Shannan (Lhoka)

Geographie und Ressourcen

Das Gebiet Shannan des Tibetischen Autonomen Gebiets liegt zwischen 90°14' und 94°22' östlicher Länge und zwischen 27°08' und 29°47' nördlicher Breite, und zwar am Mittel- und Unterlauf des Yarlung Zangbo-Flusses südlich der Gangdise- und Nyainqentanglha-Bergkette auf dem Qinghai-Tibet-Plateau. Es grenzt im Norden an Lhasa, die Hauptstadt des Autonomen Gebiets, im Westen an das Gebiet Xigaze, im Osten an das Gebiet Nyingchi und im Süden an Indien und Bhutan. Mit einer Fläche von 73 500 km² (einschließlich des von Indien besetzten Gebiets südlich der „McMahon-Linie“) macht es etwa ein Fünfzehntel der Gesamtfläche des Tibetischen Autonomen Gebiets Chinas aus. Es verfügt über eine mehr als 600 km lange Grenze. Deshalb hat es eine sehr wichtige strategische Position im Südwesten Chinas.

Das Gebiet Shannan in Süd-Tibet ist ein typisches Bergland mit vielen Schluchten. Es fällt von West nach Ost allmählich ab. Im Durchschnitt liegt es etwa auf 3700 m Höhe. Der Yarlung Zangbo-Fluß, der als der „Mutterfluß der Tibeter“ bezeichnet wird, fließt von West nach Ost durch die Kreise Nanggarze, Konggar, Zhanang, Nedong, Sangri, Qusum und Gyaca. Der Abschnitt in Shannan ist 424 km lang. Außerdem gibt es in Shannan 41 Flüsse mit einem Einzugsgebiet von 38 000 km², die zwischen hohen Bergen im Süden Tibets fließen, und 88 Seen in verschiedener Größe wie Yamzhog Yumco, Lhamola Co, Chigu Co und Puma Yumco, die wie grüne Edelsteine zwischen den hohen Bergen leuchten.

Im Gebiet Shannan herrscht das trockene Klima der gemäßigten Zone. Die durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge beträgt weniger als 450 ml. Die Regensaison konzentriert sich auf die Zeit von Juni bis September. Die Sonnenscheindauer pro Jahr beträgt 2600-3300 Stunden, die Jahresdurchschnittstemperatur 6°C-8,8°C, wobei die höchste Temperatur bei 31°C und die niedrigste Temperatur bei -37°C liegt. Die durchschnittliche Windgeschwindigkeit beträgt etwa 3 m/Sekunde und maximal 17 m/Sekunde. Mit starken Winden muß man hauptsächlich in der Zeit von Dezember bis März rechnen.

Shannan weist reichhaltige Flora und Fauna auf. Es ist eines der wichtigsten Getreide- und Ölpflanzenanbaugebiete Tibets. Hier werden Kulturen wie Hochlandgerste, Weizen, Saubohne, Erbse, Mais, Buchweizen und Raps, Gemüsearten wie Rüben, Kartoffel, Kohl, Paprika, Bohne, Tomate und Kürbis und Obstsorten wie Äpfel, Birnen, Walnüsse, Pfirsiche und Trauben angebaut. Shannan ist auch reich an wilden Pflanzen. Allein an Heilkräutern gibt es mehrere hundert Arten. Die Bekanntesten sind Chinesischer Raupen-Pilz, Fritillaria, Salbei, Radix Angelicae, Codonopsis pilosula, Bocksdorn, Rhabarber und Saussuren involucrata. Zu den wichtigsten Baumarten gehören Pappel, Weide, Lärche, Chinesische Hemlocktanne, Tanne, Zypresse und Birke.

In Shannan werden Ziegen, Schafe, Hausrinder, Yaks, Pferde, Esel, Maultiere, Schweine, Hühner, Enten usw. gezüchtet. An Wildtieren gibt es staatlich geschützte Tiere wie Kraniche mit schwarzem Hals, Argalis, wilde Yaks und Tibetische Antilopen und Wasserrehe sowie Hirsche, Mongolische Gazellen, Vorderindische Gaurs, Bären, Leoparden, Affen, Luchse, Otter, Schneeschweine, Schneehühner, Wildenten, Schwäne, Eidechsen, Fische usw.

