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Zu groß, zu schnell

China bemüht sich, seine rapide Urbanisierung unter Kontrolle zu bringen, weil Experten vor Ressourcenmangel und Umweltproblemen in übergroßen Städten warnen.

Von Feng Jianhua

Seit Mitte der 1990er fegt eine Woge der Urbanisierung mit der rapiden Wirtschaftsentwicklung über China hinweg. Viele Städte beginnen, den Menschen aus ländlichen Gebieten, die nach einer Arbeit suchen, ihre Tore zu öffnen.

Die Regierung plante eigentlich, kleine und mittlere Städte als die wichtigsten Gebiete der Urbanisierung zu entwickeln. Doch die Wanderarbeiter strömten meistens in große Städte, was wirtschaftliche und gesellschaftliche Probleme sowie gravierende Umweltprobleme mit sich brachte. Die Situation in den Großstädten wie Beijing, Tianjin, Shanghai, Chongqing und Shenzhen ist besonders schlimm. Beispielsweise ist die Erdoberfläche in Shanghai aufgrund des Baus von Hochhäusern seit den 1990ern jährlich um 1 Zentimeter gesunken, und dies hat das U-Bahnnetzwerk und die strukturelle Integrität von Hochhäusern beeinträchtigt.

Angesichts der zunehmenden Probleme haben einige Großstädte begonnen, Maßnahmen zu ergreifen, um die Schwelle für den Eintritt in die Stadt zu erhöhen oder ihre Tore für Auswärtige zu schließen. Diese Handlungsweise läuft aber der Urbanisierungsstrategie des Landes zuwider und wird von der Öffentlichkeit in Zweifel gestellt.

Zunehmende Beschwerden

Als ein Vorläufer der Öffnung und Reform Chinas hat Shenzhen, eine Stadt, die an Hong Kong grenzt, zahlreiche junge Leute angezogen. Sie kommen nach Shenzehn, um einen Arbeitplatz zu finden und nach ihrem Glück zu suchen.

Dank seiner Öffnung hat Shenzhen viele Wunder in seiner Wirtschaftsentwicklung vollbracht. Es ist jedoch für viele Menschen überraschend, dass diese Stadt im August 2005 plötzlich ihr Tor zuschlug.

Im April 2005 betrug die Bevölkerung Shenzhens nahezu 12 Mio., davon waren 1,65 Mio. lokale Einwohner und 10,25 Mio. registrierte Auswärtige. Die Hälfte der Bevölkerung ist eine Wanderbevölkerung, die weniger als ein Jahr lang in der Stadt gewohnt hat. Eine so große Wanderbevölkerung zu verwalten ist eine riesige Herausforderung für Shenzhen.

Die Erfahrungen der westlichen Länder zeigen, dass eine 3 Mio. Bevölkerung zählende Stadt normalerweise über 100 Jahre braucht, um sich zu einer Stadt mit einer Bevölkerung von 10 Mio. Menschen zu entwickeln. Aber Shenzhen, eine 30 Jahre alte Stadt, macht diesen Sprung in nur einem Jahrzehnt.

Nach der Stadtplanung sollte Shenzehn in den 1980ern eine Bevölkerung von 800 000 Menschen haben. Im 10. Fünfjahresplan (2001-05) der Stadt wurde ihre Bevölkerungszahl auf 4,8 Mio. beschränkt. Heute, mit dem Zustrom von 12 Mio. Menschen in die Stadt, sind Krisen aufgetaucht.

Ein gravierendes Problem ist die Wasserversorgung. Shenzhen ist eine der sieben wasserarmen Städte Chinas, deren Pro-Kopf-Besitz an Süßwasser nur einem Viertel des Landesdurchschnitts entspricht. Selbst wenn die Zahl ihrer ansässigen Bewohner im Jahr 2010 7,5 Mio. betragen würde, wird die Stadt noch mit einem Wassermangel von 1,6 Mrd. Kubikmetern pro Jahr konfrontiert sein.

