Wer soll entscheiden, ob die Gesundheit den Ausschlag für das Ehegelöbnis gibt?
 

Für Zhang Li war die Nachricht ein Schock, als sie in ihrer vorehelichen ärztlichen Untersuchung in einem Krankenhaus in Chengdu, Provinz Sichuan, als HIV-positiv diagnostiziert wurde. Da sie befürchtete, dass ihr Eheschließungsantrag abgelehnt würde, entschied die 23jährige Frau, zu warten, bis die neuen Regeln zur Eheschließungsregistrierung am 1. Oktober in Kraft treten würde.

In Übereinstimmung mit den ursprünglichen Bestimmungen müssen die beiden Eheschließungsparteien von einer medizinischen Einrichtung eine Qualifikationsurkunde der vorehelichen ärztlichen Untersuchung erhalten. Die voreheliche Gesundheitsuntersuchung ist als eine der wichtigsten Maßnahmen für die Erhöhung der Lebensqualität des chinesischen Volkes und für die Verhütung der Verbreitung von Krankheiten betrachtet worden. Wenn die Untersuchungsergebnisse früher zeigten, dass Heiratskandidaten mit AIDS infiziert waren, wurden von den medizinischen Einrichtungen keine Qualifikationsurkunden ausgestellt.

Die abgeänderten Regeln über die Eheschließungsregistrierung veränderten den Terminus „pflichtmäßig“ in „freiwillig“ im Rahmen der „vorehelichen ärztlichen Untersuchung“, was nach ihrer Veröffentlichung sofort heftige Debatten auslöste.

Diejenigen, die den neuen Regeln zustimmen, sagten, dass diese eine humanitäre Gesinnung zeigen würden, da die Eheschließung eine persönliche und private Angelegenheit zwischen zwei Menschen sei, während diese zudem dazu beitragen könnten, die willkürliche Gebührenerhebung von bestimmten Krankenhäusern und andere korrupte Vorgehen zu stoppen. Die Opponenten sagten, dass die Abschaffung der vorehelichen Untersuchung nicht mit dem Prinzip einer gesunden Geburt und dem Säuglingsschutz übereinstimme und soziale Pflichten vernachlässige, was schließlich zu schlechten und möglicherweise lebensgefährlichen Folgen führen würde.

Am 13. Oktober erhielten die Sichuaner Zhang Li und ihr Freund Wang Rui von einem lokalen Eheregistrierungsamt eine Eheschließungsurkunde und wurden damit das erste „AIDS-Ehepaar“ in China, nachdem das neue Ehegesetz in Kraft getreten war.

Medienberichten zufolge nahmen Ärzte im ganzen Land, die für die voreheliche Untersuchung zuständig sind, während des Nationalfeiertages dieses Jahres angeblich zum ersten Mal Urlaub, seitdem die voreheliche Gesundheitsuntersuchung im Jahr 1986 eingeführt wurde. Vom 1. bis zum 7. Oktober (Ferien zum Nationalfeiertag) ließen sich 700 Paare in der Stadt Wuhan und 2084 Paare in der Stadt Nanjing für die Eheschließung registrieren, jedoch kein Paar hatte sich davon freiwillig ärztlich untersuchen lassen.

Das neue Phänomen, das nach der Implementierung der neuen Regeln zur Eheschließungsregistrierung auftauchte, hat das öffentliche Interesse für die Frage, ob die pflichtgemäße voreheliche Gesundheitsuntersuchung abgeschafft werden sollte oder nicht, noch einmal erregt.

Keine vorehelichen Untersuchungen bedeuten Ärger

Xu Xing, Vizepräsidentin der Nanjinger Klinik für Mutterschutz und Säuglingspflege: Die Abschaffung der vorehelichen Untersuchung läuft dem Prinzip des Gesetzes über Mutterschutz und Säuglingspflege zuwider, das die medizinischen und Gesundheitsinstitutionen dazu auffordert, die Bürger mit Gesundheitsdienstleistungen zu versorgen. Die alten Regeln zur Eheschließungsregistrierung dienten dem Schutz und der Verbreitung dieser Regeln. Jedes Jahr entdecken wir, dass einige Menschen angeborene Herzkrankheiten oder andere potentielle lebensgefährliche Krankheiten haben. Probleme rechtzeitig zu erkennen bedeutet, dass man für die Betroffenen, deren Ehepartner und Kinder verantwortlich ist.

