Das Gewicht des Schwarzgoldes
 

Aufgrund der begrenzten Ölressourcen sucht China momentan nach einem Ausweg für sein Wirtschaftswachstum.

Von Ding Zhitao

Das Staatliche Statistikamt prophezeit, dass sich der Endverbraucherpreisindex Chinas um 0,3-0,4% erhöhen werde, wenn der Rohölpreis pro Barrel um 10 US$ steige.

Statistiken des Informationsbüros für Unternehmen der Provinz Jiangsu zufolge werden die Plastik-, Nylon- und Gummiprodukte, deren Rohstoffe hauptsächlich Rohöl sind, am meisten durch die Ölpreissteigerung beeinträchtigt werden. Wenn die Produktionskosten steigen, können die Unternehmen ihre Produkte nicht gut verkaufen, so dass viele von ihnen wahrscheinlich mit Gewinnausfall konfrontiert sein oder in rote Zahlen rutschen werden.

Tao Dong, Chef-Analyst der Investment Bank Credit Suisse First Boston, bezeichnet China als einen der „Hauptopfer“ der Ölpreissteigerung

In seinem Wirtschaftsbericht werden die Auswirkungen der Ölpreissteigerung auf China analysiert. Er schätzte, dass der internationale Ölpreis Ende dieses Jahres oder im ersten Quartal nächsten Jahres auf 40 US$ pro Barrel steigen werde. Er führte den hohen Grad der Auswirkungen der Ölpreissteigerung auf die Wirtschaft Chinas auf dessen rapide Entwicklung zurück.

Hoher Ölpreis wird nicht nur die Einnahmen von Unternehmen und des Staates reduzieren, sondern auch die chinesische Wirtschaft beeinträchtigen. Er wird China beim Ölimport unter Druck setzen. China wurde im Jahr 1993 zu einem Nettoölimporteur. Es ist momentan der zweitgrößte Ölkäufer in der Welt.

Obwohl die Erdgas- und Erdölproduktion der drei wichtigsten Ölunternehmen Chinas – Sinopec, PetroChina und China National Offshore Oil Corp. – gestiegen ist, kann der Zuwachs der Produktion nicht mit dem Wachstum der Nachfrage Schritt halten.

Im Jahr 2003 importierte China über 91 Mio. t Öl. In der ersten neun Monaten dieses Jahres belief sich der gesamte Ölimport Chinas auf 90 Mio. t, der Ölimport des ganzen Jahres wird schätzungsweise 120 Mio. t betragen. China plant, im nächsten Jahr sein Ölreservenprogramm offiziell in die Tat umzusetzen.

China verbraucht täglich 5,5 Mio. Barrel Öl, 2 Mio. Barrel davon sind importiert. Lu Mai, Generalsekretär der Chinesischen Stiftung für Entwicklungsforschung, sagte, über 36% Chinas Rohöls seien vom Import abhängig. Schätzungen zufolge wird seine Nachfrage nach Öl im Jahr 2020 600 Mio. t betragen. Bis dahin wird China jedoch nur etwa 200 Mio. t Öl produzieren können. Das bedeutet, dass im Jahr 2020 über 60% der Ölnachfrage durch den Import befriedigt werden werden.

Der Ta Kung Pao, einer Hong Konger Zeitung, zufolge ist Chinas Ziel, im Jahr 2020 sein BIP von 2000 zu verdoppeln, unrealisierbar. Chinesische Beamte hoffen, dass China bis Mitte dieses Jahrhunderts ein „mittelentwickeltes Land“ werden werde. Um dieses Ziel zu erreichen, brauche China 70% der Energie der Welt, sagte Dai Yande, stellvertretender Direktor des Energieforschungszentrums der Chinesischen Stiftung für Entwicklungsforschung. Er sagte, dass die Begrenzung der Energieressourcen das Haupthindernis für die Erreichung des gesetzten Ziels sei.

Mehr Ausgaben für Öl werden zudem eine Inflation verursachen. Das Erdöl wird hauptsächlich in der Luftfahrt-, Automobil- und Petrochemieindustrie benutzt. Das Angebot an Fertigöl, insbesondere Dieselöl, ist in vielen Gebieten des Landes in unterschiedlichem Grad knapp. Die Preise von Naturgas und Flüssiggas sind in einigen Gebieten gestiegen. Informationen zufolge sind inländische Fluggesellschaften bereit, den Ticketpreis zu steigern.

