Sollen medizinische Praktikanten einer Operation beiwohnen?
 

Im September dieses Jahres unterzog sich Li Wen, eine junge Frau aus der Stadt Qingdao, Provinz Shandong, für eine gynäkologische Komplikation im Volkskrankenhaus der Stadt einer chirurgischen Operation.

Das Krankenhaus hatte Vorbereitungen getroffen, dass neun Praktikanten, die an einer lokalen medizinischen Hochschule studierten, dieser chirurgischen Operation zur Beobachtung beiwohnen durften. Als Huang Qiang, Lis Ehemann, versuchte, diesen Praktikanten den Zugang zum Operationssaal zu verwehren, wurde ihm Bescheid gesagt, dass Li ihre Einwilling gegeben habe.

Als Li nach der Operation wieder zu Bewußtsein gekommen war, verneinte sie, dass sie über die Zuschauer informiert worden war und schwor, dieser Angelegenheit weiter auf den Grund zu gehen.

Davon überzeugt, dass das Krankenhaus ihr Recht auf Privatsphäre verletzt habe, erhob sie bei einem lokalen Gericht Anklage gegen das Krankenhaus und verlangte eine Entschuldigung und einen Schadensersatz in Höhe von 20 000 Yuan (2415,46 US$).

Vor dem Gericht sagte Li, dass ihr Recht auf Privatsphäre während der chirurgischen Operation verletzt worden sei. Das Krankenhaus behauptete jedoch, dass es als ein Lehrkrankenhaus die Pflicht habe, Praktikanten zu unterrichten, und als Li dieses Krankenhaus für ihre Operation gewählt habe, habe dies bedeutet, dass sie auch die Behandlungsmethoden desselbigen akzeptiert habe. Darüber hinaus sagten die Verantwortlichen des Krankenhauses, Studenten chirurgische Operationen zu demonstrieren käme letztendlich der öffentlichen Wohlfahrt zugute. Es gebe keine Gesetze oder Verordnungen in China, die derartige Lehraktivitäten verbieten würden. Daher habe Lis Anklage gegen das Krankenhaus keine Gültigkeit.

Dürfen chirurgische Operationen uneingeschränkt beobachtet werden? Haben Patienten ,,in medizinischen Behandlungen eine absolute Privatsphäre“? Soll das Recht auf Privatsphäre der ,,öffentlichen Wohlfahrt“ Vorfahrt geben? Dies ist ein Thema, das heftige Debatten ausgelöst hat.

Verletzung der Privatsphäre

Jiang Chunkang (China Youth Daily): Als ein Lehrkrankenhaus ist das Volkskrankenhaus ein guter Ort, Studenten zu unterrichten, es hat jedoch kein Recht, diese Art von ,,Lehraktivität“ vorzunehmen. Die Anklage der Patientin gegen das Volkskrankenhaus ist ganz in Ordnung.

Zunächst einmal genießen die Patienten das Recht auf Privatsphäre, das Recht auf das Wissen von Sachverhalten und das Recht, vom Krankenhaus zu verlangen, ihre Privatsphäre zu schützen. Wenn das Krankenhaus die Privatsphäre eines Patienten, ohne dessen Einwilligung, verletzt, wo besteht dann ein Unterschied davon, in der Öffentlichkeit ,,ein nacktes Foto“ aufzunehmen? Das Krankenhaus hat natürlich Lis Privatspähre verletzt. Nach Chinas Verfassung ist die Privatsphäre der Bürger zu schützen. Das Krankenhaus hätte Li vor der Operation über die Anwesenheit der Praktikanten Bescheid geben müssen. Wenn sie zugestimmt hätte, hätte das Krankenhaus die medizinischen Gebühren für sie reduzieren sollen. Ein Patient hat keine Pflicht, an Lehraktivitäten teilzunehmen.

Zweitens sollten Ärtze für das psychologische Wohlbefinden von Patienten sorgen und deren gesetzliche Rechte respektieren, anstatt diese einfach als einen Fleischbrocken zu behandeln. Manchmal ist der geistige Schaden größer als der physische. Ich frage mich, wenn Ärzte Patienten wären, ob sie willens wären, eine chirurgische Operation wie Li sie hatte, über sich ergehen zu lassen.