Liang Jianfang des Sanatoriums des Guangzhouer Militärbezirkes: Einige Menschen sagen: „Man sorgt sich um die eigene Gesundheit und die Gesundheit der Ehepartner und Nachkommen.“ In Wirklichkeit ist dies jedoch nicht wahr, wie häufig auftauchende angeborene kongentiale Missbildungsfälle, wie z. B. Siamesische Zwillinge, bewiesen haben. Eine ärztliche Untersuchung in der Schwangerschaft zu machen ist eine wichtige Maßnahme für die Gewährleistung der Gesundheit schwangerer Frauen und zur Ermöglichung einer Abtreibung eines Fötus mit einer schweren angeborenen Krankheit bzw. kongentialen Missbildungen. Auf diese Weise würden Siamesische Zwillinge nicht geboren werden. Siamesische Zwillinge können durch Ultraschall-Untersuchungsapparate klar gesehen werden. Den jüngsten Berichten zufolge haben sich die meisten Schwangeren mit Siamesischen Zwillingen jedoch keinen ärztlichen Untersuchungen unterzogen. Das Bewußtsein einer Person oder der Mehrheit der Menschen bedeutet nicht das Bewußtsein aller Menschen, jedoch sollte die Folge der Geburt von kranken oder kongential behinderten Babys von der ganzen Gesellschaft getragen werden.

Die Beachtung der Behandlung, aber die Missachtung der Verhütung von Krankheiten ist ein großes Vergehen. In der Tat sind einige Krankheiten, einschließlich Infektionskrankheiten, leicht zu verhüten, aber schwierig zu heilen. Vor kurzem griff die epidemische Enzephalitis B in Guangzhou um sich, da einige Eltern für den Impfstoff keine 3 Yuan (0,36 US$) ausgeben wollten, so dass sie schließlich 10 000 Yuan (1207 US$) für die Rettung ihres Kindes auszugeben hatten. Die meisten Erbkrankheiten sind ebenfalls schwierig zu heilen, können jedoch durch voreheliche Untersuchungen und Geburtanleitung verhütet werden.

Es ist grundlos zu sagen, dass die meisten Kritiker Ärzte sind weil Abschaffung der vorehelichen Untersuchung für die Krankenhäuser einen Verlust an Einnahmen bedeutet. Die meisten Menschen sind willens, mehr als 100 Yuan für eine ärztliche Untersuchung vor der Ehescließung zu zahlen.

Li Zhongqing (ein Leser): Warum ergab sich eine derartige Situation, dass sich mehr als 700 Paare in der Stadt Wuhan innerhalb von sieben Tagen für die Eheschließung registieren ließen, jedoch kein Paar davon sich vor der Eheschließung ärztlich untersuchen ließ? Die Antwort kann unterschiedlich ausfallen, aber ein Grund liegt, meiner Meinung nach, in den hohen Untersuchungsgebühren, die für jede Person mindestens 100 Yuan (12,1 US$) betragen, auch wenn diese in den verschiedenen Gebieten unterschiedlich ausfallen. Um Geld zu sparen, zögern viele nicht, diese Prozedur zu streichen, und zwar ohne die schlechten Konsequenzen zu berücksichtigen. Den Statistiken der Wuhaner Klinik für Mutterschutz und Säuglingspflege zufolge entdeckte die Klinik allein im Vorjahr unter den Eheanwärtern 7318, die verschiedene Krankheiten hatten, was 15,6% der zu Untersuchenden ausmachte; 424 wurde empfohlen, die Eheschließung zu verschieben, und 10 Frauen Bescheid gegeben, dass sie nicht geeignet waren, zu gebären. Diese erstaunlichen Zahlen schlossen diejenigen, die sich keiner Untersuchung unterzogen hatten, aus. Man kann sich die tragischen Folge vorstellen, wenn die neuen Regeln der freiwilligen ärztlichen Untersuchung vor der Eheschließung im Vorjahr in Kraft getreten wären, und wenn die o. g. Menschen geheiratet hätten.

