Nach Spaniens 11. März – wer ist als Nächster dran?
 

Die Zugbombenattentate von Madrid könnten die Ankunft von Al Qaeda in Europa ankündigen, da die Terrorgruppe offensichtlich begonnen hat, US-Alliierte im Irak anzuvisieren.

Von Yu Xin

Da eine Menge von Beweisen auf Al Qaeda als Täter der Bombenexplosionen von Madrid schließen lässt, können einige Schlussfolgerungen gezogen werden: Europa ist eine weitere Front des Terroristennetzwerkes geworden, die Organisation ist zunehmend reif geworden was das bewusste zeitliche Timing ihrer Aktivitäten anbelangt, um sich in die Wahlen eines Landes einzumischen und damit dessen Politik zu beeinflussen und eine große Verschwörung auszubrüten, um die internationale Unterstützung der US-geführten Anti-Terroristen-Kampagne zu unterminieren.

Der 11. März wurde Zeuge des grausamsten Terroranschlags in Spaniens Geschichte, nämlich mit der Sprengung von drei vollbepackten Pendelzügen, welche ins urbane Madrid fuhren, was zum Tod von 201 Personen und der Verwundung von mehr als 1600 Menschen führte. Die Bombenexplosion erfolgte 911 Tage nach den Terroranschlägen gegen die Twin Towers in New York am 11. September 2001. Seit der Tragödie in New York war nur die Explosion auf Bali in Indonesien im Oktober 2002 mit 202 Todesopfern tödlicher verlaufen. Die Madridanschläge vom 11. März haben einen bisher beispiellosen Terror unter der europäischen Gemeinschaft geschaffen, wobei die Menschen sich über die Motive der Anschläge fragen und nach einer Bestätigung über die Täter dahinter suchen.

Die Aznar-Regierung in Spanien hat die ETA (Euskadi ta Askatasuna), eine Separatistenorganisation, anvisiert, die seit Jahrzehnten eine Kampagne von Bombenexplosionen und Attentaten führt, um die Unabhängigkeit für die baskische Region in Nordostspanien anzustreben. Es verlautete, dass die ETA die Menschen mit dieser Art von Terroristenaktion bedroht haben könnte, um diese davon abzubringen für die Volkspartei, die stets eine harte Haltung gegenüber den separatistischen Kräften aufrechterhalten hat, zu stimmen. Die ETA wies solche Anschuldigungen jedoch zurück.

Analytiker äußerten, dass die Explosionen nicht im ETA-Stil ausgeführt worden seien und, dass die Organisation die Polizei stets eine Stunde, bevor sie Terroranschläge ausgeführt habe, informiert habe, um so die Anzahl der Verwundeten und Toten klein zu halten. Die Madrid-Explosionen fanden jedoch ohne vorherige Ankündigung statt und offensichtlich mit der Absicht, so viele Menschen wie möglich zu töten. Wenn die ETA ein solches Massaker ausgebrütet hätte, würde eine solche Aktion aufgrund der starken Opposition im Inland und in der internationalen Gemeinschaft nur ihren eigenen Niedergang beschleunigen, anstatt Einfluss auf die Wahlen auszuüben, um ihr Ziel der Unterminierung der Unterstützung für die Anti-Terror-Aktionen der Regierung zu realisieren.

Mutmaßungen, dass Al Qaeda dahinter stecken könnte, tauchten auf, als die spanische Polizei kurz nach den Anschlägen ein nicht in die Luft gegangenes Bündel und einen Van, der mehrere Zünder und ein Tonband mit koreanischen Versen auf Arabisch enthielt, fand. Dann wurde ein Videoband an die spanischen Behörden geschickt, mit einem Mann, der behauptete, Al Qaeda zu repräsentieren und verkündete, dass die Terroristengruppe hinter den Bombenexplosionen stecke. Der Grund, der angegeben wurde, war, dass die spanische Regierung mit den USA im Irakkrieg kooperiert habe. Das Band zusammen mit der Verhaftung von drei Marokkanern und zwei indischen Verdächtigen liefert starke Anzeichen einer Al Qaeda-Verbindung mit den Explosionen von Madrid. Al Qaeda hat ausreichende Motive, um Spanien anzugreifen, welches eine Anzahl von Verdächtigen in Verbindung mit der Terroristenorganisation verhaftet und dem US-geführten Irakkrieg starke Unterstützung gegeben hat. Al Qaeda hat in der Tat bereits zuvor spanische Interessen anvisiert, wie bei einem Selbstmordanschlag auf ein spanisches Restaurant in Casablanca, Marokko, im Mai 2003.

