Wichtige zentralasiatische Spieler
 

Was bedeutet ein aufsteigendes China politisch, wirtschaftlich und sicherheitsbezogen für Zentralasien?

Von Xu Tao

(Der Autor arbeitet am Zeitgenössischen Chinesischen Institut für Internationale Beziehungen.)

Da Chinas nationale Stärke allmählich zunimmt und das Land sich aktiver in internationale Angelegenheiten involviert, gibt es viele Verdächtigungen über Chinas Einfluss in Zentralasien, einem Gebiet von großer strategischer Bedeutung für Großmächte.

In einem jüngsten Bericht in den New York Times hieß es, dass Chinas wachsender Einfluss in Zentralasien die Motorenrolle der USA allmählich schwächen werde und dass es ein unausweichlicher Prozess sei, dass China die USA nach und nach als die führende Macht in der Region ersetzen werde.

Wie wird China seine Beziehungen mit den zentralasiatischen Ländern ausrichten? Welche Auswirkungen wird Chinas wachsender Einfluss auf die politische Situation in der Region haben? Dies sind die Fragen, welche man sich immer häufiger stellt.

Vereint für die Stabilität

Zentralasien ist ein Ort, wo Menschen verschiedener Nationalitäten und Religionen miteinander leben, womit die Komplexität der politischen Situation der Region verstärkt wird.

Nach dem Ende des Kalten Krieges sind die politischen und militärischen Konfrontationen unter Großmächten nicht länger die Themen der internationalen Politik und der Weltsicherheit gewesen. Angesichts dieses Umstandes gewannen nationale und religiöse Konflikte wieder stärker an Gewicht und sind zu den Hauptproblemen in Zentralasien geworden. Nach dem Zusammenbruch der ehemaligen Sowjetunion sind viele lokale Interessensgruppen in Zentralasien aufgetaucht. Nutzen aus der komplizierten nationalen und religiösen Situation in der Region ziehend, predigen sie energisch „nationale Unabhängigkeit“ und die „Einrichtung eines islamischen Staates“, womit sie die politische Stabilität der ehemaligen Sowjetrepubliken ernstlich bedrohten.

Als ein Nachbar von Zentralasien teilt China eine lange Grenze und viele kulturelle Traditionen mit zentralasiatischen Ländern. Die bilateralen politischen, wirtschaftlichen und Handelsbeziehungen sind eng. Dies berücksichtigend, wird die Sicherheit Zentralasiens selbstverständlich China, insbesondere seinen westlichen Teil, betreffen.

Im Kampf gegen den Separatismus, Terrorismus und Extremismus haben die betroffenen Länder erkannt, dass, um diese destabilisierenden Faktoren effektiv niederzuschlagen, alle Länder vor dem Hintergrund der Globalisierung zusammenarbeiten, einen Konsens über die Situation zu erreichen und gemeinsame Aktionen starten sollten. Unilaterale Aktionen oder eine gleichgültige Haltung jeglichen einzelnen Landes werden nur radikalen Kräften zugute kommen.

Auf dieser Wahrnehmung basierend, hat China aktiv an der antiterroristischen Kampagne teilgenommen und diese im Rahmen der Shanghaier Kooperationsorganisation (SKO), die im Juni 2001 gegründet wurde und aus China, Russland, Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan besteht, ermöglicht.

China war aktiv an der Einrichtung eines regionalen Anti-Terroristen-Zentrums in der usbekischen Hauptstadt Taschkent beteiligt, installierte einen Kooperationsmechanismus für die Teilung von antiterroristischen Geheimdienstinformationen und Justizangelegenheiten, lieferte materielle und technologische Unterstützung für regionale Länder und hielt gemeinsame Militärübungen, die gegen Terroristen gerichtet waren, mit diesen Ländern ab. Am 15. Januar 2004 wurde das SKO-Sekretariat in Beijing gegründet, und der ehemalige chinesische Vizeaußenminister Zhang Deguang wurde als sein erster Generalsekretär ernannt. Somit ist es äußerst klar, dass Chinas Involvierung in zentralasiatische Angelegenheiten sich ziemlich von der Natur des Kampfes unter Großmächten in der Region unterscheidet.