Voreheliche Untersuchungen sind besonders wichtig, weil die Eheschließung, insbesondere die Geburt von Kindern, im Zusammenhang mit der nationalen Gesundheitsqualität und der Prosperität des Landes steht. Ich denke, dass der Staat betreffende politische Maßnahmen ausarbeiten sollte, um die Untersuchungsgebühren aufzuheben und den Abteilungen für die ärztliche Untersuchung finanzielle Unterstützung zu gewähren.

Sozialer Fortschritt

Zhang Li, Professor des Jurainstituts der Nanjing-Universität: In Chinas Ehegesetz gibt es hinsichtlich ärztlicher Untersuchungen vor der Eheschließung keine Zwangsklausel. Daher sollten wir den Wunsch und die Wahl jedes Einzelnen respektieren. Die Implementierung der neuen Regeln entspricht den Vorschriften des Ehegesetzes.

Wu Yiming, Professor der Nanjinger Pädagogischen Universität: Die neuen Regeln verkörpern den Geist der Ehefreiheit. Die Eheschließung ist ein legitimes Recht der Bürger, deren persönliche Würde nicht eingeschränkt werden sollte. Voreheliche Untersuchungen können nicht als eine Schutzmaßnahme für gesunde Ehen durch administrative Regeln und Bestimmungen zwangsmäßig durchgeführt werden. Dies ist ein fortschrittlicher Schritt der Gesellschaft.

Wu Changzhen, Experte für Ehestudien und Professor der Chinesischen Universität für Politik- und Rechtswissenschaft: Ich persönlich bin gegen die vollständige Abschaffung der vorehelichen Untersuchung. Dieses Vorgehen ist ziemlich gefährlich und trägt weder zur Ausführung der Richtlinien über eine gesunde Geburt und Säuglingspflege noch zur Verbesserung der Lebensqualität bei. Es wird zudem der ganzen Gesellschaft schaden. Das System für die ärztliche Untersuchung vor der Eheschließung sollte unverändert beibehalten werden, jedoch sollte den Bürgern erlaubt werden, eine freie Wahl zu treffen. Man kann sich einer vorehelichen Untersuchung unterziehen, muss dies jedoch nicht tun. Wenn zwei Personen sich lieben und einander vertrauen, wollen sie sich vielleicht keiner ärztlichen Untersuchung unterziehen. Während wir „ja“ zur vorehelichen Untersuchung sagen, sollten wir auch flexibel sein.

Lin Beixiang der South Metropolitan Post: Die neuen Regeln zur Eheschließungsregistrierung, die die Klausel über die voreheliche Untersuchung abgeschafft haben, entsprechen dem Geist des Gesetzes über Mutterschutz und Säuglingspflege und geben den Bürgern das Recht auf die voreheliche Untersuchung zurück. Darüber hinaus gibt es im Ehegesetz Chinas keine Zwangsklausel über die voreheliche Untersuchung. Daher entspricht die Implementierung der neuen Regeln dem Geist des Ehegesetzes.

Seit die neuen Regeln in Kraft getreten sind, können Paare sich einer ärztlichen Untersuchung unterziehen, wenn sie wollen. Die meisten interviewten Bürger drückten ihrer Gesundheit willen ihre Bereitschaften für eine ärztliche Untersuchung vor der Eheschließung aus. Eine erzwungene voreheliche Untersuchung, ohne die die Eheschließung nicht möglicht ist, könnte durch willkürliche Gebührenerhebung zu Korruption in Krankenhäusern führen.