Das Wesen der Vorbeugung

Obwohl die Bush-Administration verkündet hat, dass die Vorbeugung ihre ehemalige Strategie der In-Schachhaltung und Abschreckung ersetzen werde, handelt es sich hier lediglich um alten Wein in neuen Schläuchen.

Von Wang Fan

Die Kontinuität der US-Sicherheitsstrategie ist offensichtlich, auch wenn sie in verschiedenen Gewändern auftaucht. Konzepte der In-Schachhaltung, Abschreckung und des strategischen Gleichgewichts sind beispielsweise seit Jahrzehnten ihre Hauptlinie gewesen. Diese mögen vielleicht nicht austauschbar sein, stehen jedoch in engem Zusammenhang und schließen einander nicht aus.

Die wesentlichen Komponenten der traditionellen US-Sicherheitsstrategie sind In-Schachhaltung und Abschreckung. Ungeachtet der Angelegenheit sind massive Vergeltung oder gegenseitig sichere Zerstörung, flexible Gegenschläge oder eine Allianzstrategie, strategisches Spiel mit dem Feuer oder ein Sturmeinsatz alle eine Widerspiegelung der In-Schachhaltung und Abschreckung. Selbst nachdem die US-Regierung klar verkündet hatte, dass sie nach dem Kalten Krieg die In-Schachhaltung und Abschreckung als eine Strategie aufgegeben habe, hat sie mehr oder weniger damit weiter gemacht.

Die Konnotationen der In-Schachhaltung umfassen eine verkürzte Distanz und direktes Engagement, d.h. durch Engagement andere zu beeinflussen, wie die Befreiungspolitik der Eisenhower-Administration und die spätere friedliche Evolutionspolitik. Die Voraussetzung der Abschreckung ist, ein gewisses Niveau der Konfrontation zu erhalten, um seinen Rivalen die möglichen Konsequenzen, die jegliches Abenteuer bringen könnte, zu zeigen, um so deren Verhalten einzuschränken. Manchmal sind Doppeldeutigkeiten der Abschreckung mit Absicht erzeugt worden, um Rivalen zu zwingen, das mögliche Nachspiel zu berücksichtigen wie dies zum Beispiel in der Taiwan-Politik der USA der Fall ist. Falls Abschreckung den Rivalen nicht effektiv in Schranken halten kann, wird wahrscheinlich ein starkes Konkurrenzgefühl aufkommen, was zu zwei Möglichkeiten führen wird: eine Eskalation der Spannungen oder eine strategische Pattsituation, was schließlich zu einem strategischen Gleichgewicht, das beide Seiten einschränkt, führt.

Die US-Strategie der globalen Einmischung reicht bis zur Truman-Doktrine zurück, die durch die Theorie der In-Schachhaltung gekennzeichnet war. Die Idee der In-Schachhaltung ist neben militärischen Maßnahmen auch auf andere Mittel fokussiert, wie wirtschaftliche, kulturelle und wissenschaftlich-technologische Methoden. Als eine Art Einkesselung ist die In-Schachhaltung auch durch Aggressivität gekennzeichnet. Sie hat ein klares Ziel und geht in drei Stufen vor. Das direkte Ergebnis der In-Schachhaltung ist ein globales von den USA geschaffenes Allianzsystem mit einer guten Anzahl von Militärstützpunkten in Übersee. Die Macht der In-Schachhaltung liegt in ihrer klaren und unmissverständlichen Richtung.

Abschreckung ist das Produkt des Atomzeitalters. Abschreckung, eine Verkörperung von Stärke, wird benutzt, um die Entschlossenheit für und die Wirksamkeit der Vergeltung zu betonen und den Rivalen davor zu warnen, gefährlich vorzugehen. Wenn das mögliche Risiko und die potentiellen Kosten eines gefährlichen Vorgehens akzeptabel sind, wird der Rivale nicht leicht einzuschüchtern sein und sehr wahrscheinlich zurückschlagen. Da die Nukleartechnologie allerdings gewaltigen Fortschritt, sowohl quantitativ als auch qualitativ, gemacht hat, ist die Rolle der Abschreckung zunehmend offenkundig, da keine der beiden Parteien die Kosten einer gegenseitig sicheren Zerstörung zahlen kann. Daraus folgend ist das sogenannte Angst „einflößende“ strategische Gleichgewicht aufgetaucht. Abschreckung führt zu Gleichgewicht und ein atomares Gleichgewicht ist eine starke Abschreckung von jeglicher Dreistigkeit.

Aufgrund ihrer schrecklichen potentiellen Zerstörung scheint Abschreckung effektiver als In-Schachhaltung zu sein, die eher eine stufenweise Herangehensweise im Fokus hat. Auch wenn ihre Wirksamkeit kurzfristig gesehen begrenzt ist, zeigt die In-Schachhaltung mehr Vitalität, da sie darauf abzielt, den Feind in einen „Freund“ zu verwandeln, anstatt ihn zu vernichten. Die zerstörerische Kraft der Abschreckung kann geschwächt oder ausgesetzt werden, wenn beide Parteien ein Gleichgewicht erreicht haben. Unter allgemeinen Umständen zielt die Abschreckung auf den Erhalt eines Gleichgewichts ab, auf nichts anderes. Daher gewinnt die In-Schachhaltung mit ihrem feinen Einfluss die Oberhand. Mit der Betonung auf Konfrontation und Patt macht die Abschreckung den Rivalen nervös und unbehaglich. Durch die Verkleinerung der Distanz hält die In-Schachhaltung unauffällig die Einflusssphäre des Rivalen zurück. Der nicht-greifbare Einfluss der In-Schachhaltung ist kurz nach dem Engagement in die Tat umgesetzt worden.

