Das Bankwesen in der Reform
 

Chinas wichtigste staatseigene Banken intensivieren momentan ihre interne Reorganisation, ein Vorgehen, das zu weniger Filialen und mehr Freigesetzten führen wird.

Von Tan Wei

Ein Arbeitsplatz in einer staatseigenen Bank wurde einst als „Goldene Reisschüssel“ – eine stabile und lebenslange Einkommensquelle – bezeichnet. Aber heute sind der Personalabbau und Entlassungen ein allgemeines Phänomen, während die Staatsbanken sich bemühen, ihren Reformzeitplan einzuhalten.

„Von 1998-2002 haben die vier staatseigenen Kommerzbanken etwa 45 000 Filialen geschlossen, davon etwa 1800 Filialen auf Kreisebene, und 250 000 Angestellte freigesetzt“, verkündete Tang Shuangning, stellvertretender Vorsitzender der Chinesischen Kommission für die Bankenaufsicht (China Banking Regulatory Commission, CBRC), am 11. November 2003.

Die vier Banken sind die Industrial and Commercial Bank of China (ICBC), die Agricultural Bank of China (ABC), the Bank of China (BOC) und die China Construction Bank (CCB).

Tang sagte, dass in Übereinstimmung mit den von der CBRC aufgestellten Zielen der Bankenreformen, die zum Personalabbau der „vier großen“ geführt haben, „qualifizierten Banken erlaubt wird, sich zu staatseigenen Holdinggesellschaften zu reorganisieren, und dass „gut vorbereitete Banken ermutigt werden sollten, sich in Übereinstimmung mit den Marktregeln an der Börse zu notieren.“

Die vier Banken scheinen, den Weg zur Realisierung des Reformziels gewählt zu haben ¾ Die Reorganisation durch den Personalabbau, Erhöhung der Effizienz und Börsennotierung sind hierfür drei wichtige Maßnahmen.

Keine lebenslange Garantie mehr

Einem Verantwortlichen der CCB zufolge ist derzeit die ganze Bankbelegschaft – von den Leitern der verschiedenen Abteilungen der Hauptniederlassung bis zu allen Angestellten der Filialen auf verschiedenen Ebenen – mit einer „beispiellosen“ Personalumstrukturierung konfrontiert. Ende August 2003 wurden sechs Abteilungsleiter der Hauptverwaltung zurückgestuft, während neun Angestellte niederen Rangs befördert wurden. Diese Kapitaloperation oder Reform in der Beschäftigungsstruktur ist auch in einigen Filialen auf Provinzebene testweise durchgeführt worden, was Veränderungen in den Bereichen Beschäftigungssystem, Lohnsystem und Arbeitssystem gebracht hat.

„Die Arbeitslosigkeit ist jetzt eine Gefahr für unfähiges Managementpersonal, ganz zu schweigen von einfachen Angestellten“, fügte er hinzu. „Filialen, die keine Gewinne machen können, werden wahrscheinlich in naher Zukunft geschlossen werden“, sagte er abschließend.

Die ICBC, die ABC und die BOC führen momentan alle die Reform des Beschäftigungssystems mittels erforschter Methoden durch. Jiang Jianqing, Präsident der ICBC, zufolge ist seine Bank entschlossen, Filialen, die rote Zahlen schreiben, zu schließen. Die ICBC hat Ende 2002 nahezu 20 000 Filialen geschlossen und allein im Jahr 2000 landesweit etwa 70 000 Angestellte freigesetzt.

Nachdem sie im Jahr 2002 141 Filialen geschlossen und 5200 Angestellte freigesetzt hatte, plante die BOC im letzten Jahr, weitere 88 Filialen zu schließen und weitere 5000 Angestellte zu entlassen.

In den letzten Jahren haben die vier größten Banken jedes Jahr Pläne für die Erhöhung der Effizienz durch den Personalabbau ausgearbeitet. Und einige Pläne legten sogar die genaue Anzahl der zu entlassenden Personen in einigen Filialen auf Provinzebene fest.

Einem Verantwortlichen der Abteilung für Arbeitskräfteressourcen der BOC zufolge lagen die meisten geschlossenen Filialen in dicht bevölkerten Gebieten und die Entlassenen waren meistens alt und schlecht geschult.

