Kants Traum eines „Dauerhaften Friedens“
 

Angesichts der begrenzten Weisheit und des moralischen Niveaus, welches die Menschen im gegenwärtigen Stadium haben, ist es unwahrscheinlich, dass sie die universale Harmonie, welche von dem Denker entworfen wurde, erkennen.

Von Lii Haibo

Vor 280 Jahren, im Jahr 1724, wurde Immanuel Kant in der damals betriebsamen preußischen Hafenstadt Königsberg (jetzt Kaliningrad, Russland) geboren. Dieses Jahr markiert den 200. Jahrestag des Todes dieses großen deutschen Philosophen, einer der größten Persönlichkeiten in der Geschichte der Metaphysik. In seiner Heimat wird sich jetzt oft auf den Namen Kant und die kantische Philosophie, welche er der Welt gab, bezogen. In der Tat geht das Gedenken an Kant weit über die Grenzen von Deutschland hinaus und erreicht andere Teile der Welt, einschließlich Chinas.

Auch wenn Kant, der neben Aristoteles und Plato rangiert, im Westen ein bekannter Philosoph ist, repräsentieren er und seine Ideen etwas Frisches für China und werden als eine weitere großartige Wiege für die klassische Philosophie gesehen. Während viele chinesische Gelehrte daran interessiert sind, Kants „Philosophie der Kritik“ weiter zu erforschen, finde ich seine Ideen über den Kosmopolitismus und den dauerhaften Frieden als außergewöhnlich bewegend für die Evaluierung der gegenwärtigen Weltsituation.

Obwohl er niemals weiter als 80 Kilometer von seiner Heimatstadt reiste, hielt dies Kant nicht davon ab, global zu denken. In der Tat betrachtete er sich selber als einen „Bürger dieser Welt“ und hegte den süßen Traum der universalen Gastfreundschaft. In seiner Abhandlung „Dauerhafter Frieden“, ein Programm für Aktion, sagte Kant voraus, dass die Welt letztendlich in Richtung einer idealen Gesellschaft tendieren würde – die Etablierung eines dauerhaften Friedens. Kant brachte einige „vorläufige Artikel“ vor – zum Beispiel „Kein Staat soll sich mit Gewalt in die Verfassung und Administration eines anderen einmischen“ – und „definitive Artikel“ für die Verwirklichung eines anhaltenden Friedens.

Kant versuchte zu zeigen, dass die Route zu einem dauerhaften Frieden das Schicksal der Welt ist, ungeachtet dessen, ob die Menschheit der Regel der Vernunft gehorcht; daher gibt es dort sowohl eine mechanische als auch eine moralische Notwendigkeit für dieses Ziel. Ob es „Schicksal“ oder „Vorsehung“ genannt wird, Kant argumentierte, dass es in der Natur ein vorgegebenes Design gebe, um Harmonie von Uneinigkeit unter Menschen entspringen zu lassen, selbst gegen den Willen des Menschen.“

Es ist sicher ein wertvolles Projekt für globale Beobachter, zu bestimmen, ob ein dauerhafter Frieden heute näher ist als damals, als Kant dieses Essay 1795, neun Jahre vor seinem Tod, schrieb. Bisher, so muss ich zugestehen, haben wir noch nicht das Licht am Ende des Tunnels gesehen. Lassen Sie uns nur an die Nachrichten denken, mit denen wir täglich konfrontiert werden. Wenn ich den Fernseher oder meinen Computer, wenn ich jeden Morgen in mein Büro komme, anmache, muss ich meinen Atem anhalten, wenn ich sehe, welche Ausschreitungen in der Welt über Nacht wieder passiert sind. Eine Runde nach der anderen von schweren Kämpfen im Irak? Eine Massenbombenexplosion in einer europäischen Stadt? Ein Selbstmordattentat im Nahen Osten? Eine weitere Geißelnahme auf irgendeinem Flughafen? Hinzukommen die Rückblicke auf den schrecklichen Völkermord in Ruanda. So wenn man sich nach Erleichterung von der Traurigkeit und dem Stress der gegenwärtigen Welt sehnt, sollte man sich von den Medien abwenden und ein paar Stunden mit Kant verbringen.