Bisher sind in Shannan viele Mineralien wie Chrom, Gold, Kupfer, Eisen, Antimon, Blei, Zink, Mangan, Glimmer, Kristall, Jade und Marmor entdeckt worden. Davon beträgt das bekannte Chromvorkommen 5 Mio. Tonnen und macht 35-45% des gesamten Chromvorkommens des Landes aus. Der durchschnittliche Erzgehalt von Chrom beträgt über 45%. Damit ist Shannan das wichtigste Chromerz-Abbaugebiet Chinas.

Dank der zahlreichen Flüsse und Seen verfügt Shannan über sehr reiche Wasserressourcen. Die Wassermenge der Seen beträgt 17 Mrd. m³, der Gletscherbestand etwa 1 Mrd. m³, die Grundwassermenge etwa 23 Mrd. m³ und die durchschnittliche jährliche Flußwassermenge 55,02 Mrd. m³. Theoretisch gibt es im ganzen Gebiet Shannan eine Wasserkraftreserve von 35,1 Mio. kW, von denen bisher 18 300 kW erschlossen sind und genutzt werden. Am Yamzhog Yumco arbeitet ein Pumpspeicherkraftwerk, und die Oiga-Wasserkraftstation ist fertiggestellt. Damit ist der Engpaß in der Stromversorgung in Lhasa und seiner Peripherie entspannt worden. Darüber hinaus gibt es beträchtliche Möglichkeiten, die Sonnen- und Windenergie zu nutzen.

Shannans zahlreiche historische und kulturelle Relikte, ausgeprägte ethnische Traditionen, schöne Landschaftsstriche, einzigartige natürliche und künstliche Sehenswürdigkeiten ziehen Jahr für Jahr viele chinesische und ausländische Touristen an. 1988 wurde dem Einzugsgebiet des Yalong-Flusses in Shannan als erstem Gebiet in Tibet vom Staatsrat der Titel eines Landschafts-Schutzgebiets verliehen.

Ethnische Gruppen, Bevölkerung und administrative Gliederung

In Shannan leben 14 ethnische Gruppen wie Tibeter, Han, Menba und Luoba. Von der gesamten Bevölkerungszahl (305 800) dieses Gebiets machen die Tibeter 97,7%, die Menba, die hauptsächlich in Legbo des Kreises Cona leben, 0,22%, die Luoba, die hauptsächlich die Gemeinde Doyü des Kreises Lhünze bewohnen, 0,03% und die Han, die hauptsächlich in den Bezirks- bzw. Kreisregierungsorten leben, 2,04% aus.

In Shannan gibt es zwölf Kreise, davon sind vier Grenzkreise (Cona, Lhünze, Nanggarze und Lhozhag). Den Kreisen unterstehen 6 Distrikte, 144 Gemeinden, 2 Marktflecken auf Gemeindeebene, 5 Einwohnerkomitees und 719 Dorfbewohnerkomitees, davon 71 Landwirtschaftsgemeinden, 18 Viehzuchtgemeinden und 57 Gemeinden, die sich sowohl mit Ackerbau als auch mit Viehzucht beschäftigen.

Religion

Wie in den anderen Gebieten Tibets bekennen sich die meisten Bewohner in Shannan zum Tibetischen Buddhismus. Die religiöse Überzeugung der Bevölkerung wird voll respektiert, die religiösen Aktivitäten werden durch die Verfassung der Volksrepublik China und die Gesetze des Staates und des Tibetischen Autonomen Gebiets geschützt, die Menschen genießen volle Glaubensfreiheit. Zur Zeit gibt es in Shannan 251 Tempel und andere religiöse Kultstätten wie Lhakang und Rizui, in denen die Leute in ausreichendem Maße ihre Religion praktizieren können. Um zu gewährleisten, daß die Gläubigen und Geistlichen rechtmäßige Kultstätten für ihre religiösen Aktivitäten haben, hat der Staat 16,16 Mio. Yuan in die Renovierung der Tempel und den Schutz historischer Denkmäler investiert. Die während der Kulturrevolution zerstörten Tempel und Klöster sind im wesentlichen wiederhergestellt worden.

Geschichte

Shannan liegt im Einzugsgebiet des Yalong-Flusses und hieß früher Yalong. Historischen Aufzeichnungen, Volkserzählungen und zahlreichen archäologischen Entdeckungen zufolge siedelten sich die Vorfahren der tibetischen Nationalität bereits vor etwa 4 Mio. Jahren im Einzugsgebiet des Yalong-Flusses an. Eine Parzelle, die im Dorf Sari bei Zetang liegt und „Sodang“ heißt, soll das erste Stück Ackerland in Tibet gewesen sein.

