Korruption auf dem Campus: Professoren-Ausverkauf
 

Das Moralaufbaukomitee der Chinesischen Akademie der Ingenieurwissenschaften (CAIW) hat seit Oktober 2002 21 Anzeigen gegen Mitglieder erhalten; insgesamt sind 18 Akademiker betroffen.

Die Beschwerden umfassen: Meinungsverschiedenheiten über das Eigentumsrecht für Forschungsergebnisse, Mangel an Demokratie in der Forschung, pseudowissenschaftliches Vorgehen von Forschern, Erhalt akademischer Titel durch unehrliche Methoden und Plagiieren geistigen Eigentums in Papieren, die von Doktoranden unter der Beratung von Akademikern veröffentlicht wurden.

Obwohl das Komitee feststellte, dass viele Klagen unbegründet waren, kann man jedoch daraus ersehen, dass die Korruption sich bis auf die höchste Ebene der akademischen Kreise erstreckt.

Was ist los in den akademischen Kreisen Chinas? Die alten Anweisungen: „sich nicht durch Reichtum und Ansehen verführen lassen, trotz einer ärmlichen Herkunft nicht von Prinzipien abweichen und sich vor keiner Gewalt beugen“ sind seit vielen Generationen das Motto der chinesischen Intellektuellen gewesen.

In der traditionellen chinesischen Kultur werden Loyalität, moralische Integrität und Vertrauen hochgeschätzt. Laut Professor Chen Pingyuan der Peking-Universität sollten Gelehrte, die gebildet, vernünftig und anständig sind und keinen politischen und materiellen Bestrebungen unterliegen, als Vorbild der Gesellschaft dienen. Was hat heute jedoch die Gelehrten, die sich eigentlich mit hehren Unternehmungen für die Erforschung der Weltgeheimnisse und der Suche nach den Lebenswahrheiten befassen, dazu getrieben, unmoralische Aktionen zu begehen?

Handelt es sich um ein Resultat der moralischen Unklarheit in der Übergangsperiode von einer Planwirtschaft zu einer Marktwirtschaft in der chinesischen Gesellschaft? Liegt es an blockierten Kanälen für den akademischen Austausch? Ist ein Grund, dass Professoren zu wenig verdienen? Und wie kann akademische Korruption unter Kontrolle gebracht werden?

Ungesunde gesellschaftliche Moral führt zu Korruption unter Akademikern

Wang Dazhong (Mitglied der Chinesischen Akademie der Wissenschaften (CAW) und ehemaliger Präsident der Tsinghua-Universität): Falls der Lernstil einer Hochschule verfault, ist sie, wie es bei einer Opiumabhängigkeit der Fall ist, dem Untergang geweiht. Ich denke, dass das Phänomen der akademischen Korruption mit der Mentalität des Jagens nach schnellem Erfolg und Ruhm, die gegenwärtig in der Gesellschaft weit verbreitet ist, in engem Zusammenhang steht.

Li Yanbao (Sekretär des Parteikomitees der Sun Yat-sen-Universität): Dies ist ein gesellschaftliches Phänomen, das zeigt, dass Treue und Glauben im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung mit Herausforderungen konfrontiert sind.

Li Zaiping (CAIW-Mitglied): Einige Akademiker haben das Problem der akademischen Korruption. Dies ist jedoch keineswegs seltsam, da ihre Integrität und akademische Moral von der komplizierten Gesellschaft, in der sie leben, beeinflusst werden. Nichtsdestotrotz sind Treue und Glauben sehr wichtig für einen Menschen, ob dieser ein Akademiker ist oder nicht.

Mangel an Kanälen der gemeinsamen Forschung

Zheng Shiling (CAW-Mitglied): Eine kleine Anzahl von Forschern hat unmoralische Aktionen wie das Kopieren von Ergebnissen anderer und Anfertigung eines Plagiats von Werken anderer begangen. Ein Mangel an akademischen Austauschkanälen ist, meiner Meinung nach, auch ein Grund für sich wiederholende Forschungsprojekte, was zu ähnlichen Forschungsarbeiten führen kann.

Gegenwärtig sind wir mit unserer akademischen Forschung noch nicht so offen.

Wir haben nur sehr begrenzte Kenntnisse über die Forschung fortschrittlicher wissenschaftlicher Bereiche im Ausland. Es ist für uns jedoch sehr wichtig, uns durch den Austausch internationaler Forschungsarbeiten mit internationalen Forschungsergebnissen vertraut zu machen. Da übersetzte Forschungsabhandlungen in China nicht als Forschungsergebnisse betrachtet werden, sind nur wenige Personen willens, wissenschaftlich-technische Übersetzungen anzufertigen.

