Bildung zu verkaufen
 
Willkürlich erhobene Gebühren haben das Bildungssystem des Landes für einige unerschwinglich gemacht, womit das Konzept „gleiche Bildung für alle“ bedroht ist.

Von Lan Xinzhen

Der 1. September dieses Jahres bedeutete völlig unterschiedliche Dinge für Wang Nan, ein 12 Jahre altes Mädchen aus Beijing, und ihren Vater Wang Weiqing. Für die Tochter war es der erste Tag an der Mittelschule. Für den Vater war es der Beginn einer neuen Runde einer schweren Finanzlast.

„Ich verdiene etwas mehr als 30 000 Yuan (3600 US$) pro Jahr“, sagte Wang. „Ich habe jedoch schwere Zeiten, die Schulgebühren für meine Tochter aufzubringen.“

In Beijing müssen sich die Abgänger der Grundschule in einer Mittelschule, die in der Nähe ihres Wohnsitzes gelegen ist, anmelden. Wenn ein Schüler eine andere, meistens eine bessere, Schule wählt, muss seine Familie eine hohe Gebühr bezahlen, um den Schulwechsel möglich zu machen. Für Wang Nan betrug diese Gebühr 50 000 Yuan (6000 US$). Dies war nur der Beginn. In den kommenden Jahren werden die Kosten der Bildung der Tochter den größten Teil des Einkommens der Eltern verbrauchen.

Mit dem Beginn eines neuen Schuljahres in China sind die willkürlich erhobenen Bildungsgebühren ein vorrangiges Interesse der Öffentlichkeit geworden. Ab dem 15. September begann die Staatliche Entwicklungs- und Reformkommission mit anderen zuständigen Behörden gemeinsam scharf gegen zusätzliche Schulgebühren vorzugehen. In der strengsten Inspektion seit 10 Jahren warnte Erziehungsminister Zhou Ji, dass jeder Rektor jeglicher Schule, die illegal zusätzliche Schulgebühren erheben würde, aus dem Amt entlassen würde.

Das Erziehungsministerium schreibt vor, dass die Grund- und Mittelschulen im ganzen Land einen einheitlichen Gebührenplan haben sollen. An den Grund- und unteren Mittelschulen sind nur Lehrbüchergebühren und einige Zusatzgebühren zugelassen; an den oberen Mittelschulen dürfen nur Schulgebühren und einige Extraleistungen erhoben werden. Leider gibt es viele Schulen, die sich nicht an diese Regeln halten, und einige haben trotz scharfer Regierungsverbote angeblich bis zu 20 Sondergebühren erhoben.

Statistiken vom Erziehungsministerium zeigten, dass 2566 Fälle an willkürlich erhobenen Gebühren in den ersten sieben Monaten dieses Jahres entdeckt wurden.

„Die in den letzten Jahren willkürlich erhobenen Gebühren können vorsichtig auf mehr als 200 Mrd. Yuan (über 24 Mrd. US$) geschätzt werden“, sagten Bildungsexperten.

Von diesen Gebühren bilden diejenigen, die von Schülern, die ihre eigene Schule wählen wollten, bezahlt werden, den größten Teil. Da es zwischen den Schulen immer noch merkliche Unterschiede in der Lehrqualität gibt, ist eine große Anzahl von chinesischen Eltern bereit, ihren Kindern einen Platz in Schulen mit herausragenden Lehrern und guten Einrichtungen zu bezahlen. Im Jahr 2002 hatte China insgesamt 98 800 Mittelschulen und 456 900 Grundschulen, wobei die Schwerpunkt-Schulen auf Provinz- und Stadtebene nur 2% ausmachten. Vorsichtige Schätzungen lauten, dass diese Schulen mehr als 27 Mrd. Yuan (etwa 3,26 Mrd. US$) von Schülern erhoben, die sich entschieden, zu diesen Schulen zu wechseln. In Guangzhou – der Stadt mit dem höchsten verfügbaren Pro-Kopf-Jahreseinkommen im Land, nämlich 13 380 Yuan (1600 US$) – werden die Ausgaben für die Schulgebühren auf etwa 180 000 Yuan (21 700 US$) pro Schüler geschätzt.

Verglichen mit Grund- und Mittelschulen ist die illegale Gebührenerhebung in Institutionen der höheren Bildung noch unglaublicher. Hohe Schulgebühren und eine Vielfalt an Sondergebühren haben viele Familien mittleren Einkommens mit Hochschulstudenten in Schulden geraten lassen, wobei einige Studenten aus armen Familien sogar gezwungen waren, das Studium abzubrechen. Auch wenn der Staat jetzt Studiengebührendarlehen für finanziell schwache Studenten zur Verfügung stellt, machen die Nutznießer weniger als 5% aller Bedürftigen aus.

Der Staatlichen Entwicklungs- und Reformkommission zufolge machten Klagen über willkürlich erhobene Bildungsgebühren die vorrangigsten Beschwerden über Preisfestsetzungsvorgänge aus, mit denen sie in den letzten drei Jahren zu tun gehabt hat. Trotz alledem fügen sich die meisten Familien und zahlen.

„Ich muss über dieses Problem schweigen“, sagte Wang Weiqing, der es ablehnte, zu erwähnen, auf welche Schule seine Tochter jetzt geht. „Wenn die Schule erfahren sollte, dass ich mich bei den Medien beschwert habe, befürchte ich, dass meine Tochter bestraft werden oder sogar von der Schule fliegen wird“, sagte der besorgte Vater.

Zhang Baoqing, Vizeerziehungsminister, unterteilte die illegalen Gebühren in drei Kategorien. Die erste sind unbefugt erhobene Gebühren und Standards, die von Lokalregierungen oder einigen administrativen Abteilungen erhoben wurden. Die zweite sind Gebühren, die für Zusatzkurse, die von der Schule vorschriftswidrig organisiert wurden, erhoben werden, wobei einige Schulen sogar für unnötiges Referenzmaterial Gebühren von den Schülern verlangen. Die letzte Kategorie umfasst unbefugte Geldeinziehung. Beispielsweise wurde von den Schülern in einigen Schulen in der Provinz Anhui verlangt, Gelder beizutragen, um ein Wasserwerk zu bauen.

„Falls die willkürliche Erhebung von Bildungsgebühren nicht eingeschränkt werden kann, wird die Bildung letztendlich von den Reichen monopolisiert werden“, warnte Vizeminister Zhang.

Es scheint reichlich unterstützende Beweise für die Bemerkungen des Beamten zu geben. Jing Tongshi, ein Gemüsebauer in der nordwestchinesischen Provinz Shaanxi, beging im Juli Selbstmord, weil er nicht mehr in der Lage war, genug Geld zu leihen, um die Ausgaben für das erste Hochschuljahr seiner zweiten Tochter zu bezahlen. Diese Gebühren wurden auf 10 000 Yuan (etwa 1200 US$) geschätzt. Jing hatte bereits beinahe 10 000 Yuan geliehen, um die Schulgebühren für seine drei Kinder zu bezahlen.

Letztes Jahr stellte ein Untersuchungsteam vom Erziehungsministerium fest, dass fünf von sieben schulpflichtigen Kindern in einem Dorf in der Provinz Anhui die Schule abgebrochen hatten, da die Familien nicht in der Lage waren, die Schulgebühren zu bezahlen.