Die Stadtregierung ist sich völlig über die ernste Lage im Klaren und rechnet damit, dass die zukünftige Entwicklung Shenzhens auf vier Krisen – Verminderung der Bodenressourcen, Wasser- und Energiemangel, Überbevölkerung und Schwächung der Umweltbelastbarkeit – stoßen wird.

Shenzhen, eine der ersten Wirtschaftssonderzonen Chinas, ist ein Testballon für die Reform- und Öffnungspolitik. Die Sorgen, die Sehnzehn heute hat, sind wahrscheinlich die zukünftigen Plagen vieler anderer Städte. Wie Shenzhen diese Probleme bewältigen wird, ist von großer Bedeutung für andere Städte Chinas.

Mitte August 2005 unterbreiteten 40 Stadtbürger Beijings auf einer Sitzung der Arbeitsgruppe für die Ausarbeitung des 11. Fünfjahresplans (2006-10) der Stadt Vorschläge darüber, wie das Bevölkerungswachstum ihrer Stadt unter Kontrolle zu bringen ist. Das am häufigsten erwähnte Mittel ist die Reduzierung der Zahl der Einwanderer.

Den jüngsten Bevölkerungsstatistiken der Stadtregierung zufolge ist die Bevölkerungszahl Beijings von 4,2 Mio. im Jahr 1949 auf 14,93 Mio. im Jahr 2004 gestiegen, eine Zunahme um nahezu 200 000 Menschen pro Jahr. Die Überbevölkerung hat die Wasserversorgung, die Bodennutzung, den Verkehr und die Umwelt der Stadt schwer belastet.

Städte, die mit einem rapiden Bevölkerungswachstum und einem Ressourcenmangel konfrontiert sind, sind momentan zwar noch in der Minderheit, aber sie werden in sichtbarer Zukunft immer mehr sein, wenn die Bevölkerung in China nicht effektiv kontrolliert wird.

Ausweg

Mit der Wirtschaftsentwicklung seit der Einführung der Reform- und Öffnungspolitik im Jahr 1978 haben die Wanderarbeiter eine immer größere Freiheit für die Fluktuation. Die Expansion der Stadtbevölkerung und die Verschlimmerung der Probleme in den Städten sind zu einem normalen Phänomen geworden.

Huang Ke, Forscher des Instituts für Weltgeschichte der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften, zufolge hat die Fluktuation in China noch nicht ihren Höhepunkt erreicht. Er sagte, die optimale Gesellschaftsstruktur solle eine Gesellschaft sein, in der die Menschen am meisten im Tertiärsektor, weniger im Sekundärsektor und am wenigsten im Primärsektor arbeiteten. Nach den internationalen Praktiken sollte der Anteil der landwirtschaftlichen Bevölkerung an der gesamten Bevölkerungszahl bei weniger als 5% und der derjenigen, die in dem Dienstleistungssektor arbeiteten, bei mehr als 70% liegen, fügte er hinzu. Dem chinesischen statistischen Jahresbuch zufolge lag der Anteil der Menschen, die im Primär-, Sekundär- bzw. Tertiärsektor arbeiten, im Jahr 2002 bei 50%, 21,4% bzw. 28,6%. Daher werde China, von diesem Entwicklungstrend aus gesehen, mit einer noch stärkeren Fluktuation der Arbeitskräfte konfrontiert sein, so Huang.

Einige Lokalregierungen sind auf diese Entwicklung jedoch unvorbereitet. Die vorhandenen infrastrukturellen und öffentlichen Einrichtungen der Städte und ihre Verwaltungsvorschriften für die Wanderbevölkerung entsprechen nicht der Realität der starken Fluktuation. Viele Lokalregierungen pflegen, die Wanderbevölkerung mit administrativen Mitteln wie der Erlaubnis für befristeten Aufenthalt zu verwalten. Es ist für viele Städte notwendig, neue Methoden für die Lenkung der Fluktuation der Arbeitskräfte anzuwenden.

