Wenn die Ölpreise in die Höhe gehen
 

Die Entwicklungsländer sind aus verschiedenen Gründen gravierender beeinträchtigt als die entwickelten Länder.

Von Xu Jianguo

(Der Autor arbeitet am Chinesischen Institut für Internationale Studien.)

Die globale Wirtschaft hat aufgrund der Rezession in Europa und Nordamerika, des Schreckens des Terrorismus und der ungewissen Konsequenzen des Irakkrieges seit der Jahrtausendwende geschwankt. Seit Ende 2003 hat es allerdings Zeichen der Erholung gegeben. Der jüngsten Prognose des Internationalen Währungsfonds (IWF) zufolge soll die Wachstumsrate der Weltwirtschaft 2004 4,6% erreichen, 0,7% höher als letztes Jahr. Die vielversprechenden Aussichten könnten allerdings durch den steigenden Ölpreis überschattet werden.

Als eine Ressource, auf die Industrienationen angewiesen sind, haben Petroleum und seine Kosten unmittelbare Auswirkungen auf die Weltwirtschaft sowie indirekte Auswirkungen auf internationale politische und wirtschaftliche Strategien.

Öl und die Weltwirtschaft

Wenn Öl sich zu hohen Marktpreisen verkauft, werden die weltweit führenden Ölverbraucher, die USA, Japan und die Europäische Union (EU), mit größeren Schwierigkeiten konfrontiert sein, ihre binnenwirtschaftlichen Wirtschaftsmaßnahmen durchzuführen. Die Ölunternehmen werden mit steigenden Produktionskosten und fallenden Einnahmen konfrontiert sein. Teures Öl wird die USA und Japan zwingen, die föderalen Zinssätze hoch zu setzen, während es für die Europäische Zentralbank härter gemacht wird, ihre Sätze runter zu setzen, um ihre Wirtschaft zu stimulieren. Das US-Handelsungleichgewicht ist ernster; im März belief es sich auf einen Höchstbetrag von 46 Mrd. US$. Steigende Ölpreise haben zu diesem Ergebnis beigetragen.

Was die wachsenden Märkte in Asien, einschließlich Chinas, anbelangt, steigern höhere Ölpreise die Importkosten, treiben die Endverbraucherpreiserhöhungen an und verstärken den Inflationsdruck. Der Einschätzung der International Energy Agency zufolge wird, falls der Ölpreis um 10 US$ pro Barrel innerhalb eines Jahres steigt, die asiatische Wirtschaftswachstumsrate um 0,8% fallen. Irgendwann in diesem Jahr wird erwartet, dass China Japan als den zweitgrößten Ölimporteur nach den USA ersetzen wird. Im Jahr 2005 sollen Chinas Ölimporte 100 Mio. Tonnen erreichen. Da Chinas Öleinkäufe in erster Linie Devisenkassageschäfte sind, wird eine Erhöhung der Ölpreise einen übertriebenen Effekt auf seine Wirtschaft und die Verbrauchsgewohnheiten der Menschen haben.

Trotz dieser kranken Effekte wird die umfassende globale Wirtschaftserholung nicht umgekehrt werden. Die gegenwärtige Veränderung der Ölpreise begann im Januar 2002, dennoch hielt sie die Wirtschaften der USA, Japans und der EU nicht davon ab, sich seit Ende 2003 ranzuhalten. Ein rascher Anstieg der Ölpreise zeigt eigentlich, dass die Wirtschaftserholung die Ölnachfrage ankurbelt, auch wenn die Ölproduktion nicht von der Nachfrage im internationalen Markt übertroffen worden ist. Neben den Auswirkungen einer Produktionsreduzierung von der Organisation der Petroleum exportierenden Länder (OPEC) und der angespannten Situation im Nahen Osten sind es die Spekulationen von großen internationalen Ölunternehmen gewesen, welche hauptsächlich zur Steigerung der Ölpreise beigetragen haben.