Darüber hinaus ist es für wissenschaftlich-technische Forscher äußerst schwierig, Fremdsprachen zu beherrschen. Diese Faktoren sind Hindernisse im Austausch zwischen den in- und ausländischen Akademikerkreisen geworden.

Andererseits fordern wir Postgraduierte oft dazu auf, vor dem Abschluss ihres Studiums in akademischen Zeitschriften Abhandlungen zu veröffentlichen. Nehmen wir die Architektur als Beispiel. Es gibt in China nur einige wenige architektonische Zeitschriften, aber viele Postgraduierte für diesen Bereich. Selbst wenn wir diesen Postgraduierten allen Platz in den Zeitschriften geben würden, würde dies für sie noch nicht ausreichend sein. Daher veröffentlichen einige Postgraduierte ihre Abhandlungen im Namen ihres Professors.

Strukturelle Probleme

Sun Daye (CAW-Mitglied): Das größte Problem im gegenwärtigen wissenschaftlichen Forschungsbereich ist, das Streben nach schnellen Erfolgen, wobei Forscher eifrig bemüht sind, Abhandlungen zu veröffentlichen und einige Postgraduierte, obwohl sie sich noch in der Etappe, Fundamente zu legen, befinden, überstürzt Abhandlungen veröffentlichen möchten, sobald sie einige wenige Experimente durchgeführt haben. Vor diesem Hindergrund unternehmen einige sogar Täuschungsversuche oder fertigen Plagiate an — akademische Korruption.

Abgesehen von den persönlichen Gründen vonseiten der Forscher ist die äußere Umgebung wie das System ebenfalls ein wichtiger Grund für das Streben nach schellen Erfolgen. Da die Bewertung akademischer Titel die Veröffentlichung einer gewissen Anzahl von Abhandlungen erfordert, versuchen einige mit allen Mitteln, ihre Arbeiten zu veröffentlichen. Die Postgraduierten sind ebenfalls aufgefordert worden, für ihren Abschluss Abhandlungen zu veröffentlichen. In anderen Ländern ist dies ganz anders: Studenten haben sich für die Absolvierung qualifiziert, wenn sie durch eine berufliche Ausbildung gegangen sind. Mittlerweile sind Verwaltungsabteilungen, die für die wissenschaftlich-technische Forschung verantwortlich sind, ebenfalls begierig darauf, schnell Erfolge zu sehen.

Die akademische Korruption existiert, allerdings ist sie nicht so verheerend wie einige Medien berichtet haben. Dieses Phänomen steht in engem Zusammenhang mit unserem System. Die wissenschaftliche Forschung ist eine ernste Angelegenheit, und das Streben nach schnellen Erfolgen sollte vermieden werden. Je mehr Abhandlungen, desto besser, kann nicht unser Ziel sein. Worauf es ankommt, ist Entschlossenheit, ein wichtiges Thema zu lösen. Und Forscher sollten in der Lage sein, ein einsames Leben zu führen.

Fang Zhouzi (Gründer von Xin Yu Si (Neuer Gesprächsfaden), www.xys.org): Die meisten Länder haben Bildungssysteme wie unser Akademiker-System. Chinas System hat jedoch seine eigenen Charakteristiken, die zu zunehmendem Missbrauch und zahlreichen Vergehen geführt haben.

Erstens haben chinesische Akademiker zu viele Befugnisse. Chinesische Akademiker erfreuen sich einer unumstrittenen Autorität in ihren jeweiligen Bereichen. Aber im Grunde genommen, betont die wissenschaftliche Forschung keine Autorität, sondern Forschungsergebnisse. Selbst wenn jemand eine weit anerkannte Autorität in einem gewissen Bereich ist, sollte dies aufgrund seiner Errungenschaften und seines Könnens anstatt einer künstlichen Krönung sein.

Zweitens ist der Standard von Akademikern zu gewissem Grad gesunken. Ein qualifizierter Akademiker sollte eine bekannte Persönlichkeit in seinem Fachbereich sein. Vor zwei Jahren griffen einige Menschen jedoch sogar zu Werbeanzeigen, um so als Akademiker ausgewählt zu werden. Aus diesem Grund ist es nicht schwierig, sich vorzustellen, wie der Akademiker-Titel an Wert verloren hat. Mit der Zunahme der Anzahl der Akademiker ist der Standard niedrig geworden, was folglich die durchschnittliche Kompetenz und die Moralqualität von Akademikern vermindert hat.

