Die Religion in Tibet
 

Tibet hat durch seine wunderbare Landschaft, seine lange Geschichte, seine glänzende Kultur, seine starke religiöse Atmosphäre und seine schlichte Bevölkerung zahlreiche Touristen angezogen. Damit die Leser Tibet noch besser kennen lernen, werden wir eine Serie von Berichten über Tibet bringen. In dieser Ausgabe veröffentlichen wir zuerst einen Bericht über den tibetischen Buddhismus. – Die Red.

Tibet liegt im Durchschnitt mehr als 4000 m über dem Meeresspiegel und wird als das „Dach der Welt“ bezeichnet. Das Autonome Gebiet Tibet hat eine Fläche von 1,2 Mio. km² und eine Bevölkerung von 2,7 Mio. Menschen, 92% davon sind Tibeter, die sich zum tibetischen Buddhismus bekennen. Jetzt gibt es in Tibet mehr als 1700 Tempel und Klöster sowie Stätten für religiöse Aktivitäten mit 46 000 Mönchen und Nonnen. Wie in anderen Landesteilen wird die Religionsfreiheit in Tibet vom staatlichen Gesetz geschützt.

Um das religiöse und kulturelle Erbe in Tibet zu schützen und den Gläubigen bessere Bedingungen für ihre Aktivitäten zu schaffen, hat die Zentralregierung seit den 1980ern mehr als 400 Mio. Yuan (48,3 Mio. US$) in die Renovierung und den Bau von Tempeln, Klöstern und religiösen Stätten investiert.

Die religiösen Gefühle von Tibetern

Der tibetische Buddhismus, an den die meisten Tibeter glauben, hat die Doktrin der Mahayana-Sekte, die der tantristischen und der exoterischen Sekte, übernommen; es gibt zahlreiche Werke und Sekten des tibetischen Buddhismus, die tatsächlich als eine Schatzkammer der religiösen Kultur in der Welt bezeichnet werden. Aber nur die hochgestellten Mönche und Gelehrten für das Studium des Buddhismus verstehen diese inhaltsschweren Doktrinen. Die komplizierten religiösen Doktrinen sind gewöhnlichen Tibetern ganz fremd. Dennoch ist das religiöse Leben ein unentbehrlicher Bestandteil des gesamten Lebens der Tibeter.

Das Alltagsleben des alten Tibeters Purbu in Lhasa beginnt um 5 Uhr. Um 5 Uhr steht er auf, macht das Zimmer sauber, wäscht sich, erneuert das Opferwasser, frühstückt, trinkt Buttertee und umkreist den Potala-Palast. Dann macht er eine Pause an der Straße, trinkt Tee in einem Teehaus und plaudert mit seinen Freunden, geht nach Hause und macht Mittagspause. Nachmittags, wenn er Zeit hat, umkreist er ein- bis zweimal den Potala-Palast.

Viele alter Tibeter verbringen wie Purpu ihr Alltagsleben. Manche gehen um die Klöster, manche drehen Gebetsmühlen und murmeln buddhistische Devisen. Die gläubigen Tibeter nennen die Umkreisung der heiligen Gegenstände in der Uhrzeigerrichtung „Sutradrehen", die „Manihaufen" (Steinhaufen mit eingravierten buddhistischen Inschriften), Pagoden, Tempel, Klöster, schneebedeckte Berge und Seen umfassen. Die alten Leute bewegen beim „Sutradrehen" bzw. bei der „Rezitation von buddhistischen Sätzen" ihre Körperteile, konzentrieren ihre Energie darauf und atmen rhythmisch, was für ihre physische und psychische Gesundheit vorteilhaft ist. Die religiösen Gefühle sind ihre psychische Stütze.

Alle tibetischen Familien, ob sie gläubig oder atheistisch sind, bewahren zu Hause vergoldete, versilberte oder Lehmbuddhastatuen, Butterlampen und Opferschüsseln auf. Manche Familien haben einen Gebetsraum. Die Qualität und Quantität der religiösen Artikel einer Familie stehen nicht direkt im Zusammenhang mit der Stärke des religiösen Glaubens. Diese religiösen Artikel sind für einige Tibeter nur ein Symbol des Reichtums oder haben einen Dekorationszweck.