Eine andere Möglichkeit wäre noch erschreckender – nämlich, dass die ETA und Al Qaeda gemeinsam den Terroranschlag verübt hätten. Spanien soll bereits vor dem 11. September 2001 mehrere Anhänger von Al Qaeda gehabt haben. Gerichtsdokumenten gemäß, welche von der Associated Press überprüft wurden, war einer der drei Marokkaner, welcher nach den Zugexplosionen in Madrid verhaftet wurde, ein Anhänger eines Al Qaeda-Verdächtigen, der in Spanien im Gefängnis sitzt und beschuldigt wird, die Anschläge vom 11. September mitgeplant zu haben. Die ETA hat einige Verbindungen mit der IRA, so Terrorismusexperten bei RAND, einem berühmten Think Tank in den USA, und Letztgenannte hat mit Al Qaeda in ihren Terroranschlägen kooperiert. Daher ist es möglich, dass Al Qaeda-Mitglieder in die ETA eingedrungen sind und die Anschläge im Al Qaeda-Stil in Madrid ausgeheckt haben. Und selbst wenn die ETA oder andere Organisationen unabhängig die Terroristenanschläge gestartet haben sollten, wären sie dem von Al Qaeda eingeschlagenen Weg, Terror zu schaffen, gefolgt.

Es ist klar, dass der Schatten von Al Qaeda Europa erreicht hat. Dem US-Geheimdienst zufolge sind neue Al Qaeda-Kräfte in Nordafrika, einschließlich Marokko und Algerien, aufgetaucht, womit sie leichter Zugang zu europäischen Ländern haben. Und ihre Integration mit lokalen Terroristenorganisationen wird die extensive Verbreitung des Terroristennetzwerkes in ganz Europa ermöglichen und die Sicherheitssituation verschlimmern.

Als mehr Nachweise die Involvierung Al Qaedas in die Terroranschläge untermauerten, ist die Motivation des Terroristennetzwerkes offensichtlich geworden, nämlich, Vergeltung gegenüber denjenigen, welche den US-geführten Irakkrieg unterstützten, und damit die Unterminierung der internationalen Basis der Anti-Terroristen-Kampagne der USA.

Von besonderer Bedeutung ist, dass die Terroranschläge vom 11. März die proamerikanische Volkspartei erfolgreich aus ihrer Machtposition gefegt haben. Das absichtliche Timing der Terroristen, während der landesweiten Wahlen in Spanien gibt Anlass zu der Schlussfolgerung, dass die Beeinflussung der politischen Situation eines Landes und der Politik einer Regierung ein Hauptziel der Terroristen geworden ist. Auch wenn starke Nachweise untermauerten, dass Al Qaeda sehr wahrscheinlich für die Tragödie zur Rechenschaft zu ziehen ist, war die Volkspartei zurückhaltend, die islamische Gruppe dafür verantwortlich zu machen. Immer mehr Beweise, welche die Involvierung von islamischen Extremisten in die Madrid-Bombenexplosionen bestätigten, wurden in die Hände von Kritikern, die gegen die Entsendung von 1300 spanischen Soldaten in den Irak waren, gespielt. Die Regierungspartei wurde beschuldigt, die Madrid-Anschläge provoziert zu haben, indem sie den US-geführten Krieg im Irak, ungeachtet der Opposition im eigenen Land, unterstützte und mögliche Verbindungen zwischen den Explosionen und Spaniens Rolle im Irak, aus Furcht, dass dies ihre Popularität in den Wahlen beeinträchtigten könnte, heruntergespielt zu haben.

Vor den Explosionen hatte die Erwartung bestanden, dass die Volkspartei die Wahlen mit einem bequemen Vorsprung gewinnen würde. Die Explosionen änderten jedoch die Situation. Die Sozialistische Arbeiterpartei sicherte sich die Mehrheit im Parlament, womit die achtjährige konservative Regierung der Volkspartei beendet wurde.