Drittens werden Akademiker nicht wegen ihrer Missetaten bestraft. Der CAIW-Bericht informierte nur allgemein über Anklagen gegen einige Akademiker. Er erwähnte jedoch keinen Namen. Selbst wenn die Anklagen als wahr bestätigt worden waren, und einige Akademiker der Korruption überführt wurden, wurden diese nicht bestraft. In den letzten Jahren ist eine ganze Anzahl akademischer Korruptionsfälle ans Tageslicht gebracht worden, darunter sind ein paar bereits abgeschlossen worden.

Jedoch wurden nur einige kleine Fische als Sündenböcke bestraft, während die betroffenen Akademiker nicht im geringsten „belästigt“ wurden. Seit der Errichtung des Akademiker-Systems in China ist nur zwei Akademikern ihr Titel aberkannt worden, einem aus politischen und dem anderen aus wirtschaftlichen Gründen. Es gibt keinen/keine Akademiker/in, dem/der wegen seiner bzw. ihrer moralischen Übertretungen sein/ihr Titel aberkannt worden ist.

Meiner Meinung nach hätten gewisse Akademiker schon lange von der Namenliste bekannter Gelehrter gestrichen werden sollen. Der Akademiker-Titel ist wie ein Schutzschirm, mit dem man Immunität vor Zensur zu erhalten scheint. Wie können wir daher erwarten, dass akademische Korruption in China von Grund auf eliminiert werden könnte?

Öffentliche Überwachung vonnöten

Zou Chenglu (CAW-Mitglied): Vor 20 Jahren war die Mehrheit der Menschen im Land aufgrund der Isolation Chinas von der Außenwelt nicht mit den Regeln der internationalen akademischen Kreise vertraut, daher wurde gegen einige Regeln verstoßen.

Heute sind zwar immer mehr Leute mit den internationalen Standards vertraut, allerdings greift die Korruption in unseren akademischen Kreisen auch immer stärker um sich. Einige grobe Missetaten sind sogar kaschiert oder als Unwichtigkeit abgetan worden. Einige berühmte Persönlichkeiten, die Fehler begangen haben, wurden „geschützt“, was die Konfusion der öffentlichen Meinung weiter verschlimmert und die akademische Korruption gefördert hat.

Akademische Korruption sollte enthüllt und verurteilt werden. Alle Arten akademischer Probleme sollten unter die Überwachung der breiten akademischen Kreise gestellt werden. Unterdessen sollten gewisse administrative Methoden für die Verhütung und das Vorgehen gegen akademische Korruption angewendet werden.

Wer auch immer die Regeln verletzt, sollte enthüllt und in Übereinstimmung mit dem Prinzip, dass alle vor dem Gesetz gleich sind, geahndet werden. Alles andere wäre gegenüber den meisten Intellektuellen, die sich lautlos mit der Forschung befassen und unter harten Bedingungen Beiträge leisten, unfair. Der jüngste CAIW-Bericht und die von der CAIW angestellten Untersuchungen markieren einen guten Beginn. Hoffentlich wird die CAIW in der Zukunft bessere Arbeit leisten, um Korruptionsfälle zu enthüllen und offen zu ahnden.

Cao Shuji (Professor der Fudan-Universität): In der Tat hat das Moralaufbaukomitee kein administratives Recht, Bestrafungen durchzuführen; es kann nur in einem moralischen Sinn akademische Korruption verurteilen. Seine Behandlung der Fälle findet jedoch hinter geschlossen Türen statt, womit es seine Pflichten, die Resultate öffentlich bekanntzugeben, nicht erfüllt.

Als die einzige Institution, die Anklagen gegen korrupte Akademiker annimmt, stellen ihre heimlichen Operationen einen subtilen „Schutz“ für „gelehrte Beamte“ dar. Abgesehen von einigen Hochschulen und Universitäten sowie Forschungsinstituten haben in der Tat viele Institutionen einen derartigen traditionellen „Schutz“.

Das Moralaufbaukomitee der CAIW gibt uns wahrhaftig ein Rätsel auf. Es veröffentlichte weder Namen betroffener Akademiker noch die Resultate der Untersuchungen.

Es stellt sich die Frage, warum die sogenannten Untersuchungen angestellt worden sind, wenn keine Resultate bekanntgegeben werden? Solange es nicht zu einer Bestrafung kommt, werden die sogenannten akademischen Regeln lediglich auf dem Papier bleiben.