Nation fordert Rückkehr verlorener Schätze
 
Chinesische Kulturexperten drängen auf die Rückkehr von verlorengegangenen Artekfakten, insbesondere derjenigen, die illegal erworben wurden, in ihre eigentlichen Herkunftsländer.

Von Ren Xiaofeng

Am 9. Dezember 2002 gaben 18 große Museen und Forschungsinstitute in Europa und Amerika, darunter das Britische Museum und der Louvre, gemeinsam eine Erklärung über die Bedeutung und den Wert von Universellen Museen ab, in der sich gegen die Rückgabe von Kunstwerken, insbesondere aus dem Altertum, an ihre ursprünglichen Besitzer ausgesprochen wurde.

Auch wenn es noch keine fertigen Statistiken darüber gibt, wie viele chinesische Artekfakte sich im Besitz von diesen 18 Museen befinden, sagen Experten, dass es sich nicht um kleine Sammlungen handele.

Ma Baoping, dem Vizedirektor des Chinesischen Programms für die Wiederherstellung von Verlorenen Kulturartefakten der Chinesischen Stiftung für die Entwicklung der Volkskultur, zufolge ist eine große Anzahl von chinesischen Artekfakten seit den letzten Jahren der Qing-Dynastie (1644-1911) ins Ausland gebracht worden, ein schmerzlicher Verlust für das Land.

In den 100 Jahren vor Mitte des 20. Jahrhunderts litt China, dass in seiner Stärke geschwächt worden war, unter der Demütigung von ausländischer Invasion und Ausbeutung, was sich in einem riesigen Verlust von Kulturwerken widergespiegelt hat. Statistiken des Chinesischen Verbandes für Kulturantiquitäten zufolge hat das Land über 1 Mio. Kulturobjekte an 47 Länder verloren, darunter Hunderttausende von hochqualitativen Artekfakten, einige wurden in Kriegszeiten geraubt. Das Metropolitan Museum of Art in New York beansprucht die größte Sammlung an chinesischem Gemälden zu haben, während das Britische Museum sich rühmt, die Gemälde mit der besten Qualität zu haben. Was Porzellan anbelangt, ist Frankreichs Musée Guimet, das für die beste Sammlung asiatischer Kunstwerke bekannt ist, unter seinen Kollegen führend. In den USA sind über 1000 große Bronzewerke aus dem alten China katalogisiert worden, darunter Hunderte von außergewöhnlichen Stücken. In Europa hat Großbritannien die reichste Sammlung chinesischer Kulturobjekte, gefolgt von Frankreich. Über die Hälfte der Sammlungen des Musée Guimet ist chinesischen Ursprungs, insgesamt handelt es sich um mehr als 30 000 Stücke.

Die Wiedererlangung von verlorenen Kulturobjekten ist ein öffentliches Anliegen geworden. Am 18. Oktober 2002 wurde das Chinesische Programm für die Wiederherstellung von Verlorenen Kulturartefakten der Chinesischen Stiftung für die Entwicklung der Volkskultur gegründet. Es ist die erste nichtstaatliche Organisation des Landes zur Geldaufbringung für die Wiedererlangung und Rettung von Kulturobjekten. Sie hofft, verstärkt gesellschaftliche Kräfte zu mobilisieren, sich ihren Bemühungen anzuschließen.

Auf einem Forum, das von genanntem Programm am 21. Januar in Beijing organisiert wurde, drückten chinesische Experten von hohem Rang ihre feste Opposition gegen die Erklärung der 18 europäischen und amerikanischen Museen aus und äußerten, dass die Erklärung gegen die internationalen Konventionen gehe.

Zhao Hong, stellvertretender Direktor der Chinesischen Stiftung für die Entwicklung der Volkskultur, sagte, dass China am 7. März 1997 der Unidroit-Konvention über Gestohlene und Illegal Exportierte Kulturobjekte, die für die Rückkehr von Kulturobjekten, die von dem Territorium eines Vertragsstaates im Widerspruch zu dessen Gesetzen über den Export von Kulturobjekten entwendet worden seien, beigetreten sei. In der Konvention werden Kulturobjekte als solche definiert, die auf religiöser oder weltlicher Basis für die Archäologie, Vorgeschichte, Geschichte, Literatur, Kunst oder Wissenschaft von Bedeutung sind und zu einer der Kategorien, die im Anhang der Konvention aufgelistet sind, gehören. Sie legt fest, dass der Besitzer eines Kulturobjekts, das gestohlen worden ist, dieses zurückgeben soll und ein Vertragsstaat die Gerichte oder andere zuständige Behörden eines anderen Vertragsstaates auffordern kann, die Rückgabe eines Kulturobjektes, das von dem Territorium des anfragenden Staates illegal exportiert wurde, anzuordnen. Der Konvention zufolge hat die chinesische Regierung das Recht, für 75 Jahre seit der Unterzeichnung, die Rückgabe von Kulturobjekten, die durch illegale Mittel vom chinesischen Territorium entwendet wurden, zu fordern. Dies liefert die rechtliche Unterstützung für Chinas Beanspruchung verlorengegangen Kulturgutes. Die chinesische Regierung hat erklärt, dass sie sich das Recht vorbehalte, die Rückgabe von Objekten, die vor der Gültigkeit der Konvention gestohlen oder illegal exportiert worden seien, zu fordern.

