Shanghai-Studien
 

Wird Shanghai, eine aufsteigende internationale Metropole, ein betriebsamer Hafen und einer der Wirtschaftsmotoren Chinas, auch eine akademische Disziplin werden?

Shanghai, eine Großstadt in China, hat zahlreiche in- und ausländische Touristen und Geschäftleute angezogen, die wegen der Kultur, der Geschichte, des Charmes und der Vitalität, die Shanghai als eine internationale Metropole zu bieten hat, hierher gekommen sind. Wie eine in die Küste des Pazifischen Ozeans hineingesetzte Perle präsentiert Shanghai die rapide Wirtschaftsentwicklung Chinas. Es ist eine Goldgrube touristischer Attraktionen, von Businessgelegenheiten und kulturellen Aktivitäten.

Shanghai hat in den letzten 10 Jahren ein zweistelliges Wirtschaftswachstum beibehalten. Es macht, was die Bevölkerung anbelangt, etwa 1% der Gesamtbevölkerung des Landes aus, trägt jedoch ein Zwölftel des gesamten industriellen Produktionswertes, ein Zehntel der gesamten Hafenumschlagkapazität, ein Viertel des gesamten Im- und Exportvolumens und ein Achtel der Finanzeinnahmen des Landes bei. Einem Bericht über Chinas Bevölkerungsentwicklung 2002, der vom Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) veröffentlicht wurde, zufolge rangiert Shanghais Entwicklungsindex an erster Stelle in China.

Im Juli vorigen Jahres eröffnete das Institut für Werbewissenschaft der Shanghai-Universität einen neuen Kurs — Shanghai-Studien. Der Kurs zielt darauf ab, durch die Erforschung Shanghais Geschichte, Kultur, Wirtschaft und Städtebaus Studenten zu helfen, sich Kenntnisse über Shanghai, was seine vergangene und moderne Entwicklung, seinen Stadtstil und seinen Markt anbelangt, anzueignen. Man hofft. dass die Studenten in ihren zukünftigen Berufen von diesem Kurs profitieren mögen.

Die Shanghai-Studien umfassen Theorien und Modelle über Recherchen der Stadt, Shanghais Aufbau und Management, Kommunikationsstrukturen, Wirtschaft und Märkte sowie den Vergleich zwischen Shanghai und anderen Städten im In- und Ausland. Shanghais Entwicklung und diesbezügliche Studien haben seit zwei Jahrzehnten große Aufmerksamkeit unter in- und ausländischen Gelehrten erregt.

Im Jahr 1999 äußerten einige Gelehrte, es sei an der Zeit, Shanghai-Studien als ein akademisches Studienfach zu etablieren. Einige sagten, dass dieses akademische Studienfach notwendig sei, da Shanghai mehr Aufmerksamkeit verdiene, während es in China an immer größerer politischer und wirtschaftlicher Bedeutung gewinnt. Andere sagten, auch wenn Studien über Shanghai erforderlich seien, würde es jedoch zu weit gehen, dieses zu einem akademischen Studienfach zu machen.

Wirklich ein „Studium“?

Wang Duo (Shanghais Liberation Daily): Wir untersuchen den Namen „Shanghai-Studien“ eingehend. Die Etablierung eines Studienfaches sollte ein spezielles Studienobjekt und eine spezielle Forschungsmethode haben, sonst kann es nicht als ein unabhängiger Studienzweig betrachtet werden. Gibt es ein spezielles Studienobjekt oder eine spezielle Forschungsmethode in den sogenannten Shanghai-Studien? Ich sehe dies nicht in den Lehrbüchern der Shanghai-Universität. Streng genommen, sind die Studien über Shanghais Geschichte, Kultur, Gesellschaftsstruktur und Lokalkolorit schon lange in die Bereiche Lokalchronik und Soziologie eingegangen. Diese „Studien“, die anderen Bereichen entnommen und dann zusammengeflickt werden, sind genau genommen keine akademischen Studien.

Die „Shanghai-Studien“ müssen zuerst eine strikte akademische Prüfung bestehen, bevor sie „Studien“ genannt werden können. Haben sie einen großen sozialen Einfluss? Sind sie von Fachleuten erforscht worden? Ist ihre Studienmethode wissenschaftlich? Dieser Prozess braucht Zeit und ist nicht einfach. Akademisch gesagt, muss die Formation jeder Disziplin die Prüfung der Zeit bestehen.

