Virtuelles Eigentum
 

Sind virtuelle Waren legal oder handelt es sich nur um Spielereien?

Der Boom der Online-Spielbranche Chinas hat zu zunehmenden Disputen betreffs virtueller Eigentumsrechte geführt. Sind virtuelle Waren legal oder handelt es sich nur um Spielereien?

Li Hongchen, ein Online-Spieler aus der Stadt Chengde in der nordchinesischen Provinz Hebei, war entsetzt, als er feststellte, dass alle virtuellen biologischen Waffen und Ausrüstungen, die er während des Spielens von Hongyue (roter Mond), einem Online-Spiel von der Arctic Ice Technology Development Co. Ltd. (AITD), gesammelt hatte, plötzlich verschwunden waren. Um sein virtuelles Waffenarsenal aufzubauen, hatte Li in den letzten zwei Jahren Tausende von Stunden aufgewendet und Zehntausend Yuan ausgegeben. Letztendlich stellte sich heraus, dass ein anderer Spieler Lis Kollektion gestohlen hatte. Li war so wütend, dass er die AITD bei Gericht wegen des Mangels an Schutz seines virtuellen Eigentums anklagte.

Kürzlich verkündigte das Volksgericht des Bezirkes Chaoyang nach drei Gerichtsverhandlungen, das Urteil, nämlich dass die AITD, die Angeklagte, innerhalb von sieben Tagen nach Erhalt des Urteils Lis verlorene „Waffen“ wiederherstellen und die Kosten in Höhe von 1140 Yuan (137,68 US$), die der Kläger und seine Zeugen für Fahrkarten und die Unterkunft, um an den Verhandlungen teilzunehmen, ausgegeben hatten, tragen sollte. Was die 570 Yuan (68,84 US$) für die Prozesskosten anbelangt, sollte Li 370 Yuan (44,69 US$) zahlen, während die AITD den Rest zahlen muss. Das Gericht lehnte Lis Forderung nach Kompensation für psychologische Verluste in Höhe von 10 000 Yuan (1207,73 US$) ab.

Auf dem chinesischen Festland gibt es schätzungsweise Millionen von Online-Spielern, die sich täglich einloggen. Diese Spiele werden unter den jungen Chinesen immer populärer. Zunehmende Internet-Tätigkeiten haben zu vielen Kontonummern für Spiele, E-Mail-Boxes, virtuellen Militärarsenals und QQ-Nummern geführt, die gegen Bargeld gekauft und verkauft werden. All diese sind virtuelle Waren und „Eigentum“ im Besitz von Spielern und Netizens.

Dieser jüngste Wutausbruch hat einige Debatten ausgelöst. Sollte virtuelles ,,Eigentum“ als materielle Waren behandelt und daher nach dem Gesetz geschützt werden? Und wenn ja, wer sollte für dessen Schutz verantwortlich sein?

Viele Internet-Benutzer sind der Ansicht, dass, da die Spieler Zeit, Energie und Geld zum Erwerb virtuellen Eigentums aufgewandt hätten, und diese Bemühungen in Wert ausgedrückt und verteilt werden könnten, ihre Arbeit nach dem Gesetz geschützt werden sollte. Beispielsweise sagte ein Spieler namens Yuehen, dass er monatlich mehr als 500 Yuan (6039 US$) für das Kaufen von Spielpunkten und die Spielgebühren ausgebe. Er gelte jedoch als gemäßigt unter den begeisterten Spielern, da es nicht selten sei, dass einige Spieler ohne weiteres Zehntausende von Yuan pro Jahr für Spiele ausgäben, um virtuelles Eigentum zu erwerben, so Yuehen.

Chinas Justizsystem hat begonnen, Fälle betreffs virtuellen Eigentums anzunehmen. Allerdings hat China momentan noch keine speziellen Gesetze, die den Wert von virtuellem Online-Eigentum definiert haben.

Am 25. Dezember 2003 unterzeichneten 19 Anwälte einen Antrag und unterbreiteten diesen der Rechtskommission des Nationalen Volkskongresses (NVK), um die Gesetzgeber des Staates dazu aufzufordern, Vorschriften über den Schutz virtuellen Online-Eigentums zu erlassen.

