Forderung nach einer „asiatischen NATO“
 
Profil von M D Nalapat

Professor M D Nalapat war von 1996-98 koordinierender Herausgeber von The Times of India, der größten englischsprachigen Zeitung in Indien. Zuvor war er Herausgeber der Ausgaben von Neu Delhi und von Bangalore des Blattes. Von 1984-88 war er Chefherausgeber der Mathrubhumi Daily, der zweitgrößten malaysischsprachigen Zeitung in Indien.

Er war die erste Person (1983), welche die Theorie (die später 1997 vom russischen Premierminierster Yevgeny Primmakov popularisiert wurde), dass eine Allianz von Indien, Russland (damals UdSSR) und China die Kapazität haben würde, der westlichen Allianz eine effektive Herausforderung zu bieten, aufstellte.

Im Jahr 1999 gab er ein Buch namens Indutva heraus, und zwar mit dem Thema, dass alle Inder eine Komposition aus der westlichen (Christen), der Vedic- (Hindus) und der Mughal- (Moslems) Kultur seien und dass das Konzept von Hindutva, welches unterstreicht, dass alle Inder sich den Praktiken des Hindu-Glaubens anpassen und diese annehmen müssten, nicht funktioniere.

Als UNECSO-Friedensvorsitzender hat er viele wichtige Konferenzen organisiert und China und die USA häufig besucht.

Im Juli 2003 überarbeitete er den Vorschlag zur Bildung der NAATO in der asiatisch-pazifischen Region, um Mexiko und Taiwan, ein Land und eine Region, die er in seinem ursprünglichen Konzept als potentielle Mitglieder miteingeschlossen hatte, außen vor zu lassen.

Im September 2002 schlug M D Nalapat, Professor für Geopolitik an Indiens Manipal Academy of Higher Education und Friedensvorsitzender der UNESCO, vor, ein Sicherheitssystem in der asiatisch-pazifischen Region zu formen, das er NAATO (North America-Asia Treaty Organisation) nennt, und regte an, dass Länder wie die USA, Kanada, Indien, Japan, Singapur, Malaysia, Australien, die Philippinen, die Republik Korea, Kuwait, Oman, Bahrain und Katar dessen natürliche potentielle Mitglieder sein sollten. Vor kurzem setzte er sich mit Beijing Rundschau-Reporter Zan Jifang nieder, um diese Angelegenheit zu diskutieren:

Frage: Sie haben ein asiatisches Sicherheitssystem, das sie „North America-Asia Treaty Organization“ (NAATO) nennen, vorgeschlagen. Wie genau sieht diese Theorie aus und wie kamen Sie auf diese Idee?

Antwort: Ein Grund für die Bildung einer „asiatischen NATO“ ist, dass ich keine europäischen Truppen in Asien sehen möchte. Ich denke, es ist falsch, dass europäische Truppen nach Asien kommen. Der Ansicht der Europäer nach besteht kein Bedarf, dass asiatische Truppen nach Europa kommen, daher bin ich nicht glücklich darüber, was ich zum Beispiel im Irak sehe. Ich sehe britische Truppen im Irak und ich sehe polnische Truppen im Irak. Ich sehe deutsche Truppen in Afghanistan. Ich denke, Europa hat nichts in Asien zu tun und daher sollte die asiatische Sicherheit Teil der asiatischen Interessen sein. Daher ist es meiner Meinung nach äußerst wichtig, asiatische Truppen, asiatische Soldaten und asiatische Länder zu sehen, die eine dominante Rolle in der asiatischen Sicherheit spielen und nicht europäische Truppen und europäische Länder.

F: Wie realistisch ist eine derartige multilaterale Sicherheitsorganisation in Asien?

A: Sie ist äußerst realistisch. Meiner Meinung nach ist eine derartige Organisation nicht gegen ein anderes Land gerichtet und wird den Frieden, die Sicherheit und die Stabilität in der Region unterstützen. Daher denke ich, werden die meisten Länder die Bildung einer „asiatischen NATO“ begrüßen. Das Wichtige ist, dass sie keine Organisation sein soll, die anderen mit Krieg droht und gegen irgendein Land gerichtet ist.

F: Einige Strategen rufen nach einem „Asien für Asiaten“ auf. Wie schützt Ihr Plan die regionalen Interessen?

A: Ich sehe die USA als eine Macht von zwei Kontinenten; ich sehe sie nicht nur als europäisch, sondern auch als asiatisch. Wenn man zum Beispiel nach San Francisco oder nach Los Angeles fährt, wird man sehr viele Chinesen und Inder sehen, die nach der Rückkehr Hong Kongs zu China sehr glücklich waren, dass Hong Kong wieder von Großbritannien an China zurückging. Daher ist Amerika kein Land, das nur einem Kontinent angehört, es ist nicht nur ein europäisches Land, sondern auch ein asiatisches Land. Daher denke ich, dass asiatische Länder in einer Partnerschaft mit den USA und Kanada stehen sollten, zwei Ländern, die eine große chinesische und eine große indische Bevölkerung haben. Ich denke, dass dies für die Förderung der Sicherheit sehr hilfreich sein wird.

F: Wird die Welt unter Führung der USA einpolarer werden? Oder marschiert die Welt in Richtung einer multipolaren Struktur? Wie antwortet Indien darauf?

