Öl ins Feuer

 

Die Ermordung von Yassin wird wahrscheinlich eine neue Runde des Blutvergießens im Nahen Osten auslösen.

Von Zan Jifang

Die Absicht des israelischen Premierministers Ariel Sharon mag vielleicht die Beendigung der Selbstmordanschläge, welche gegen sein Land gerichtet sind, gewesen sein, indem er den Gründer und spirituellen Führer von Hamas Sheikh Ahmed Yassin ermorden ließ. Dieser Mord wird jedoch viel eher zu noch mehr Blutvergießen zwischen Palästinensern und Israelis führen. Er könnte sogar Gewalt in der ganzen Region entflammen lassen.

Der Tod von Yassin wird nicht nur die Vergeltung von Hamas veranlasst haben, sondern auch Anti-Israel-Gefühle unter Palästinensern, die nicht notwendigerweise die „Menschenbomben“-Taktik von Hamas unterstützen, auslösen. Viele Weltmedien sind davon überzeugt, dass Yassins Ermordung sehr wahrscheinlich mehr Palästinenser radikalisieren und mehr Anschläge auf Israel nach sich ziehen wird.

Hamas hat bereits geschworen, Yassin, den 74-jährigen, an den Rollstuhl gefesselten Führer, der am 24. März in Gaza bei einer Bombenexplosion ums Leben kam, zu rächen. „Sharon hat die Tore zur Hölle geöffnet, und er wird persönlich als Zielscheibe genommen werden“, sagten sie. Hamas-Mitglieder drohten, jeder israelischen Familie den Tod zu bringen.

Momentan scheint es so, dass die meisten Israelis hinter der Ermordung stehen. Dies könnte sich jedoch ändern, wenn die Vergeltung in israelischen Städten beginnt. Ein gemäßigter israelischer Staatsmann sagte niedergeschlagen, dass die Büchse der Pandora geöffnet worden sei und die Israelis jetzt einen Countdown bis zum Ausbruch von den erwarteten Terroristenanschlägen erleben würden. „Die Frage ist“, so sagte er, „wie viele Israelis auf der Erde dafür sterben müssen?“

Pan Guang, Direktor des Instituts für Europäische und Asiatische Studien der Shanghaier Akademie der Sozialwissenschaften, ist der Ansicht, dass die Ermordung von Yassin ein riskantes Vorgehen war, welches beabsichtigte, Hamas spirituell niederzuschlagen, indem ihr spiritueller Führer getötet wurde. Er sagte, da gegenwärtig äußerstes Misstrauen zwischen Palästinensern und Israelis herrsche, sei es häufig zu einem Austausch von Gewalttätigkeiten gekommen. Israel habe beabsichtigt, den Selbstmordanschlägen ein Ende zu bereiten, indem das hochrangige Hamas-Militärkommando geköpft worden sei. Dies habe jedoch nur geringe Wirkung gezeigt, wie die anhaltende Gewalt zeige.

Es sei unwahrscheinlich, dass Hamas sich wegen des Todes von Yassin niederkauern werde; ganz im Gegenteil, Hamas könnte einen umfassenden Krieg gegen Israel entfachen, so Pan.

Hamas würde einen solchen Krieg verlieren, unterstrich Pan, aber Israel könne Hamas nicht so ohne weiteres ausradieren, da die Organisation Jahre von Erfahrungen habe, um es mit Israel aufzunehmen. Wenn sie ernsthaften Schaden nehmen solle, könnte sie im Untergrund fortfahren und subtilere Taktiken anwenden, so der Experte für Angelegenheiten des Nahen Osten.

Was die Nachwirkungen der Ermordungen andernorts in der Welt anbelangt, sagte Zhu Weilie, ein Forscher von Studien des Nahen Osten, dass Yassins Ermordung die palästinensische Feindseligkeit nicht nur gegen Israel sondern auch gegen die USA weiter anfachen werde. Er ist auch der Meinung, dass die globale Anti-Terroristen-Kampagne nur noch härter werden wird, zumindest in der nahen Zukunft.

Einige Beobachter sind jetzt beunruhigt, dass der Tod von Yassin Auswirkungen auf die Palästinensische Nationalbehörde (PNA) haben könnte, sagend, radikale Organisationen könnten letztendlich die Oberhand gewinnen und den bereits schwachen Arafat ersetzen. Hamas könnte sogar gemäßigte PNA-Beamte entfernen, um die Friedensgespräche mit Israel auf beiden Seiten zu stören. Eine weitere Möglichkeit sei, dass die PNA einfach auseinander falle und eine Welle von radikalen jungen Leuten sich Hamas oder ähnlichen Organisationen anschließen würde, sagten sie voraus.

Sharon ist mit Plänen, sich einseitig aus Gaza und Teilen der West Bank zurückzuziehen, bereits Arafat und die PNA umgangen. Sharons Regierung forderte dann von der PNA, effektive Maßnahmen zu ergreifen, radikale Kräfte niederzuschlagen, um die Stabilität der Situation nach dem Abzug der Israelis zu gewährleisten. Wird Israel als nächstes direkt gegen Arafat vorgehen? Ein israelischer Beamter hat gewarnt, dass Arafat gefährlicher sei als Yassin war.

Der Friedensprozess des Nahen Osten ist gelinde gesagt in den letzten Jahren Zeuge von Unruhen gewesen, und die Verhandlungen stecken seit langem in der Sackgasse. Auch wenn die internationale Gemeinschaft viele Bemühungen der Vermittlungen gemacht hat, ist für den palästinensisch-israelischen Konflikt kein Ende in Sicht. Von der gescheiterten US-unterstützten „Straßenkarte“ bis zur Aufstellung der „Sicherheits“-Barriere, welche die West Bank unterteilt, und von der Belagerung Arafats bis zu der nachhaltigen Politik des „gezielten Tötens“ haben die Gespräche zwischen den beiden Seiten keinen Fortschritt gemacht, in der Tat haben sie Rückschritte gemacht. Diese „gezielte“ Ermordung bildet keine Ausnahme.

Nach dem 11. September 2001 unterstrich Israel weiter die Forderung „Sicherheit für Frieden“, wobei es aus den US-geführten Anti-Terroristen-Operationen im Nahen Osten Vorteile zog. Israel hat seine Palästina überlegene Militärstärke genutzt, indem extremere Maßnahmen angewandt wurden, Führer von radikalen palästinensischen Organisationen zu entfernen. Dies hat wiederum einen Anstieg von gewalttätigen Reaktionen von radikalen palästinensischen Gruppen ausgelöst. Gewalt hat die beiden Seiten in einen fortwährenden Kreislauf der „Gewalt für Gewalt“ verstrickt – dies im Gegensatz zum Willen beider Seiten.

Die israelische Geheimdienstabteilung sagte einst, dass die Ermordung von Yassin oder Arafat nicht schwierig sein würde. Das Problem sei, wie Israel mit den Nachwirkungen eines solchen Vorgehens umgehen würde. Einige Kritiker in Israel sagten offen, dass Hamas der einzige Gewinner der Ermordung von Yassin sein würde.