Als die Vorfahren des Gebiets Yalong mit dem Ackerbau begannen, bildete sich allmählich ein Stamm heraus. Nitri Tsampo, der erste tibetische König zu Beginn des 2. Jahrhunderts v. Chr., war in Wirklichkeit der Häuptling des Yalong-Stammes. Er gründete das Königreich Bo und etablierte das System der königlichen Erbfolge. In der Regierungsperiode des 8. Königs Zhigung begann man, königliche Mausoleen zu bauen. Damals war der ehemals matriarchalische Yalong-Stamm patriarchalisch geworden.

Während der Herrschaft des 9. Königs Bode Gunggyai wurden die Bauern zusammengefaßt und mußten Wassergräben bauen, die Bergwasser ins Flachland leiteten. Sie erschlossen Felder und benutzten erstmals Holzpflüge. In der Zeit des 11. Königs Yishiuli wurde die Größe eines Landstückes, das mit zwei Ochsen an einem Tag bestellt werden kann, als die Flächeneinheit für Ackerland festgelegt. Die Anzahl des Viehs wurde mit dem Maß „Tui“ berechnet, und man benutzte Gewichts- und Mengenmaße. In der Zeit vom 9. König Bode Gunggyai bis zum 15. König Yishiuli wurden in Qingyu (heute Kreis Qonggyai in Shannan) im Einzugsgebiet des Yalong-Flusses nacheinander sechs Paläste wie Darze und Guize erbaut, und Qonggyai wurde zur Hauptstadt des Yalong-Stammes bestimmt. In der Regierungsperiode des 28. Königs Lhatotori Nyitsang verbreitete sich der Buddhismus im Einzugsgebiet des Yalong-Flusses. Der König bezeichnete die von Mönchen aus „Tianzhu“ (Indien) mitgebrachten buddhistischen Schriften und Kultgeräte als „Nyingbo Sangwa“ (im Tibetischen „Verschlußsachen“) und ließ sie im Palast Yumbolhakang aufbewahren. Das war der Beginn der buddhistischen Schriften und Kultgeräte in Tibet.

Etwa im 6. Jahrhundert begann im Einzugsgebiet des Yalong-Flusses die Sklavenhaltergesellschaft. Damals verhüttete man bereits Eisen, Kupfer und Silber und stand am Anfang der Metallwaffenproduktion im großen Stil, um Vorbereitungen für die Gründung des Tubo-Reiches durch den 30. König Dari Nyizai zu treffen. Der 31. König Namri Lungtsang, Sohn von Dari Nyizai, setzte das Werk seines Vaters fort, indem er die Nachbargebiete annektierte und sein Territorium ständig expandierte, so daß der Yalong-Stamm der stärkste Stamm in Tibet wurde. Mitte des 7. Jahrhunderts startete der 32. König Songzain Gambo, mit viel Talent und Weitblick, vom Einzugsgebiet des Yalong-Flusses aus eine Expedition, besiegte die anderen Stämme wie Supi und Yamtong und dann alle Gegner in den Nachbargebieten, vereinigte auf diese Weise das Qinghai-Tibet-Plateau und gründete das bekannte Tubo-Reich. Er verlegte die Hauptstadt von Qonggyai nach Lhasa. Auf der von Songzain Gambo persönlich gezeichneten „Tubo-Landkarte“, die wie die schlafende Göttin Raksasi aussieht, liegt Meinyu von Shannan auf der linken Handfläche von Raksasi. Die Gemeinde Changzhug des Kreises Nedong war das Herrschaftszentrum. Obwohl das politische und militärische Zentrum Tibets in den Norden verlegt worden war, nahm Shannan, der Herkunftsort der Tubo-Dynastie, nach wie vor seine spezielle wichtige Position ein.

