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Eine von Wind und Wetter gegerbte Kirche

Die Geschichte einer von Deutschen gebauten protestantischen Kirche in Qingdao bietet ein Bild der Entwicklung des Christentums im modernen China.

Von Yan Wei

Li Hong, eine mittelaltrige Frau und eine fromme Christin, ist in einer Christenfamilie in der Stadt Qingdao, Provinz Shandong, geboren. Ihr Großvater war ein Missionar.

Nachdem China seine Reform- und Öffnungspolitik Ende der 1970er eingeführt hatte, hat sich die Situation der Christen und anderer religiöser Gläubiger allmählich verbessert, da die Glaubensfreiheit, die in die Verfassung eingeschrieben wurde, in die Tat umgesetzt worden ist. Darüber hinaus ziehen die christlichen Gottesdienste immer mehr Gläubige an.

Li arbeitet in der vom Staat sanktionierten Jiangsulu-Kirche in Qingdao. Am Morgen eines Sonntags im Mai beschäftigte sie sich mit der Vorbereitung für eine Hochzeit, die in dieser schönen alten evangelischen Kirche, einem beliebten Veranstaltungsort für Hochzeitsfeiern, stattfinden sollte. Allein im Mai wurden an jedem Sonntag in dieser Kirche Hochzeitsfeiern, am höchsten acht Hochzeitsfeiern an einem Tag, veranstaltet.

Eine geöffnete Kirche

Die Jiangsulu-Kirche befindet sich an der Jiangsulu-Straße im Südteil der Stadt Qingdao, einer Hafenstadt mit einer Bevölkerung von über 8 Mio. an der östlichen Küste Chinas, ungefähr in der Mitte zwischen Beijing und Shanghai.

Von einem deutschen Architekten konstruiert, wurde diese Kirche im Jahr 1908 gebaut und zwei Jahre später fertiggestellt. Im Jahr 1992 wurde sie in die Liste der von der Provinzregierung schwerpunktmäßig geschützten historischen Kulturstätten aufgenommen.

1999 wurde diese Kirche der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. „Außer der Abhaltung des Gottesdienstes ist die Kirche noch eine Attraktion für in- und ausländische Touristen“, sagte Dong Yanliang, Präsident des Qingdaoer Christenvereins, der zeitweise Predigt in der Jiangsulu-Kirche hält. „Sie ist die erste Kirche in China, die den Touristen zugänglich gemacht wurde“, so Dong.

Dong zufolge hatte die Jiangsulu-Kirche einen identischen Zwilling in Deutschland, der während des Zweiten Weltkriegs zerstört wurde. „Daher ist sie wertvoll und attraktiv für die Besucher“, sagte Dong weiter.

Ursprünglich habe es keine Bauten um die Kirche herum gegeben, sagte Dong. Auf einem kleinen Berg im alten Stadtzentrum stehend und dem Meer gegenüberliegend, hat die Kirche eine schöne Aussicht.

Die Kirche hat eine Baufläche von 1300 qm und bietet Platz für 1400 Personen. An der Spitze des 36 m hohen Glockenturms gibt es eine riesige Uhr. Da Uhren im alten China selten waren, verließen sich die Bewohner, die in der Nähe der Kirche lebten, auf diese Uhr, um die Zeit zu vergleichen. Die Kirche ist deshalb für ihren Glockenturm unter den Einheimischen bekannt.

Die Jiangsulu-Kirche ist ein Zeuge der Entwicklung des Christentums in Qingdao.

Die Küstenstadt Qingdao wurde im Jahr 1897 von Deutschen erobert. Anfang der 1920er stand sie unter der Kolonialherrschaft. Weil der Gouverneur der Stadt ein Mitglied der Deutschen Lutherischen Kirche war, ließ er eine Kirche für die deutschen Christen bauen. In den folgenden Jahren veranstalteten der deutsche Gouverneur und andere deutsche Persönlichkeiten, die in Qingdao lebten, oft Versammlungen in der Jiangsulu-Kirche. Nachdem Deutschland eine Niederlage im Ersten Weltkrieg erlitten hatte, wurde diese Kirche für 40 000 US$ an Amerikaner verkauft. Die Letzteren wandelten sie in eine „internationale Kirche“ für alle Ausländer in Qingdao um.

Die Kirche wurde nach der Gründung der Volksrepublik China im Jahr 1949 geschlossen. Während der „Kulturrevolution“ wurde sie zu einem Teil einer medizinischen Akademie und wurde schwer beschädigt. Die Buntglasfenster der Zentralhalle wurden zerstört. Die Taufwaschbecken an der linken Seite der Plattform und die Orgeln im ersten Stockwerk sind heute nicht mehr vorhanden.

Im Jahr 1979 wurde die Kirche dem Qingdaoer Christenverein zurückgegeben. Der Christenverein ließ sie im darauffolgenden Jahr umfassend renovieren. Inzwischen sind die zerstörten Glasfenster wiederhergestellt, die Innenwände wieder weiß angestrichen, die Hängelampen repariert und neue Kirchenbänke hinzugefügt worden.