A: Heute sind die USA zweifelsohne äußerst mächtig und sehr dominant. Meiner Meinung nach wird es in der zukünftigen Welt drei Pole geben. Ein Pol wird Ostasien mit China als Kern sein und dann wird er die Republik Korea (ROK) und wahrscheinlich Japan, Taiwan und viele ASEAN-Länder als Mitglieder in dieser Gruppe haben. Der zweite Pol wird Deutschland und Frankreich als Kern haben und ich denke, sie würden gerne die osteuropäischen Länder und wahrscheinlich Russland als Teil der Gruppe haben. Die dritte Gruppe ist eine Wirtschaftsgruppe mit den USA als Kern. Für uns, Indien, stellt sich die Frage, welche Gruppe wir wählen sollen. Eigentlich haben wir nur zwei Wahlmöglichkeiten, da die europäische Gruppe uns nicht akzeptieren würde. Sie ist nur an Osteuropa und Russland interessiert und sie möchte keine Länder von außerhalb Europas. Ist es besser für uns, der China-Kern-Gruppe oder der Amerika-Kern-Gruppe beizutreten? Meiner Meinung nach tendiert die moderne indische Industrie in Sachen Software, in Sachen Biotechnik und in Sachen vieler anderer Aktivitäten mehr zu den USA hin. Daher ist es natürlich, dass wir uns eher der US-Gruppe als der Gruppe mit China als Kern anschließen würden.

Falls China fortfährt, auf dem gegenwärtigen Weg des wirtschaftlichen Fortschritts, diesem Weg, der aufgrund der weisen Reformpolitik von Deng Xiaoping etabliert wurde, voranzuschreiten, dann denke ich, wird China in etwa 20 Jahren eine Supermacht werden. Und in 40-45 Jahren, falls dieser Weg beibehalten wird, wird China die größte Wirtschaft in der Welt sein. Daher wird die China-Kern-Gruppe äußerst wichtig sein. In der Vergangenheit war die ROK China gegenüber nicht freundlich gesinnt, aber jetzt ist die ROK aus wirtschaftlichen Gründen äußerst freundlich zu China. In der Vergangenheit haben viele Menschen auf Taiwan das Festland ignoriert und haben sich nur an den USA orientiert. Jetzt schauen die Taiwanesen auf das Festland, um dort zu investieren und dort Geschäfte zu machen. Und selbst in Japan schauen viele Firmen nach China und investieren in China. Auch wenn es noch langsam vonstatten geht, so wird China jedoch ein Magnet oder ein Kern eines neuen ostasiatischen Wirtschaftsblocks. Falls diese Situation anhält, so denke ich, wird China sich daher zum Kern eines Pols entwickeln.

Es würde nützlicher für Indien sein, sich dem US-Pol anstatt des China-Pols anzuschließen, und zwar hinsichtlich Indiens Wirtschaftswachstums, in Sachen der Inder, die in die USA immigriert haben, in Sachen Zugang zur High-Tech und in Sachen besserer Qualität der Verteidigung.

F: Wird es irgendeinen Konflikt zwischen Indien und anderen asiatischen Ländern geben, falls Indien sich der US-Gruppe anschließt?

A: Ich denke nicht, dass dies irgendeinen Konflikt bedeuten würde. Sie wissen, es würde ein freundschaftlicher Wettbewerb und eine freundschaftliche Kooperation sein. Es sollte keinen Krieg geben. Asien kann sich keinen Krieg zwischen Indien und China leisten, oder zwischen China und den USA, da diese Länder zu groß sind, und wenn es zu einem Krieg kommen sollte, wird jeder von uns verlieren und niemand wird den Krieg gewinnen.

F: Wie sehen Sie die Wechselbeziehungen zwischen den drei Gruppen?

A: Heute denke ich, schauen viele Menschen in den USA auf die China-Gruppe und sie fühlen, dass China als eine Bedrohung auftaucht, als ein wirtschaftlicher Rivale. Daher sprechen sie in äußerst unfreundlicher Weise über China.

China ist ein sehr mächtiges Land, mit einer sehr starken Armee, der Volksbefreiungsarmee. Auch wenn es kein aggressives Land ist, werden einige Leute aufgrund Chinas Wirtschaftsmacht und der sehr starken Armeekapazität Chinas nervös.

F: Denken Sie, dass Indien eines Tages ein Pol werden wird?

A: Ich denke, langfristig gesehen ja. Ich denke, in etwa 40-45 Jahren könnten wir den vierten Pol mit Indien als Kern haben, der viele Golf-Staaten, Länder am Indischen Ozean, Indonesien und einige andere Länder umfassen wird. Meiner Meinung nach wird der China-Kern-Pol innerhalb von 15 Jahren entstehen. Der europäische Pol begann bereits mit dem Euro vor drei Jahren sich heraus zu kristallisieren.

F: Sind Sie der Ansicht, es ist wichtig, dass die USA der „asiatischen NATO“ angehören?

A: Sie wissen, die Realität ist, dass die USA in Asien sind. Amerikanische Truppen sind in der ROK, in Japan, im Golf und in Indonesien und amerikanische U-Boote und Schiffe sind überall im Indischen Ozean und im Südchinesischen Meer. Daher sind die Amerikaner bereits in Asien. Die Frage ist: Wie gehen wir mit diesem Problem um? Gehen wir dagegen vor oder verbünden wir uns mit den USA? Die Realität ist, dass Amerika bereits ein starker Faktor in Asien ist.

F: Wie sehen Sie als Professor für Geopolitik die Position der indisch-chinesischen Beziehungen in Indiens umfassender diplomatischer Struktur?

A: Ich bin der Ansicht, dass die Beziehungen mit China für Indien äußerst wichtig sind. Es gibt zwei sehr wichtige Beziehungen für Indien: Die Beziehung mit den USA und die Beziehung mit China. Indien hat der Beziehung mit China große Aufmerksamkeit beigemessen. Und eine Menge Inder sind dabei, China besser kennenzulernen – sie lernen Chinas Sprache, Geschichte und Politik und wir werden immer mehr China-Experten in Indien haben.