In der Blütezeit des Tubo-Reiches wurden im Einzugsgebiet des Yalong-Flusses und entlang des Yarlung Zangbo-Flusses viele Bewässerungsanlagen gebaut, und in den Landwirtschaftsgebieten wurden allgemein Yaks und Pferde als Zugtiere eingesetzt, so daß sich die Produktionsbedingungen verbesserten und die Getreideproduktion beträchtlich gesteigert werden konnte. Seitdem ist Shannan die „Kornkammer“ Tibets. Viele ehemalige Mitglieder des königlichen Hauses lebten weiterhin in Shannan. Auch die Könige kamen oft von Lhasa nach Shannan zurück. Nachdem die Prinzessinnen Wen Cheng und Jin Cheng der Tang-Dynastie (618-907) mit Tubo-Konigen verheiratet worden waren, lebten sie zuweilen in Shannan. Der 35. König Tride Tsetsang ließ in der heutigen Gemeinde Pozhang des Kreises Nedong eigens einen Palast für die Prinzessin Jin Cheng bauen. Seine Ruinen stehen noch heute. Aus Verbundenheit mit dem Einzugsgebiet des Yalong-Flusses, dem Herkunftsort der Tubo-Dynastie, ließen die Tubo-Könige aller Generationen ihre Mausoleen in der Nähe des Moru-Gebirges im Kreis Qonggyai errichten.

In der Periode der Tubo-Dynastie verrichteten die Könige in Shannan oft Staatsgeschäfte. Anfang des 8. Jahrhunderts entstanden in Zhanang Samye, Shannan, zahlreiche Residenzen von Tubo-Königen. Der berühmte tibetische König Trison Detsan wurde dort geboren. Er bestieg im Jahr 755 den Thron und verbrachte den größten Teil der nächsten 40 Jahre im Sanye-Kloster. Als ein frommer Buddhist unterstützte er den Buddhismus tatkräftig und ließ am Fuß des Haberi-Berges das Sanye-Kloster bauen, das erste Kloster Tibets, in dem es Buddhastatuen und Kultgeräte gab und in dem auch Mönche aktiv waren. Sein Bau nahm mehrere Jahre in Anspruch. Er ließ als erster sieben Tibeter tonsurieren, die in der tibetischen Geschichte als die „sieben Buddhisten“ bekannt wurden. Er lud Padmasambhava, einen berühmten indischen buddhistischen Meister, und viele hochgebildete Mönchen aus Indien und dem Tang-zeitlichen China ein. Diese buddhistischen Meister übersetzten im Sanye-Kloster buddhistische Schriften, predigten buddhistische Doktrinen und vervollständigten das buddhistische System, so daß der Buddhismus in Tibet Fuß fassen konnte. Dank der aktiven Befürwortung durch Tride Tsetsang und andere tibetische Könige entwickelte sich der Buddhismus enorm.

Nach dem Verfall der Tubo-Dynastie war Tibet mehr als 400 Jahre lang gespalten. Die jahrelangen Kriegswirren und die ständigen Hungersnöte hatten die landwirtschaftliche Produktion und die Viehzucht in Shannan stark verringert und das Volk in tiefstes Elend gestürzt.

Im Jahr 1253 entsandte der Yuan-König Mongge Truppen nach Tibet, setzte der langjährigen Spaltung Tibets ein Ende und vereinigte Tibet. Tibet wurde zu einer administrativen Region, die der direkten Verwaltung der Zentralregierung der chinesischen Yuan-Dynastie unterstand. Damals wurde Tibet in dreizehn „Wanghu“ (Verwaltungseinheit für 10 000 Haushalte) unterteilt. Shannan war das Territorium von einigen einflußreichen „Wanghu“ wie Pagzhu, Yasang, Yangzhog und Tangbo. Das „Wanghu“ Pagzhu baute in der Zeit des lokalen Sa’gya-Regimes seinen Einflußbereich aus. Im 11. Jahrhundert gründeten Marba, Mita Riba und andere hochgebildete Mönche in Shannan die Gagyu-Sekte. Pagmo Zhuba war ein Zweig der Gagyu-Sekte, der von Dorje Gyibo im Jahr 1156 gegründet wurde.

