Ostasien sichern
 

Ostasien ist in der Ära nach dem Kalten Krieg eine Region, die mit Frieden und Prosperität gesegnet ist. Einige unstabile Faktoren bleiben allerdings und verursachen Bedenken, dass die gegenwärtige Ruhe eines Tages gestört werden könnte. Professor Niu Jun des Instituts für Internationale Studien der Peking-Universität, versucht, die gegenwärtige Sicherheitslage klar zu stellen und einen Weg zu finden, um einen regionalen Sicherheitsmechanismus für die Zukunft zu entwickeln. Seine besondere Perspektive mag ein wenig Aufschluss darüber geben, wie die Stabilität und der Frieden in der Region aufrechtzuerhalten sind und im Prozess die umfassende Entwicklung der Wirtschaft, der Politik und der Kultur der Region zu gewährleisten ist.

Ostasien hat keinen Sicherheitsmechanismus, der sich mit der NATO vergleichen läßt. Wenn man Ostasien mit Europa in der Ära des Kalten Kriegs vergleicht, können wir zwei Probleme Erstgenanntes betreffend finden, welche Ursache für große Bedenken sind.

Erstens, während traditionelle Sicherheitsbedrohungen in Europa abgenommen haben, ist Ostasien in traditionelle und untraditionelle Sicherheitsprobleme verwickelt, welche beide relativ ernst sind. Sich einer derartigen Situation bewusst seind, hängen viele regionale Länder an der traditionellen Sicherheitsmentalität fest, während sie neue Sicherheitskonzepte akzeptieren.

Traditionelle Sicherheitsprobleme existieren in der Region. Spannungen sind von Zeit zu Zeit auf der Koreanischen Halbinsel und über die Taiwan-Straße aufgetaucht. Territoriale Dispute in der Region sind nach wie vor intensiv und noch von einer grundlegenden Beilegung entfernt. Diese Probleme haben die regionalen Länder angetrieben, ihre militärische Stärke auszubauen, indem die Verteidigungsausgaben aufgestockt wurden. Gleichzeitig haben einige Länder in der Region auch ihre militärischen Allianzen mit den USA, der einzigen Supermacht der Welt, aufrechterhalten und sogar intensiviert.

Es kann mit Sicherheit gesagt werden, dass immer noch eine Konfrontation zwischen den beiden Ideologien besteht. Alle sozialistischen Länder weltweit, außer Kuba, sind in dieser Region. Die USA haben ihre Politik des Kalten Krieges gegenüber der Region fortgesetzt. Ihre Gewichtung auf die unterschiedlichen Ideologien und die Situation, wie dies in Beziehung zu gewissen Sicherheitsangelegenheiten steht, haben Spannungen in der Region verursacht und bei gewissen Zusammentreffen die Spannungen intensiviert und zu Unruhen geführt.

Nichttraditionelle Sicherheitsangelegenheiten in Ostasien nehmen offenkundig zu. Terrorismus, Separatismus und nationale Widersprüche haben von Zeit zu Zeit Spannungen, Unruhen und Konflikte ausgelöst. Grenzüberschreitende kriminelle Aktivitäten wie Drogenhandel und Schmuggel haben zugenommen, und Probleme in Bereichen wie Energie, Ökologie und Umwelt haben sich verschlimmert. All dies sorgt für ernste Bedrohungen für die Stabilität der Region, was die Nachbarländer veranlasst hat, sich der Wichtigkeit und Notwendigkeit der Verbesserung der Sicherheitskooperation bewusst zu werden.

Zweitens gibt es einen Sicherheitsmechanismus in Europa – die NATO, ein Produkt des Kalten Krieges. Auch wenn der Kalte Krieg vorbei ist, kann die Organisation nach wie vor eine Rolle in der Lösung von regionalen Sicherheitsangelegenheiten und der Koordination der Verteidigungspolitik von Ländern in der Region spielen. Ostasien mangelt es an solch einem Sicherheitsmechanismus. Die USA-Japan-Allianz, welche etabliert wurde, um die ehemalige Sowjetunion und China während des Kalten Krieges in Schach zu halten, ist offensichtlich nicht in der Lage, die Rolle, welche die NATO jetzt einnimmt, anzunehmen. Ganz im Gegenteil, manchmal unterminiert sie die regionale Stabilität, da ihre Richtlinien seit dem Kalten Krieg grundlegend unverändert geblieben sind. Darüber hinaus gibt es kein Land in Europa wie Japan, welches fest entschlossen ist, sich unter den Schirm der militärischen Allianz mit den USA zu flüchten und die Verbesserung seiner Militärstärke anzustreben. Noch wichtiger anzumerken ist, dass Japan, welches es ablehnt, ernsthaft über seine Geschichte der militaristischen Invasion zu reflektieren, gescheitert ist, das Vertrauen seiner Nachbarn zu gewinnen.

Mit einer derartig komplizierten Situation ist es wirklich schwierig, die regionale Stabilität aufrechtzuerhalten. Die Komplexität der Region liegt in der Fortsetzung der Sicherheitsmentalität und der Sicherheitsstruktur, welche während des Kalten Kriegs geformt wurden, und im Auftauchen von neuen Sicherheitskonzepten und Sicherheitsmodellen.