Obwohl die Tibeter von Kindheit an in einer stark religiösen Atmosphäre leben, können gewöhnliche Tibeter weder die Sekten des tibetischen Buddhismus unterscheiden noch die Herkunft und den Namen des von ihnen angebetenen Buddhas kennen. Trotzdem beherrschen sie grundlegende buddhistische Kenntnisse wie über Seelenwanderung und Karma. Sie beten Buddha an, um Glück im jetzigen Leben anstreben und ein schönes nächstes Leben herbeizuwünschen.

Viele Tibeter betrachten religiöse Aktivitäten als unterhaltsame Veranstaltungen. Diejenigen, die nach den Klöstern außerhalb ihrer Heimat pilgern, beten nicht nur Buddha an, sondern genießen auch die Reise; unterwegs steigen sie in schönem Weideland ab und machen Picknicks. Die Tibeter, die in entlegenden Landwirtschafts- und Viehzuchtgebieten leben und deren Alltagsleben hart ist, betrachten religiöse Aktivitäten als unterhaltsame Veranstaltungen, bei denen sie singen, tanzen und Partys machen.

Jetzt kann man überall in Tibet Pilger, die auf ihrem Weg zum Ziel immer wieder Kotaus machen, sehen. Obwohl die religiösen Gefühle der jungen Tibeter nicht so stark wie die ihrer Eltern sind, kann man überall in Tibet bunte Sutraflaggen sehen, und die himmlische Bestattung (dabei werden die Leichen Raubvögeln zum Fraß überlassen) ist immer noch die Hauptbestattungsform in Tibet.

Obwohl überall in Tibet eine religiöse Atmosphäre, die für Fremde sehr mysteriös ist, herrscht, sind religiöse Aktivitäten für gewöhnliche Tibeter nur ein Teil des Alltagslebens.

Das jetzige Leben genießen

Zhanxi Gonbo (47) lebte einst im Dorf Langse, Gemeinde Dahe, Kreis Gonbo'gyamda, in Tibet. Neben der Bodenbestellung sammelte er noch Chinesische Raupen-Pilze (Cordyceps sinensis). Als die Preise für Chinesische Raupen-Pilze anstiegen, verdiente er viel Geld und baute 1999 mit 100 000 Yuan ein Teehaus an der Nationalstraße Nr. 318. Seither verdient er monatlich 500-600 Yuan.

Zhaxis religiöse Artikel sind ein Photo des 10. Panchen Lama und eine Butterlampe. Seine Frau Yangjin rezitiert täglich buddhistische Sätze. Sein Sohn, der in einer Fernseh-Relaisstation arbeitet, und seine Tochter, die in Zhaxis Teehaus arbeitet, zeigen kein Interesse für das Sutravorlesen. Yangjin sagte, dass sie Buddha anbete, um ein schönes nächstes Leben herbeizuwünschen; dies sei nur eine Hoffnung, und niemand wisse, wie das nächste Leben aussehe.

Viele tibetische Familien bewahren wie Zhaxi Buddhastatuen zu Hause auf, machen Pilgerfahrten, spenden den Klöstern Geld und nehmen an religiösen Aktivitäten teil. Sie hoffen auf ein schönes nächstes Leben. Aber sie setzen noch mehr Energie für die Verbesserung ihres heutigen Lebens ein und streben das Glück im jetzigen Leben an.

Die gläubigen Tibeter sind der Überzeugung, dass es ein jetziges Leben, ein nächstes Leben und eine frühere Existenz gebe; sie glauben auch, dass Gutes mit Gutem und Böses mit Bösem vergolten wird. Daher ziehen viele Tibeter das nächste Leben dem jetzigen Leben vor; sie finden sich mit dem harten jetzigen Leben ab und wünschen ein schönes nächstes Leben herbei.

