Kein weiterer Rezessionsblues?
 

Die US-Wirtschaft hat in der zweiten Hälfte von 2003 wieder einen Aufschwung erlebt und wird den Aufwärtstrend im kommenden Jahr wahrscheinlich weiter aufrechterhalten. Wirtschaftsexperten sagen, dass es gefährlich sei, zu optimistisch zu sein.

Von Yang Tianxin

(Der Autor arbeitet im Chinesischen Institut für Internationale Studien.)

Während in den letzten sechs Monaten dieses Jahres allgemein noch Bedenken über die Wirtschaft vorherrschten, verkündete das US-Handelsministerium Anfang November, dass das BIP der USA von Juli bis September 2003 in Sachen Jahreswachstum um 8,2% gewachsen sei, was das stärkste Quartalwachstum innerhalb von 20 Jahren gewesen ist. Noch wichtiger ist, dass Analysen von Wirtschaftsindikatoren und der Wachstumsdynamik zeigen, dass die Erholung der US-Wirtschaft sich beschleunigt.

Aber inmitten des starken Aufschwungs wird die US-Wirtschaft die negativen Auswirkungen der riesigen Zwillingsdefizite – des Haushalts- und des Handelsdefizits – spüren, und die hohe Arbeitslosenquote wird zunehmend an Gewicht gewinnen. Einige Wirtschaftsexperten haben gewarnt, dass das amerikanische BIP-Wachstum im letzten Quartal dieses Jahres auf 4% zurückgehen werde. Der Internationale Währungsfonds (IWF) sagte in einer jüngsten Prognose, dass das US-Wirtschaftswachstum für das ganze Jahr 2003 2,6% und für 2004 3,9% betragen werde.

Ein genauerer Blick auf die Zahlen

Hinter dem starken Wachstum im dritten Quartal war der entscheidendste Faktor die Verbraucherausgaben. Im Allgemeinen tragen die Verbraucherausgaben zu 70% zum US-BIP bei. Zu Ende des Quartals, im September, trugen die Verbraucherausgaben zu 4,55 Prozentpunkten zu dem 8,2%igen BIP-Wachstum bei.

Während dieser Periode stiegen die Verbraucherausgaben für Gebrauchsgüter auf einen Höchstwert von 26,5%, und zwar nach einem 24,3%igen Wachstum in den vorhergehenden Monaten. Die Ausgaben für nicht-dauerhafte Güter stiegen um 7,9%, die höchste Rate in den letzten Jahren. Und das Wachstum im Dienstleistungshandel erreichte 2,1%, ein Plus von dem 1,4%igen Anstieg im zweiten Quartal.

Aber es war der lebhafte Wohnungsmarkt, der die Wirtschaft besonders ankurbelte. Das Wohninvestment in besagter Periode wuchs um 20,4%, was stark genug war, um der ganzen Wirtschaft eine 1%ige Erhöhung zu geben.

Während die Verbraucher die Hauptkraft hinter dem Wirtschaftswachstum gewesen sind, gibt es mehr Zeichen, dass Unternehmen begonnen haben, ihren Teil zu tun, indem sie eine Investmentsteigerung von 18,2% im dritten Quartal verzeichneten. Die Zahl ist weitaus höher als das 2%ige Wachstum in der Zeit von April bis Juni und trug mit 2,58 Prozentpunkten zum landesweiten BIP-Wachstum bei. Die Anlageinvestition ging um 16,7% hoch, der höchste Anstieg in drei Jahren. Ganz besonders ermutigend war das 15,4%ige Wachstum der Unternehmenseinkäufe von Equipment und Software im dritten Quartal. Dies trieb das BIP um 2,42 Prozentpunkte hoch. Unternehmensbestände, die in der ersten Hälfte dieses Jahres ein gedämpftes Wirtschaftswachstum waren, sorgten für einen Beitrag von 0,16 Prozentpunkte zum BIP-Wachstum.