Virtuelles Eigentum ist echt genug

Zhou Changcheng (Soziologe-Professor der Wuhan-Universität): Die Gesetzgebung bleibt gewöhnlich hinter der Geschwindigkeit der sozialen Entwicklung zurück. Da das Internet und virtuelles Online-Eigentum verhältnismässig neu sind, ist es ganz verständlich, dass es uns an Gesetzen und Vorschriften, die diese Probleme behandeln, mangelt. Neue Gesetze und Vorschriften sollten den Wert virtuellen Online-Eigentums definieren, um mit der Entwicklung des Internet Schritt zu halten. Wenn Diebstahlfälle betreffs virtuellen Eigentums soziale Probleme verursacht haben, müssen wir Gesetze erlassen, um die Interessen der Massen zu verteidigen.

Wang Zongyu (Außerordentlicher Professor des Jurainstituts der Chinesischen Volksuniversität): Meiner Meinung nach sollten virtuelle Waffen und Ausrüstung, die von Internet-Spielern gesammelt worden sind, als privates Eigentum betrachtet werden, da die Spieler dafür Zeit, Geld und Energie aufgewandt haben. In gewissem Maße sind solche ,,Waffen“ die Errungenschaften ihrer Arbeit. Wie geistiges Eigentum ist virtuelles Online-Eigentum ebenfalls ein Produkt geistiger Arbeit. Es hat Wert, da es eine diesbezügliche Nachfrage gibt und transferiert werden kann.

In der Tat sind sichtbares und unsichtbares Eigentum in den Prinzipien des Zivilgesetzes der Volksrepublik China (Principles of the Civil Law, PCL) eingeschlossen. Selbstverständlich konnten die PCL, als sie im Jahr 1987 formuliert wurden, virtuelles Eigentum nicht gesondert festlegen, da Internet-,,Waffen“ nicht existierten. Die Produkte geistiger Arbeit sind jedoch in den Gesetzen über geistiges Eigentum eingeschlossen. In diesem Sinne sollte virtuelles Eigentum, offensichtlich ein Produkt geistiger Arbeit, unter das geltende Gesetze über geistiges Eigentum fallen.

Eigentum weist viele Formen auf. Das Gesetz sollte virtuelles Eigentum, das durch legale Methoden erworben worden ist, schützen. Andererseits können auch die Online-Spieler durch Kommunikation mit Spiellieferanten oder -betreibern ihr virtuelles Eigentum schützen. Darüber hinaus sollten technologische Maßnahmen zur Verhütung von Eigentumsverlusten ergriffen werden. Mit der Entwicklung von Technologien und Online-Spielen ist eine Readjustierung des Gesetzes erforderlich, um die Rechte und die Verpflichtungen der betreffenden Personen, die in Disputen betreffs virtuellen Eigentums involviert sind, klar festzulegen. Da es momentan immer noch an speziellen Gesetzen mangelt, können betroffene Parteien durch persönliche Abkommen Dispute beilegen, solange diese Abkommen sich im Rahmen der geltenden Gesetze befinden.

Lu Fei (Bürochef des Instituts für Geistiges Eigentum der Fudan-Universität): Virtuelles Eigentum hat als Errungenschaft geistiger Arbeit Wert und sollte vom Gesetz geschützt werden. Allerdings mangelt es dem Amt fur Öffentliche Sicherheit immer noch an notwendigen Technologien, Ausrüstung und Fachkräften zur effektiven Behandlung von Diebstahlfällen betreffs virtuellen Eigentums.

Shou Bu (Professor des Instituts für Rechtswissenschaften der Shanghaier Universität für Verkehrswesen): Die Online-Spieler sollten virtuelle Wertmarken nutzen, um notwendige virtuelle Ausrüstung zu kaufen, und ein fester ,,Wechselkurs“ sollte grundlegend zwischen diesen „Wertmarken“ und dem RMB existieren. Daher sollte unsere Gesellschaft den Wert virtuellen Online-Eigentums aufgrund dessen indirekter Beziehung mit unserer Währung anerkennen. Aufgrund des Mangels an speziellen Gesetzen haben die Gerichte jedoch große Schwierigkeiten gehabt, virtuelles Eigentum zu legitimem Eigentum zu machen, um somit Diebstahlfälle betreffs virtuellen Eigentums strafrechtlich zu verfolgen.