Dennoch stehen Abschreckung und In-Schachhaltung nicht in vollständiger Opposition zueinander. Die In-Schachhaltung verwirklicht die Abschreckung, da sie eine Grenze zwischen Feinden und Freunden festgelegt und eine Linie im Sand gezogen hat. Die Abschreckung versteckt sich hinter der In-Schachhaltung und unterstützt diese. Wenn sich die In-Schachhaltung als vergebens entpuppen sollte, wird die Abschreckung hervortreten. In gewissem Sinn spielt die In-Schachhaltung ihre Rolle nur durch die Abhängigkeit von der unsichtbaren Abschreckung. Wenn die Abschreckung sich jedoch auch als nutzlos herausstellen sollte, wird der Gewalteinsatz die letzte Zuflucht sein. In den meisten Fällen folgten die USA einer derartigen Abfolge, wenn sie mit regionalen sowie mit internationalen Angelegenheiten umgingen.

Als Schild und Sperr funktionierend sind die In-Schachhaltung und Abschreckung untrennbare Teile der US-Sicherheitsstrategie gewesen. Manchmal ergänzen sich die beiden Maßnahmen und kombinieren sich. Die Abschreckung kann in einen Teil der In-Schachhaltung transformiert werden, während die In-Schachhaltung an sich eine Art von Abschreckung ist.

Niemand erwartet, dass Abschreckung mit Gleichgewicht verbunden werden würde, da dies ihre Wirksamkeit in großem Ausmaß verwässern würde. Abschreckung wird nur wirksam, wenn eine Partei sich in einer überlegenen Position befindet. Folglich wirbelt sie stets um das Gleichgewicht herum. Aus diesem Grund steigert und intensiviert die Abschreckung allmählich den Wettbewerb.

Die In-Schachhaltung entwickelte sich rapide im Schatten des atomaren Wettrüstens. Ein Raketenschutzschirm war anfangs aus Überlegungen der Heimatsicherheit gebaut worden, allmählich breitete er sich jedoch über die territorialen Grenzen hinaus aus und zielte darauf ab, alle Alliierten abzudecken. Aus militärischer Perspektive hat die In-Schachhaltung gesiegt, politisch gesprochen scheint die Welt wieder geteilt zu sein. Seit sie unter dem Vorwand des Anti-Terrorismus dem strategischen Einsatz zugefügt wurde, weiß niemand mehr, ob eine neue Runde der In-Schachhaltung begonnen hat oder nicht.

Das Konzept der Vorbeugung ist nichts Neues. Auch wenn es zum ersten Mal als Teil der US-Sicherheitsstrategie genannt wurde, besteht kein Grund zur Panik. Präventive Vorgehensweisen, so die Bush-Administration, würden ihre ehemalige Strategie der In-Schachhaltung und Abschreckung ersetzen; es handelt sich lediglich um alten Wein in neuen Schläuchen. In der Tat handelt es sich um einen Typ der Abschreckung, auch wenn dieser in gewissem Grad aus Berücksichtigung der neuen Bedrohung vonseiten des Terrorismus vorgebracht worden ist.

Die Präventivpolitik ist in der Tat das Ergebnis des zerstörten Gleichgewichts, einer Asymmetrie der beiden Parteien, was man aus zwei verschiedenen Blickwinkeln verstehen kann: Terroristische Kräfte können sich nicht mit den US-Militärkräften messen;  auf der einen Seite macht die verdeckte, abrupte und unvorhersehbare Natur der Terrorangriffe, kombiniert mit ihrem großen Zerstörungspotential, es unmöglich, dass gegen sie mit konventionellen Militärmaßnahmen vorgegangen wird. Aufgrund ihrer Flexibilität haben Terroristenorganisationen zu einem gewissen Grad Vorteile und können die Initiative ergreifen, was den USA Kopfzerbrechen bereitet. Um die Wirksamkeit und das Gleichgewicht der Abschreckung zu erhalten, brachten die USA ihre neue Präventivstrategie auf den Tisch. Auch wenn Washington die atomare Schwelle gesenkt hat, fügte es einige zusätzliche Bedingungen hinzu, eindeutige und mehrdeutige, für den Fall von möglichen Risiken. Alles in allem ist das Wesen der Präventivpolitik abzuschrecken.

Die US-Anti-Terror-Kampagne kann lange andauern, ihre Basisstrategie ist allerdings kurzfristiger Natur. Der Terrorismus ist nicht mächtig genug, die US-Hegemonie zu unterminieren. Historisch gesehen ist es meistens so gewesen, dass, sobald die USA den Sieg errungen haben, die In-Schachhaltung und Abschreckung wieder als Kern ihrer Sicherheitsstrategie aufgetaucht sind. Allerdings weiß niemand, mit welch neuen Formulierungen die US-Politiker dann aufwarten werden.