Eine vergessene alte Straße

Ein alter Weg und eine gut erhaltene historische Stadt in Südwestchina haben touristisches Potential.

Von Li Qian

Die Seidenstraße ist weltbekannt, die alte Tee-Pferde-Straße kennt jedoch kaum jemand, obwohl sie eine Reisestrecke, die so alt wie die erstgenannte gewesen ist. Obwohl sie eine wichtige Rolle in der historischen Entwicklung der chinesischen Nation spielte, ist sie mit der Entwicklung der modernen Zivilisation allmählich vergessen worden. Im Zuge des blühenden Tourismus in den Provinzen Yunnan und Sichuan sowie im Autonomen Gebiet Tibet sind Erinnerungen an diese alte Reiseroute, die für die Verbreitung von Zivilisation bekannt war, wieder wachgerufen worden.

Der berühmte chinesische Soziologe Fei Xiaotong äußerte, dass es unter den verschiedenen Nationalitäten in Westchina zwei Verbindungswege für den Wirtschafts- und Kulturaustausch gegeben habe: Einer war die Route am Oberlauf des Gelben Flusses, die im heutigen Autonomen Gebiet Ningxia der Hui-Nationalität und in der Provinz Gansu liegt; der andere war im Einzugsgebiet der sechs Flüsse in den Provinzen Yunnan und Sichuan sowie im Autonomen Gebiet Tibet. Ersterer war als die „Seidenstraße“ bekannt und letzterer als „alte Tee-Pferde-Straße“.

Die Tee-Pferd-Straße diente als eine Pferdekarawanen-Route für den internationalen Handel in Südwestchina und war ebenfalls ein Korridor für den Wirtschafts- und Kulturaustausch zwischen den Nationalitäten in Westchina. Die Entstehung der Straße hängt mit dem alten Markt für Tee- und Pferdehandel entlang der südwestlichen Grenze Chinas zusammen. Dieser begann in den Dynastien Tang und Song (618-1279), entwickelte sich weiter schwungvoll in den Dynastien Ming und Qing (1368-1911) und erreichte seinen Höhepunkt während des 2. Weltkrieges.

Untersuchungen zufolge hatte diese Straße zwei Hauptrouten in ihrer langen Geschichte herausgebildet: eine begann in einem bekannten Teeanbaugebiet, heute Xishuangbanna und Simao in der Provinz Yunnan, verlief dann durch Dali und Lijiang in Nordwestyunnan, durch Tibets Qamdo und Nyingchi, erreichte schließlich Lhasa und ging dann nach Süden weiter bis zu süd- und westasiatischen Ländern, darunter Myanmar, Nepal und Indien; die andere begann im heutigen Ya’an in der Provinz Sichuan, verlief durch Liangshan, Lijiang, Diqing und Tibet und erreichte schließlich Nepal und Indien.

Sie war eine Verkehrsroute, die die Han und die Tibeter verband, und ein alter Reiseweg für den Warentausch in den weltweit höchstgelegenen und gefährlichsten Gebieten. Sie war mit dem Leben und den Fußstapfen von Menschen und Pferden gepflastert worden. Entlang dieser Straße brachten Pferdekarawanen kontinuierlich alltägliche Artikel wie Tee, Zucker und Salz nach Tibet, die gegen Pferde, Rinder, Schafe und Pelze getauscht wurden Daher nannten Experten diese Straße, die den Verkehr zwischen der Han- und der  tibetischen Bevölkerung vergrößerte, „die alte Tee-Pferde-Straße“. Als eine Passage der Kommunikation zwischen der chinesischen und der ausländischen Kultur stellte sie eine Brücke zwischen der chinesischen und der indischen Zivilisation dar.

Mehr als 2000 Jahre lang spielte die alte Straße bei der Vorantreibung der wirtschaftlichen und kulturellen Erschließung des südwestchinesischen Grenzgebietes, bei der Förderung des Austausches und der Kooperation zwischen den verschiedenen nationalen Minderheiten und mit anderen Ländern und Regionen und bei der Aufrechterhaltung der politischen Stabilität und der Einheit der verschiedenen Nationalitäten im Grenzgebiet eine wichtige und einzigartige Rolle.

Ein Ort von strategischer Wichtigkeit

Als der Dreh- und Angelpunkt des Verkehrs zwischen Yunnan, Sichuan und Tibet ist Dayan, die historische Stadt in Lijiang und ein Weltkulturerbe, ein Ort von strategischer Wichtigkeit an der alten Tee-Pferde-Straße.

