Tibetische Sitten und Gebräuche

Wie auch alle anderen ethnischen Gruppen haben die Tibeter ihre eigenen Sitten und Gebräuche, die von Region zu Region und von Nationalität zu Nationalität unterschiedlich sein können.

Zeremonie bei der Geburt

„Pangsai“ heißt die traditionelle Zeremonie, die in Tibet nach der Geburt eines Kindes stattfindet. „Pan“ bedeutet das Geflügel und „Sai“ heißt, von etwas gereinigt zu werden. Somit bedeutet der Name soviel wie „vom Geflügel gereinigt bzw. befreit werden“.

Tibetische Kinder

In dem Glauben der Tibeter kommen neugeborene Kinder neben einer Art von Geflügel auf die Welt und in einer Zeremonie sollen sie von ihnen befreit und gereinigt werden, damit die Mütter sich schnell erholen und die Kinder gesund heranwachsen können. Zeremonien wie diese haben sich aus über 1500 Jahre alten Ritualen der Bon-Religion entwickelt, die ursprünglich genutzt wurden, um Gott anzubeten.

Am vierten Tag nach der Geburt eines Mädchens bzw. am dritten Tag nach der eines Jungens findet das Ritual mit der als gyido-Gemeinschaft zusammenhaltenden Hausgemeinschaft, die Geschenke wie z.B. Qingke-Gerstewein, Buttertee, Fleisch, Butter und Kleider für das Neugeborene bringt, statt. Sobald sie das Haus betreten, präsentieren sie dem Baby und seinen Eltern die traditionellen Hadas. Es folgen Toste, die Geschenkübergabe, und eine genaue Betrachtung des Kindes und gute Wünsche auf die Familie. Einige Familien geben als Zugabe noch ein Pfannkuchenfestmahl um die Gäste zu unterhalten.

Den Neugeborenen werden die Namen erst am Ende der Zeremonie gegeben. Normalerweise wird zur Namensfindung ein Lebender Buddha oder ein angesehener Alter aus dem Dorf eingeladen, nicht selten geben aber auch die Eltern ihren Kinder die Namen selbst. Unabhängig davon, wer dem Kind den Namen gibt, beinhaltet die Bedeutung des Namens die guten Wünsche und Hoffnungen der Eltern für ihr Baby.

Wenn das Kind ungefähr einen Monat alt ist, findet ein weiteres Ritual an einem für das Baby glückverheißenden Tag statt. Bevor man aus dem Haus geht, wird die Nase des Kindes mit schwarzer Asche bedeckt, um alles Böse abzuwehren. Traditionell wird das Kind dann zu einem Tempel gebracht, um Buddha anzubeten und um das Neugeborene zu segnen.

Tibetische Namen

Menschen aus Tibet haben oft nur einen Vornamen, der aus zwei oder vier Wörtern bestehen kann, jedoch keinen Nachnamen. Die meisten ihrer Namen stammen aus buddhistischen Schriften, symbolisieren oft Fröhlichkeit oder Glück, und so kommt es, dass viele Tibeter die gleichen Namen haben, zum Beispiel Tashi Phentso oder Jime Tsering. Um sie dennoch leichter unterscheiden zu können, fügt man vor den Namen „der alte“, „der junge“, den Charakter der Person, den Geburtsort, den Wohnort oder den Titel ein.

Hochzeitsfeier

Es gibt verschiedene Hochzeitsbräuche in Tibet, die von Region zu Region unterschiedlich sind.

Eine typische tibetische Hochzeitsfeier

Die erste Voraussetzung, wenn ein Paar heiraten will, ist, dass sie nicht miteinander verwandt sind, wohl aber das gleiche traditionelle Horoskop haben. Die Familie des Mannes hält an einem wohlgewählten Tag bei der Familie der Frau um ihre Hand an. Symbolisch werden ihren Eltern Geschenke, darunter u. a. Kleidung, Essen, Getränke und traditionelle Hadas, überreicht, und erst wenn diese die Geschenke entgegennehmen, gilt der Antrag als angenommen. Zur Verlobung bekommt die Brautfamilie dann noch ein sogenanntes „Milchgeld“, als Dank für das Auf- und Erziehen des Mädchens.

Das Fest wird von der Familie des Bräutigams organisiert, ausnahmsweise aber auch von der Brautfamilie, die aber dann von seiner Familie unterstützt wird. Am Abend vor der Hochzeit veranstaltet die Familie der Braut eine Abschiedszeremonie für sie. Zu diesem Anlass kommen zwei oder drei Vertreter des Bräutigams, um die Braut zu begrüßen, und bringen neben Geschenken, wie z.B. Hadas, Zanbakuchen, Vorderbein eines Hammels, Kleidung und Geld, auch ein festliches geschmücktes Pferd mit.

Während des Rituals sitzt die Braut in der Mitte und wird von ihren Eltern, Verwandten und den Vertretern des Bräutigams flankiert. Nachdem diese ihre Geschenke überreicht haben, kommen die Mitglieder der gyido und weitere Freunde und Verwandte. Am Ende des Rituals findet ein großes Fest statt, das bis in den nächsten Morgen hineingeht.