Im Jahr 1322 wurde Qamgoi Gyaincain zum Vorsteher von Pagzhu. Er ließ Bewässerungsanlagen bauen, den Boden planieren, Dünger sammeln, Wege und alte Häuser instand setzen und die Landwirtschaft und Viehzucht entwickeln, so daß das Einzugsgebiet des Yalong-Flusses wieder aufblühte. Im Jahr 1349 besiegte er nacheinander Zhigung, Chaiba und andere lokale Regimes. Den internen Konflikt des Sa’gya-Regimes ausnutzend, stürzte er im Jahre 1354 dieses lokale Regime um. Er wurde von der Yuan-Dynastie zu einem Beamten ernannt, der für die Angelegenheiten aller lokalen Regimes in ganz Tibet zuständig war. Nachdem er sein Amt angetreten hatte, schaffte er das „Wanghu“-System ab, setzte das feudale System der Landgüter mit Leibeigenen durch, legte „Zong“ (Kreis) als eine grundlegende administrative Einheit fest, errichtete in Nedong, Konggar und anderen Orten dreizehn „Zong“, setzte in jedem „Zong“ einen „Zongboin“ (Kreisvorsteher) ein und belehnte verdienstvolle Beamte mit „Shika“ (Landgut). Zugleich ließ er die Paläste des ehemaligen Pagzhu-Regimes in Nedong ausbauen. Da das Pagmo Zhuba-Regime Nedong zum Regierungszentrum erklärte, wurde es als die Nedong-Dynastie bezeichnet. Deshalb nannte sich Qamgoi Gyaincain auch Nedong-König. Das Pagmo Zhuba-Regime dauerte zwölf Generationen lang und herrschte 262 Jahre in Tibet.

Während der Herrschaft der Gaxag-Regierung (tibetische Lokalregierung in der Neuzeit) wurden unter der Gaxag zwei Verwaltungsebenen eingerichtet: „Gyichio“ (entspricht Bezirken) und „Zong“ (entspricht Kreisen). Dem „Gyichio“ Shannan unterstanden 23 „Zong“, die nach ihrer Größe in drei Klassen unterteilt waren. Das Amt des „Zongboin“ der ersten Klasse wurde von einem geistlichen und einem weltlichen Beamten fünften Ranges und das des „Zongboin“ der zweiten Klasse von einem geistlichen und einem weltlichen Beamten sechsten Ranges oder von ihnen abwechselnd bekleidet, und der „Zongboin“ der dritten Klasse war normalerweise nur ein geistlicher oder ein weltlicher Beamter siebten Ranges. Kurz vor der friedlichen Befreiung Tibets gab es in Shannan 35 „Zong“.

Vom 6. Jahrhundert bis 1959, als die Demokratische Reform in Tibet durchgeführt wurde, verwandelte sich die Gesellschaft in Shannan von einer Sklavenhaltergesellschaft in eine feudale Leibeigenenhaltergesellschaft. In diesem langen historischen Entwicklungsprozeß haben die Bewohner des Einzugsgebiets des Yalong-Flusses mit ihrem Fleiß, ihrem Mut und ihrer Weisheit eine besondere Kultur geschaffen und einen großen Beitrag zur Gründung der einheitlichen Tubo-Dynastie, der Bildung und Entwicklung der tibetischen Nationalität und der Förderung und Festigung des Austausches und Zusammenschlusses der tibetischen Nationalität mit der anderen Nationalitäten in China geleistet.

