Können die Parkplätze mit dem Autokonsum Schritt halten?
 

Da immer mehr Familien des Mittelstands ein Auto gekauft haben, ist eine neue Branche – die „Parkindustrie“ – plötzlich sehr gefragt.

Von Feng Jianhua

Als Han Zhendong am 21. Juli einen Freund zum Beijinger Union Medical College Hospital fuhr, konnte er keinen Parkplatz finden und musste seinen Freund absetzen und dann für eine halbe Stunde herumfahren, bevor er seinen Freund wieder abholte.

Han, ein einfacher Arbeiter in Beijing, kaufte vor drei Jahren ein Auto. Das Wohnviertel, wo er lebt, war in den 1980er gebaut worden, bevor die Regierung 1995 Vorschriften über Parkeinrichtungen erließ.

„Jetzt sind die öffentlichen Plätze in meinem Wohnviertel mit Autos übersät, so dass kaum Vergnügungsstätte übriggeblieben ist“, sagte Han. „Darüber hinaus“, fügte er hinzu, „kommt es wegen des Parkens oft zu Streitigkeiten zwischen Nachbarn. Manchmal muss man laut schreien, wenn sich andere Autos einem in den Weg stellen. Das ist nicht nur Zeitverschwendung, sondern verdirbt die Stimmung.“

Hans Situation ist in Beijing keine Seltenheit. Heutzutage spitzt sich der Widerspruch zwischen Angebot und Nachfrage in Bezug auf Parkplätze in einigen Großstädten wie Beijing, Shanghai und Guangzhou immer stärker zu, was dazu führt, dass man kaum noch einen Parkplatz finden kann.

Die Schwierigkeiten hinsichtlich des Parkens behindern nicht nur die Entwicklung des städtischen Verkehrs, sondern auch des Konsums an Privatautos. Sie bereiten nicht nur Einzelpersonen wie Han Unbequemlichkeiten und Ärger, sondern stellen ein Problem dar, das die Regierung dringend zu lösen hat.

Nie genug Plätze

Der Konsum an Privatautos ist in China in ein goldenes Zeitalter eingetreten. Statistiken zeigen, dass die Zahl der Besitzer von Privatautos landesweit bereits über 10 Mio. beträgt, was bedeutet, dass auf 130 Chinesen ein Auto kommt. Diese Zahl wächst jährlich um 20-30% an.
Der Chinesischen Gesellschaft für Schwermaschinenindustrie zufolge ist die Zahl der Autos in den Städten fünfmal groß wie die der vorhandenen Parkplätze. Die Kluft wird immer größer, weil die Zahl der Autos jährlich um 10-15% steigt.

In den letzten zwei Jahren war der Widerspruch zwischen Angebot und Nachfrage in Bezug auf Parkplätze in einigen Großstädten besonders krass. Die statistischen Angaben des Beijinger Statistikamtes zeigen, dass die Zahl der Autos in Beijing am 4. August bereits 2 Mio. erreichte. Schätzungsweise wird sie weiter jährlich um 30-40% steigen. 60% von ihnen sind Privatautos. Mitte Mai besaßen je 100 Familien 5,1 Autos. Allein in der ersten Hälfte dieses Jahres wurden in Beijing 160 000 Autos verkauft. Schätzungsweise wird sich diese Zahl vor Ende dieses Jahres noch verdoppeln. Allerdings gibt es Beijing nur 600 000 Parkplätze, von denen nur ein kleiner Anteil zum öffentlichen Zweck dient.

Liu Xiaoming, Vizevorsitzender der Verkehrskommission der Stadt Beijing, sagte zu „Beijing Rundschau“: „Nach den internationalen Standards soll die Zahl der Parkplätze 15-20% der der Autos in einer Stadt betragen.“

Dem Shanghaier Institut für Umfassende Stadtverkehrsplanung zufolge entspricht die Zahl der öffentlichen Parkplätze gegenwärtig nur 2% der der Autos der Stadt. In Chongqing, einer weiteren regierungsunmittelbaren Stadt, ist die Situation noch schlimmer. Dort gibt es nur 528 Parkanlagen mit 38 000 Abstellplätzen für mehr als 500 000 Autos.

Ursachen des Problems

„Verschiedene Faktoren tragen zu den Parkschwierigkeiten bei, die Hauptursache liegt aber darin, dass die Regierung es versäumt hat, die Ernsthaftigkeit der Situation vorauszusehen“, sagte Liu Xiaoming.

Anfang der 1990er schätzte die Regierung, dass es in Beijing bis zum Jahr 2000 700 000 bis 800 000 Autos geben würde. In der Tat erreichte die Zahl der Autos im Jahr 2000 aber bereits 1,5 Mio. Somit hat die Regierung es versäumt, der Parkproblematik Aufmerksamkeit zu schenken, was zu großen Schwierigkeiten geführt hat.