Im Zuge des Personalabbaus haben einige Banken begonnen, mit ihren Angestellten Jahresverträge zu unterzeichnen. Dabei werden diejenigen, die den Erwartungen des Arbeitsplatzes nicht gerecht werden können, entlassen werden. Es scheint, dass die Tage des Goldenen Eßnapfes zu Ende gegangen sind.

Größer ist nicht unbedingt besser

Am 24. Oktober 2003 veröffentlichte der Asian Banker, eine singapurische Zeitschrift, eine Liste von 300 asiatischen Banken, die im Jahr 2003 als die Top-Kommerzbanken der Region galten, wobei die BOC an 100. Stelle, die ICBC an 157. Stelle und die ABC und CCB an 176. Stelle rangierten.

Ein Analyst der Asian Banker sagte, dass die Zeitschrift ihre Rangordnungsmethologie für Asiens stärkste Banken auf vier wichtigen Kriterien, nämlich die konventionelle Vermögenskalkulation – finanzielle und Opertionskennziffern, die Vermögensqualität, die Verbesserung der Gewinnspannen und das Vermögen im Vergleich zum vorhergehenden Jahr basiert habe.

„Diese neue Rangordnung setzt dem Märchen, dass im Bankwesen größer bestimmt besser bedeutet, ein Ende“, sagte Li-May Chew, Manager bei „Asian Banker Research“ und Autor dieses Berichtes.

Die vier staatseigenen Kommerzbanken sind stets die größten Spieler im Bankwesen Chinas gewesen. 14,5 Billionen Yuan (1,75 Billionen US$) des gesamten Vermögens in Höhe von 26,5 Billionen Yuan (3,2 Billionen US$), das von der CBRC beaufsichtigt wird, gehört ihr. Momentan teilen die „vier Großen“ die Kreditgewährungsgeschäfte für 90% der wichtigen Staatsunternehmen und für 75% der Schlüsselbauprojekte in China.

Wenn nur die Vermögensgröße gemessen würde, würden die vier Banken einen Platz unter den 10 Top-Banken Asiens einnehmen. O. g. Rangordnung der „stärksten Banken“ spiegelt jedoch ihre schwache Leistung in der Rentabilität wider.

Das Problem liegt zum großen Teil daran, dass die staatseigenen Banken immer noch von den Richtlinien vorgeschriebene ertragsschwache Finanzierungsgeschäfte für eine Anzahl von maroden Staatsunternehmen abwickeln.

Im September 2003 beliefen sich die nicht eintreibbaren Kredite (non-performing loans, NPLs) auf 18,7% aller Bankkredite Chinas. Die nicht eintreibbaren Kredite der vier größten Banken machten z. B. 21,4% aller ihrer Kredite und die Banken, die den politischen Richtlinien der Regierung unterworfen sind, 18,1% aus. In den Aktienbanken ging die Rate auf etwa 8,4% zurück.

Im Vergleich dazu hatten die in China operierenden Banken mit Auslandskapital weniger nicht eintreibare Außenstände. Die Citi Bank und die Hong Kong and Shanghai Banking Corp. (HSBC) registrierten einen Anteil von NPLs von 2,7% bzw. 3%. Die hohen NPLs lasten schwer auf den chinesischen Banken, insbesondere auf den vier staatseigenen Kommerzbanken, und schwächen ihre Konkurrenzfähigkeit auf dem Markt.

In Übereinstimmung mit den Versprechen der WTO-Mitgliedschaft, die von der chinesischen Regierung gemacht wurden, soll das Land bis zum Jahr 2006 sein Bankwesen nach außen öffnen und ausländischen Banken erlauben, mit ihren chinesischen Konkurrenten fair zu konkurrieren.

„Wenn wir die Konkurrenzfähigkeit der chinesischen Banken durch die Durchführung tiefgehender Reformen bis zum Jahr 2006 nicht erhöhen können, wird die Kluft zwischen ihnen und den ausländischen Banken größer werden“, sagte Tang warnend, „dies wird einen großen Einfluss auf die chinesischen Banken ausüben und die gesamte Reform und Entwicklung des Landes behindern.“

Die laufende Umstrukturierung der vier staatseigenen Kommerzbanken sei für die gründliche Reform einer Bank von großer Bedeutung, sagte Tang Shuangning abschließend.