Dies wird einen begrenzten Effekt auf das Wirtschaftswachstum von Ländern, welches von Sektoren wie den Hightech- und Service-Industriebranchen angetrieben wird, haben. Die Auswirkungen werden in neueren Märkten, deren Wirtschaften mehr auf die Herstellung gestützt und weniger dynamischer sind, ernster sein. Genau genommen könnte das Wirtschaftswachstum für die rückständigsten Länder um 2% fallen. Der IWF gab die Prognose, dass die drei Hauptwirtschaften der USA, Japans und der EU sich dieses Jahr eines Wirtschaftswachstums von 4,6%, 3,4% bzw. 1,7% erfreuen würden, selbst wenn der Ölpreis bei 40 US$ pro Barrel bleibt. Selbst wenn die Raten nur geringfügig um 0,3% bis 0,5% fallen, würde ihr Wachstum immer noch höher als ihr jeweiliges Wachstum von 3,1%, 2,7% bzw. 0,4% im Jahr 2003 sein.

Die Politik des Öls

Das politische Klima ist ein riesiger Faktor im Rahmen der Fluktuationen der Ölpreise. Länder im Nahen Osten, welche viel Öl, welches industrialisierte Länder verbrauchen, produzieren, nutzten Petroleum einst als Waffe, die eine Wirtschaftskrise dort animierte. Irans politische Revolution 1979 verursachte eine Ölkrise. Seit Januar 2002 sind die US-Rohölkosten von weniger als 20 US$ pro Barrel auf 40 US$ gestiegen. Politische Faktoren wie die Ereignisse vom 11. September, andere Terroranschläge sowie der afghanische und der irakische Krieg trugen alle zu Preiserhöhungen bei.

Die US-Politik gegenüber dem Nahen Osten basiert zu einem großen Ausmaß auf der eigenen Nachfrage nach Ölressourcen. Aber der militärische Sieg im Irak hat die US-Dominanz auf dessen Ölmarkt nicht sicher gestellt. Im Gegenteil haben die Terrorattacken in dieser Region, wohl durch US-Aggression verschlimmert, die Produktion und alle wichtigen Ölexporteure behindert. Daher werden sogar abgesehen von der OPEC-Entscheidung, die Produktion zu limitieren, Fluktuationen in den Ölpreisen unter politischen Maßnahmen, welche politische Unbeständigkeit auslösen, auftauchen.

Nahezu kompletter Verlass auf ausländisches Öl ist für die Aufsteller von politischen Maßnahmen gut, wenn dieses billig ist. Wenn die Ölpreise jedoch zu teuer werden, könnte dies inländischen Druck hervorbringen, die Energiestrategien zu adjustieren, da es letztendlich die Steuerzahler sind, welche die Rechnung zahlen.

Vor vier Jahrzehnten lieferte die OPEC allein 80% des Öls, welches die Welt verbrauchte. Heute sind es nur noch 35%. Ihre Fähigkeit, die Ölpreise durch die Adjustierung des Produktionsvolumens zu manipulieren, hat sich daher verringert.

Russland liegt weltweit in Sachen verifizierte Ölreserven auf Platz sieben. Letztes Jahr belief sich sein Rohöloutput auf insgesamt 410 Mio. Tonnen, wovon 210 Mio. Tonnen exportiert wurden. Beide Zahlen liegen nur nach Saudi Arabien auf Platz zwei. Russlands riesige Öl- und Gasressourcen ziehen Ölfirmen von einer Menge von Ländern an, darunter Großbritannien, Frankreich, die USA, Japan, die Republik Korea und Indien.

Afrika hat auch reichhaltige Ölressourcen. Die Länder südlich der Sahara haben verifizierte Reserven von etwa 75,4 Mrd. Barrel, 7% des Gesamtbetrages der Welt. Politische Instabilität und Kriege in der Region und der Wettbewerb zwischen den Hauptmächten dort stehen alle direkt oder indirekt in Beziehung mit dem Öl. Da die politische Situation der Region sich stabilisiert, könnte Afrika strategisch wichtiger für öldurstige Länder werden. Die Entspannung zwischen Libyen und dem Westen spiegelt die strategische Bereitschaft von Großmächten wider, zu erlauben, dass Wirtschaftsinteressen an die Stelle von moralischen Bedenken gegen Handel treten. Die USA erlaubten die Unterzeichnung von Ölverträgen mit dem ehemaligen anti-amerikanischen Land, sogar als die Sanktionen noch nicht vollständig aufgehoben waren.