Gegenwärtig hat die internationale Gemeinschaft einen Konsens über den Anti-Terrorismus, aber hinsichtlich der Frage, was Terrorismus ist und wie gegen den Terrorismus vorgegangen werden soll, existieren große Unterschiede. Solche Differenzen teilen das Lager des Anti-Terrorismus. Die USA hielten zuerst das Banner des Anti-Terrorismus hoch, aber ihre unilateralen Aktionen haben Oppositionsstimmen in der internationalen Gemeinschaft entfacht. Jetzt macht sich das Terroristennetzwerk der Differenzen über den Anti-Terrorismus unter den verschiedenen Ländern zu Nutze, indem sein Terror gegen treue US-Alliierte gerichtet wird, dies in einem Versuch, die Anti-Terrorismus-Union zu brechen.

Auch wenn die Bombenexplosionen vom 11. März die Entschlossenheit der spanischen Regierung und des spanischen Volkes stärkten, den Terrorismus zu bekämpfen, könnten sie die neu gewählte Regierung zwingen, mit Washington in dessen militärischen Aktionen auf Distanz zu gehen. Seinen Sieg im Fernsehen beanspruchend versprach der Führer der Sozialistischen Arbeiterpartei und neu gewählte Premierminister Jose Luis Rodriguez Zapatero, dass die Bekämpfung des Terrorismus seine erste Priorität sein werde, jetzt, wo er dran sei, eine Regierung zu schaffen, „die für den Frieden arbeiten wird“.

Er versprach jedoch auch, bis zum 30. Juni spanische Truppen aus dem Irak nach Hause zu bringen. Dies könnte exakt das sein, was die Terroristengruppe durch die Tragödie beabsichtigt hat. Als Antwort rief US-Präsident George W. Bush am 16. März Spanien und andere Alliierte im Irak auf, den USA treu zu bleiben und nicht dem Druck von Al Qaeda klein beizugeben, indem Truppen abgezogen würden.

Analytiker warnten, dass jegliches europäisches Land, insbesondere die, die an der Seite der USA in ihren Militäraktionen gegen den Irak gestanden hätten, das nächste Ziel des Terroristennetzwerkes sein würden. Panik verbreitet sich über den europäischen Kontinent, wer wird das nächste Ziel der Terroristen sein?
Am selben Tag, an dem die Terroranschläge in Madrid stattfanden, schickte eine Organisation, die angeblich Kontakte mit Al Qaeda hat, eine E-Mail an eine arabische Zeitung mit Sitz in London, in der gedroht wurde, dass Italien das nächste Ziel von einigen mit Al Qaeda in Verbindung stehenden Gruppen in Europa sein könnte. Die E-Mail erwähnte die Selbstmordanschläge gegen Italiener, die im Irak stationiert sind, letzten November, sagend, es sei eine Warnung für das Land, dass es sich „aus der Anti-Islamischen Allianz“ zurückziehen sollte.

Am 15. März drängten italienische Oppositionsparteien aus dem mittleren, linken Spektrum Premierminister Silvio Berlusconi, seinen unnachgiebigen Pro-Amerika-Standpunkt gegen den Irak neu zu überdenken. Einige Gesetzesgeber der demokratischen Linken, der Grünen und der Italienischen Kommunistischen Partei kritisierten Berlusconi dafür, Italien dem Risiko von Terroranschlägen ausgesetzt zu haben und riefen nach dem Abzug der 2700 italienischen Soldaten, die gegenwärtig im Irak dienen.

Japan, welches den Irakkrieg unterstützte und Truppen dorthin entsendete, fühlt ebenfalls die Sicherheitsbedrohung. Der japanische Premierminister Junichiro Koizumi hat ausgedrückt, dass Japan vorsichtig sein sollte, da Terroranschläge überall in der Welt geschehen könnten.

Seit dem Herbst 2001 haben die USA eine Reihe von Anti-Terroristen-Aktionen gestartet, darunter den Afghanistankrieg gegen die Taliban, die Verfolgung von Osama bin Laden und den Irakkrieg. Aber all dies hat die Zweige des Terroristennetzwerkes nicht zerlegt. Im Gegenteil, die Terroristen verstreuten sich, um Samen des Terrors über eine große Fläche zu säen, womit die Situation des Anti-Terrorismus schwerer geworden ist.

Jetzt, da das Terroristennetzwerk jegliches Land, welches die US-geführte Anti-Terroristen-Kampagne unterstützt, anvisiert und jegliche Regierung, die eine Bahn der Unterstützung der Supermacht eingeschlagen hat, werden die betreffenden Länder bzw. Regierungen vorsichtiger werden, sich der US-geführten Anti-Terroristen-Kampagne weiter anzuschließen. Dies könnte die Botschaft für Washington sein, welche von den Terroranschlägen von Madrid gesendet wurde.