Doppelter Standard

Obwohl sie beide als Mitglieder der „Achse des Bösen“ aufgeführt wurden, sind der Irak und die Demokratische Volksrepublik Korea (DPRK) von den USA unterschiedlich behandelt worden. Warum?

Von Zhou Yihuang

Die UN-Waffeninspektionen im Irak und das DPRK-Nuklearprogramm haben in diesen Tagen für Schlagzeilen auf den Zeitungstitelseiten gesorgt. Obwohl beide in der sogenannten „Achse des Bösen“ aufgelistet worden sind, haben die USA drastisch unterschiedliche Maßnahmen gegenüber den beiden Ländern ergriffen.

Die USA verlegen ihre Truppen in die Golf-Region und es scheint, dass der geplante Krieg gegen Saddam Hussein unmittelbar bevorsteht. Im starken Kontrast hierzu, erklärten sie ihre Bereitschaft mit der DPRK Gespräche zu führen, um die dortige Nuklearkrise friedlich zu lösen. US-Außenminister Colin Powell sagte am 8. Januar, dass ein Abkommen zwischen Washington und Pjöngjang über das Nuklearprogramm der DPRK möglich sei, was eine offizielle Garantie vonseiten der USA beinhalten würde, keinen Militärschlag gegen die DPRK durchzuführen. Der Irak und einige demokratische US-Senatoren warfen der Bush-Administration doppelte Standards vor.

In den 1980ern war der Irak in einen Krieg mit dem Iran verwickelt. Anfang der 1990er fiel der Irak in Kuwait ein, besetzte dieses und bedrohte die Sicherheit anderer Länder in der Region. Nachdem er von den US-geführten Koalitionsstreitkräften besiegt worden war, versprach der Irak der internationalen Gemeinschaft seine Massenvernichtungswaffen zu zerstören. Allerdings hat der Irak nicht gut mit den UN-Waffeninspektoren zusammengearbeitet und diese schließlich aus dem Land getrieben. Die USA vermuten, dass der Irak seine Massenvernichtungswaffen nicht zerstört hat und drohten militärisch vorzugehen, um Saddam Hussein zu entwaffnen. In gewissem Sinn ist der Krieg, den die USA sehr wahrscheinlich gegen den Irak starten werden, eine Fortsetzung des Golf-Krieges von 1990.

Die Situation mit der DPRK unterscheidet sich jedoch hiervon. Die DPRK fiel in kein anderes Land ein. Ganz im Gegenteil, sie ergriff die Initiative, um einen Dialog zu starten und verbesserte die Verbindungen mit der Republik Korea (ROK) und Japan, Alliierte der USA. Sie drückte ebenfalls ihre Absicht aus, die Beziehungen mit den USA wieder in Ordnung zu bringen. Der gegenwärtige Streit zwischen den USA und der DPRK dreht sich darum, wer das Rahmenabkommen von 1994 bezüglich der Nuklearfrage auf der Koreanischen Halbinsel, unterzeichnet von den beiden Seiten in Genf, verletzt hat. Diese Angelegenheit sollte zweifelsohne durch einen Dialog und Verhandlungen gelöst werden.

Der Irak und die DPRK sind in der globalen US-Strategie von unterschiedlicher Bedeutung. Mit seiner Lage im Nahen Osten und seinen riesigen Ölressourcen hat der Irak eine Position von großer strategischer Bedeutung. Nach den Terroranschlägen vom 11. September haben die USA Truppen in Afghanistan, Kirgistan, Usbekistan und Tadschikistan stationiert und Militärberater nach Georgien entsandt. Mit all diesen, zusammen mit den Truppen, die bereits in Saudi Arabien, Bahrain, Kuwait und anderen Ländern des Nahen Osten stationiert sind, wurde kein Ort von strategischer Bedeutung von der Küste des Mittelmeeres bis nach Asien ohne US-Militärpräsenz gelassen. Falls die USA den palästinensischen Führer Jassir Arafat absetzen, Saddam Hussein stürzen und dann eine pro-amerikanische Regierung im Irak unterstützen können, werden sie in der Lage sein, eine US-geführte Ordnung in der ganzen Region zu etablieren.