Jegliches institutionelles Arrangement sollte die Tatsache berücksichtigen, dass die ostasiatische Sicherheit lange von westlichen Mächten dominiert worden ist, bis Japan zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf den Spielplan trat. Von den 1930er an wurde Japan die destruktivste Bedrohung für die Region, bevor diese unter dem Schutz der USA reduziert wurde. Nach dem 2. Weltkrieg spielten die USA und die ehemalige Sowjetunion wichtige Rollen in der Politik und der Sicherheit der Region, wobei das US-geführte Lager, einschließlich der USA-Japan-Allianz und anderer multilateraler und bilateraler Militärallianzen in der Region, mit der Sowjetunion-China-Allianz und anderen alliierten Verbindungen konfrontiert war. Als China sich von dem von der Sowjetunion dominierten Lager löste und seine diplomatischen Beziehungen zu den USA normalisierte, nahm ein strategisches Dreiecksverhältnis zwischen China, den USA und der ehemaligen Sowjetunion Gestalt an.

Der historische Prozess demonstriert, dass Beziehungen zwischen Großmächten und die Balance ihrer Stärken Auswirkungen auf die Aufrechterhaltung der Sicherheit und Stabilität einer Region haben. Nach dem Kalten Krieg ging die ostasiatische Sicherheitssituation durch tiefgehende Veränderungen. Aber zumindest gegenwärtig haben Beziehungen unter Großmächten nach wie vor einen kritischen Einfluss auf die regionale Sicherheit.

Nach dem Kalten Krieg haben die USA Dominanz über Ostasien angestrebt, während China, Russland und sogar Japan direkt oder indirekt für eine Multipolarisierung eingetreten sind. Die Supermacht versuchte, ein Sicherheitssystem, welches auf Militärallianzen basierte, zu etablieren, während einige regionale Mächte sich entschieden, eine kooperative Sicherheit auszuführen und ein ostasiatisches Sicherheitssystem aufzubauen. Solch unterschiedliche Methodologien haben zur Bildung des existierenden ostasiatischen Sicherheitsmechanismus, einschließlich von drei miteinander im Konflikt stehenden Formen — Hegemonie, Gewaltenteilung und kooperative Sicherheit — beigetragen.

Die Motivation hinter den Großmächten stammt zweifelsohne aus der Berücksichtigung ihrer eigenen Innenpolitik und nationalen Strategien. Aus einer anderen Perspektive kann sie als eine Antwort auf die komplizierte Sicherheitsumgebung in der Region betrachtet werden. Da die drei erwähnten Formen auf der Innenpolitik von Ländern in der Region und auf der Voraussetzung, sich entsprechend des Umfelds zu verhalten, basieren, sind sie von großem Anreiz und können in der Region gemeinsam existieren. Die zukünftige Entwicklung eines ostasiatischen Sicherheitsmechanismus wird sich unausweichlich auf die Entwicklung dieser drei Formen verlassen.

Die nächste Frage, welche beantwort werden sollte, ist, ob die drei Formen die gleiche Rolle oder getrennte Rollen spielen. Letztgenanntes scheint die angemessenere Antwort zu sein. Unter den drei Formen spielt die Gewaltenteilung gegenwärtig die Hauptrolle in der Aufrechterhaltung der Stabilität in Ostasien. Aber langfristig wird die kooperative Sicherheit der Fokus und letztendlich der dominante Faktor im regionalen Sicherheitssystem sein. Dies wird das Scheitern jeglicher hegemonialer Bemühungen zeigen. Eine solche Erwartung basiert auf den folgenden beiden Beurteilungen.

Erstens, die Kooperation unter Großmächten in der Ära nach dem Kalten Krieg ist zunehmend gestärkt worden, und diese Großmächte haben gemeinsame Interessen sowie ungünstige Ergebnisse in ihrer Interaktion geteilt. Sie sind mit gemeinsamen oder ähnlichen Sicherheitsbedrohungen in und außerhalb der Region konfrontiert, und die wechselseitige Abhängigkeit unter ihnen, wenn sie auch noch nicht stabil ist, hat mit der Entwicklung der Wirtschaftsintegration Gestalt angenommen. Eine derartige Entwicklung führt zu einer zunehmenden Kooperation unter Großmächten und zu abnehmender Feindseligkeit unter ihnen. Die Entwicklung der chinesisch-amerikanischen Beziehungen ist ein typisches Beispiel, welches diese Tendenz widerspiegelt.

Zweitens, da nichttraditionelle Bedrohungen eine Realität sind, sollten ostasiatische Sicherheitsprobleme durch Kooperation gelöst werden. Und Großmächte oder traditionelle Militärallianzen können Angelegenheiten wie Terrorismus, regionale Ausschreitungen und Drogenhandel nicht selber effektiv handhaben.

Die Expansion von gemeinsamen Interessen und ein Anstieg der gemeinsamen Bedrohungen bedeuten, dass Großmächte und Militärallianzen nicht ihren eigenen Weg gehen können. Die Etablierung eines Sicherheitsmechanismus, basierend auf Kooperation, ist eine vernünftige Wahl für die Region. Ostasiatische Länder haben keine Alternative, als die Bahn der Kooperation einzuschlagen, aber der Prozess wird zweifelsohne ein langer sein.