Su Caixia (Außerordentliche Professorin der Zhongnan-Universität für Wirtschafts- und Rechtswissenschaften): China hat momentan keine Gesetze bzw. Verordnungen, die den Wert virtuellen Eigentums klar definieren. Ein unvollständiges Rechtssystem hat die Sammlung von Beweisstücken für Diebstahlfälle betreffs virtuellen Eigentums relativ schwierig gemacht. Da die Online-Spieler jedoch eine große Internet-Benutzergruppe sind, sollten Gesetze ausgearbeitet werden, um ihre legitimen Rechte und Interessen zu schützen. Sonst wird die blühende Online-Spielbranche wahrscheinlich Verluste erleiden.

Yang Lixin (Professor des Instituts für Rechtswissenschaften der Chinesischen Volksuniversität): Vermögen kann sichtbar und unsichtbar sein. Virtuelles Internet-Eigentum, was letzteres ist, kann direkt von Spielentwicklern und -betreibern gekauft oder an virtuellen Börsen erworben werden. Daher hat virtuelles Eigentum wie andere allgemeine Waren offensichtlich einen wirklichen Wert, der nach dem Gestz geschützt werden sollte.

Zhang Jialun (Angestellter eines Unternehmens): Ich bin mehrmals beraubt worden, wenn ich Online-Spiele spielte. Viele betrachten virtuelles Eigentum als ihre Ziele, da virtuelle Waren wirklichen RMB wert sind. Virtuelles Eigentum zu stehlen ist ein Diebstahl. Online-Spiellieferanten sollten Verantwortung übernehmen, um ihre Spieler vor wirtschaftlichen Verlusten zu schützen.

Illegales Eigentum

Zhang Qingsong (Anwalt der Beijinger Puhua-Anwaltskanzlei): Das sogenannte virtuelle Eigentum zählt nicht als Eigentum im rechtlichen Sinne. Der Grund liegt darin, dass diese virtuellen ,,Waffen und Ausrüstung“ an sich selbst keinen Wert haben. Sie sind in der Tat lediglich Daten gewisser Computer-Programme, die nur in einer virtuellen Welt von Online-Spielen existieren. Es stimmt wirklich, dass einige Spieler privat ,,Waffen“ handeln. Was ausgetauscht wird, ist jedoch nicht virtuelle Ausrüstung selbst, sondern Spielpunkte. Darüber hinaus werden Punkte und Positionen im Allgemeinen durch Spielzeit erworben. Insgesamt gesagt, erwirtschaften Online-Spiellieferanten Gewinne durch die Zeit, die für das Spielen ihrer Spiele aufgewandt wird.

In Übereinstimmung mit dem gegenwärtig geltenden Gesetz ist Eigentum jegliches Vermögen, das wirtschaftlichen Wert erbringen kann. Auch wenn virtuelle Waffen unter den Spielern für Gewinne ausgetauscht werden, sind diese kein wirkliches Eigentum, da die geltenden Gesetze dies nicht festlegen.

Online-Spielunternehmen, die mit den Spielern vertragliche Beziehungen haben, sollten Dienstleistungen anbieten, um die Sicherheit des virtuellen Eigentums ihrer Spieler zu gewährleisten. Wenn Lücken in Spielen die Durchführung der betreffenden Verträge beeinträchtigen und die legitimen Rechte der Spieler verletzen, sollten die Spieler das Recht haben, Spiellieferanten bei Gericht anzuklagen.

Zhang Min (Dozent der Nordwestchinesischen Universität für Politik- und Rechtswissenschaften): Der Diebstahl in Online-Spielen ist dem Diebstahl in der wirklichen Welt dem Anschein nach ähnlich. Virtuelles Eigentum ist jedoch einfach kein wirkliches Eigentum. Daher hat es keinen Rechtsstatus.