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Guge: Ein verschwundenes Reich

Von Wang Tiegang, Yang Yi und Liu Meijia

(Fortsetzung)

Das heutige Guge

Die einst blühende Guge-Kultur ging auf mysteriöse Weise verloren. Wo sind seine Nachkommen? Wurden sie in Kriegen massakriert oder wanderten sie ab? Oder starben sie an der Pest, als das Guge-Reich besiegt wurde?

Das Drabrang-Dorf, zwei Kilometer von den Guge-Ruinen entfernt, hat 30 Familien mit mehr als 100 Angehörigen. Einige Dorfbewohner lebten in den Wohnhöhlen der Guge-Ruinen. Wir besuchten Putsog Dorje, der 1976 von einer Wohnhöhle in das Dorf umgezogen war.

Im folgenden war ein Gespräch zwischen uns und ihm:

F: Hatten Sie Nachbarn, als Sie in der Wohnhöhle der Guge-Ruinen wohnten?

A: Wir hatten nur einen Nachbarn: die Familie meiner Tante.

F: Lebten nur zwei Familien in den Wohnhöhlen?

A: Ja! Mein Onkel lebte am Bergfuß, 60 Meter von uns entfernt.

F: Wissen Sie, ob Ihre Großeltern oder Urgroßeltern in den Wohnhöhlen lebten?

A: Ich weiß nur, dass meine Großeltern in den Wohnhöhlen lebten.

F: Wo lebten Ihre Urgroßeltern?

A: Ich weiß nicht.

Dorjes Familie wohnt in der Nähe der Familie seiner Tante. Wir besuchten die 74jährige Cahmba Condzon, Dorjes Tante. Sie war stark und gesund.

(Chamba Condzon erzählt uns: „Der Überlieferung nach starben die meisten Bewohner Guges an Krankheit und die Überlebenden flüchteten an andere Orte. Wir zogen von anderen Gebieten in die Wohnhöhlen ein. Meine Mutter kam aus Qusun. Sie arbeitete als Dienerin für einen Feudalherrn.“)

Während der archäologischen Untersuchung der alten Stadt Guge besuchte Zhang Jianlin einige umliegende Dörfer, im Versuch, die Nachkommen des Guge-Reiches zu finden.

(Der Kommentar Zhang Jianlins: „Nach unserer Untersuchung sind die Bewohner des Tholing-Dorfes in der Nähe vom Tholing-Kloster und die Bewohner des Drabrang-Dorfes in der Nähe von den Guge-Ruinen von anderen Gebieten her eingezogen. Sogar diejenigen Familien, die seit drei Generationen oder mehr hier gelebt haben, sind ihren Vorfahren nach keine Einheimischen. Wo sind die Nachkommen des Guge-Reiches? Wo leben sie jetzt? Wohin sind sie umgezogen? Wir können keine zufriedenstellende Antwort finden.“)

Wir wissen nach einigen Dokumenten etwas von der legendären Gründung des Guge-Reiches. Wir können uns auch durch die Untersuchung der Guge-Ruinen sein Ende vorstellen. Aber was passierte während seiner 700jährigen Regierungsperiode? Niemand kann uns das erzählen.

Die Donggar- und Piyang-Ruinen

Wir verließen Zhada, fuhren 60 Kilometer westwärts und erreichten die Donggar-Ruinen, die wichtigen Ruinen des Guge-Reiches.

Bevor wir ankamen, hatte das archäologische Untersuchungsteam unter der Leitung der Professoren Huo Wei und Li Yongxian von der Sichuan-Universität hier bereits zehn Tage in der Wildnis gelebt und gearbeitet. Sie wohnten in acht kleinen Zelten. In der Morgendämmerung kamen wir an und teilten ihr Frühstück: Brei, gedämpftes Brot und Pickles.

Die Donggar-Ruinen befinden sich auf einem Hügel. Der wichtige Teil der Ruinen sind drei buddhistische Höhlentempel mit schönen Wandmalereien. Eine romantische Geschichte erzählt die Entdeckung dieser drei Höhlentempel.