Energienachfrage – ein Magnet

China ist in der ersten Hälfte des 21. Jahrhunderts in eine kritische Entwicklungsperiode eingetreten. Seine 20 Jahre der Reform und Öffnung zusammenfassend, weiß das Land, dass die ausgeglichene und nachhaltige Wirtschaftsentwicklung nicht nur eine sichere und stabile Umgebung, sondern auch ausgedehntere Märkte, die seinen Bedürfnissen entsprechen, braucht. Mit dem schnellen Prozess der wirtschaftlichen Globalisierung sind sich China und seine zentralasiatischen Nachbarn der Wichtigkeit, sich aktiv am Prozess zu beteiligen und eine effektive regionale Kooperation durchzuführen, voll bewusst geworden.

Auch wenn China und zentralasiatische Länder sich hinsichtlich der Geschichte, der Gesellschaftssysteme und vieler anderer Bereiche unterscheiden, sind sie mit ähnlichen Herausforderungen, die im wirtschaftlichen Übergangsstadium auftauchen, konfrontiert. Bei der Handhabung von gemeinsamen Schwierigkeiten finden sie viele gemeinsame Sprachen und etablieren engere Verbindungen.

China und zentralasiatische Länder ergänzen sich u.a. in wirtschaftlicher Hinsicht, in Sachen Produktmischung und Produktelemente, womit ein großes Potential für die Kooperation gegeben ist.

Seit dem Zerfall der Sowjetunion begann eine wachsende Anzahl von Mängeln hinsichtlich der unausgeglichenen Industriestruktur in den zentralasiatischen Ländern, hauptsächlich auf Schwer- und Energieindustrie basierend, aufzutauchen und blieb im vergangenen Jahrzehnt unverändert.

Was China anbelangt, so hat sein schnelles Wirtschaftswachstum zu einer steigenden Energienachfrage geführt. Seine Ölimporte von 2003 lagen bei 80 Mio. Tonnen, was fast 30% der gesamten Ölnachfrage des Landes entsprach.

In den nächsten paar Jahren sollen Chinas Ölimporte weiter steigen und 2010 61% der geschätzten Nachfrage und 2020 77% betragen. Damit ist der große Ölmarkt in China zweifelsohne ein großer Magnet für zentralasiatische Länder, welche die Entwicklung der Energieindustrie als eine Priorität sehen.

Sichere Handelsroute

Die zentralasiatischen Länder sind alle Binnenländer, was ein großes Hindernis für sie bildet, mit anderen Ländern Wirtschaftsbeziehungen zu knüpfen. Auch wenn ihre Produkte über das Arabische Meer in den Nahen Osten und Westasien transportiert werden können, können sie sich aufgrund der komplizierten geopolitischen Situation des Gebietes nicht auf diese Handelsrouten verlassen. Im Gegensatz dazu haben die stabile Politik und die fortschrittlichen und praktischen Transporteinrichtungen in China einen wachsenden Enthusiasmus bei den zentralasiatischen Ländern für pazifische Handelsrouten über China, auch wenn diese länger sind, entfacht. China ist jetzt aufgrund seines Wirtschaftsstatus in der Welt und seiner Marktvorteile ein wichtiger Handelspartner von zentralasiatischen Ländern. Und seine günstigen geografischen Bedingungen werden die bilateralen Beziehungen weiter entwickeln, da zentralasiatische Länder hohe Erwartungen gegenüber dem leichten Transportdurchgang, welchen es anbieten kann, um in die asiatisch-pazifischen Märkte einzutreten, hegen.