Drittens genießen Patienten als spezielle Konsumenten rechtlichen Schutz. Wenn sie für medizinische Behandlungen bezahlten, sind Krankenhäuser und Ärzte verpflichtet, Rechte von Patienten vor Übergriffen zu schützen. Das Volkskrankhenhaus behauptete, dass es als ein Lehrkrankenhaus verpflichtet sei, Praktikanten zu schulen, und dass Lis Wahl des Volkskrankenhauses für ihre chirurgische Operation bedeute, dass sie dessen Behandlungsmethode akzeptiert habe. Meiner Meinung nach ist die Behauptung des Krankenhauses an den Haaren herbeigezogen. Der Vertrag, der vom Krankenhaus und der medizinschen Hochschule abgeschlossen worden ist, bezieht sich auf die Pflichten und Interessen zwischen diesen beiden und hat mit den Patienten nichts zu tun.

Es ist notwendig, Lehrkrankenhäuser zu haben und den Praktikanten Praktikumsmöglichkeiten anzubieten. Die Möglichkeiten dürfen jedoch nicht den Willen der Patienten ignorieren. Ansonsten wird das Krankenhaus den Patienten Leiden verursachen, die dem Prinzip des Krankenhauses – Menschen vor dem Tod zu retten und Verwundete zu heilen – zuwiderlaufen.

Lin Li (Geschäftsfrau): Ich erlebte vor einem Jahr eine ähnliche Situation. Jedes Mal,wenn ich für meine Schwangerschaftsuntersuchung ins Krankenhaus ging, fand ich im Behandlungszimmer einige Menschen unklarer Indentität vor. Wenn ich sie fragte, wer sie seien, verließen sie immer das Zimmer, ohne eine Antwort zu geben.

Mit der Erhöhung des rechtlichen Bewußstseins der Patienten funktioniert das ehemalige Vorgehen der Krankenhäuser einfach nicht mehr.

Yu Jun (ein Leser): Ich stimme mit der Behauptung des Krankenhauses über die ,,öffentliche Wohlfahrt“ nicht überein. Was bedeutet ,,öffentliche Wohlfahrt“? Bedeutet das, dass das Krankenhaus kostenlos medizinische Behandlungen anbieten wird? Arzt zu sein ist ein Beruf, genau wie Elektrotechniker, Fahrer und Lehrer. Warum nutzen sie Patienten als ihr kostenloses Lehrmaterial, um sich Kenntnisse anzueignen?

Jiang Nanyu (Jiangnan Tims): Das Vorgehen des Volkskrankenhauses hat das Recht der Patienten auf Privatsphäre verletzt. Wenn ein Patient für eine medizinische Behandlung oder eine ärztliche Untersuchung in ein Krankenhaus geht, ist eine Beziehung zwischen dem Patienten und dem Krankenhaus etabliert worden. Der Patient hat jedoch mit der Beziehung zwischen dem Krankenhaus und den medizinischen Praktikanten nichts zu tun. Ein Patient hat nicht die Pflicht, seinen Körper als lebendiges Lehrmaterial zur Befriedigung der Bedürfnisse von Lehraktivitäten zur Verfügung zu stellen. Darüber hinaus werden Lehraktivitäten wahrscheinlich den psychologischen Druck auf Patienten vergrößern und die Operationszeit verlängern.

Krankenhäuser fühlen sich wahrscheinlich ungerecht behandelt, da ihre Kooperation mit medizinischen Hochschulen eine traditionelle Praktik ist und die Natur der öffentlichen Wohlfahrt hat.

Medizinische Dienstleistungen und Bildung wurden einst in der Planwirtschaft als Teil der öffentlichen Wohlfahrt betrachtet. In der Marktwirtschaft sind sie jedoch teure kommerzielle Dienstleistungen geworden. Krankenhäuser als unabhängige Rechnungseinheiten verlangen Gebühren für Behandlungen. Die Kooperation zwischen Krankenhäusern und medizinischen Hochschulen, die in Übereinstimmung mit Verträgen implementiert wird, wird beiden Seiten Interessen und Kosten bringen. Von Patienten zu verlangen, als kostenloses Lehrmaterial zu dienen, ist ein Vorgehen, das Lücken im Gesetz für sich ausnutzt. Kurz gesagt, wenn ein Krankenhaus einen Patienten zur Teilnahme an seinen Lehraktivitäten braucht, sollte es die Einwilligung des Patienten erbitten und für die Kooperation zahlen. Die Zeit der ,,kostenlosen Beobachtung und Berührung“ ist für immer vorbei.