(Der Kommentar von Huo Wei: „Ich kann die Entdeckung dieser drei Höhlentempel mit einem Satz zusammenfassen: ,Das Märchen einer Hirtin'. An einem Juninachmittag 1992 haben wir unsere Untersuchungsarbeit in den Piyang-Ruinen beendet. Auf dem Weg von der Piyang-Ruinen zu den Donggar-Ruinen stießen wir auf eine Hirtin. Ich fragte sie, ob sie Höhlen mit Wandmalereien gesehen hat. Sie gab mir eine definitive Antwort, die mich überraschte. Sie führte uns bergauf und wir fanden drei Höhlentempel. In den Höhlentempeln, die von uns mit den Nummern 1, 2 und 3 bezeichnet werden, gibt es schöne Wandmalereien. Diese Entdeckung war sehr interessant. Inzwischen sind zehn Jahre vergangen. Wir haben nach der Hirtin gesucht, sie aber leider nicht gefunden. Sie war eine mysteriöse Person bei der Entdeckung der drei Höhlentempel. Man sagt, dass sie eine Göttin sei, die uns ein Zeichen gegeben habe.“)

Diese ausfindig gemachten Wandmalereien, die etwa im 11. Jahrhundert geschaffen wurden, haben eine längere Geschichte als die in den buddhistischen Klöstern in den Guge-Ruinen. Sie sind im Kaschmir-Kunststil geschaffen und erhalten. Wir können sagen, dass sie typische Werke der Höhlentempelkunst in Westchina sind.

Archäologen fanden auch große Paläste im Donggar- und Piyang-Ruinengebiet. Manche Höhlen sind eingestürzt, nur 1000 Höhlen sind gut erhalten. Gestützt auf diesen großen Höhlenkomplex und schöne Wandmalereien stellen die Professoren Huo Wei und Li Yongxian eine neue Theorie auf: Während der Guge-Periode gab es zwei Reiche — das Südliche und das Nördliche Reich. Sie glauben, dass in einer bestimmten Zeit Donggar-Piyang auch ein politisches, kulturelles und religiöses Zentrum wie das Guge-Reich war.

(Der Kommentar von Huo Wei: „Diese Theorie stützt sich auf zwei Punkte. Der erste Punkt ist, dass wir bei der langjährigen Untersuchung der Donggar-Piyang-Ruinen feststellten, dass es hier eine große Zahl von buddhistischen kulturellen Relikten gibt. Sie haben einen hohen künstlerischen Wert. Falls das Donggar-Piyang-Gebiet kein Machtzentrum gewesen wäre, es dort nicht viele menschliche Arbeitskräfte gegeben hätte, das Gebiet nicht groß genug gewesen wäre und keine große Bevölkerungszahl gehabt hätte, hätte die Kultur nicht ein solch hohes Niveau erreichen können.

Der zweite Punkt ist ein Forschungsergebnis der internationalen Tibetologie. Ein italienischer Gelehrter kommentierte ein im 15. Jahrhundert verfasstes Werk mit dem Titel ,Die Geschichte des Guge- und des Burang-Reiches', das von einem Jünger Zongkapas, des Begründers des Tibetischen Buddhismus, verfasst wurde. Es heißt in diesem Buch, dass Donggar und Piyang zu den frühesten Festungen in der ersten Regierungsperiode des Guge-Reiches zählten. Zwischen dem 12. und dem 14. Jahrhundert kam es zu einer großen Spaltung in der königlichen Familie, die zur Gründung eines Südlichen und eines Nördlichen Reiches führte. Das Südliche Reich befand sich am Südufer des Langchen Khabab-Flusses, Zentren waren das Tholing-Kloster und Drabrang. Das Nördliche Reich befand sich am Nordufer des Flusses und sein Zentrum war Donggar-Piyang. Viele Zeremonien wie Krönungsfeierlichkeiten und Hochzeitfeiern der königlichen Familienangehörigen fanden in Donggar-Piyang statt.“)

Die darauffolgenden Tage waren die schwierigsten Zeiten für unsere Untersuchungstätigkeiten.