Die Mitgift und Geschenke für die Familie des Bräutigams werden den Vertretern mitgegeben. Dies können wertvolle Schmuckstücke oder aber tägliche Gebrauchsgegenstände wie z.B. Kleidung, Decken, Getreide, Fahrräder, Nähmaschinen usw. sein. Am nächsten Morgen wird die Braut verabschiedet. Um den Geldzufluss für die Familie zu garantieren, geht in diesem Moment jemand traditionell in dem Haus der Braut hin und her und hält dabei farbenfrohe Pfeile und eine Milchkanne in der einen und einen Lammschenkel in der anderen Hand. Den Legenden zufolge wird die Familie, wenn jemand heiratet, ein Vermögensverlust treffen, und dieses Ritual dient dazu, dieses Unglück abzuwehren.

Wenn die Braut bei der Familie des Mannes ankommt, wird eine Willkommenszeremonie für sie veranstaltet. Das Haus wird schön geschmückt und weiße und schwarze Steine werden auf jeweils eine Seite des Hauses gestellt. Zu diesen gehen die Gäste, legen einen Hada-Schal auf den weißen Stein und zerstören den Schwarzen. Dazu rufen sie laut: „Oh, für dich! 39 Städte, 99 Abhänge, segne uns!“ bzw. „Ich bin die Reinkarnation des Buddha der zehn Orte. Der schwarze Adler wird getötet werden!“

In dem Haus sitzt das Brautpaar in der Mitte, umgeben von seinen Eltern und Verwandten, Mitgliedern der Familiengemeinde und der Hochzeitsgesellschaft. Familienmitglieder und Freunde der Braut singen Loblieder auf den Buddhaschrein, Buddhastatuen, Hauspfeiler und Weinkrüge und präsentieren Hadas.

Dann folgt die offizielle Hochzeitszeremonie. Es werden viele Geschenke, für die Braut und den Bräutigam, für die beiden Familien und den Buddhaschrein, ausgetauscht. Diese Geschenkrituale dauern einige Tage an und so kann eine Hochzeitszeremonie nicht selten länger als drei, fünf, sieben oder zehn Tage anhalten.

Erwachsenwerden

Wenn ein tibetisches Mädchen 16 Jahre alt ist, veranstaltet ihre Familie ein Fest für sie, das sie symbolisch zur Erwachsenen macht. An diesem glücklichen Tag laden ihre Eltern noch ein weiteres Mädchen des gleichen Alters ein, und die beiden tragen ihre Haare in zwei Zöpfen, was die Heiratsfähigkeit der Mädchen symbolisiert. Dazu tragen sie Patsu und den farbenfrohen Bangdian-Rock. Nachdem ihr einige Hadas als Geschenke überreicht worden sind, geht das Mädchen mit drei oder vier Verwandten zum Tempel, um zu Buddha zu beten. Wenn sie zurückkommen, werden die Gäste zu einem großen Festessen geladen, und nach der Zeremonie ist es dem Mädchen erlaubt, Kontakte zu Männern aufzunehmen und zu heiraten.

Tabu

Die tibetischen Menschen sind lebensfroh, optimistisch, ehrlich, offen, höflich und humorvoll. Sie lieben es, Witze zu machen, und sind sehr gesellig. Jede Angelegenheit ist willkommen, um mit Freunden, Verwandten oder Nachbarn zu feiern, zu trinken, zu lachen oder einfach nur zu reden. Trotzdem gibt es einige Tabus, die man unbedingt beachten, respektieren und einhalten sollte.

Wenn man in das Haus oder Zelt eines Tibeters eingeladen wird, so darf man niemals auf die Schwelle der Tür treten. Will man jemanden ansprechen, so muss man unbedingt ein „La“ hinter ihren oder seinen Namen setzen, um seinen Respekt auszudrücken.

Bietet ein Tibeter einen Platz an, so setzt man sich mit gekreuzten Beinen hin und streckt ihm nicht die Beine und Füße entgegen.

Bekommt man Geschenke, so nimmt man diese mit beiden Händen entgegen, sowie man auch Geschenke, die man überreichen will, mit beiden Händen über dem Kopf abgibt.

Wenn der Gastgeber einen Toast ausspricht, sollte der Gast die Spitze seines Fingers in sein Getränk tunken und es dann hoch in die Luft, vor sich und auf den Boden spritzen, um den Respekt für den Himmel, die Erde und die Vorfahren zu zeigen. Dann trinkt man sein Weinglas zwei mal aus und lässt sich jedes Mal vom Gastgeber wieder nachfüllen. Der Ablauf dieses Rituals wird drei Mal wiederholt, bis man aufgefordert wird, das gesamte Glas zu leeren.

In die Hände klatschen und spucken wird von den Tibetern als sehr, sehr unhöflich erachtet.

Auch wenn sich zwei Freunde nach langer Zeit wiedertreffen, berührt man den anderen nicht mit seiner Hand auf der Schulter.

Pfeifen und lautes Rufen wird als sehr unhöflich erachtet.

