Steigerung der Anzahl der Armen
 

Die Steigerung der Anzahl der armen Menschen hat die Zentralregierung alarmiert.

Von Lan Xinzhen

Die Anzahl der armen Menschen in China ist seit 25 Jahren, in denen ein Programm für die Überwindung der Armut durch Entwicklung landesweit durchgeführt wurde, zum ersten Mal gestiegen. Liu Jian, Vizeleiter der Führungsgruppe für die Überwindung der Armut durch Entwicklung beim Staatsrat, enthüllte am 16. Juli 2004 der Presse, dass die Anzahl der armen Menschen in China im Jahr 2003 um 800 000 Menschen gestiegen sei.

Den offiziellen Statistiken zufolge belief sich im Jahr 2002 die Gesamtzahl der Menschen, die in Armut lebten, auf 28,2 Mio., doch Ende 2003 stieg sie auf 29 Mio. Die 800 000 wieder verarmten Menschen lebten hauptsächlich in den ländlichen Gebieten.

„Chinas Programm für die Überwindung der Armut durch Entwicklung ist mit einer sehr kritischen Lage konfrontiert“, sagte Liu.

Gründe für die Steigerung

Im Jahr 1978 begann die chinesische Regierung, das Programm für die Überwindung der Armut durch Entwicklung durchzuführen. Als Folge hat sich 25 Jahre später die Anzahl der armen Menschen in China von 250 Mio. auf 28,2 Mio. Menschen reduziert, wobei die Auftretensrate der Armut von 30,7% auf 3,1% zurückging. Das Programm war ein großer Erfolg. Während China große Anstrengungen unternahm, um den Lebensstandard der restlichen 28,2 Mio. armen Menschen zu verbessern, stieg die Anzahl der Armen jedoch an.

Lius Meinung nach ist der Anstieg der Anzahl der armen Menschen auf Naturkatastrophen zurückzuführen. Die meisten armen Menschen leben in den Orten mit schlechten Naturbedingungen, einem unzulänglichen Sozialabsicherungssystem und einem niedrigen Entwicklungsgrad der Gesellschaft. Selbst wenn sie ihre Nahrungs- und Kleidungsfrage gelöst haben, fallen sie, wenn sie von einer Naturkatastrophe heimgesucht werden, wieder in Armut zurück. Im Jahr 2003 sind in den Provinzen Henan, Anhui, Shanxi und Heilongjiang über 2 Mio. Menschen infolge Naturkatastrophen wieder verarmt worden.

Dang Guoying, Forschungsrat des Forschungsinstituts für Ländliche Wirtschaft bei der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, meint jedoch, dass Naturkatastrophen nicht der einzige Grund für den Anstieg der Anzahl der armen Menschen seien. Es gebe noch andere Gründe: Erstens lasse der Effekt der Investition in die Überwindung der Armut wie der anderer Investitionen immer mehr nach. Dies mache es schwierig, das Ziel des Programms für die Überwindung der Armut zu erreichen. Zweitens wollten einige Menschen aufgrund religiöser oder kultureller Gründe den modernen Lebensstil nicht annehmen. Drittens würden die Fonds für die Unterstützung der Armen von manchen Lokalregierungen zweckentfremdet.

Einem Rechnungsprüfungsbericht, der von der Nationalen Rechnungskammer veröffentlicht wurde, zufolge haben die Regierungen aller Ebenen vom Jahr 1997 bis zur ersten Hälfte des Jahres 1999 insgesamt 48,8 Mrd. Yuan (5,89 Mrd. US$) in 592 arme Kreise investiert, davon sind 4,34 Mrd. Yuan (0,524 Mrd. US$) jedoch zweckentfremdet worden.

Viele Menschen sind der Ansicht, dass die Inanspruchnahme von Ackerböden für Bauprojekte zum Rückgang des Lebensstandards der Bauern geführt habe. Sie meinen zudem, dass die Ineffizienz einiger Regierungen der Basisebene und ihre ablehnende Haltung gegenüber der Politik der Zentralregierung für die Entlastung der Bauern die Durchführung des Programms für die Überwindung der Armut behindert hätten.

Kritische Lage

Die chinesischen Beamten, die für die Überwindung der Armut verantwortlich sind, sorgen sich am meisten darum, dass die Anzahl der armen Menschen infolge der Auswirkungen von Naturkatastrophen im Jahr 2004 weiter steigen würde. Bisher haben Überschwemmungen 197 000 Häuser zerstört und 3,07 Mio. ha Getreide beschädigt. Dies wird viele Bauern, die ihre Lebensqualität verbessert haben, wieder in die Armut zurückwerfen.