Die Wirtschaftsentwicklung in China und der Welt hat bewiesen, dass die wirtschaftliche Globalisierung Länder mit unterschiedlichen politischen Systemen auf eine Bühne gezogen hat. Interaktionen zwischen Ländern in wirtschaftlichen Aktivitäten werden immer offensichtlicher, und die Verwirklichung von Wirtschaftsinteressen verschiedener Länder wird zunehmend wechselseitig. Das heißt, reziproke und konstruktive Verbindungen unter regionalen Ländern zu etablieren wird eine wichtige Voraussetzung sowohl für Chinas Wirtschaftsentwicklung als auch für die Verjüngung der zentralasiatischen Wirtschaften sein.

Neue politische Ordnung

Nach dem Kalten Krieg ist die Gefahr des Ausbruchs eines Weltkrieges verschwunden, aber die Mentalität des Kalten Krieges, die Hegemonie und unilaterales Denken unterminieren nach wie vor die Etablierung einer neuen internationalen Ordnung. Mit den gewaltigen Veränderungen im Machtgleichgewicht der Großmächte und dem Aufstieg von nichttraditionellen Sicherheitselementen wie Terrorismus haben westliche Länder viele Theorien über die internationale Politik entwickelt wie die humanitäre Einmischung, die Achse des Bösen, präventive Aktionen und den Neo-Imperialismus.

Als das größte Entwicklungsland in der Welt hat sich China der Etablierung einer neuen internationalen politischen und wirtschaftlichen Ordnung und eines neuen Typs von internationalen Beziehungen gewidmet. Durch die SKO haben China und zentralasiatische Länder Angelegenheiten beigelegt, welche von militärischen Konfrontationen an der Grenze zwischen China und der ehemaligen Sowjetunion in der Periode des Kalten Krieges zurückgelassen wurden. Im Jahr 1998 setzten die Staatsoberhäupter der Shanghai Fünf, des Vorgängers der SKO, bestehend aus China, Russland, Kasachstan, Kirgisistan und Tadschikistan, auf Initiative von China in ihrer Gemeinsamen Erklärung ihres Alma-Ata-Gipfels das Ziel, eine faire und gerechte neue internationale politische Ordnung zu etablieren.

China hat die Bemühungen von zentralasiatischen Ländern unterstützt, in der Region eine atomwaffenfreie Zone zu etablieren. Es hat aktiv an der von Kasachstan initiierten Konferenz über Interaktion und vertrauensbildende Maßnahmen in Asien teilgenommen und aktiv auf den Vorschlag von Kirgisistan, die Diplomatie der Seidenstraße in Zentralasien wiederzubeleben, geantwortet.

China hat stets darauf bestanden, dass jedes Land das Recht habe, seinen eigenen Entwicklungsweg, welcher seinem Status quo entspricht, zu wählen, und ist für Demokratie in den internationalen Beziehungen eingetreten. Die Idee des Respekts für unterschiedliche Zivilisationen und die Verfolgung der gemeinsamen Entwicklung wurde in den „Shanghaier Geist“, zu dem von SKO-Mitgliedern, als die Organisation 2001 offiziell gegründet wurde, aufgerufen wurde, aufgenommen.

Auf dem SKO-Gipfel, der im Mai 2003 stattfand, erläuterte der chinesische Staatspräsident Hu Jintao Chinas Standpunkt über die Etablierung einer neuen internationalen Ordnung in Übereinstimmung mit den Interessen und Wünschen der Völker der Welt, um einen permanenten Frieden zu sichern und die gemeinsame Entwicklung der Welt zu fördern. Er sagte, dass eine gerechte und faire internationale politische und wirtschaftliche Ordnung mit gemeinsamer Sicherheit als Voraussetzung, einer ausgeglichenen Entwicklung als Basis, gemeinsam anerkannten Rechtsprinzipien als Garantie, Dialog und Kooperation als Methodologie und gemeinsamer Prosperität als Ziel behandelt werden sollte.

Man kann davon ausgehen, dass ganz gleich, ob im Rahmen der SKO oder durch Kooperation mit zentralasiatischen Ländern, Chinas Bemühungen, die internationale politische Demokratie zu ermöglichen, einen positiven Einfluss auf Frieden und Stabilität in Zentralasien und der Welt ausüben werden.