Bei dem Besuch eines Tempels oder Klosters sollten das Rauchen, das Anfassen der Bilder und der religiösen Gegenstände sowie das Fotografieren unterlassen werden. Mit Ausnahme der Bonklöster sollten Tempel im Uhrzeigersinn umrundet werden. Das Gleiche gilt auch für Stupas, Manisteine usw.

Geier werden von den Tibetern als heilige Tiere angesehen, deshalb sollte man sie in Ruhe lassen und sie nicht vertreiben oder verletzen.

Neben diesen gibt es viele weitere Sitten und Bräuche, die von den einzelnen ethnischen Gruppen bewahrt werden.

Einzigartige Bräuche

Die Moinba

Die Frauen aus der Moinba

Die Moinba sind im landschaftlich sehr reizvollen Süden des Autonomen Gebiets Tibet beheimatet und sind politisch, kulturell und wirtschaftlich den Tibetern sehr ähnlich.

Besonders bekannt sind die Moinba für ihre schönen Melodien und Klänge, und ihre Liebeslieder sind zur natürlichen Verbindung zwischen zwei Verliebten geworden.

In der Wahl ihrer Ehepartner sind die Moinba sehr frei, auch Eheschließungen mit Tibetern ist keine Seltenheit. Sie wählen ihre Partner nach emotionalen Gesichtspunkten, und nicht nach Ansehen, Rang oder Wohlstand, aus.

Viele Moinba bekennen sich zu dem tibetischen Buddhismus, trotzdem ist auch der jahrhundertealte Geister- und Hexenglaube in einigen Gebieten noch immer stark vertreten. Ihre Toten werden entweder auf dem Wasser oder in der Erde begraben, nicht selten aber auch einfach unter freiem Himmel an den „Himmel übergeben“.

Die Lhoba

Ein Jäger (l.) aus der Lhoba

Das Gebiet der Lhoba liegt im Südosten Tibets. Die Bevölkerung der Lhoba hat verschiedene Riten, durch die sie die Zukunft vorhersagen und Prophezeiungen machen können.

So wird zum Beispiel den Tieren die Leber herausgenommen und die Farbe, Gestalt und die Verfassung der Blutgefäße geprüft. Verdunkelte Blutgefäße verheißen ein schlechtes Omen. Als weitere Möglichkeit kann man Eier untersuchen, die gekocht und zerkaut werden. Diese zerkauten Eier werden über Bananenblätter verteilt und Vorhersagungen wird abhängig von der Größe des zerkauten Eigelbs gemacht.

Die Menschen der Lhoba haben eine sehr einzigartige Art, ihre Toten zu bestatten: Sie hängen die verstorbene Person in einer fötusähnlichen Stellung in einem Rattankorb an einen Baum. Legenden zufolge hat die Seele so die Möglichkeit, direkt ins Paradies zu kommen und schnell wiedergeboren zu werden.

Es folgen einige Riten, in denen der Seele der schnellste Weg ins Paradies geebnet werden soll. Nach drei Tagen verlassen die Freunde und Bekannte den Toten mit den Worten: „Wir haben unser Bestes getan, um dich zu retten, aber wir haben es nicht geschafft. Sei nicht traurig, dass du alleine weitergehen musst. Was nun zählt, ist, dass du den besten Weg ins Paradies findest. Geh nun, und sei nicht traurig!“

Om Mani Pedme Hum

Om Mani Pedme Hum, oder auch Om Mani Pedme Hung, ist das bekannteste Mantra in Tibet, das aus dem Buddhismus rezitiert, auf Steine gemalt oder in Steine geritzt wurde.

 

Ein Mani-Steinhaufen in Tibet

Die meisten der Tibeter sind Buddhisten und glauben an das Cherenzi-Mantra, das negatives Karma verschwinden lassen kann und hilft, aus dem Sündenleiden herauszukommen und das Buddhadasein zu erreichen. Die gängigen Praktiken sind, das Mantra laut oder leise zu sprechen, die Gebetsmühle zu drehen und das Mantra in Steine zu ritzen.

Die Frage, was das Mantra ist, kann nicht leicht beantwortet werden, weil man das Mantra nur ganz schwer in andere Sprachen übersetzen kann.

Die erste Silbe, Om, symbolisiert den eigenen unreinen Körper, Seele und Geist, sowie den puren, reinen Körper des Buddha. Der Buddhismus besagt, dass ein unreiner Körper in einen reinen verwandelt werden kann, so wie auch Buddha einst selbst durch das Entfernen der negativen Eigenschaften die Erleuchtung auf seinem Weg gefunden hat.

Mani, ein Edelstein, symbolisiert die Größe des Mitgefühls und der Liebe, die selbstlose Absicht erleuchtet zu werden.

Padme verweist auf die Lotusblume: In Dreck gewachsen, aber nicht mit Dreck beschmutzt und bedeckt, versinnbildlicht die Lotusblume die Eigenschaften von Weisheit.

Die letzte Silbe, Hum, bedeutet die Untrennbarkeit, symbolisiert die Reinheit und kann durch die Einheit von Weg und Weisheit erreicht werden.

 
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