Tsergang, das in Tibetisch „Ein dorniges Gebiet“ bedeutet, ist nur sechs Kilometer von den Guge-Ruinen entfernt. Wir gaben uns große Mühe, um dieses Gebiet zu erreichen.

Die letzte Wegstrecke war so uneben, dass wir zu Fuß gehen mussten. In der Wüste mit einer Höhe von 4500 m war die Sonne erstickend heiß.

Wir hatten Hunger und Durst. Plötzlich entdeckten wir einige von Menschenhand geschaffene Höhlen an einer Bergwand. Nachdem wir mit einem Teleskop diese Höhlen beobachtet hatten, entdeckten wir einen farbigen Schimmer in einer ziemlich großen Höhle. Wir wanderten durch einen Engpass und traten in die Höhle ein. Alle waren über die Wandmalereien in der Höhle erstaunt.

Es handelt sich um einen Höhlentempel, ein Drittel des Tempels ist eingestürzt. An der Südwand ist eine Wandmalerei mit dem Sakyamuni-Bild und zwei Buddhabildern. An den zwei anderen Seiten der Höhle gibt es Malereien von Mandalas (das buddhistische Weltmodell).

(Der Kommentar von Zhang Jianlin: „Die Entdeckung dieser Höhle ist eine wichtige Entdeckung während der diesmaligen Untersuchung, weil nur wenige buddhistische Höhlentempel im Bezirk Ngari im Westteil Tibets entdeckt worden sind. Die typischen Bauten sind die Donggar-Piyang-Ruinen, die Guge- und Katserpurin-Ruinen. Die Entdeckung dieser Höhle füllt eine Lücke, weil sich ihre Struktur von der Struktur der Höhlen in anderen Gebieten unterscheidet. Es gibt zwei Nischen an jeder Seite. Ihre Struktur ist eigenartig und wir wissen nichts von ihrer Funktion. Die Farben der Wandmalereien, die der Wind- und Regenerosion und starken ultravioletten Strahlen ausgesetzt waren, wurden beschädigt. Dies half uns aber, Entwurfslinien (Linien unter den Farben) zu studieren.

Diese Entwurfslinien können in verschiedenen Weisen gezogen werden. Die hier angewandte Weise wurde bisher nicht festgestellt. Die Linien wurden mit einem Gerät wie „Modou“ (Tuschgefäß zum Schwärzen einer Zimmermannsschnur) gezogen. Alle Linien waren mit rotem Lehm und strikt nach den Maßen, die in einem buddhistischen Werk ,Maße für das Malen von Buddhaabbildern' festgelegt werden, gezogen. Dieses Werk wurde im 12. oder 13. Jahrhundert geschaffen. Es ist ein inhaltsreicher Klassiker über die Maße für das Malen von Buddhaabbildern.“)

In der Umgebung der Guge-Ruinen befinden sich das Tholing-Kloster, die Doshan-Burg, die Shang Purint-Ruinen und 20 weitere historische Relikte. Da all diese Stätten im Binnenland des Plateaus liegen, sind sie unzugänglich für Untersuchungen. Wir waren glücklich, diese Höhlen entdeckt zu haben. Aber niemand weiß, wie viele weitere Relikte der Guge-Kultur in der schneebedeckten Region unentdeckt bleiben.

Die Guge-Kultur, die reich und entwickelt war, ging unter der heißen Sonne, die auf die tibetische Geschichte strahlte, verloren: Die Flucht des Tubo-Königs Gyide Nyimagon, das blutende Haupt von Yeshi-Os, der der Verbreitung des Buddhismus sein Leben widmete, und die reuigen Tränen des gestürzten Guge-Königs Drashi Dsagbade.

Das Rätsel des Guge-Reiches soll eines Tages gelöst werden. Das Guge-Reich spielte eine wichtige Rolle in der tibetischen Geschichte und soll mehr als eine vage Vorstellung sein. Die Höhlengruppen sehen wie die Augen der Guge-Bewohner aus. Es scheint, als ob sie darauf warten würden, dass man das Rätsel des Guge-Reiches löst.

 

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