weltwirtschaftliche und -politische Studien unter der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, sagte, dass mit der Verbesserung Chinas Investmentbedingungen die Wettbewerbsfähigkeit und die Gewinne von Unternehmen mit Auslandskapital in China kontinuierlich gestiegen seien. Im Jahr 2002 erreichten die kombinierten Gewinne von großen Unternehmen mit Auslandskapital in China 15-17 Mrd. US$.

Allerdings existieren nach wie vor versteckte Schwierigkeiten in Chinas industriellem Entwicklungsprozess. Das größte Problem ist, wie seine großen staatseigenen Unternehmen (SEUs) einen Wettbewerbsvorteil erwerben können. In einigen Feldern wie im Schiffsbau könnte China in der Lage sein, Japan und die Republik Korea (ROK) herauszufordern, allgemein gesagt kann Chinas industrielle Stärke den Unternehmen der ersten Reihe seiner beiden ostasiatischen Nachbarn jedoch nicht das Wasser reichen.

Chinas Industriestruktur besteht aus den folgenden drei Teilen: Schwerindustrie-Unternehmen, denen es aufgrund von historischen Faktoren an internationaler Konkurrenzfähigkeit mangelt; arbeitsintensive Unternehmen mit einer gewissen Wettbewerbsfähigkeit dank ihre relativen Vorteile; und Industrien mit Auslandskapital mit steigender Wettbewerbsfähigkeit.

Offensichtlich liegt das Problem bei den großen SEUs. Die Regierung würde die Stahl-, Öl-, petrochemische und Autoindustrie nicht den ausländischen Unternehmen überlassen. Sie versucht die SEUs zu restrukturieren und mächtige inländische Unternehmen zu etablieren. Mit der Last veralteter Ausrüstung, schwerer Schulden und einem Überangebot an Arbeitskräften ist die Reform der SEUs keine einfache Aufgabe. Aus einer solchen Perspektive ist es eine Übertreibung, China die „Weltfabrik“ zu nennen.

Allgemeine Voraussetzungen für die Kooperation

Die industrielle Verbesserung der ostasiatischen Länder erfordert schmerzliche inländische Reformen. Zusätzlich zur Entwicklung von hochmodernen Technologien und Produkten sowie zur Verbesserung der Arbeitskräfte sollten Länder die Ziele und Richtlinien der Industriepolitik so früh wie möglich definieren.

Gleichzeitig erfordern größere Durchbrüche in der industriellen Entwicklung und der Restrukturierung ausländische Unterstützung und Teilnahme. Wirtschaften sind heute durch die Internationalisierung der Produktion, die Liberalisierung des Handels und Investments und die Integration von Finanzmärkten sowie den freien und rapiden Fluss von Kapital, Technologie, Personal und Informationen weltweit enger miteinander verknüpft. Die wirtschaftliche Interdependenz unter Ländern vertieft sich und der Sinn für Kooperation wird gestärkt.

Die ostasiatischen Länder sollten jedoch vermeiden, sich rückwärts zu wenden. Die zu starke Abhängigkeit von entwickelten westlichen Ländern haben zu einer Verwundbarkeit des Weltmarktes geführt. Die Stärkung der Kooperation in der Region sollte ein Weg sein, der Berücksichtigung verdient.

Die regionale industrielle Kooperation ist ein unausweichlicher Weg der industriellen Restrukturierung von Ländern. Unterstützung von außerhalb heranzuziehen ist hilfreich, um die inländische industrielle Restrukturierung und Transformation zu realisieren. Chinas parallele Schritte der Expandierung der Herstellung und der Entwicklung von Hightech-Industrien bieten in der Tat mehr Gelegenheiten für die industrielle Entwicklung anderer Länder.

Chinas Aufstieg intensiviert den wirtschaftlichen Wettbewerb in der Region, was keine schlechte Sache ist. Die Förderung der regionalen industriellen Kooperation ist eine innewohnende Voraussetzung von regionalen Unternehmen im Rahmen der Entwicklung und Verbesserung des Marktwettbewerbs. Die industrielle Kooperation ist ein effektiver Weg, um die jeweiligen Vorteile voll zur Geltung kommen zu lassen und die gemeinsame Entwicklung zu realisieren.

Basierend auf einer gemeinsamen Forderung ist es allmählich auf drei Ebenen zur ostasiatischen Kooperation gekommen:

·regionale Arrangements wie die APEC;

·subregionale Gerüste wie die ASEAN-Freihandelszone, die ASEAN-China-, die ASEAN-Japan- und die ASEAN-ROK-Freihandelszone, die ASEAN-China-ROK-Japan-Kooperation und die China-Japan-ROK-Kooperation;

·Projekte wie die Kooperation zwischen Ländern entlang des Flusses Tumenjiang und des Mekong.

Die Etablierung der China-ASEAN-Freihandelszone ist im Gange; sie zielt darauf ab, durch die wirtschaftliche Integration gemeinsamen Nutzen zu haben. Mit einer Freihandelszone würden beide Seiten nicht nur das gegenseitige Investment fördern und mehr Auslandsinvestment anziehen, sondern auch die Distribution von Ressourcen in der Region optimieren und die Produktivität durch die Erweiterung des Marktumfangs und die Reduzierung der Kosten von importierten Materialien verbessern.

Japan hat der ostasiatischen Kooperation beispiellose Aufmerksamkeit geschenkt. Es hat seinen traditionellen Blick der Betonung der multilateralen Kooperation und der Übergehung der bilateralen Kooperation verändert. Nach der Unterzeichnung eines Vertrages über den bilateralen Freihandel mit Singapur verhandelt Japan jetzt mit der ROK, Thailand und den Philippinen über die frühst mögliche Unterzeichnung eines bilateralen Freihandelabkommens. Und es hat begonnen, die Etablierung der Japan-ASEAN-Freihandelszone durchzubringen.

Japan hat angeboten, anderen ostasiatischen Ländern Darlehen zu geben, um diesen Ländern zu ermöglichen, japanische Produkte zu erwerben. Inzwischen sind Japans Investment und Finanzhilfe zurückgegangen und das Land bleibt verhalten, industrielle Technologien an andere Länder zu transferieren und seinen Agrarmarkt zu öffnen. Alle diese Faktoren machen die Etablierung einer Freihandelszone zwischen der ASEAN und Japan schwierig. Was die ROK anbelangt so ist die praktischste Hilfe, die sie für die ASEAN liefern könnte, industrielle Technologie, die für ASEAN-Länder, die sich ausländische Gelder wünschen, nicht so attraktiv ist. Daher ist nach wie vor ein langer Weg für die multilaterale als auch die bilaterale Kooperation in Ostasien zurückzulegen.

China mit seiner anschwellenden Herstellungsindustrie und seiner florierenden Hightech-Industrie zeichnet die Industriekarte Ostasiens neu. Sein Aufstieg wird jedoch von schweren historischen Bürden aufgehalten.