Der sanfte Gigant
 

Die Theorie der Machtpolitik faselt vom Verhängnis eines Krieges, China sucht jedoch einen friedlichen Weg, sich selbst zu modernisieren.

Von Zhou Bian

Chinesische Regierungsbeamte nutzten einst die Phrase „Modernisierung der chinesischen Nation“, um den Aufbau eines starken und blühenden Landes zu ermutigen. Allerdings beschwörten diese Erinnerungen an die nationale Demütigung in der letzten Hälfte des 19. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts herauf, als China einer Invasion erlag und von den westlichen Mächten geplündert und aufgeteilt wurde.

Westliche Realpolitiker sind davon überzeugt, dass der Aufstieg einer Nation stets eine Verlagerung in der Hegemonie impliziert und damit zu Konfrontation mit existierenden Mächten verurteilt ist, und dass der Aufstieg einer neuen Macht mit solch einem historischen Trauma wie China eine größere Bedrohung für die Weltsicherheit mit sich bringen wird.

Dies im Kopf behaltend scheint die chinesische Regierung eine Qualifikation hinzugefügt zu haben, um der Welt ihre politische Absicht verständlich zu machen: friedlicher Aufstieg, in einem Versuch zu beweisen, dass China friedlich aufsteigen kann.

Die letzten 20 Jahre sind Zeuge eines Chinas mit einem erstaunlichen Wirtschaftswachstum geworden und eines zunehmenden politischen Einflusses in der internationalen Gemeinschaft. Die chinesischen Führungskräfte haben die nächsten 20 Jahre als eine bedeutende Periode strategischer Gelegenheiten für die Entwicklung erachtet. Ein Hauptziel ist, das Pro-Kopf-BIP bis 2020 um das Vierfache zu steigern, was Chinas Regierung als relativ florierend sieht.

Gegenüber dem unausweichlichen Aufstieg Chinas Wachsamkeit bewahrend haben einige Leute das Land als Bedrohung betrachtet. Sie haben das große bevölkerungsreiche Land für die regionale Umweltzerstörung und die Ausbeutung der Naturressourcen verantwortlich gemacht. Viele zitierten rechtsorientierte Politiker, dass ein starkes China die gegenwärtige internationale Ordnung herausfordern und damit zu Krieg führen würde.

Der beabsichtigte „friedliche Aufstieg“ bietet ein theoretisches Instrument, um die Befürchtung vor einer „Chinagefahr“ zu entkräften. Momentan ist eine entwickelte Theorie noch weit entfernt. Viele chinesische Gelehrte sind engagiert dabei, ein vollständigeres Konzept auszuarbeiten.

Das Konzept eines „friedlichen Aufstiegs“ suche nicht nur einen sicheren Weg für China, sich selber zu modernisieren, so Professor Pang Zhongying der Nankai-Universität in Tianjin, sondern was von größerer Bedeutung sei, sei, dass es die Theorie der Machtpolitik verändern wolle, welche hauptsächlich durch westliche Erfahrungen artikuliert worden sei.

Fragen bleiben. Pang äußerte, dass die Definierung des Konzepts „Frieden“ wesentliche Bedeutung habe. Er fuhr fort, dass Frieden als eine internationale Ordnung in westlichen Ländern verstanden werden könnte. Historisch gesehen sind die größten und nachhaltigsten politischen Mächte die Pax Romana, die Pax Ecclesiastica, die Pax Britannica und jetzt die sogenannte Pax Americana gewesen. Alle diese waren Zustände der Ordnung, welche aufrechterhalten wurden unter einem hegemonialen Land. Der Professor äußerte, dass sie demonstrieren, dass Macht Ordnung zugrunde liegen könne oder „Frieden“.

Allerdings hat heping das chinesische Wort für „Frieden“ gewisse andere Konnotationen als das deutsche Wort. Die Bedeutung Erstgenannten geht mehr in Richtung Harmonie, deren Konnotation in den Arbeiten, welche zwei alten chinesischen Denkern – Laotse und Konfuzius, beide vor etwa 2500 Jahren aktiv – zugeschrieben werden, gefunden werden kann.

Ministerpräsident Wen Jiabao hat die konfuzianische Philosophie der Harmonie genutzt, um Chinas friedlichen Aufstieg in einer Rede an der Harvard University letzten Dezember darzulegen. Der Kern der chinesischen Philosophie ist Harmonie, ganz gleich, ob in Bezug auf persönliche oder internationale Beziehungen oder sogar auf die Beziehung zwischen Menschheit und Natur. Das Wesentliche des Konzepts ist, dass Widersprüche existieren, aber Harmonie erreicht werden kann, womit eine vielfältige Welt geschaffen wird.

In China kann „Aufstieg“ als Modernisierung, Entwicklung, offensichtlicher Fortschritt oder das Werden einer Großmacht betrachtet werden. Das chinesische Volk hatte nicht in Betracht gezogen, was für einen Einfluss Chinas Modernisierung auf den Rest der Welt ausüben würde. Dies sei lediglich eine Sorge der internationalen Gemeinschaft, bemerkte Pang. Die Absicht des friedlichen Aufstiegs könnte der Welt eine Antwort auf diese Frage geben, nämlich, China hat entschieden, in der internationalen Gemeinschaft ein Förderer des Friedens zu sein und dies wird durch seine Modernisierung niemals geändert werden.

