Vorbereitungen auf Notfälle
 

Gemeinsame Bemühungen werden jetzt gemacht, um das Bewusstein für öffentliche Sicherheit in Beijing zu steigern.

Von Zhang Jinqin

Beijing hat das Antlitz einer modernen Metropole. Aber der Dreck, der in die Augen und das Haar der Bewohner fliegt, erinnert unmittelbar daran, dass die Stadt in den letzten Jahren im Frühling ein Trockengebiet geworden ist. Letzten Monat wurde Beijing wieder einmal von Sandstürmen heimgesucht, was die Ortsansässigen sicher an vergangene Desaster erinnert und die weichen Schwachstellen der Stadt offenbart hat.

Brände, Sandstürme, Erdbeben, Stromausfälle, U-Bahn-Unfälle und sogar wenig, aber plötzlicher Schnee können die Stadt in ein Chaos versetzen. Beijing, das Zuhause von etwa 14 Mio. Menschen, hat viele Gründe, die Desasterverhütung dringendst zu verbessern. Im Rahmen der Vorbereitungen der chinesischen Hauptstadt, die Olympischen Spiele 2008 auszurichten, sind Stadtplaner sich zunehmend der Wichtigkeit der Etablierung eines adäquaten stadtweiten Alarm- und Notfallsystems bewusst geworden.

Zusammenarbeit ist das A und O

Li Jin, stellvertretender Direktor der Städtischen Beijinger Feuerabteilung, zufolge besteht das Notfallreaktionssystem aus 17 getrennt arbeitenden Abteilungen. Zum Beispiel ist das Chinesische Seismologische Büro für die Warnung vor Erdbeben zuständig, während das Staatliche Forstamt mit Waldbränden umgeht und das Ministerium für Land und Ressourcen mit geologischen Desastern usw.

„Mit den getrennten Verantwortlichkeiten brauchen Abteilungen zu lang, um miteinander zu kommunizieren, wenn Desaster tatsächlich stattfinden, womit die Effizienz reduziert wird. Dieses ist der Grund, warum ein integriertes Notfallsystem ein Muss geworden ist“, sagte Ming Fayuan, Generalsekretär des Beijinger Verbands für Desasterreduzierung (Beijing Desaster Reduction Association, BDRA).

Im Jahr 1994 gegründet ist der Verband ein Ergebnis von Bemühungen, verschiedene Abteilungen in ein umfassendes Notfallreaktionssystem zu integrieren. Die Hauptaufgabe des BDRA ist es, den Aufstellern von politischen Maßnahmen informierte Vorschläge über Sicherheitsangelegenheiten zu liefern.

Bereits im Juli 2002 organisierte der BDRA eine Gruppe von Experten, um zuständigen Stadtbeamten über Sicherheitsprobleme in der Stadt zu berichten; auf dieser Basis ist eine Reihe von Sicherheitsmaßnahmen befolgt worden. Die Sporthallen für die Olympiade 2008 haben zum Beispiel zusätzliche Sicherheitseinrichtungen eingebaut. Vorsorgemaßnahmen sind gegen Brände, Erdbeben und Hitzschläge ergriffen worden. Die Designer der Hallen haben ebenfalls besonders darauf geachtet, zu versichern, dass es genügend Notausgänge gibt, um die Zuschauer, wenn notwendig, zu evakuieren.

„Die Konzepte der Leute haben sich gravierend verändert. Es gibt jetzt ein allgemeines Bewusstsein für die Wichtigkeit der öffentlichen Sicherheit“, sagte Ming Fayuan.

Es ist jetzt, im Gegensatz zu noch vor einigen Jahren, weit und breit anerkannt, dass Desaster von Zeit zu Zeit in der Stadt passieren und der Verlust von Leben und wirtschaftlicher Schaden, verursacht durch verschiedene Desaster, können durch eine Verlagerung in Richtung präventive und pro-aktive Strategien bedeutend reduziert werden.