Er mag naiv gewesen sein, von einem ewigen Frieden zu träumen, und vielleicht sind diejenigen unter uns, die von seiner Vorstellung fasziniert sind, es auch. Zwei Jahrhunderte sind seit Kants Tod vergangen, und enormer Fortschritt ist auf diesem Planeten gemacht worden. Die Menschheit ist in eine High-Tech-Ära eingetreten, und die Menschen leben im Großen und Ganzen im materiellen Überfluss. Aber leben wir in einer sicheren und harmonischeren Welt als Kant es tat?

Diese 200 Jahre sind ebenfalls Zeuge einer geteilten menschlichen Gesellschaft geworden. Zwei Weltkriege brachen in dieser Zeit aus, die mehr Leben als jeglicher massiver militärischer Konflikt zuvor forderten. Grenzkonflikte, Rassenkämpfe, religiöse Zusammenstöße und Terroranschläge sind seit langem ein unabkömmlicher Teil des Weltgeschehens geworden. Die Menschen haben große Hoffnung auf dieses neue Jahrhundert gesetzt. Allerdings ist in den letzten vier Jahren keine einzige Woche ohne Blutvergießen oder unmenschliches Verhalten, welches irgendwo auf der Erde stattfand, vergangen. Wir leben jetzt in einem sozialen Umfeld, in dem Konfrontationen lauter als Kommunikationen zu sprechen scheinen, Kanonen lauter als Kanons, Gewehre lauter als Lieder.

Die blutigen Szenarien, die wir am Ground Zero in New York, in Bali, Madrid, im Nahen Osten und andernorts gesehen haben, haben uns in Ängste über die Verletzlichkeit der Versöhnung und die Formbarkeit des Friedens sowie die unentrinnbare Tendenz der Kriegslust unter allen Rassen gestürzt. Jegliches Wertvolles scheint Gefahr zu laufen, zu verschwinden, da das Gewissen der Welt unter den Angriffen von Kugeln und Raketen verschwindet.

Die Menschen fragen sich, warum das Gesetz des Dschungels immer noch dominant ist und von so vielen „anständigen“ Politikern befolgt wird. Die Antwort lautet, dass wir von dem sozialen und wirtschaftlichen Fortschritt immer noch nicht zur Schwelle der Zivilisation – einer wahren Zivilisation – gebracht worden sind. Es hat viele Wege gegeben, die Phasen unserer Evolution zu unterscheiden. In groben Zügen gesagt bin ich davon überzeugt, dass es drei Phasen gibt – Barbarismus, Halb-Barbarismus oder Halb-Zivilisation und Zivilisation. Wir befinden uns jetzt in der zweiten Phase. Die Menschen meiner Generation haben definitiv keine Hoffnung, sich einer wahren Zivilisation zu erfreuen. In weiteren 200 Jahren vielleicht? Wer weiß?

Kant äußerte, dass eine erneuerte Moral und Vernunft für einen dauerhaften Frieden von wesentlicher Bedeutung sind. Es könnte sich herausstellen, dass er weitsichtig war und Recht hatte. Wir haben keinen anderen Weg, den süßen Traum dieses deutschen Philosophen zu erreichen, außer auf das innere Bewusstsein und ethische Kräfte zurückzugreifen. Eine Hochgeschwindigkeitswirtschaft und eine moderne Wissenschaft werden nicht notwendigerweise eine dauerhafte Harmonie herbeibringen. Die Menschheit kann nicht in das Stadium der Zivilisation eintreten, ohne ihre Moral in großem Ausmaß zu verbessern. Die beklagenswerte Tatsache ist, dass die moralischen Möglichkeiten und vernünftigen Prinzipien, die uns zur Verfügung stehen, weder fertig zur Verfügung stehen noch wirksam genug sind. Wir behandeln globale Angelegenheiten selten als „unsere menschlichen“ Angelegenheiten, es sei denn, es steht ein ET-Anschlag bevor.

„Zwei Dinge erfüllen mich mit zunehmender Bewunderung und Ehrfurcht, je öfter und je intensiver ich darüber nachdenke: der Sternenhimmel über mir und das Gesetz in mir.“ Kants Spruch lässt mich immer über unseren Ausgang, den Ausgang der Menschheit, nachdenken. Wir sind das Produkt des Universums; unsere Zukunft steht in engem Zusammenhang mit dem Sternenhimmel. Ein dauerhafter Frieden mag viele Jahrhunderte von heute an auf der Erde oder einem anderen Planeten geschehen, wenn wir uns nicht selbst zerstören und dann technologisch fortschrittlich genug sind.