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Was is(s)t China?

Von Maarten Gassmann

Sicherlich kann man ganz einfach sagen: China ist das Land mit der größten Einwohneranzahl der Erde, das Land mit dem größten Wirtschaftswachstum aller Volkswirtschaften, die aufstrebende Macht in Fernost. China ist das Land des Lächelns, wenn man Franz Lehár glauben darf, so betitelte er zumindest seine Oper im Jahre 1923, und seitdem hat sich der Begriff in Deutschland und sicherlich in der ganzen westlichen Welt als synonym für das Reich der Mitte etabliert. (Zhong Guo), eben das Reich der Mitte heißt das Land in seiner eigenen Sprache, dessen Faszination seit den ersten Berichten von Marco Polo aus dem 13. Jahrhundert - ob diese nun der Wahrheit entsprechen oder nicht - seit mehr als 700 Jahren ungebrochen scheint.

In Deutschland kennt man China natürlich meist nur aus dem Restaurant, in jeder größeren Stadt findet sich mindestens ein chinesisches Restaurant und meist unzählige China-Imbisse. Der Chinakenner weiß, das Essen dort hat wenig mit der großen kulinarischen Vielfalt in China zu tun. Aber was passiert, wenn man hierher kommt, wie es in den letzten Jahren immer mehr Menschen tun, ob als Tourist, Studierender, Geschäftsreisender oder gar als Arbeitnehmer? Da steht man nun am Flughafen in Beijing oder Shanghai, einen Arbeitsvertrag in der Tasche. In einem Land, das so verschieden ist von dem, was man kennt, in dem soviel geschieht, von dem man als Außenstehender nichts versteht.

Nach sechs Monaten in Beijing gibt es Tage, an denen man das Gefühl hat, man versteht die Menschen und ihr Handeln, man versteht, wie hier alles funktioniert. Doch meist genau in den Augenblicken ist eben nicht so. Ein Freund hat mal gesagt: China kennt man am besten an dem Tag, an dem man aus dem Flugzeug steigt, vielleicht hat er Recht. Je mehr man erfährt und erlebt, desto rätselhafter werden die Dinge. Oft kommt man sich vor wie der sprichwörtliche Elefant im Porzellanladen, die Feinheiten des gesellschaftlichen Miteinander sind zu verschieden, als dass man sich einfach so anpassen kann. Wenn wir mit Menschen sprechen und agieren, reagieren wir intuitiv, nach bestimmten Mustern, die wir unserer Sozialisation nach als richtig und angemessen erachten. Ob es nun um Blickkontakte geht oder um die Gesprächsführung, wir tun das alles, ohne dabei wirklich über uns nachzudenken. Aber genau das funktioniert nicht mehr, wenn man in der Fremde ist, so ist zum Beispiel ein sehr direkter Augenkontakt in China kein Zeichen von Vertrauen und Verständnis wie in den meisten europäischen Ländern, sondern eher ein Merkmal für aggressives und viel zu direktes Verhalten. Chinesen tendieren nicht dazu, direkt ihre Wünsche und Sorgen zu äußern, sondern versuchen, meist anhand von Andeutungen oder Parabeln, den Gesprächspartner zum Ziel, also zur eigentlichen Botschaft zu führen. Diese grundsätzlich verschiedenen Verhaltensweisen können hin und wieder zu Irritationen und Verwirrung von Deutschen und Chinesen führen.

Diese Verwirrung und Irritation lässt sich oft durch ein gemeinsames Essen mit den chinesischen Freunden und Geschäftspartnern lösen. Denn wo kann man sicher besser kennen lernen als bei einem guten Essen? Und wo kann man mehr über die Seele und die Kultur eines Landes lernen, wenn nicht in ihren Töpfen und Pfannen - und in China gibt es viel Kulinarisches zu entdecken. In einem Land mit einer Nord-SüdAusdehnung von 4500 km, einer West-Ost- Ausdehnung von 4.200 km und einem subtropischen und tropischen Klima im Süden, einem kontinentalen Klima im Norden, einem Steppenklima im Westen und dem Hochgebirgsklima in Tibet, ist es nicht verwunderlich, dass man nicht von einer chinesischen Küche sprechen kann, denn eine Peking Ente hat sicherlich nicht viel gemein mit einer Haifischflossensuppe aus Kanton oder einem Feuertopf aus Sichuan. Es kommt auch nicht von irgendwo her, das sich viele Chinesen mit dem Satz „Ni chi guo le ma“ begrüßen, was auf Deutsch soviel heißt wie: Hast du schon gegessen?