Pang verband den „friedlichen Aufstieg“ mit einer Herrschaft, die den Menschen im Zentrum hat. Er legte nahe, dass die chinesische Regierung auf der Idee bestehen sollte, „den Menschen auf Platz eins zu setzen“, wenn mit innen- und außenpolitischen Angelegenheiten umgegangen werde. Diese Haltung befindet sich in der Tat mehr in Übereinstimmung mit der der internationalen Gemeinschaft. Nur auf diese Weise, sagte Pang, könne die Mehrheit der internationalen Gemeinschaft glauben, dass China eine der großen Mächte für den Frieden, die Demokratie, die Gerechtigkeit und die Prosperität im 21. Jahrhundert werde.

Wang Yiwei, stellvertretender Direktor des Instituts für Internationale Studien der Fudan-Universität, erklärte sein Verständnis eines „friedlichen Aufstiegs“ auf drei Wegen: Aufstieg in Frieden, friedlich aufsteigen und Aufstieg für Frieden.

Wang stimmt überein, dass das gegenwärtige internationale Umfeld für die Modernisierung Chinas günstig sei. Der Prozess Chinas Aufstieg falle zusammen mit der Adjustierung der internationalen industriellen Struktur, womit dem Land die seltene Gelegenheit gegeben werde, einen wirtschaftlichen Sprung zu verwirklichen. Chinas Wirtschaftsreform tendiere zum internationalen System hin, um die Voraussetzung für die wirtschaftliche Globalisierung zu erfüllen. Gleichzeitig schmiedeten die staatenlosen Herausforderungen des Anti-Terrorismus und der Nichtweiterlieferung von Atomwaffen eine beispiellose politische Kooperation unter den Weltmächten, wo China ein Teil sein könne, so Wang.

Chinas Aufstieg werde nur durch friedliche Mittel erreicht werden, sagte Wang. Der Außenhandel mache einen großen Prozentsatz Chinas Wirtschaftswachstums aus. Und China sei zunehmend in die globale Produktion involviert worden, folglich sei das Land die Herstellungsbasis der Welt geworden.

Chinas Aufstieg werde auf seinem Beitrag zum Weltwirtschaftswachstum und seinen Bemühungen im Rahmen der Förderung des Friedens in der Region und in der Welt basieren, sagte Wang. China habe viele andere weltweit in seinen Beiträgen zum Welthandelswachstum und globalen BIP-Wachstum geführt. Gleichzeitig zeige das Land eine gute Leistung als eine verantwortungsvolle Macht auf der regionalen und globalen politischen Bühne. Um einen friedlichen Dialog über die Beilegung der koreanischen Nuklearangelegenheit zu fördern und die Situation kontrollierbar zu machen, habe die chinesische Regierung ihre zurückhaltende Diplomatie geändert und eine Hauptrolle in der Förderung der friedlichen Beilegung der Angelegenheit gespielt.

Chinas Aufstieg werde für den Frieden und die Entwicklung der Welt günstig sein, sagte Wang. Die Priorität der chinesischen Regierung sei es, eine relativ prosperierende Gesellschaft aufzubauen. Dies sei der Weg, um die Menschenrechte ihrer 1,3 Mrd. zählenden Bevölkerung zu gewährleisten. Ein starkes China sei in der Tat im Interesse der Welt. Als das größte Entwicklungsland könne Chinas Entwicklung der Arbeit von entwickelten Ländern helfen, eine politisch und wirtschaftlich ausgeglichene Welt zu schaffen.

Ein friedlicher Aufstieg sei bereits Chinas strategische Wahl geworden, bemerkte der stellvertretende Direktor des Chinesischen Instituts Internationaler Studien Xu Jian. Die Regierung habe das Prinzip aufgestellt, eine harmonische, prosperierende und ruhige Region aufzubauen, um ihre Beziehungen mit den Nachbarländern anzuleiten, was bedeute, dass die Regierung den eigenen Frieden und die eigene Entwicklung des Landes mit der anderer Länder in der Region verbinde. Sie habe auch neue Sicherheitskonzepte des gegenseitigen Vertrauens, des gegenseitigen Nutzens, der Gleichberechtigung und Kooperation, der Erforschung von friedlichen Wegen der Ausradierung externer Bedrohungen und der Verhütung von internationalen Militärkonflikten befürwortet.

Die chinesische Regierung habe ihre eigenen Theorien über die Souveränität und Menschenrechte vorgeschlagen, äußerte Xu. Und sie sei offener und toleranter gegenüber Kritik geworden und bereit, Erfahrungen anderer Länder aufzunehmen, einschließlich in Bezug auf Menschenrechtsangelegenheiten, so Xu.

Chinas Aufstieg verläuft jedoch im Zickzack. Wie weit kann China aufsteigen? Welchen Zeitrahmen sollen wir erwarten? Alle diese Fragen sind noch unbeantwortet. China ist nach wie vor mit vielen Problemen in der Verwirklichung seiner Modernisierung konfrontiert. Insbesondere die Angelegenheit von Taiwan fordert den friedlichen Aufstieg Chinas heraus. Seine Modernisierung braucht in der Tat die Unterstützung der internationalen Gemeinschaft.