„Einige ausländische Medien haben berichtet, dass es fast kein Regierungsinvestment in die Desasterverhütung gebe. In der Abwesenheit eines Verhütungssystems habe die Regierung nach den Geschehnissen Entschädigungen zu zahlen gehabt“, sagte Liu Zhihua, Beijings stellvertretender Bürgermeister und Präsident des BDRA.

Liu ist der Ansicht, dass die Regierung mehr Verhütungsmaßnahmen implementieren muss. Die Stadtregierung habe 200 Mio. Yuan (24,15 Mio. US$) in ihrem Budget für 2004 als Notfallfonds zur Seite gelegt, so hieß es in der jüngsten offiziellen Mitteilungen.

Mit den Vorbereitungen, ein städtisches Notfallmanagementsystem zu etablieren, wurde offiziell letzten Juni begonnen, und zwar unter Leitung des Beijinger Bürgermeisters Wang Qishan. Experten haben vorgeschlagen, dass vier Unterabteilungen eingeschlossen werden, nämlich Organe, um Leitung, Rechtsunterstützung, Kapital- und Materialversorgung und technologische Unterstützung zu integrieren.

Es gibt immer noch mehr zu tun

Langsam aber sicher wird Beijing ein sicherer Ort, zu leben und zu arbeiten.

Beijings U-Bahn-System, welches 2 Mio. Passagiere pro Tag transportiert, wurde in den 1960ern eröffnet. Es ist vor kurzem mit zwei Reihen von Kameras auf jedem Bahnsteig ausgestattet worden. Zheng Dawei, Berater für die Desasterreduzierung bei der Stadtregierung, bemerkte, dass Beijing eine Lehre aus dem U-Bahn-Brand in der Republik Korea gelernt habe. Er sagte, die Kameras sollten Unfälle wie Massenvergiftungen und Bombenexplosionen verhüten.

Das erste und einzige Notfallschutzgebiet im Land wurde im Yuandadu Relic Park letzten Oktober fertiggestellt. Sun Shengjie, Direktor des Administrationsbüros des Parks, erklärte, dass im Falle eines Erdbebens, eines massiven Brands oder sogar eines Kriegs das 600 980 qkm große Schutzgebiet bis zu 250 000 Menschen aufnehmen könne. Wasserbrunnen, Toiletten und Nahrungsmittellager sind alle eingeschlossen sowie ein Helikopterlandeplatz.

„Dies ist nur der erste Schritt“, sagte Xu Ping, stellvertretender Direktor des Beijinger Seismologischen Büros. „Weitere vorübergehende Schutzgebiete sollen in ganz Beijing folgen.“ Das Ziel der Stadt ist, ein Schutzgebiet innerhalb von 10 Minuten zu Fuß für jeden Bewohner zur Verfügung zu stellen.

Experten sind davon überzeugt, dass das immer noch nicht ausreichen wird. „Was wir brauchen, ist, dass jeder öffentliche Platz in Übereinstimmung mit den angemessenen Notfallforderungen entworfen wird“, sagte Dr. Peng Zongchao, stellvertretender Direktor des Instituts für Staatspolitik der Tsinghua-Universität.

Die Notfallbereitschaft der Stadt wird weder über Nacht noch durch ein oder zwei erfolgreiche Projekte erreicht werden. Gravierende Probleme existieren nach wie vor, trotz all der Bemühungen. „Die Verwundbarkeit nimmt mit dem Grad der Modernisierung zu“, sagte Zheng Dawei.

Elektrizität ist zum Beispiel einer der gefährlichsten potenziellen Killer. Einem BDRA-Bericht zufolge gibt es 300-400 km Untergrundkanäle in und um das Zentrum von Beijing. Diese Kanäle enthalten mehr als 3000 km elektrischer Kabel. Im Hochsommer gehen die Bodentemperaturen bis 60-70 Grad Celsius hoch. Es ist möglich, dass alte Kabel, viele sind in den 1970ern, ohne viel Wartung seither, verlegt worden, sich plötzlich entzünden und Stromausfall und Brände verursachen.