Tief von der Theorie Halford John Mackinders der auf Land basierenden Macht beeinflusst, die vertritt, dass der Staat, der Eurasien kontrolliert, in der Lage sein wird, die ganze Welt zu kontrollieren, haben die USA seit langem das Kernland des eurasischen Landmassivs im Auge gehabt. Jetzt führen die USA Europa durch die NATO und haben ebenfalls die Dominanz in der asiatisch-pazifischen Region durch ihren Alliierten Japan inne. Falls ihnen ein Durchbruch in Eurasien gelingt, werden sie ihren Traum der Weltführerschaft, indem sie Zentralasien in ihre Einflusssphäre aufnehmen werden, wahr machen können. Da der Irak als eine Hürde auf dem Weg zu ihrem Endziel steht, sind die USA entschlossen, ihn aus dem Weg zu räumen.

Auch wenn die DPRK der östliche Wachposten des kommunistischen Blocks während des Kalten Kriegs war, hat sie nach Beendigung desselbigen strategisch an Bedeutung verloren. Gleichzeitig sind die USA sich darüber bewusst, dass sie die DPRK weder besetzen noch kontrollieren können.

Das geopolitische Umfeld der beiden Länder unterscheidet sich gravierend. Der Krieg mit dem Iran, insbesondere die Invasion in Kuwait, isolierte den Irak in der arabischen Welt. Obwohl die meisten arabischen Länder in Opposition zu US-Militäraktionen gegen den Irak stehen, ist nicht klar, welche Länder zum Irak stehen würden, wenn die USA ihre Angriffe starten.

Militärisch gegen die DPRK vorzugehen, würde die ganze Region beeinträchtigen, darunter die ROK und Japan und sogar China und Russland. Daher haben alle vier Länder darauf gedrängt, die Krise auf friedliche Weise zu lösen, was zweifelsohne die USA veranlasst hat, sich zurückzuhalten. China und Russland und ebenfalls Japan sind vehement gegen wirtschaftliche Sanktionen für die DPRK, ganz zu schweigen was einen militärischen Schlag anbelangt. Wirtschaftssanktionen würden die dahin siechende Wirtschaft der DPRK, die durch Jahre an Naturkatastrophen am Boden liegt, was zu Flüchtlingswellen in die ROK, nach China und Russland geführt hat, weiter verschlechtern.

Iraks Militärstärke befindet sich nicht auf dem gleichen Niveau wie die der DPRK. Nach Sanktionen für mehr als einem Jahrzehnt, ist die Kampffähigkeit des Irak durch seine veralteten Waffen und sein veraltetes Equipment begrenzt. Die Militärstreitkräfte der DPRK sind stärker, ausgerüstet mit fortschrittlichen Waffen, darunter Kurz- und Mittelstreckenraketen. In einem Artikel vom 9. Januar in einer russischen Zeitung hieß es, dass Experten in Privatgesprächen zugaben, dass das Weiße Haus die potentiellen Konsequenzen eines Militärkonflikts bei der Ausarbeitung ihrer Politik, den DPRK-Führer Kim Jong Il zu beruhigen, berücksichtigt hätten. Sobald ein Militärkonflikt ausbrechen würde, würden die 37 000 US-Soldaten auf der Halbinsel wahrscheinlich von den 1 Mio. Mann starken Truppen der DPRK überrannt werden. Darüber hinaus könnte die DPRK Luftschläge gegen die ROK und Japan ausführen, was für die globale Politik und Wirtschaft verheerend wäre. Eine derartige Analyse ist keine Panikmacherei.

Die US-Regierung ist pragmatisch und plant ihre Außenpolitik geschickt, um ihre eigene Interessen voranzubringen. Dies ist der Grund, warum sie verschiedene Maßnahmen gegenüber dem Irak und der DPRK ergriffen hat.