Warum die „Unabhängigkeit Taiwans“ ein Hirngespinst ist
 

Von Lii Haibo

Ich bin vielen Liedern aufgewachsen. Eines, welches mich aufgrund seiner lieblichen Melodie und seiner sentimentalen Worte beeindruckte, heißt Ich liebe mein Taiwan, welches ich in den 1950ern im Kindergarten lernte. Es war das erste Mal, dass ich den Begriff Taiwan hörte. Wieder Zuhause gab ich meiner Großmutter freiwillig eine Solovorstellung, nur um ihr eine Freude zu machen.

„Ich liebe mein Taiwan“ begann ich zu singen. „Taiwan ist meine Heimat“ fiel meine Großmutter zu meiner Überraschung mit ein. Folglich wurde aus dem Solo ein Duett. Offensichtlich kannte sie das Lied. Nicht nur das, sagte sie, fast jeder erwachsene Chinese kenne es. Dann erzählte sie mir über ihre Rundreise auf der Insel Ende der 1940er. „Taiwan ist reich und wunderschön, eine Schatzinsel unseres Landes“, sagte sie. „Es gibt eine Menge Früchte dort, einige von ihnen im Hinterland habe ich noch nie gekostet. Und der Reis in Taiwan duftet und schmeckt köstlich, wahrscheinlich ist es der beste Reis unter dem Himmel.“

Ihre Freude hielt nicht sehr lange an. Danach war Großmutter kontinuierlich von dem (Wunsch nach einem) Familientreffen zwischen ihr und ihrer einzigen Tochter in Taiwan verfolgt. Sie erzählte mir, sie denke nicht, dass sie noch so lange leben werde, die Wiedervereinigung des Landes zu erleben. „Ich werde wahrscheinlich keine Chance haben, deine Tante und ihre Familie noch einmal in meinem Leben zu sehen“, sagte sie schluchzend. Ich versprach ihr, dass ich sie auf einen Besuch Taiwans, um unsere Verwandten zu sehen, begleiten würde, wenn die Situation es in der Zukunft erlauben würde Leider starben sowohl meine Großmutter als auch meine Tante, bevor die Taiwan-Behörden das Verbot für Festlandsbesuche von Taiwan-Bewohnern Ende der 1980er aufhoben. Die Situation verbesserte sich, aber die Taiwan-Frage ist eine äußerst schwierige und beunruhigende Angelegenheit geblieben.

In meiner Kindheit und während meiner Jugend bedeutete die sogenannte Taiwan-Frage im Großen und Ganzen die Bedrohung vonseiten Tschiang Kai-sheks und seiner Kuomintang, die ihre Versuche, der Rückeroberung des Festlandes durch Gewalt nie aufgegeben haben. Unterdessen war Beijings Entschlossenheit, „Taiwan zu befreien“ nicht nur ein Routine gewordener Slogan, sondern bildete eine heilige politische und nationale Mission für diejenigen, die auf dem Festland lebten. Jahrzehntelang war „zwei China“ ein Schimpfwort in Beijing und Taipeh gewesen .

Während jener Zeit diente Xiamen, eine Küstenstadt in der Provinz Fujian, welche Jinmen (Quemoy), einer befestigten Insel, die unter die Zuständigkeit der Taiwan-Behörden fällt, gegenüber liegt, als ein Brückenkopf. Die beiden Seiten waren in den täglichen Austausch von Munition engagiert. Relativ oft bombardierte eine Seite die andere am Morgen, am Nachmittag tauschten sie dann die Rollen. Heute ist die Lage allerdings ein bisschen anders. Die Bombardierung ist eingestellt worden und die Feuerkraft ist mit „Fährenkraft“ ersetzt worden. Der Handel blüht. Das einzige Problem ist, dass dieser illegal ist. Dies scheint allerdings unbedeutend verglichen mit dem eigentlichen, größeren Problem – der Bedrohung einer möglichen „Unabhängigkeit Taiwans“, welches die Bedeutung der Taiwan-Frage heute ist – zu sein.