1998 erließen das Ministerium für Öffentliche Sicherheit und das Aufbauministerium gemeinsam Vorschriften über den Bau von Parkplätzen, aber die ineffiziente Durchführung dieser Vorschriften seitens der zuständigen Behörden machten diese zu nichts weiter als einem Fetzen Papier.

Ein anderer wichtiger Faktor ist die zu hohe Parkgebühr einiger Parkplätze. Das zweistöckige Parkhaus an der Beijinger Ausstellungshalle hat mehr als 1000 Parkstellen, aber zwei Drittel von ihnen sind jeden Tag unbesetzt. Im Gegensatz dazu ist der unterirdische Parkplatz in der Nähe des Tianyi-Marktes immer überfüllt. Die Parkgebühr dort kostet zwei Yuan pro Stunde, nicht mehr als 10 Yuan vor 9 Uhr nachmittags und höchstens 20 Yuan für einen ganzen Tag, während der Parkplatz bei der Beijinger Ausstellungshalle wie die meisten Parkhäuser Beijings eine Gebühr von fünf Yuan pro Stunde – der von der Preisbehörde festgelegte höchste Preis -- erhebt.

„Die meisten Autobesitzer in China sind Arbeitnehmer mit einem Monatslohn von etwa 3000 Yuan (361 US$), so ist die Parkgebühr ein entscheidender Faktor für ihre Wahl der Parkplätze“, erklärte Wu Zengyou, Leiter der Logistik-Abteilung des Tianyi-Marktes. Es sei akzeptabel, wenn die Parkgebühr 3-5% ihres Lohnes (3-5 Yuan jeden Tag im Durchschnitt) betrage. Allerdings seien 5 Yuan pro Stunde zu viel für sie. Deshalb würden sie es vorziehen, ihr Auto illegal auf der Straße zu parken, sagte er.

Laut Wu führen die zu hohe Parkgebühr und der nicht zufriedenstellende Service der Parkplätze zu einer schlechten Bewirtschaftung der Parkhäuser in Beijing (ausschließlich jener im Stadtzentrum). Unter diesen Umständen zeigen Investoren kein Interesse für den Bau von Parkplätzen. Die Bemühungen der Regierung allein reichen nicht dafür aus, gute soziale und wirtschaftliche Resultate zu erzielen.

Lösungen für das Parkproblem

Die chinesische Regierung schloss 1999 das Parken in seine sechs Verkehrsverwaltungssysteme ein, was zeigt, dass sie diesem Problem Aufmerksamkeit schenkt. Im selben Jahr richteten viele lokale Verwaltungsbehörden ein neues Organ, nämlich eine Parkverwaltungsabteilung, die für die Planung und den Bau von Parkplätzen verantwortlich ist, ein. Damit ist das Problem des Parkens auf die Tagesordnung der Lokalregierung gesetzt worden.

Liu Xiaoming sagte, um das Problem zu lösen, komme es darauf an, das Parken im Zuge der Entwicklung der Automobilindustrie als eine Branche zu fördern und den Bau von Parkplätzen zu beschleunigen. Andere Lösungen umfassten die Entwicklung des öffentlichen Verkehrs und die Erhöhung des Bewusstseins der Bürger für den modernen Verkehr.

Seiner Meinung nach sollen die Investitionsquellen diversifiziert und durch eine Vorzugspolitik mehr Investoren angezogen werden. Die traditionelle Politik, sich ausschließlich auf die Regierung zu verlassen, soll verändert werden. Nur wenn der Bau von Parkplätzen ein profitables Geschäft geworden ist, kann er Investment anziehen. Um dieses Ziel zu erreichen, muss die Preisbildung manipuliert werden. Die Beijinger Verkehrskommission ist dabei, zwei wichtige politische Maßnahmen auszuarbeiten, nämlich: die Gebühr für das Parken auf der Straße zu erhöhen, um die Fahrer dazu zu veranlassen, ihre Autos in Parkhäusern zu parken, und den Investoren das Recht zu geben, die Preise festzusetzen und zu regulieren.

„Wenn die beiden Maßnahmen durchgesetzt worden sind, wird der Bau von Parkplätzen in Beijing eine verlockende Industrie mit schönen Perspektiven sein“, sagte Liu. Die Zahl der Autos, die auf öffentlichen Parkplätzen untergebracht werden, wird schätzungsweise im Jahr 2008 auf 2 Mio. angestiegen sein. Wenn das Parken eines Autos mindestens 3 Yuan pro Tag kostet, werden sich die Parkgebühren pro Tag auf 6 Mio. und pro Jahr auf mehr als 20 Mrd. Yuan (2,4 Mrd. US$) belaufen.

Dong Suhua, ein leitender Ingenieur des Chinesischen Instituts für Stadtplanung und -projektierung, ist auch optimistisch, was die Zukunft der Parkindustrie Chinas anbelangt. Er fügte hinzu, dass es für die chinesische Regierung ratsam sei, den Investoren mehr politische Begünstigungen und mehr zinsniedrige Kredite zu gewähren und den Parkplätzen zu erlauben, Multi-Funktionen zu entwickeln.