Die Exportexpansion trug ebenfalls zum Wiederaufschwung bei und steuerte etwa 0,79 Prozentpunkte zum BIP-Anstieg hinzu. Das dritte Quartal sah einen Anstieg von 11% für den Export von amerikanischen Gütern und Dienstleistungen nach einem Rückgang von 1% im vorhergehenden Quartal, während die Importe um geringe 1,5% im Zuge eines starken Gewinns von 8,8% in der Periode von April bis Juni stiegen.

Die staatlichen Ausgaben, die um 1,3% stiegen, waren im dritten Quartal nur ein kleiner Beiträger zum BIP, wenn man berücksichtigt, dass ihr Beitrag von 1,59 Prozentpunkten im zweiten Quartal auf 0,3 Prozentpunkte fiel. Dies liegt hauptsächlich an der Reduzierung der Verteidigungsausgaben nach der Bekanntgabe des Endes des Irakkrieges.

Neujahrsjubel

Im Jahr 2004 werden einige günstige Faktoren fortfahren, die US-Wirtschaft anzukurbeln. Zunächst einmal werden expansionistische Wirtschaftsrichtlinien gültig bleiben. Um die Wirtschaft zu stimulieren, legte die Federal Reserve, die US-Zentralbank, den Zinssatz bei 1% fest, der niedrigste Satz seit 45 Jahren, wodurch ein günstiges Finanzierungsumfeld geschaffen worden ist. Die Maßnahme versorgte als erstes den Aktienmarkt mit Energie, wobei der Dow Jones Industrial Average Index Anfang Dezember 10 000 Punkte erreichte. Der Verbrauchermarkt profitierte ebenfalls, insbesondere der Wohnungsmarkt.

Zusehends stürzte der US-Dollar dieses Jahr gegenüber wichtigen Rivalen um historisch seltene Bandbreiten. Auch wenn US-Beamte bei vielen Gelegenheiten wiederholt haben, dass Washington an einer starken Dollarpolitik festhalten würde, ist die wahre Richtung der politischen Richtlinien wahrscheinlich genau das Gegenteil. Schließlich begünstigt eine konstante Abwertung des Dollar zweifelsohne einen Aufschwung der US-Exporte.

Die Auswirkungen der Steuerreduzierungen der Bush-Regierung sind jetzt zu sehen. Seit Anfang 2001 hat das Weiße Haus drei Runden der Steuerreduzierung initiiert. Allein im dritten Quartal dieses Jahres beliefen sich die Steuerrückzahlungen in Übereinstimmung mit der dritten Runde des Reduzierungsprogramms, das im Juli begann, auf insgesamt 30 Mrd. US$. Im Jahr 2004 soll jeder amerikanische Haushalt Steuerrückzahlungen in Höhe von 2500 US$ erhalten. Darüber hinaus werden Unternehmen ihre Schuldenlasten im Rahmen dieser politischen Maßnahmen zu einem gewissem Ausmaß reduziert haben. Dies wird die Verbraucherausgaben und das Unternehmensinvestment, dessen Beitrag zum BIP-Wachstum auf 2% geschätzt wird, sicherlich fördern.

Zudem sind, während die konjunkturelle Adjustierung der US-Wirtschaft endet, die Unternehmensbestände fast verkauft. Die Unternehmensproduktivität ist gesteigert und die profitmachenden Kapazitäten sind verbessert worden, womit eine Grundlage für den kommenden Aufschwung gelegt worden ist.

Die Vorratsbildung wird als einer der Hauptgründe des jüngsten Wirtschaftsrückgangs betrachtet, und der Aufschwung kann auf anfängliche Bemühungen von 2001, die Probleme anzugehen, zurückgeführt werden. Im Jahr 2003 fielen die existierenden Unternehmensbestände auf ihren niedrigsten Level seit Juli 1997. Von diesem Oktober an haben einige Unternehmen begonnen, ihre Bestände wieder aufzustocken, was ein beschleunigtes Investment im Herstellungssektor anzeigte. Eine industrieweite Erhebung zeigte auch, dass der Bestellindex im Herstellungssektor im Oktober von 64,3 auf 73,7 hinaufging -- der höchste Anstieg seit 1982.