Von der Periode des Pagmo Zhuba-Regimes an bis hin zur Zeit vor der Demokratischen Reform Tibets herrschte in Shannan eine feudale Leibeigenschaft mit der Theokratie und der Diktatur des geistlichen und des weltlichen Adels. Shannan war das erste Gebiet in Tibet, in dem sich die Sklavenhaltergesellschaft in eine feudale Leibeigenenhaltergesellschaft verwandelte. Die feudale Leibeigenschaft in Shannan war vollständig und kann als stellvertretend für die feudale Leibeigenschaft im ganzen damaligen Tibet betrachtet werden. Die größten und berühmtesten Adligen und Leibeigenenhalter in Tibet wie Soikang, Kemo, Lukangwa, Shoikang und Phodrang hatten alle in Shannan ihre „Shika“ (Landgut). Den Untersuchungen während der Demokratischen Reform zufolge besaßen die Beamten, der Adel und die Mönche der Oberschicht — die „drei Arten von Herren der Leibeigenen“, die nur 5% der Bevölkerung von Shannan ausmachten, fast alles Acker- und Weideland sowie das meiste Vieh. Naturgemäß hatten die Leibeigenen und Sklaven kein Acker- und Weideland oder andere Produktionsmittel, sie wurden von Generation zu Generation durch Pachtzinsen, Steuern und Wucher der Leibherren ausgebeutet. Die Leibherren konnten sie nach Gutdünken verkaufen, zur Schuldentilgung abgeben, verschenken oder tauschen. Um die Leibeigenen mit Gewalt und auch ideologisch zu unterdrücken, setzte die herrschende Klasse den Teil der historischen Gesetzbücher ein, der für die Erhaltung der Leibeigenschaft nützlich war, so daß eine Reihe von geschriebenen und ungeschriebenen Gesetzen, die die Regierungsgewalt mit der religiösen Gewalt verbanden, existierte. Es gab keine speziellen Justizorgane zur Vollstreckung der Gesetze. Die Lhogyi, Zongboin, Shinei und Shidui (Besitzer von Landgütern) und die Mönche der Oberschicht in den Klöstern waren alle „Richter“. Ihr Urteilsgrundsatz hieß: „Fische, die keine Haare haben, müssen aufgeschnitten werden; Schafe, die Haare haben, müssen gerupft werden.“ Das bedeutet, daß Leute im Besitz von Geld mit jenem zahlen mußten, für die Sklaven jedoch das Leben an sich Zahlungsmittel war. Daraus ist ersichtlich, daß das Gesetz unter der Leibeigenschaft Tibets in erster Linie für den Erhalt der Ausbeutung und Unterdrückung der Leibeigenen durch die Leibherren benutzt wurde. Die Leibherren durften den Leibeigenen und Sklaven grausame Strafen wie Auspeitschen, Ausstechen der Augen, Abhacken der Hände, Herausziehen der Sehnen und Hautabziehen auferlegen. Neben der gewaltsamen Herrschaft nutzte die herrschende Klasse den Einfluß der Religion unter den Leuten, um diese auch ideologisch zu beherrschen und dadurch den Leibeigenen geistige Fesseln anzulegen. Die Leibeigenen sagten: „Wir sind von unseren Eltern geboren, aber unser Körper und unser Leben gehört den Beamten.“ Das Grundrecht eines jeden Menschen auf Existenz konnte für die Leibeigenen nicht gewährleistet werden.

Am 23. Mai 1951 unterzeichneten die Zentrale Volksregierung Chinas und die ehemalige tibetische Lokalregierung das „Abkommen über die Maßnahmen zur friedlichen Befreiung Tibets“ (Das 17-Punkte-Abkommen). Damit wurde Tibet friedlich befreit, und Shannan schlug wie die anderen Gebiete in Tibet den breiten Weg der Einheit, des Fortschritts und der Entwicklung ein. Seitdem genießen die verschiedenen Nationalitäten Tibets in der großen Gemeinschaft des Mutterlandes voll die Rechte auf die nationale Gleichberechtigung und regionale Autonomie, die Entwicklung der Wirtschaft, Kultur und Bildung, die Verbesserung des Lebensstandards und die Beteiligung am politischen Leben.

1959 wurde die feudale Leibeigenschaft gestürzt und die demokratische Reform durchgeführt. In der Geschichte des Autonomen Gebiets Tibet war dies ein neues Kapitel. Die Werktätigen begannen, das soziale, wirtschaftliche und politische Leben auf staatlicher und lokaler Ebene selbständig zu regeln. Von 1959 bis September 1965, als das Autonome Gebiet Tibet gegründet wurde, haben sich in Shannan gewaltige Veränderungen vollzogen. Beim Wirtschaftsaufbau wurden große Erfolge erzielt. Der gesamte Produktionswert der Industrie und Landwirtschaft stieg jährlich um 9%. Ab 1959 florierten Landwirtschaft und Viehzucht. 1965 betrug der gesamte Getreideertrag 59 Mio. kg, d. h. er war doppelt so hoch wie der von 1959. Der Viehbestand stieg von 1,28 Mio. Tieren 1959 auf 1,6 Mio. im Jahr 1965, im Durchschnitt jährlich um 3,8%. Auch das Finanz-, Kultur-, Bildungs-, Gesundheits- und Postwesen sowie der Handel haben sich schnell entwickelt. Die sechs Jahre der Demokratischen Reform werden von den ehemals Leibeigenen als „Goldene Zeit“ bezeichnet. Nach der Gründung des Autonomen Gebiets Tibet wurde die sozialistische Umgestaltung der Produktionsmittel in den Landwirtschafts- und Viehzuchtgebieten in Shannan, wie auch in ganz Tibet, schrittweise durchgeführt.

(Fortsetzung folgt)