Es dauerte 300 Jahre, die Soziologie zu etablieren. Unterdessen hatten unzählige Gelehrte tiefgreifende Vergleiche und Analysen in diesem Bereich vorgenommen. Die Ethik und die Politik hatten sich erst zu bewähren, bevor sie unabhängige wissenschaftliche Disziplinen wurden. Die Bezeichnung „Studien“ übereilt anzuwenden, ist ein unverantwortliches Vorgehen.

Ob wir hier die Bezeichnung „Shanghai-Studien“ verwenden oder nicht, wird noch diskutiert, und die Etablierung dieser Disziplin könnte sogar einen negativen Einfluss haben. Shanghai betont jetzt die Integration mit der ganzen Nation und hat erkannt, dass nur eine enge Verbindung mit dem Rest der Nation die Entwicklung der Stadt fördern kann. „Shanghai-Studien“ zu dieser Zeit vorzuschlagen, verdient gründlichere Überlegungen.

Die Diskussion ist sinnlos

Dr. Li Hui (Fudan-Universität): Ich bin der Ansicht, dass Shanghai es wert ist, tiefgreifend und systematisch studiert zu werden. Ob „Shanghai-Studien“ zu etablieren sind oder nicht, ist lediglich ein Problem des Titels, und sollte praktische Studien dieses Themas nicht beeinflussen. Es macht keinen Sinn, diese Diskussion fortzusetzen.

Regionale Studien sind notwendig

Wang Hongqi (Institut für Umweltwissenschaft der Beijinger Pädagogischen Universität): Vielfältige und detaillierte Studien vieler Länder und Regionen, darunter Europa, Japan, Amerika und Afrika, existieren in China. Es gibt ebenfalls spezielle Forschungsinstitute für sie, die als notwendig betrachtet werden. Für ein riesiges Land wie China, wo jede Provinz, was die Fläche, die Bevölkerung und den wirtschaftlichen Produktionswert anbelangt, einem Land entspricht, gibt es kaum Studien einer speziellen Provinz oder eines Gebiets, von fachlichen Forschungsinstituten, Theorien oder Werken ganz zu schweigen.

Hat jemand Nachrichten über Studien der Provinz Sichuan, Beijings und des Uigurischen Autonomen Gebiets Xinjiang gehört? Gibt es Werke über die Provinz Heilongjiang, das Autonome Gebiet Innere Mongolei und die regierungsunmittelbare Stadt Chongqing? Nein. Alles, was wir gesehen haben, ist, dass Einwohner einer Provinz nur ihr eigenes Gebiet studieren und gelegentlich Vergleiche mit anderen Landesteilen anstellen. Es gibt nur Werke, die die Lebensstile in Beijing, Shanghai und Guangdong diskutieren.

Ich habe vorgeschlagen, dass inländische regionale Studien jede Provinz Chinas als ein unabhängiges Studienobjekt betrachten sollten, genau so wie wir verschiedene Länder in der Welt studiert haben. Forscher sollten einen objektiven und wissenschaftlichen Standpunkt, anstatt eines engen und profitorientierten, einnehmen. Abgesehen von der Geographie, der Geschichte und ethnischen Gruppen, sollten die Studien das gegenwärtige Alltagsleben und die Entwicklung jedes Gebietes, darunter die Untersuchung der Administration, der Wirtschaft und der lokalen Verhaltensweisen, umfassen.

Der Grund, warum ich regionale Studien befürworte, ist, dass diese dazu beitragen würden, dass jede Provinz sich und den Rest der Nation besser kennen würde, und dass das gegenseitige Verständnis und die Kommunikation zwischen Provinzen gefördert und die Beziehungen zwischen der Zentralregierung und den lokalen Behörden koordiniert würden.

Dies würde zudem jeder Provinz helfen, in der Welt besser bekannt zu sein. In China hat sich ein umwälzender Wandel vollzogen. Viele Städte befinden sich in einem großangelegten Aufbau. Bedauerlicherweise ahmen die meisten Städte die Stile anderer nach, und es mangelt ihnen an eigenen Charakteristiken.

Der Grund liegt darin, dass diese Städte ihre planwirtschaftliche Denkweise weder aufgegeben noch Wert auf Individualität gelegt haben.

Inländische regionale Studien einzuführen kann zudem verschiedenen Gebieten helfen, ihre eigenen Stile zu schaffen und die besten Entwicklungsmodelle zu übernehmen. Dies ist die Grundlage für die anhaltende Entwicklung in China.