Wenn man geschäftlich oder beruflich in China unterwegs ist, wird man feststellen, dass Essen eine zentrale Rolle in der Unterhaltung von Gästen besteht und die chinesischen Gastgeber immer alles daran setzen werden, ihre Gäste zufrieden und glücklich zu machen. Für die deutschen Gäste, gerade wenn sie zum ersten Mal zu so einem Essen eingeladen sind, wird einiges anders sein als bei einem typisch deutschen Geschäfts- oder Festessen. Dass Essen ein wichtiger sozialer Anlass ist, der gemeinsam begangen wird, wird schon daran deutlich, dass im Gegensatz zur Art und Weise, wie in Deutschland Speisen präsentiert werden, in China diese nicht für jeden einzelnen Gast auf einen Teller serviert werden, sondern alle Gerichte auf große Teller oder in Schalen mitten auf den Tisch gestellt werden, von denen sich jeder gleichberechtigt bedienen kann. Auch ist es eher typisch, dass der Gastgeber alle Gerichte aussucht und nicht wie in Deutschland jeder Gast eine Karte bekommt. In der chinesischen Küche geht es um Ausgeglichenheit zwischen den verschiedenen Komponenten. Sicher ist dies für viele Europäer und damit auch für viele Deutsche ungewohnt, da sie daran gewöhnt sind, ihr Essen immer selber auszusuchen, aber es gibt sicherlich auch etwas Gutes daran, dass man keinen Einfluss auf die Speisenauswahl hat. Viele Restaurants bieten mehr als einhundert verschiedene Speisen an - sicherlich ein schwieriges Unterfangen für einen ungeübten China -Reisenden, Speisen zu finden, den Geschmack treffen, und die Gerichte so zusammenzustellen, dass sie eine Harmonie bilden. Angst vor Speisen, die man als Europäer nicht kennt, wie zum Beispiel Fischköpfe, Hühnerfüße oder manchmal auch Skorpione, muss man in den meisten Fällen nicht haben, viele Chinesen sind sicher durchaus darüber bewusst, dass Ausländer einen anderen Geschmack und eine andere kulinarische Erziehung haben, und werden darauf achten, nicht all zu „fremde“ Speisen zu bestellen.

Und natürlich: In China isst man mit Stäbchen, für viele Ausländer ist das etwas Neues oder zumindest Ungewohntes. Essen mit Stäbchen muss man lernen, und keiner wird es komisch finden, wenn man anfangs nicht so geschickt ist, nach einiger Zeit üben und kleckern wird es einem aber sogar gelingen, den weichen, schmackhaften Mapo Doufu ohne Probleme mit den Stäbchen genüsslich zu verzehren.

Wenn man dem bekannten deutschen Gourmet und Kritiker Wolfram Siebeck glauben darf, halten die Deutschen bei Tisch immer den Mund, obwohl Essen der beste Gesprächsstoff ist. Sicherlich ist es so, dass in Deutschland Essen, gerade wenn Sie in einem geschäftlichen Umfeld stattfinden, eher formal und zum größten Teil schweigend verbracht wird. In China hingegen scheinen am Tisch fast alle Hierarchien zu verschwinden, und es wird gesprochen, über Arbeit und Familienleben, neugierig nach den Gewohnheiten der Heimat der Gäste gefragt, oft viel getrunken und gelacht. Man muss keine Angst davor haben, sich zu beteiligen, Essen ist ein internationales Thema, an dem jeder teilhaben kann. In diesem Sinne Guten Appetit und "Manman chi".


 

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100037 Beijing, Volksrepublik China