Lijiang liegt im Hengduan-Gebirgsgebiet (eine Reihe von parallelen Bergzügen, die in Nord-Süd-Richtung durch Sichuan, Yunnan und Tibet verlaufen), einem Übergangsgebiet zwischen dem Qinghai-Tibet-Plateau und dem Yunnan-Guizhou-Plateau in Höhe von 2400 m über dem Meeresspiegel. Aufgrund seines milden Klimas können Geschäftsleute aus den gemäßigten und den tropischen Zonen sich der lokalen Umwelt leicht anpassen.

Der tibetische Buddhismus verbreitete sich nach Lijiang nicht weiter südwärts, während der Buddhismus und der Taoismus nach ihrer hiesigen Ankunft sich nicht weiter nach Norden verbreiteten. Daher wurde Lijiang ein Ort, wo der tibetische Buddhisums, der Buddhismus, der Taoismus und die lokale Dongba-Religion sich vermischten.

Die meisten Güter wurden zuerst nach Lijiang gebracht und dann von hier weiter zu ihren Zielorten. Während des 2. Weltkrieges war Lijiang eine Transferstation und ein Sammel- und Verteilungszentrum für Tee, Zucker, Seidenwaren und Alltagsartikel aus Südchina; Pelze, Gebirgsprodukte und medizinische Materialien aus Tibet; britische Teppiche, Zigaretten und Safran aus Sri Lanka sowie einheimische Produkte wie Reiswein, Glasnudeln, Leinen, Pelzprodukte und Kupfer- und Silberwaren.

Schätzungen von Experten zufolge wurden jährlich 40% der Produkte, die von 25 000 Pferden entlang dieser Straße von Yunnan nach Tibet getragen wurden, nach Lijiang gebracht, was die Prosperität Lijiangs zu jener Zeit zeigt. Im 2. Weltkrieg gab es in Lijiang viele kleine Woll- bzw. Baumwollstrickereiwerkstätten. Schöne westliche Schuhe und Socken sowie Sportprodukte, die aus lokalen Stoffen gemacht wurden, waren in vielen Läden zu sehen. Es gab Mitte der 1940er mehr als 1200 Geschäftsleute und 110 Läden in Lijiang.

Die Entstehung und die Entwicklung Lijiangs standen in engem Zusammenhang mit der alten Tee-Pferde-Straße. Ohne die Prosperität dieser Straße hätte es keine ruhmvolle historische Stadt Lijiang gegeben, die heute eine weltbekannte gut erhaltene Kulturstadt mit historischem Aussehen und Charakter ist.

Eine einzigartige Touristenveranstaltung fand im Mai 2002 in Lijiang statt. Als Hufschläge und der Klang von Glocken wieder in der alten Stadt gehört wurden, waren die Menschen begeistert, dass sie noch den Glanz und die historische Atomsphäre der alten Tee-Pferde-Straße empfinden konnten.

In Dayan sind Werkstätten, Läden, Gaststätten für Pferdekarawanen und der Heumarkt unversehrt erhalten worden. Auf den mit bunten Steinplatten gepflasterten Straßen finden sich immer noch Hufabdrücke. Zusätzlich zu den großen Lederwerken gibt es noch einige kleine Werkstätten. Wie Suzhou, eine weitere historische Kulturstadt in der Provinz Jiangsu, erfreut sich Dayan ebenfalls einer schönen Szenerie mit fließenden Wasserwegen und kleinen Brücken, deren Aussehen sich allerdings von dem der Brücken im Suzhou unterscheidet. Um beladenen Pferden und Maultieren den Übergang zu erleichtern, gab es auf den Brücken keine Stufen, lediglich eine leichte geneigte glatte Oberfläche. Viele steinerne Bogenbrücken in diesem Stil finden sich heute noch auf der Straße von Dayan. Alte Häuser, die die Baustile der Han, Bai, Tibeter und Naxi vereinen, sind hier überall zu sehen. Einige davon sind ehemalige Residenzen von reichen Geschäftsleuten, die hier Tee- und Pferdehandel trieben. All dies spiegelt eine starke kulturelle Atmosphäre, geprägt von Tee und Pferden, wider. In den Straßen und Gassen, die zu den alten Residenzen führen, kann man immer noch die melodiösen Glocken und das Schlagen von Metall in den Werkstätten für Kupfer- und Silberwaren hören.

Viele Gegenstände, die von den Pferdekarawanen benutzt wurden, werden heute in den lokalen Museen aufbewahrt. In den ländlichen Gebieten von Lijiang gibt es noch große Karawanen, die Handel treiben, und eine traditionelle Handelsmesse für Pferde, Maultiere und Materialien findet immer noch zweimal pro Jahr statt.

Die alte Tee-Pferde-Straße integrierte Chinas schönste Landschaftsgebiete und Orte von kulturellem Interesse. Sie kann wie Shangri-La erschlossen werden. So wird Lijiang zweifelsohne allmählich die wichtigste internationale Touristenstadt entlang dieser alten Straße werden.