Diese Bedrohung ist, seit Chen Shuibian die kontroversen lokalen Wahlen im März gewann, realistischer geworden. Diese Woche wird dieser Alleingänger, der von der „Republik Taiwan“ träumt und öffentlich seine chinesische Identität verneint, ironischerweise als „Präsident“ der „Republik China“ vereidigt. Weltweit sind wenige Leute davon überzeugt, dass Chen den Mut haben wird, in seiner Amtseinführungsrede die Unabhängigkeit zu erklären, auch wenn dies seine innere Stimme sein mag. Er wird es jedoch bei dieser Gelegenheit einfach nicht wagen. Und es ist unwahrscheinlich, dass er während seiner vierjährigen Amtszeit in der Lage sein wird, Taiwan vom chinesischen Reich abzutrennen. Er kann als eine Provinzführungskraft von lokalen Wählern gewählt werden, aber er hat absolut keine Befugnis zu entscheiden, ob die Insel ein Teil von China oder unabhängig ist. Auch die lokalen Wähler haben diesbezüglich kein Recht. Es ist das ganze chinesische Volk, die Menschen, die auf beiden Seiten der Taiwan-Straße leben, die das endgültige Sagen über das Schicksal des Landes oder jeglichen Teil desselbigen haben.

Als ein Journalist kontaktiere ich oft Leute jeglicher Art. Dabei habe ich festgestellt, dass es, ganz gleich mit wem ich gesprochen habe, keine Einstimmigkeit in Bezug auf Themen öffentlichen Interesses – von Bildung, Umwelt bis Beschäftigung, von Familienplanung, medizinische Reform bis zur Außenpolitik – gibt, die einzige Ausnahme bildet ein Thema: das Thema der Wiedervereinigung des Festlands und Taiwans. Keiner drückte Toleranz gegenüber der Abspaltung der Insel vom Mutterland aus. Die einzige Frage hier lautet, wie die beiden Teile wieder zu vereinigen sind und wann. Eine Beijinger Hausfrau sagte mir vor ein paar Tagen: „Ich habe keine Ahnung über Politik und ich kann auch nicht sagen, dass ich all die politischen Maßnahmen von oben verstehe. Aber ich weiß seit meiner Kindheit, dass Taiwan zu uns gehört. Wir (die Festlandschinesen und die Taiwanesen) sind eine Familie. Dies ist wie persönliches Eigentum. Ich möchte nicht den Besitz von anderen. Aber was zu mir gehört, muss immer meins sein. Diesbezüglich kann es keine Verhandlungen geben.“

Dies ist der wesentliche Punkt. Die Hoffnung der überwältigenden Mehrheit der Chinesen für eine endgültige friedliche Wiedervereinigung legt die Grundlage für diese großartige Sache. Sie bildet auch ein unüberwindliches Hindernis für jeglichen Versuch, das Land zu spalten, womit die „Unabhängigkeit Taiwans“ für immer ein Luftschloss sein wird. Die chinesischen Führer verstehen die öffentliche Meinung gut. Das ist der Grund, warum Premier Wen Jiabao so zuversichtlich aussah, als er auf seiner jüngsten Deutschlandreise in Potsdam sagte, dass die Wiedervereinigung sicher verwirklicht werden könne. Die historische Potsdamer Erklärung, welche 1945 unterzeichnet wurde, legte die Rückkehr Taiwans zu China fest, womit die 50-jährige japanische Besatzungszeit der Insel beendet wurde.

Die große Einigkeit in dieser Angelegenheit spiegelt genau die chinesische Kultur wider, welche wesentliche Zutaten wie Einheit enthält. Die Verfolgung der territorialen Einheit ist lange als das ultimative politische Ziel für jegliche Regierung seit alten Zeiten bewahrt gewesen. Und die Abtretung von Territorium und die Zahlung von Entschädigung an ausländische Mächte während des späten 19. Jahrhunderts sind die demütigendsten Seiten in der modernen chinesischen Geschichte. Darüber hinaus sind Verrätermachenschaften stets das furchtbarste Verbrechen gewesen. Für chinesische Patrioten verkörpert die Wiedervereinigung die Essenz der Demokratie und jegliche Splitteraktivität lässt einen Verstoß gegen die Menschenrechte annehmen.

Es stimmt, dass es einige Differenzen zwischen den beiden Seiten gibt. Aber es ist genauso wahr, dass wir beide eine Kultur teilen, von der viele glauben, dass sie den Weg des gegenseitigen Verständnisses und letztendlich der Wiedervereinigung pflastern kann. Ein Reporter aus Taiwan, auch ein Freund von mir, schlug vor, dass der Kulturaustausch in großem Ausmaß verbessert werden sollte. Ich stimme hundertprozentig mit ihm überein.