Wo die Giganten trinken

Die steigenden Ölpreise spiegeln auch die Disparität der internationalen Arbeitsteilung wider. Seit der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ist die globale Wirtschaft durch große strukturelle Verlagerungen gegangen, da die technologische Revolution und Globalisierung vorangeht. Entwickelte Länder haben ihre industriellen Strukturen modernisiert, während Service- und Hightech-Industriebranchen der größte Brocken dieser Wirtschaften geworden sind. Energieverbrauchende und umweltverschmutzende Industriebranchen sind wiederum in Entwicklungsländer verlagert worden. Die Industrialisierung und die Urbanisierung, welche in den Entwicklungsländern stattfinden, verschlingen ihre Ressourcen und dieses neue Kapital.

Da die Energieknappheit sich in eine globale Angelegenheit entwickelt, sind die Entwicklungsländer sogar mit noch düstereren Aussichten konfrontiert. Asien, der Kontinent, welcher das meiste Öl in der Welt konsumiert, forderte 2003 21,6 Mio. Barrel Rohöl pro Tag, darunter waren 64% importiert. China importierte 91,12 Mio. Tonnen Rohöl letztes Jahr, wobei seine Abhängigkeit von Ölimporten auf 31% stieg. Während die Industrialisierung voranschreitet, soll die Nachfrage nach Öl für China und andere aufsteigende Märkte enorm wachsen.

Da Petroleum keine regenerierbare Energieressource ist, sind die entwickelten Länder nicht in Eile, ihre eigenen Ölreserven aufzubrauchen. Import wird im Moment vorgezogen. Etwa zwei Drittel des Öls, welches von den USA verbraucht wird, sind importiert. Sechzig Prozent davon kommen aus dem Nahen Osten. Der Spitzenölverbraucher und -importeur der Welt verbraucht etwa 20 Mio. Barrel Öl jeden Tag. Da das Irak-Dilemma nicht mehr zu reparieren ist und Venezuela, ein weiterer wichtiger Öllieferant, sich mit den USA im Konflikt befindet, könnte Afrika ihr nächster wichtiger Öllieferant werden. Bis 2015 sollen die US-Ölimporte aus Afrika von den gegenwärtigen 15% auf 25% in ihren gesamten Ölimporten steigen. An diesem Punkt werden 70% des Öls, welches die EU verbraucht, importiert. Große europäische Energieunternehmen kaufen hauptsächlich afrikanisches Öl, wahrscheinlich aufgrund von historischen kolonialen Beziehungen. Der Wettbewerb zwischen den Großmächten wird heftiger werden, da Regionen der strategischen Weltölproduktion sich verlagern.

Die Preisanzeige weiterreichen?

Der Wettbewerb für die Ölressourcen unter Großmächten veranlasst, dass das politische Gewicht auf dem globalen Ölmarkt hin- und hergeschwenkt wird. Länder expandieren ihre inländischen Ölreserven und mischen sich in internationale Ölpreise ein. Entwicklungsländer, welche inmitten ihrer Industrialisierungsbemühungen mit der wachsenden Nachfrage nach Öl konfrontiert sind, können folglich wenig diesbezüglich tun.

Die USA haben strategische Ölreserven von mehr als 600 Mio. Barrel, die nächstes Jahr auf 700 Mio. steigen sollen. Die US-Politik, ihre Ölreserven zu expandieren, hat die Weltölpreise auf 6 US$ pro Barrel angehoben. Japans Ölreserven können nur noch sechs Monate anhalten. Unterdessen manipuliert eine große Anzahl von brachliegenden Fonds von entwickelten Ländern den Ölpreis, während enorme Gewinne mittels von Termingeschäfttransaktionen eingeheimst werden. Diese Spekulationen haben die Ölpreise um etwa 8 US$ pro Barrel gesteigert.

Da die entwickelten Länder eigentlich immer weniger von Öl abhängig sind, indem sie ihre Energiequellen diversifizieren, beeinträchtigen die steigenden Ölpreise ihre Wirtschaften relativ wenig. Entwicklungsländer haben allerdings limitierte oder sogar keine Ölreserven und wenig Einfluss auf den internationalen Markt. Daher werden sie von teurem Öl mehr beeinträchtigt. Solange ein Ungleichgewicht in der Fähigkeit, Zugang zu Öl zu erhalten, besteht und Entwicklungsländer durch ihre Abhängigkeit von Öl niedergedrückt werden, werden die entwickelten Länder den globalen Ölmarkt beherrschen, und der Ölpreis ist ihr praktisches Hilfsmittel.