Die Börsennotierung anvisieren

Größere Aufmerksamkeit wird der wahren Absicht hinter dem großangelegten Personalabbau der vier Kommerzbanken geschenkt. Sie möchten sich an der Börse notieren.

Im Mai 2000 schlug Zhou Xiaochuan, ehemaliger Vorsitzender der Chinesischen Kommission für Wertpapieraufsicht (China Securities Regulatory Commission, CSRC), in einem Artikel, der in der Volkszeitung (Renmin Ribao) veröffentlicht wurde, vor, dass staatseigenen Banken erlaubt werden sollte, sich an der Börse zu notieren. Dies war der erste Aufruf eines hochrangigen Beamten für die Börsennotierung der chinesischen Banken.

Kurz danach erklärte Dai Xianglong, ehemaliger Präsident der Chinesischen Volksbank (Zentralbank): „Staatseigenen Kommerzbanken wird erlaubt, sich umzustrukturieren und zu staatseigenen Holdingbanken zu werden, und dann unterstützen wir diejenigen, die qualifiziert sind, sich an Börsen im Ausland zu notieren.“

Seither ist die Börsennotierung eines der wichtigsten Ziele der chinesischen Banken geworden. Die nicht eintreibbaren Außenstände haben die vier staatseigenen Kommerzbanken jedoch aus dem Rennen geschlagen, da sie eine der wichtigen Voraussetzungen, dass die nicht eintreibbaren Außenstände nicht mehr als 10% aller gewährten Kredite einer Bank betragen dürfen, nicht erfüllen.

Erfreulicherweise sind die nicht eintreibbaren Außenstände und NPLs der vier größten Banken in den Jahren 2002 und 2003 zurückgegangen. Informationen zufolge haben alle vier Banken ihre Börsennotierungspläne ausgearbeitet. Die CCB, z. B. hat im Februar 2003 dem Staatsrat ihren Börsennotierungsplan zur Überprüfung vorgelegt. Die Antwort war jedoch keine Genehmigung, sondern die Forderung nach noch sorgfältigeren Vorbereitungen. Experten erklärten, dass diese Antwort bedeute, dass die CCB ernstere Reformen in den Bereichen Unternehmensorganisation, Operationsmechanismus und Personalmanagement sowie hinsichtlich anderer wichtiger Aspekte durchführen sollte.

Auch die BOC hat aktive Vorbereitungen für ihren Plan der Börsennotierung im Jahr 2005 getroffen. Um die Erfüllung ihres Plans zu gewährleisten, verkündete diese Bank im März 2003, die NPLs vor Ende 2004 auf 15% aller ihrer gewährten Kredite zu reduzieren, während sie die Zurückgewinnungsrate ihres Kapitals (returns on equity, ROE) auf 8% und die ihres Vermögens (returns on assets, ROA) auf 0,7% sowie die Gewinne nach Steuern auf 20 Mrd. Yuan (2,42 Mrd. US$) steigern werde.

Unterdessen sind die anderen beiden der vier größten Banken besonnener, was ihre Börsennotierungspläne anbelangt. Angeblich hat die ICBC entschieden, die Börsennotierung zwischen 2006 und 2007 anzuvisieren. Die ABC betonte jedoch nur, dass sie große Anstrengungen unternehmen werde, um ihre nicht eintreibaren Außenstände zu reduzieren. Experten sind der Ansicht, dass die Unentschiedenheit der ABC in Sachen Börsennotierung in erster Linie an ihrem verhältnismäßig schlimmen Vermögenszustand liegt.

Liu Mingkang, Vorsitzender der CBRC, unterstrich, dass es weder einen einheitlichen Plan noch eine einheitliche Zeittafel für die Börsennotierung der chinesischen Banken gebe.

„Die Erfahrungen sagen uns, dass sie die Hilfe von Vermittlungsinstitutionen brauchen, um die Voraussetzungen, die für die Börsennotierung erforderlich sind, zu erfüllen“, fügte er hinzu.