Es ist falsch, zu glauben, dass sich alle Tibeter mit dem bitteren Leben abfinden oder Elend als Freude betrachten.

Die Touristen, die das Herrenhaus der Familie Pharlha im Kreis Gyangze besuchten, wussten, dass dieses Landgut 1937 erbaut wurde und das am besten erhaltene Landgut in Tibet ist. Das zweistöckige Gebäude und der Hof des Landgutbesitzers Zhaxi Wangqug und seiner Frau nehmen eine Fläche von 5000 m²ein. In ihrem Haus wird eine große Anzahl von Dosen, Spirituosen, Kosmetika, Lederschuhen, Tonbandgeräten und Toilettenseifen, Sojasoßen, Essig und Reis, die aus den USA, Großbritannien und Indien eingeführt wurden, aufbewahrt. Zhaxi Wangqug war ein Buddhist, aber er liebte das jetzige Leben. Gegenüber seinem Hof ist ein 150 m²großer Hof mit einigen Zimmern, die früher von 14 Leibeigenenfamilien mit insgesamt 60 Angehörigen bewohnt wurden; das kleinste Zimmer ist nur 4 m²groß. In diesen Zimmern gibt es nur einfache Küchengeräte, Bettdecken und Arbeitsgeräte, aber kein Bett. Diese Zimmer stehen in krassem Kontrast zu der Wohnung des Landgutbesitzers.

Vor der Demokratischen Reform 1951 hatten die Leibeigenen weder Boden noch Hausvieh, ihre persönliche Freiheit wurde eingeschränkt, sie sollten viele Steuern und Abgaben entrichten; diejenigen, die gegen die von den Herrschern erlassenen Strafgesetze verstießen, wurden geprügelt; in ernsten Fällen wurden manchen Leibeigenen die Augen entfernt oder die Zungen abgeschnitten. Die Leibeigenen glaubten an den Buddhismus, setzten ihre Hoffnung auf das nächste Leben und milderten so ihre geistigen Schmerzen im jetzigen Leben. Die alte tibetische Lokalregierung, die Politik mit Religion integrierte, verbreitete unter den Leibeigenen die buddhistische Doktrin, dass sie Leiden im jetzigen Leben ertragen müssten, weil sie in ihrer früheren Existenz Böses getan hätten. Dies war der Grund, warum einige Jahrhunderte lang kein Leibeigenenaufstand in Tibet ausbrach, obwohl die Leibeigenen grausam ausgeplündert wurden. Einer der wichtigen Gründe für die langjährige Rückständigkeit Tibets lag darin, dass viele Tibeter unter dem Einfluss der Religion mit ihrem Status quo zufrieden waren und keinen Fortschritt anstrebten.

In der Tat kann die tibetische Nationalität gut singen und tanzen und versteht gut, das Leben zu genießen.

Ein tibetisches Sprichwort besagt: „Wer sprechen kann, der kann singen; wer gehen kann, der kann tanzen; wer essen kann, der kann Wein trinken."

Seit der Durchführung der Demokratischen Reform wird der heitere Charakter der Tibeter nicht mehr eingeschränkt; sie können frei singen und tanzen und steigern ihre Initiative zur Verbesserung des Lebens. Im ausgedehnten Tibet-Plateau sieht man überall neue Häuser, Autos und Traktoren vor neuen Häusern. Seitdem Tennis, Karaoke-Lokale, Fernsehfilme, Videoprodukte, Gesang- und Tanzlokale eingeführt worden sind, werden sie von den Tibetern geliebt. Viele Bewohner Lhasas machen Spaziergänge in den Grünanlagen und Parks, trinken dort Tee und Wein.

In den wirtschaftlich entwickelten Gebieten in Tibet ist die religiöse Atmosphäre schwächer geworden. Junge Tibeter zeigen geringes Interesse an Religion. Das Streben nach einem besseren Leben verändert die Vorstellung der Tibeter über die Religion in der tibetischen Gesellschaft, was Tibet neue Lebenskraft verleiht.