Verständnis und Unterstützung sind erforderlich

Rong Hongxing (Nanfang Daily Urban News): Krankenhäuser, insbesondere Abteilungen für Gynäkologie und Geburtshilfe sind momentan die Quelle von Beschwerden über die Verletzung des Rechts auf Privatsphäre geworden. Lis Anspruch auf Schadenersatz klingt begründet. Aber wenn die Bezahlung zur Regel gemacht wird, wird ein Patient ein derartiges Geschäft akzeptieren?

Angesichts zunehmender Anklagen wegen der Verletzung des Privatbereiches von Patienten sind Krankenhäuser, die sich in einer passiven Position befinden, mit einer zunehmenden Anzahl von Rechtsstreiten konfrontiert. Abgesehen von der Erhöhung des rechtlichen Bewußtseins der Patienten spiegelt dieses Phänomen auch deren Unkenntnis der Gesetze wider. Sie sollten wissen, ob ihre privaten Rechte verletzt worden sind oder nicht.

Der Privatbereich ist in den Brennpunkt der Interessen der Medien gerückt. Es gibt jedoch keine klare diesbezügliche Erklärung, die auf dem Gesetz basiert. China mangelt es an einem Gesetz über den Privatbereich. Wenn Gerichte derartige Fälle behandeln, werden die Klauseln im Gesetz, die das Ehrenrecht betreffen, häufig als Verweis genutzt. Die juristische Erklärung über die Verletzung des Ehrenrechts lautet, mit böser Absicht der Ehre anderer Menschen zu schaden und dem Opfer ein schädliches Resultat zuzufügen.

Wenn ein Patient zu einem Arzt geht, wird sein Privatbereich relativ beschränkt sein. Während der Diagnose werden Ärzte einige Fragen stellen, die sich wahrscheinlich auf Privatbereiche des Patienten beziehen, und die kranken Organe des Patienten werden für die ärztliche Untersuchung offen zugänglich sein. Unter diesen Umständen über Privatbereiche zu sprechen, ist völliger Unsinn.

Klinische Praktik ist für alle medizinischen Praktikanten ein Muss. Die Beobachtung chirurgischer Operationen zielt darauf ab, den Praktikanten zu helfen, Fertigkeiten zu erlernen, um so den Patienten besser zu dienen. Weil die Lehraktivität nicht auf die Befriedigung selbstsüchtiger Motive von Praktikanten abzielt und Praktikanten nichts über den Privatbereich eines Patienten verbreiten werden, wie kann es dann zur Verletzung des Rechts eines Patienten auf Privatsphäre kommen? Wenn ein Arzt wegen der Verletzung des Rechts auf Privatsphäre des Patienten angeklagt wird, weil er private Teile eines Patienten gesehen hat, wie werden Ärzte dann Patienten behandeln und wie werden Praktikanten ein Praktikum machen können?

Lei Aidi (Abteilung für Klinische Medizin der Qingdaoer Medizinischen Hochschule): Wenn es keine Beobachtungsmöglichkeiten gibt, wie wird sich die medizinische Wissenschaft dann entwickeln und wie können die Kenntnisse in Büchern angewendet werden? Die Opfer von Patienten heute sind für ihre zukünftigen Interessen vorteilhaft.

Qu Xiaoli (Abteilung für Klinische Medizin der Qingdaoer Medizinischen Hochschule): Als eine Studentin kann ich Lis Gefühle verstehen. Aber was können wir tun? Nur durch die Praxis können wir gute Fertigkeiten erlernen. Der Arzt, der die chirurgische Operation für Li erfolgreich durchgeführt hat, muss einst auch ein Praktikant gewesen sein.