Lius Meinung nach kommt die gegenwärtige kritische Lage in der Überwindung der Armut hauptsächlich in den folgenden Aspekten zum Ausdruck: Erstens hat sich der Prozess der Überwindung der Armut verlangsamt. In den 1990ern haben jährlich 6 Mio. arme Menschen in den ländlichen Gebieten ihre Nahrungs- und Kleidungsfrage gelöst, in den ersten zwei Jahren dieses Jahrhunderts waren es aber nur knapp 2 Mio. Menschen. Zweitens hat sich die Kluft zwischen dem Einkommen der armen Bauern und dem der anderen Bauern vergrößert. Das Einkommen der armen Bauern betrug im Jahr 2003 höchstens 637 Yuan (76,93 US$), während das Durchschnittseinkommen der Bauern im ganzen Land 2622 Yuan (316,7 US$) war. Das Verhältnis zwischen ihren Einkommen war 1:4,12. Im Vergleich mit dem Verhältnis von 1:2,45 im Jahr 1992 zeigt diese große Kluft, dass die Armen während der gesellschaftlichen Entwicklung benachteiligt sind.

Chinesischen Medien zufolge besteht das größte Problem in der Durchführung des Programms für die Überwindung der Armut darin, dass der positive Effekt der Politik für die Unterstützung der Armen beginnt, nachzulassen. Im Anfangsstadium der Reform förderte die Politik über die vertragliche Bewirtschaftung des Bodens durch einzelne Bauernhaushalte beträchtlich die Entwicklung der ländlichen Wirtschaft, wodurch die Anzahl der armen Menschen in großem Ausmaß reduziert wurde. Aufgrund des langsamen Prozesses der Steuer- und Gebührenreform in den ländlichen Gebieten, der schweren Belastung der Bauern und der häufigen Fluktuation der Landbevölkerung in den letzten Jahren liegen große Flächen Ackerboden jedoch brach. Dies hat das Wachstum des Einkommens der Bauern verlangsamt. All diese Faktoren haben die Arbeit zur Überwindung der Armut unter Druck gesetzt.

Reflexion der Regierung

„Das Programm für die Überwindung der Armut sollte direkt in jedem Dorf und in jedem Hauhalt durchgeführt werden. Außerdem sollten die verarmten Familien ermutigt werden, ihre Fähigkeit, sich zu entwickeln, ständig zu erhöhen. Wir sollten zudem die Wirtschaft der armen Gebiete aktiv entwickeln“, heißt es in einem Bericht der Renmin Ribao (Volkszeitung), einer offiziellen chinesischen Zeitung.

Dang Guoying ist der Ansicht, dass der Anstieg der Anzahl der armen Menschen die Zentralregierung zwingen werde, die Konzepte, die Methoden und den Effekt der Arbeit zur Überwindung der Armut aufs neue zu überdenken.

Dang sagte: „Wir können nicht damit rechnen, dass jeder Bauer durch das o.g. Programm von der Armut befreit wird. Die Regierung sollte den Bewohnern der Gebiete mit schlechten Naturbedingungen helfen, nach anderen Orten umzusiedeln. Was die Armut, die durch religiöse oder kulturelle Faktoren verursacht worden ist, anbelangt, kann die Regierung mit dem Aufbau von infrastrukturellen Einrichtungen beginnen, um die Entwicklung der dortigen Wirtschaft zu fördern. Außerdem sollte sich die Regierung darum bemühen, den Nutzeffekt der Unterstützungsfonds für Arme zu verbessern, und keinen Pfennig für nutzlose Projekte aufwenden.“

Auf der Internationalen Konferenz über die Überwindung der Armut, die im Mai 2004 in Shanghai stattfand, versprach die chinesische Regierung der Welt, energisch danach zu streben, bis zum Jahr 2010 die Nahrungs- und Kleidungsfrage der Armen im Großen und Ganzen zu lösen, und bis zum Jahr 2020 eine Gesellschaft mit bescheidenem Wohlstand zu verwirklichen. Ob dieses Ziel erreicht werden kann, hängt von den Konzepten, den Arbeitsmethoden und der Arbeitsleistung der chinesischen Regierung in der Durchführung des Programms für die Überwindung der Armut in der Zukunft ab.