Kultur könne einen genau definierten Besitzer haben, sagte Zheng Xiaoxie, Mitglied des Landeskomitees für Kulturartefakte. „Zweifelsohne ist traditionelle chinesische Kultur ein Schatz für die ganze Menschheit. Allerdings gehören chinesische Kulturobjekte, die Träger des wertvollen Erbes unserer Vorfahren sind, nach China. Artefakte wie die Große Enzyklopädie von Yongle aus der Ming-Dynastie (1368-1644), die Wandmalerein von Dunhuang und die Dongba-Schriften, die die kulturelle Entwicklung der Einwohner Lijiangs in der Provinz Yunnan aufzeichneten, repräsentieren alle die alte chinesische Zivilisation, sind jedoch von Invasoren geplündert worden. Auch wenn sie gegenwärtig in Museen oder bei Sammlern im Ausland verteilt sind, ist China immer noch ihr rechtmäßiger Eigentümer.“

Experten, die an o.g. Forum teilnahmen, betonten, dass für die Handhabung dieser Angelegenheit eine flexible Einstellung notwendig sei. „Einige chinesische Kulturobjekte sind auf legalem Weg oder durch Tauschaktivitäten exportiert worden“, äußerte Wang Shixiang, ein Forschungsmitarbeiter des Chinesischen Kulturartefakts-Instituts. „Gegenüber ihrer Präsenz im Ausland haben wir nichts einzuwenden, sondern sehen diese als eine Darstellung der Brillanz der chinesischen Kultur und als Boten des internationalen Austausches. Allerdings haben wir allen Grund, diejenigen Kulturgüter zu beanspruchen, die illegal entwendet wurden“, sagte Wang.

Beispiele von Artefakten, die illegal entwendet wurden, umfassen Buddhastatuen aus den Grotten Yungang und Longmen, Wandmalereien aus Dunhuang und Kulturobjekte, die ehemals im Yuanmingyuan aufbewahrt wurden. Wang schlug vor, dass Bemühungen unternommen werden sollten, Beweise darüber zusammenzubringen, wie diese Objekte gestohlen worden seien, und auf dieser Basis deren Rückgabe zu fordern. Beispielsweise fotografierten japanische Forscher die Buddha-Statuen aus den Grotten Yungang und Longmen ausgiebig, bevor die britischen und französischen Banditen diese stahlen. Diese Fotos ausfindig zu machen und sie mit den Sammlungen in den westlichen Museen zu vergleichen, wird es ein Leichtes machen, den Ursprung besagter Objekte zu verifizieren.

Allerdings sind die gegenwärtigen Bemühungen der chinesischen Regierung, verlorengegangene Artefakte wiederzuerlangen nach wie vor mit ernsten Engpässen konfrontiert, insbesondere dem Mangel an Material darüber, wie viele Kulturobjekte verlorengegangen sind und wo sie sich gegenwärtig befinden. In den letzten Jahrzehnten ist es den Regierungsinstitutionen leider nicht gelungen, diese Fälle zu dokumentieren, trotz einiger privater Versuche.

Zhao ist davon überzeugt, dass es viele Aspekte gibt, die berücksichtigt werden müssen, wenn verlorene Kulturobjekte wiedererlangt werden möchten, darunter die Diplomatie, Gesetze, politische Maßnahmen und Fonds.

Am 13. Januar gab die Chinesische Stiftung für die Entwicklung der Volkskultur ein offenes Schreiben heraus, in dem es ihrer festen Unterstützung für die Beanspruchung von gestohlenen und illegal exportierten Kulturobjekten durch die chinesische Regierung Stimme verlieh.

In dem Schreiben hieß es: „Als Mitglieder einer öffentlichen Wohlfahrtsorganisation, die sich der Wiedererlangung von verlorengegangenen Kulturobjekten widmet, unterstützen wir die Unterzeichnung von internationalen Konventionen wie die Konvention über die Mittel des Verbots und der Verhütung des illegalen Imports, Exports und Transfers des Besitzes von Kultureigentum vonseiten der chinesischen Regierung und heißen die Prinzipien dieser Konventionen für gut. Wir sind davon überzeugt, dass Kulturobjekte materielle Beweise der Geschichte eines Landes und ein sichtbarer Träger der alten Zivilisation sind. Folglich verkörpert der Verlust von Kulturobjekten die Zerstörung der Lebenslinie einer Nation. Auf der Basis unserer Verpflichtung, die durch internationale Konventionen abgesichert wird, als auch aus unserem einfachen Wunsch, Chinas alte Zivilisation als Schatz zu pflegen und Kulturerbe der ganzen Menschheit zu schützen, sind wir entschlossen, verlorengegangene chinesische Kulturobjekte durch diplomatische und rechtliche Prozeduren wiederzuerlangen.“

Kulturobjekte, die durch unmoralische, ungerechte und illegale Mittel von China entwendet worden seien, ganz gleich, ob während vergangener Kriege oder in gegenwärtig friedlichen Zeiten, müssten zurückgegeben werden, so das Schreiben.