Es mag sich wie Paranoia für unwissende Bürger anhören, aber Experten sind davon überzeugt, dass diese Probleme unverzüglich Beachtung erfordern. Luo Yun, Leiter des Instituts für Ingenieurwissenschaften und Technologie der Chinesischen Universität für Geowissenschaften, setzte hinzu, dass Beijings dichte Bevölkerung die potenziellen menschlichen Kosten eines großen Vorfalls der öffentlichen Sicherheit steigern würde.

Beijings U-Bahn, mit einem täglichen Volumen von 2 Mio. Passagieren, ist seit mehreren Jahren sicher in Betrieb gewesen. Aber da die Erbauer der U-Bahn in den 1960ern der öffentlichen Sicherheit wenig Beachtung gaben, kann eine Reihe von Problemen aufgelistet werden. Zum Beispiel hätten mehr als 30% der Züge, welche auf der Linie 1 und Linie 2 fahren würden, ihr Ruhestandsjahr erreicht und neigten zu mechanischen. Problemen und Bränden, so Zhang Xing, Sicherheitsdirektor des U-Bahn-Unternehmens.

Dies ist warum Li Mingtao, Abgeordneter des Nationalen Volkskongresses (NVK) auf einem NVK-Treffen vorschlug, dass ein umfassendes Gesetz für die Desasterreduzierung ausgearbeitet werden sollte. Auch wenn China Gesetze hat, die fast jedes spezifisches Desaster betreffen, sind sie unkoordiniert, wohingegen in der Realität Desaster oft andere Desaster auslösen. Erdbeben Brände verursachen und die Infrastruktur beschädigen, zum Beispiel.

Li sagte, dass das Kobe-Erdbeben von 1995, welches Japan traf, auf der Richterskala eine Stärke von 7,2 hatte und etwa 5000 Menschen tötete sowie 27 000 verletzte. Aber acht Jahre später, als Japan ein weiteres Erdbeben der Stärke 7 auf der Richterskala erlebte, seien dank der umfassenden Methoden der Desasterreduzierung, die Japan ergriffen hatte, nur etwa 100 Menschen verletzt worden.

Viele Organisationen haben begonnen, regelmäßige Übungen abzuhalten, das Sicherheitsbewusstsein zu verbessern. Am 28. Februar plante die Hauptstadtuniversität für Medizinwissenschaften eine Feuerübung im Tandem mit der städtischen Feuerwehr. Zufällig ging kurz vor der Übung ein Feueralarm los, womit eine Live-Übung für die Studenten geliefert wurde.

„Die Bedeutung der öffentlichen Sicherheit kann nie genug betont werden“, sagte Bürgermeister Wang Qishan auf einem jüngsten Treffen. Er hob einen jüngsten Vorfall hervor, bei dem Menschen erstickten. Sie hätten gerettet werden können, wenn die Wiederbelebung rechtzeitig gewährt worden wäre. Anwesenden Zuschauern fehlte es an grundlegendem Erste Hilfe-Training oder an dem Verstand, Hilfe zu holen.

„Es gibt viel Raum für Verbesserungen in der öffentlichen Sicherheit“, sagte Shi Dingguo, ein NVK-Abgeordneter. „Der Ausbruch von SARS letzten Frühling hat uns eine harte Lehre über die extreme Wichtigkeit der öffentlichen Sicherheit gegeben.“

Seither sind verschiedene Notfallreaktionspläne in den Bereichen Gesundheitsversorgung und Transport gemacht worden. Übungen und die Medienpublicity haben das Sicherheitsbewusstsein gefördert. Dennoch hat dies nicht verhütet, dass ernste Unfälle in Beijing passieren. Es kann noch mehr getan werden.