Ma Xiaohe, Direktor des Instituts für Wirtschaftsentwicklung bei der Staatlichen Kommission für Entwicklung und Reform, sagte, die großen und mittleren Städte hätten eine größere Anziehungskraft als die kleinen: mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, ein höheres Einkommensniveau und bessere Infrastruktur und öffentliche Dienstleistungen.

Dieser Unterschied ist auf die Investitionspolitik der Regierung zurückzuführen. Die meisten öffentlichen Investitionen fließen in der Periode des rapiden Wirtschaftswachstums in große Städte. Beispielsweise beträgt die Bevölkerung Beijings zwar nur mehr als 1% der gesamten Bevölkerung des Landes, aber seine Finanzausgaben machen 2,7% der gesamten Ausgaben des Landes aus.

Reflexion

Chinas rapides Wirtschaftswachstum ist seinem außergewöhnlichen Urbanisierungsprozess zu verdanken. Mit einem Anteil der urbanisierten Gebiete von weniger als 40% hat sich China ein ehrgeiziges Ziel gesetzt, bis zum Jahr 2050 den Anteil auf 75%, das gegenwärtige Niveau der entwickelten Länder, zu erhöhen. Das heißt, dass China innerhalb von 40 bis 50 Jahren ein Urbanisierungsniveau, das die entwickelten Länder in 300-400 Jahren erreichen konnten, erreichen wird.

Dem Bericht über die Verschmutzungskontrolle der chinesischen Städte, der vom Entwicklungshilfeprogramm der Vereinten Nationen (UNDP) und einigen chinesischen Forschungsinstituten gemeinsam veröffentlicht wurde, zufolge zählen einige chinesische Großstädte zu den am schwersten verschmutzten Städten der Welt.

Obwohl energische wirtschaftliche Maßnahmen zur Bekämpfung der Verschmutzung ergriffen worden sind, „sind Chinas Städte am rauchigsten und staubigsten in der Welt“, heißt es im Bericht. Die Luftverschmutzung ist in den übergroßen Städten viel ernster als in den kleinen und mittleren Städten.

Deshalb drücken einige Experten ihren Zweifel aus. Ist China auf dem richtigen Weg zur Urbanisierung gewesen? Ist der Anteil von 75% die beste Wahl für die Urbanisierung in China?

Diese Zweifel wurden Anfang Oktober 2005 von hochrangigen Beamten Chinas bestätigt. Qiu Baoxing, stellvertretender Bauminister, gab auf einer Konferenz zu, dass es Probleme im Urbanisierungsprozess gebe, wie z. B. verschwenderische städtische „Image-Projekte“, übermäßige Erschließung von Ressourcen und unvernünftige und ungeordnete Entwicklung der Infrastruktur. Noch unrealistischer sei, dass mehr als 100 der 661 chinesischen Städte danach strebten, eine internationale Metropole zu werden.

Chen Bojun, stellvertretender Rektor der Akademie der Sozialwissenschaften der Stadt Chengdu, sagte, dass China momentan den gleichen Weg, den die westlichen Länder in ihrem Anfangsstadium gegangen sind, gehe und in diesem Prozess zu hohe wirtschaftliche und gesellschaftliche Kosten zahle.

Die Landbevölkerung mache zwei Drittel der gesamten Bevölkerung Chinas aus. Es sei unmöglich für China, in kurzer Zeit seine Probleme in den ländlichen Gebieten durch die Urbanisierung zu lösen, so Chen. Um eine nachhaltige Entwicklung zu verwirklichen, müsse China seinen Schritt zur Urbanisierung verlangsamen und der Entwicklung der städtischen Wirtschaft und der der ländlichen Wirtschaft gleichen Wert beimessen, fügte Chen hinzu.

„Chinas Urbanisierung ist zu schnell und folglich riskant, da sich die städtische Wirtschaft zu schnell entwickelt und die ländliche Wirtschaft weit dahinter zurückbleibt“, sagte Chen abschließend.


 

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