Hoher Ölpreis kann das rapide Wirtschaftswachstum Chinas verlangsamen. Stephen Roach, Chef-Wirtschaftswissenschaftler von Morgan Stanley, einer globalen Investmentbank, justierte vor kurzem seine Prognose für die Wirtschaftswachstumsrate der Welt im Jahr 2005 von 3,9% auf 3,6% und die Chinas von 7,5% auf 7%.

Wirtschaftswissenschaftler sagen, dass, wenn der Ölpreis um 10 US$ pro Barrel steige, das BIP um 0,5% zurückgehe. China müsse lernen, mit dem erhöhten Ölpreis zu leben. Trotzdem behauptete Tao Dong, dass die Ölpreissteigerung keine Krise für die chinesische Wirtschaft bilde. Auf einer Pressekonferenz des Presseamtes des Staatsrates im Oktober sagte Zheng Jingping, Sprecher des Staatlichen Statistikamtes, dass die Ölpreissteigerung „einige Auswirkungen“ auf die globale wie auch die chinesische Wirtschaft haben werde. Diese Auswirkungen seien jedoch begrenzt, so er.

Ausweg

Shan Weiguo, Analyst der PetroChina, ist der Ansicht, dass der hohe Ölpreis kontrollierbar sei, wenn angemessene Adjustierungen durchgeführt würden.

Der Wirtschaftswachstumsmodus des Landes muss reguliert werden. Roachs Prognose reflektiert Chinas übermäßige und zunehmende Nachfrage nach Energie und anderen Ressourcen. China muss einen Weg zur Befriedigung der Bedürfnisse seiner expandierten Wirtschaft finden.

Von 1980 bis 2000 hat China sein BIP vervierfacht, während sich sein Energieverbrauch nur verdoppelt hat. Jetzt bringt in China eine Investition von 500 Mio. Yuan (60,39 Mio. US$) nur einen BIP-Zuwachs von 100 Mio. Yuan (12,08 Mio. US$). In den Perioden des 6. (1981-85) und des 7. (1986-90) Fünfjahresplans aber konnte eine Investition von 2 Yuan (0,24 US$) zu einem BIP-Zuwachs von 1 Yuan (0,12 US$) führen.

Chen Qingtai, stellvertretender Direktor des Entwicklungsforschungszentrums beim Staatsrat, sagte, dass sich die Wirtschaft Chinas auf einen massiven Energieverbrauch verlasse, während inländische Ressourcen schwänden und die Bevölkerung wachse. Und der massive Energieverbrauch verschlimmere die Umweltverschmutzung.

Wang Wanxing, Verantwortlicher für das chinesische nachhaltige Energieprogramm, das von der David and Lucile Packard Foundation und der Energiestiftung gemeinsam finanziert wird, sagte, dass hoher Ölpreis die Regierung und die Unternehmen dazu veranlasse, energiesparende Technologien zu entwickeln und andere Energiequellen zu suchen. Die Wirtschaftsabteilungen der Regierung beurteilen die Auswirkungen der Ölpreissteigerung auf die chinesische Wirtschaft jedoch optimistisch. Zheng Jingping betonte, dass China, abgesehen vom Import von etwa 100 Mio. t Öl, jährlich 170 t Öl produzieren könne. Die Produktionskapazität Chinas sei daher der Schlüssel für die Kontrolle der Situation, sagte er.

Benzinverbraucher, die einen ziemlich großen Teil ihrer Monatslöhne für den Treibstoff ausgeben, können die Auswirkungen der globalen Ölpreissteigerung wahrscheinlich nicht sofort spüren. Der Grund liegt teilweise darin, dass viele Faktoren zur Schwankung des Preises von Fertigöl führen. Der Rohölpreis ist lediglich einer der Faktoren. Wenn der Rohölpreis beispielsweise um 10% steigt, wird der Preis von Fertigöl auf dem chinesischen Markt nur um 4% steigen.

Darüber hinaus setzt China seinen Ölpreis nach dem von Singapur, New York und Rotterdam fest. Der chinesische Ölmarkt liegt bei der Schwankung des Ölpreises normalerweise ein bis drei Monate hinter dem internationalen Markt zurück.