Den Zusammenstoß vermeiden: Den Weg für die chinesisch-indische Kooperation pflastern
 

Von Fu Xiaoqiang & Kuang Ji

China und Indien, die beiden größten und bevölkerungsreichsten asiatischen Länder mit den ältesten Zivilisationen der Welt, sind in Sachen Wirtschaftsentwicklung und politische und kulturelle Stellung ebenbürtige Gegner. Werden die beiden Nationen in der Zukunft zusammenstoßen, wie es einige westliche Medienquellen vorausgesagt haben?

Diese Voraussage hört sich nicht grundlos an, angesichts der Tatsache, dass die beiden Länder Ähnlichkeiten teilen, welche die beiden zu Rivalen in globalen wirtschaftlichen, politischen und sogar kulturellen Strukturen machen könnten. Und im späten 20. Jahrhundert hatte Indien die Theorie der „China-Gefahr“ unterstützt und diese als eine Verteidigung für sein Nuklearprogramm genutzt.

Die jüngsten Aktionen, die von beiden Seiten ergriffen wurden, widerlegen diese Ansicht jedoch. Ende Oktober hielten die Länder offiziell die erste Runde der Gespräche zwischen „Sondervertretern“ über die chinesisch-indischen Grenzangelegenheiten ab. Die Gespräche waren im Juni 2003 initiiert worden, als der indische Premierminister Atal Bihari Vajpayee China besuchte und beide Seiten die Erklärung über die Prinzipien für Beziehungen und die umfassende Kooperation unterzeichneten. Und beide Länder werden Ende dieses Jahres gemeinsame Seeübungen zur Bergung von Schiffswracks durchführen. Das gegenseitige Vertrauen zwischen den beiden Ländern nimmt in den Bereichen Politik und Sicherheit zu.

Am 30. Oktober sagte der indische Verteidigungsminister George Fernandes, dass Indien die gleiche freundschaftliche Hand, die China hinhalte, ausstrecken sollte. Im Mai gab das indische Verteidigungsministerium offiziell seinen Jahresverteidigungsbericht 2002-03 heraus, der die Militärkooperation zwischen China und Indien darlegte. In ihm hieß es, dass die beiden Armeen gegenseitige Kriegsschiffsbesichtigungen durchführen würden und Indien Militäroffiziere entsenden werde, in Chinas Militärhochschulen zu studieren.

Am 26. Oktober berichtete die bekannte indische Zeitung Statesman, dass das indische Verteidigungsministerium ein weitreichendes Programm ausarbeite, in dem es hieße, dass China mit seinem Wirtschaftsaufbau beschäftigt sei und wahrscheinlich nicht viel Energie und Ressourcen in die militärische Entwicklung stecken werde. Daher, so der Bericht, sei der Wettbewerb zwischen den beiden Seiten eher wirtschaftlicher als militärischer Natur. Der Bericht nimmt an, dass die beiden Länder den Wettbewerb gravierend entspannt und die bilaterale Kooperation in Politik und Sicherheit gestärkt haben.

Der wirtschaftliche Wettbewerb wird hitziger

Eine wirtschaftliche Entwicklungskluft hatte in Indien Anlass zur Entstehung der Theorie der „China-Gefahr“ gegeben. Im Jahr 1980 waren die Lebensstandards der beiden Länder fast gleich, aber 2001 rangierte China in Sachen wichtiger wirtschaftlicher Entwicklungsindikatoren vor Indien. Der UNESCO und der Weltbank zufolge machte die Anzahl der Menschen, die weniger als 1 US$ pro Tag verdiente, 18,8% aller in China aus, während in Indien die Zahl 44,2% ausmachte. Indiens BIP-Wachstumsrate und sein direktes Auslandsinvestment hinkten ebenfalls hinter Chinas her. Im Jahr 2001 kamen auf 1000 Chinesen 15,9 Computer, aber nur 4,5 Computer auf 1000 Inder. China hatte 150 Mio. Handy-Kunden, während Indien nur etwas über 6 Mio. hatte. Dies bedeutet jedoch nicht, dass Indien kein Gegner mehr für China ist. In der Tat ist Indien in der Lage gewesen, China in einigen High-Tech-Bereichen Konkurrenz zu machen.

Allgemein gesagt ähneln die beiden Länder einander in der Wirtschaftsstruktur und -entwicklung, und ihre Wirtschaften sind noch nicht komplementär. Beide Seiten suchen Investment von westlichen Industrieländern, was zu Wettbewerb zwischen ihnen geführt hat. Da beide Seiten technologische und technische Stärken teilen, sind sie für Ingenieurprojekte einiger Entwicklungsländer Konkurrenten geworden. Beide Länder sind reich an Arbeitkräfteressourcen, haben das Potential, die Fabriken der Welt zu werden, und sind große Rivalen, was Produkte der Textil- und Leichtindustrie anbelangt.

Wird der wirtschaftliche Wettbewerb das neu etablierte gegenseitige politische und militärische Vertrauen unterminieren? Analytiker sagen, das A und O liege darin, wie beide Seiten ihren Wettbewerb sehen würden. Der chinesische Ministerpräsident Wen Jiabao schlug vor, dass beide Länder ihre Kooperation expandieren und die Koordination stärken sollten, während der indische Premierminister Atal Vajpayee sich auf einen gesunden Wettbewerb bezog, als er über die bilateralen Beziehungen sprach. Der Wettbewerb zwischen China und Indien bedeutet jedoch nicht notwendigerweise, dass beide Seiten sich konfrontieren müssen. Die Entwicklung der bilateralen Beziehung hängt von ihren fundamentalen Interessen und den staatlichen politischen Maßnahmen der beiden Länder ab. Falls sie dem historischen Trend von Frieden und Entwicklung folgen und sich gegenseitig respektieren, werden die beiden Länder freundschaftliche Partner sein. Falls sie Konflikt schaffen, wird es für beide Länder und die Region ein Desaster sein.

Darüber hinaus sind China und Indien ganz selbstverständlich politische Partner, da beide große Entwicklungsländer mit gemeinsamen Interessen sind. China und Indien unterstützen beide die Multipolarisierung, und in der internationalen politischen Arena könnte die chinesisch-indische Kooperation die Multipolarisierung und die Etablierung einer neuen internationalen politischen Ordnung fördern. In der globalen Wirtschaft ist ihre Kooperation für die Gewährleistung der Interessen der Entwicklungsländer günstig. Auf dem WTO-Ministeriumstreffen in Cancun diesen September stärkte die Kooperation das Vertrauen der Entwicklungsländer, die über landwirtschaftliche Handelsangelegenheiten mit den entwickelten Ländern verhandelten. Da China und Indien beginnen, sich im 21. Jahrhundert als politische Partner und wirtschaftliche Konkurrenten zu treffen, scheint es, dass sie bereit sind, einem Spiel einen Versuch zu geben.