Günstige wirtschaftspolitische Maßnahmen und ein günstiges Umfeld haben die Unternehmensproduktivität gesteigert. In einem am 3. Dezember veröffentlichten Bericht des US-Arbeitsministeriums hieß es, dass die Produktivität der nicht-landwirtschaftlichen Branchen in den USA im Oktober das erste Mal seit 20 Jahren einen Rekordanstieg von 9,4% auf einer Jahresbasis verzeichnete.

Aufgrund der steigenden Produktivität sind Unternehmen in der Lage, die Kosten zu senken und mehr Gewinne zu machen. Einem Novemberbericht des US-Handelsministeriums zufolge gewannen die Profitkennziffern von US-Firmen im dritten Quartal nach einem soliden Anstieg ihrer Profite in der ersten Hälfte von 2003 30% auf einer jährlichen Basis.

Dies ist die ermutigendste Errungenschaft seit Anfang 2000. Im vierten Quartal soll der Gewinnwachstum bei 21,9% liegen.

Der Hightech-Sektor, der den jahrzehntelangen US-Wirtschaftsboom in den 1990ern durchgehalten hat, ist oft für die gegenwärtige Rezession verantwortlich gemacht worden. Selbst mit der noch laufenden Restrukturierung im Sektor hat dieser wieder zu arbeiten begonnen und wird ein weiterer möglicher Wirtschaftswachstumsmotor sein. Industrieinsider sagten voraus, dass die Gewinne der Hightechunternehmen im Ganzen dieses Jahr hinaufgehen würden, nämlich als Ergebnis der steigenden Marktnachfrage für Telekommunikations- und anderes IT-Equipment sowie auch -dienstleistungen. Zum Beispiel wird erwartet, dass die durchschnittlichen Gewinne der Firmen an der technologiebeladenen NASDAQ um 25% höher als die im Jahr 2002 sein werden. Das Investment in R & D-Equipment von Hightechfirmen ging ebenfalls in die Höhe. Es wird erwartet, dass der Anstieg der Ausgaben für IT-Equipment dieses Jahr 6% erreichen und 2004 weiter auf 9% ansteigen wird.

Nicht zuletzt wird der stabile Anstieg der individuellen Einkommen das Verbrauchervertrauen stärken und der Wirtschaft einen energischen Impuls geben. Aufgrund von Bushs weitreichendem Steuerreduzierungsprogramm ist das persönliche Einkommen dieses Jahr um eine große Bandbreite gestiegen. Im dritten Quartal machte das Pro-Kopf-Einkommen einen Sprung von 7%, während das durchschnittlich verfügbare Einkommen und die individuellen Ausgaben um 5,1% bzw. 3,5% gegenüber der gleichen Periode letzten Jahres stiegen.

Der US-Verbrauchervertrauensindex sei weiter gestiegen, im Oktober habe er bei 81,7 gestanden und im November 91,7 erreicht, so dem Conference Board, einem bekannten Corporate-Forschungsinstitut in New York, zufolge. Lynn Franco, Direktor des Verbraucherforschungszentrums des Conference Board, bemerkte, dass das Verbrauchervertrauen seit September 2002 einen Jahreshöhepunkt erreicht und bei weitem die zuvor erwarteten 85 übertroffen habe. Der Anstieg zeigte, dass es ebenfalls ein wachsendes Verbrauchervertrauen in die stabile und langsame Erholung des Beschäftigungsmarktes gibt. Der Anstieg im Erwartungsindex spiegele eine allgemein optimistischere Stimmung im Vergleich zu Anfang des Jahres wider, setzte er hinzu.

Mehr wirtschaftliche Anreize können in den USA im kommenden Wahljahr zu erwarten sein. Frühere Statistiken zeigen, dass die Wachstumsraten in Wahljahren gewöhnlich 1,5% höher als in anderen Jahren sind.

Alle Zeichen scheinen einen soliden Aufschwung für die amerikanische Wirtschaft zu zeigen. Der Vorsitzende der Federal Reserve, Alan Greenspan, äußerte sogar optimistisch, dass die US-Wirtschaft seit der zweiten Hälfte dieses Jahres in eine Periode des beschleunigten Wachstums eingetreten sei.