Die Kirche stellte im November 1980 den Gottesdienst offiziell wieder her. Sie war die erste Kirche in der Provinz Shandong, die nach der „Kulturrevolution“ wieder eröffnet wurde. „Über 500 Gläubige nahmen damals am Gottesdienst teil“, sagte Dong. „Sie waren sehr begeistert, viele von ihnen wurden zu Tränen gerührt.“

„Nette Leute“

Dong zufolge gibt es heute etwa 60 000 Christen in Qingdao. Unter ihnen gibt es Lehrer, Ärzte, Unternehmer und Manager. Die Zahl der Christen steigt jährlich um 2000.

Dong sagte, dass viele Gläubige, insbesondere junge Leute, aus Christenfamilien stammen. Sie betrachteten die Verehrung von Jesus als eine Familientradition. Auch der Einfluss des Westens sei ein wichtiger Faktor, fügte er hinzu. Dank der schnellen Verbreitung von Informationen durch Medien können sich die Chinesen leicht mit der westlichen Kultur vertraut machen. Sie hätten häufiger individuelle Kontakte mit ausländischen Christen, sagte Dong weiter.

Außerdem habe man mit der rapiden Entwicklung der Wirtschaft Chinas und der Verbesserung der Lebensqualität der Stadtbevölkerung einen wachsenden Bedarf am geistigen Streben, so Dong. Viele bekannten sich zum Christentum, um sich zu vervollkommnen, fügte Dong hinzu.

Miao Shuyuan, eine pensionierte Arbeiterin, ist ein Gemeindemitglied der Jiangsulu-Kirche. Sie begann Ende der 1970er, als die „Kulturrevolution“ zu Ende ging, sich für das Christentum zu interessieren. „Ich verabscheue Aufruhr und liebe Frieden und Stabilität“, sagte sie.

Sie begann, die Bibel, die sie sich von ihrem Nachbarn geliehen hatte, zu lesen, und war von einem Gefühl des Friedens überwältigt, obwohl sie dieses heilige Buch nicht ganz verstehen konnte. Damals ging sie nicht oft in die Kirche, da die Kirche nicht viele Aktivitäten organisierte und die meisten Kirchenbesucher alte Leute waren.

Im Jahr 2000 ging Miaos Tochter zum Studium ins Ausland. Unterdessen interessierte sie sich für die westliche Kultur, einschließlich des Christentums. Sie schlug ihrer Mutter vor, das Christentum gewissenhaft zu studieren. Ermutigt von ihrer Tochter, nimmt Miao jetzt regelmäßig am Gottesdienst in der Jiangsulu-Kirche teil.

Miao sagte: „Ich hatte früher alle meine Beschwerden schlucken müssen, jetzt kann ich zu Gott beten. Ich kann für viele Probleme eine Lösung in der Bibel finden.“

In diesem atheistischen Land machen die Christen nur einen geringen Anteil an der Gesamtbevölkerung aus. Yang Bai, eine junge Frau und ein Mitglied des Kirchenchors, sagte, dass die Mitglieder ihrer Familie, egal ob sie Atheisten oder Christen seien, sie alle unterstützten, wenn sie zu Hause die Bibel lese oder am Gottesdienst in der Kirch teilnehme, weil sie glaubten, dass alle Kirchgänger nette Leute seien.

Yang zufolge finden an jedem Freitag in der Jiangsulu-Kirche eine Versammlung von jungen Leuten statt, in der die Teilnehmer, einem Priester folgend, die Bibel in Englisch laut lesen. Es gibt in der Kirche eine englische Gruppe, ihre Mitglieder sind meistens chinesische Kirchgänger, die sich für Englisch interessieren, und ausländische Studenten.

Dong, der aus einer Christenfamilie von sechs Generationen stammt, sagte, dass sich der Christenverein immer darum bemühe, einen Beitrag zur Gesellschaft zu leisten. Beispielsweise spende er jährlich Kleidungsstücke und Bettdecken für arme Gebiete in der südwestchinesischen Provinz Guizhou. Er unterstütze finanziell zwei Grundschulen und ein Autismusrehabilitationszentrum. Jedes Jahr empfange die Kirche Delegationen aus Dutzenden von Ländern, die u. a. Politiker, Geschäftsleute, Professoren und Touristen umfassten, fügte Dong hinzu.

Dong erhielt seine Bildung am Ostchinesischen Theologischen Seminar und an der Kopenhagen-Universität in Dänemark und arbeitet seit 1989 im Qingdaoer Christenverein.

Er sagte, er sei von dem Wandel, der sich in der Jiangsulu-Kirche in den letzten Jahren vollzogen habe, tief beeindruckt. In Zukunft werde die Kirche noch besser mit der lokalen Gemeinschaft auskommen. Er fügte hinzu, dass der Aufbau der Jiangsulu-Kirche zu einer beliebten Kirche eine heilige Mission seiner Kirche sein werde.


 

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